Total gesund

Selftracking Fitnessarmbänder sind voll im Trend, sie sammeln Daten über Bewegung, Schlaf und Stress. Langsam formiert sich der Protest
Ulrike Baureithel | Ausgabe 11/2015 5

Es wäre mir vielleicht gar nicht aufgefallen. Dieses eigenartige Klopfen aufs Armgelenk. Denn das schmale schwarze Armband ähnelt einer Uhr und fällt nicht weiter auf. Doch dann kamen wir am Rande einer Tagung ins Gespräch über so genannte Wearables – und siehe da: Schon wieder einer, der einen Selbstversuch mit dem gesundheitspädagogischen Erweckungsgerät am Arm unternimmt. Sie heißen Jawbone oder Fitbit, Smart- oder Googlewatch, und demnächst will auch Apple eine Watch mit revolutionären Funktionen auf den Markt bringen.

Der Mann ist Mitgründer des datenschutzkritischen Vereins Digitalcourage und Künstler, er tritt in der Öffentlichkeit nur unter dem Pseudonym „padeluun“ auf. Er ist jetzt auch so ein Junkie, der täglich misst, wie viele Schritte er gemacht und wie lange er sich nicht bewegt hat, und der sich daran erinnern lässt, ein Glas Wasser zu trinken. 130 Euro hat er für den Kleincomputer bezahlt, der mit seinem Smartphone gekoppelt ist und die Daten über eine App auswertet. Besonders zufrieden ist padeluun mit der App nicht: Er kann mit der Handykamera zwar seinen Puls messen, aber schon beim Blutdruck muss er auf herkömmliche Verfahren zurückgreifen und die Daten in den Computer einspeisen. Die dort aufgezeichnete Kurve zeigt gelegentlich beunruhigende Ausschläge an.

Die kleinen Armbänder, die das Sport- und Ernährungsverhalten aufzeichnen, um den Gesundheitsstatus zu kontrollieren, sind hip. Selftracking nennt sich die Selbstvermessung im Fachjargon. Weltweit nutzen 19 Millionen Menschen diese Wearables, die Branche geht in den kommenden Jahren von einem Zuwachs von bis zu 70 Millionen Geräten weltweit aus. Wurden 2013 knapp drei Milliarden Euro damit umgesetzt, wird 2018 mit über neun Milliarden Euro gerechnet – ein Zukunftsmarkt, den die Konzerngiganten unter sich aufteilen wollen. Google hat kürzlich angekündigt, beim Fitnessmessgeräte-Hersteller Jawbone einsteigen zu wollen.

Aber ist es nicht eine gute Sache, sich auf spielerische Weise um seine Gesundheit zu kümmern, seine Werte über soziale Netzwerke mit anderen zu teilen, sie zu motivieren, früher schlafen zu gehen, kleine Joggingwettkämpfe auszutragen und auf gesunde Ernährung zu achten? Unter Präventionsgesichtspunkten, sagt Kai Behrens vom AOK-Bundesverband, sei das für die Krankenkassen tatsächlich ein interessantes Feld. „Vor allem bei Männern funktioniert die Kombination von Spiel und Technik, von Aufforderung und Überbietung ganz gut.“ Auch Ärzte versprechen sich von der kleinen Patientenakte am Handgelenk ergänzende Hilfe bei der Diagnosestellung.

Wer sich allerdings auf den Wettkampf um Kilometer und Kalorien einlässt, muss sich erst einmal durch einen undurchdringlichen Dschungel an Apps wursteln. Derzeit gibt es zwischen 42.000 und 97.000 Anwendungen mit Gesundheitsbezug, so eine Studie der Medizinischen Hochschule Hannover, monatlich kommen ungefähr 1.000 hinzu. Wer soll diese Angebotsflut überblicken oder gar prüfen?

Grundsätzlich sind Gesundheits-Apps, die über die körperliche Fitness Auskunft geben und Vorschläge zur Lebensführung machen, zu unterscheiden von sogenannten Medical Apps, die Körperzustände messen, Medikamente dosieren und Patientendaten sammeln. Letztere fallen unter das Medizinproduktegesetz und sind einer viel strengeren Kontrolle unterworfen als die Gesundheits-Apps. Um eine seriöse und teure Zertifizierung zu umgehen, beschränkt sich die Branche besonders auf Letztere. Die Autoren der Studie haben deshalb eine Checkliste für Health Apps erarbeitet. Damit sollen Verbraucher überprüfen können, wie sicher und wirksam die Anwendungen sind.

Lifestyle und Business

Auch padeluun treibt das Thema Sicherheit um. Denn viele Dienstleister von Gesundheits-Apps sitzen in den USA und sammeln dort weitgehend unkontrolliert Daten. „Meine App“, sagt er, „teilt mir nicht mit, wer an meine Daten herankommt, weil ganz viele Apps auf einer Cloud abgespeichert werden und schon unterwegs abgegriffen werden können. Ich habe da keinerlei Eingriffsmöglichkeiten.“

Und der Datenhunger von Google, Apple oder Samsung ist enorm. An Datenmangel scheiterte 2008 nämlich schon das Projekt Google Health. Wenn sich nun aber immer mehr Menschen dafür entscheiden, ihre Gesundheitsdaten frei im Netz flottieren zu lassen, steht deren Nutzung, sei es im Lifestylebereich oder auf dem harten medizinischen Markt, den Apple besetzen möchte, zumindest in den USA nur noch wenig entgegen.

In Europa ist an medizinische Daten schwerer heranzukommen, sie stehen unter besonderem Schutz. Aber die hohen Sicherheitsstrukturen, so padeluun, seien trügerisch, wie der eben aufgedeckte Simkartenskandal beweist. „Am sichersten sind Daten auf Papier oder in kleinen vernetzten IT-Einheiten.“ Das vom Gesundheitsministerium geplante E-Health-Gesetz sei unter diesem Aspekt genau unter die Lupe zu nehmen. „Die IT-Industrie versucht, immer mehr Gelder aus dem Gesundheitssystem in ihre Kanäle zu leiten, das führt auf längere Sicht zur Zerstörung der solidarischen Gesundheitsstrukturen.“

Die private Versicherungswirtschaft hat das Geschäft mit den Gesundheitsdaten vom Armband inzwischen ebenfalls für sich entdeckt. Dass derjenige, der sich viel bewegt, einen Ernährungskurs absolviert oder zur Rückenschule geht, belohnt wird, kennen wir bereits von den Bonusprogrammen der Gesetzlichen Krankenversicherungen. Doch auf die unmittelbare Nutzung von Gesundheits-Apps ist in Europa als erstes die in Generali-Versicherung verfallen: Ein besonders günstiger „Vitality“-Tarif sollen Versicherte davon überzeugen, die Daten, die sie tagtäglich mit ihrem Wearable sammeln, nicht nur mit Freunden zu teilen sondern auch an die Versicherung zu übermitteln. Die AXA-Versicherung hat mit Samsung bereits eine Kooperation vereinbart, die Allianz denkt über ähnliche Modelle nach.

Dieser Vorstoß hat bei Daten- und Verbraucherschützern massiven Protest provoziert. Einmal davon abgesehen, dass Versicherungen überhaupt Probleme hätten, die übermittelten Daten zu überprüfen, könnte das Modell auf längere Sicht dazu führen, dass Versicherte gezwungen werden, entweder am Datenaustausch teilzunehmen oder schlechtere Tarife in Kauf zu nehmen. Selbst wenn es sich um eine rein freiwillige Aktion ohne Koppelung an Tarife handeln würde, sieht der Kieler Datenschutzbeauftragte Thilo Weichert ein großes Problem. Die Versicherungen würden die Daten sammeln und könnten ungesundes Verhalten, wie zum Beispiel zu wenig Bewegung, sanktionieren. „Damit wirken sie normativ“, erklärt er. „Wer nicht in der Lage ist, bestimmte Gesundheitsanforderungen zu erfüllen, wird mit derartigen Angeboten diskriminiert. Das ist nicht akzeptabel.“ Die Verbraucherschützerin Ilona Köster-Steinebach sieht darin sogar „etwas Totalitäres“. Denn das Ziel, ein gesundes Leben zu führen, diene dann nicht mehr in erster Linie der Gesundheit. Im Mittelpunkt stehe vielmehr das Ziel, Kosten für die Gesellschaft zu vermeiden.

Wenn sich Prämien außerdem immer mehr am Gesundheitsverhalten orientieren, gibt Weichert zu bedenken, steht auch der Solidargedanken in der Krankenversicherung zur Disposition. Das sagt auch Kai Behrens. Zwar förderten einige Krankenkassen, darunter auch die AOK, die Prävention mittels Gesundheits-Apps. Allerdings gebe es hier klare Grenzen. So lehnt die AOK den Austausch von Gesundheitsdaten gegen Rabatte ab: „Es gibt im Rahmen der solidarischen Krankenversicherung keine Gesundheitsprüfung und auch keinen Malus für ein nicht gesundheitsaktives Leben.“ Unterdessen spielt padeluun wieder an seinem Armband herum. Tatsächlich habe das Ding bei ihm eine gewisse Verhaltensänderung bewirkt, er fühle sich mittlerweile noch stärker an sein Mobiltelefon, das er „Taschencomputer!“ nennt, angebunden. Er trinke bewusster, und wäre die App auf seinem Smartphone in der Lage, ihm mitzuteilen, dass sein Blutdruck gerade auf 220 steigt, würde er sich schon Gedanken machen. Diese ständige, technisch gestützte Selbstbeobachtung kann aber auch dazu führen, dass man das eigene subjektiv empfundene Körpergefühl gar nicht mehr wahrnimmt und einem die eigene Befindlichkeit nur noch als eine Zusammensetzung von Daten entgegentritt. In der Psychiatrie werden Wearables inzwischen eingesetzt, um den „objektiven“ Zustand von Patienten einschätzen zu können. Deren Selbstaussagen treten dann in Konkurrenz zu den erhobenen Daten.

Speck und Mäuse

Perspektivisch könnten Gesundheits-Apps sogar vor Gericht beweiskräftig werden. In Kanada versucht eine Trainerin, die einen Unfall erlitten hat und Schadensersatz für ihre eingeschränkte Bewegungsfähigkeit fordert, mittels eines Aktivitätstrackers derzeit den Grad ihrer Einschränkung zu belegen. Die Anwälte sind zuversichtlich, dass die Richter die Langzeitauswertung über das Fitbit-Armband zulassen werden.

Im Lifestylebereich sind Wearables ohnehin auf einem scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug. Es gibt Schals, in die ein Kopfhörer eingearbeitet ist, Hüte, die Richtungsänderungen melden oder Handschuhe, die Taubblinden erlauben, Texte zu formulieren und zu verstehen. Und die Industrie weiß solche Spielereien zu nutzen. padellun erzählt von einem Siemens-Vertreter, der kleine Technikspielzeuge mit den Worten „mit Speck fängt man Mäuse“ austeilte. Sie senken die Hemmschwelle im Umgang mit Daten und stellen Akzeptanz her für digitale Großprojekte wie die elektronische Gesundheitskarte. Kritisch, sagt er, werde es da, wo finanzielle Vorteile damit verbunden seien oder faktischer Zwang ausgeübt werde: „Wenn jemand mit einem solchen Spielzeug arbeiten will, warum nicht, aber es darf nicht dazu führen, dass seine Nichtnutzung ökonomisch und gesellschaftlich nachteilig wirkt.“

Sagt es und zieht seinen Taschencomputer heraus. Technik mache nämlich Spaß, hatte er kurz zuvor versichert, mit ihr werde Philosophie und Mathematik zur Lebensqualität.

06:00 22.04.2015
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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