Trinken wie ein Mann

Notausgang A. L. Kennedy glänzt in ihrem bemerkenswerten Roman "Paradies" über eine Alkoholikerin mit weltliterarischen Qualitäten

Intelligenz säuft, sagt der Volksmund, weshalb der Alkohol auch zu einem veritablen Thema der Weltliteratur geworden ist: Schon die Bibel berichtet von einem beschwipsten, spendierfreudigen König, der Esther die Hälfte des Königreiches verspricht. Der im Kino kürzlich wieder entdeckte Charles Bukowski wusste das Trinkritual ebenso zu besingen wie Ernest Hemingway. In Tennessee Williams Klassiker Die Katze auf dem heißen Blechdach spielt die Flasche gar die heimliche Hauptrolle, Jack London und Upton Sinclair folgten den Alkoholspuren bis nach Alaska und in den amerikanischen Süden, und hierzulande suchten Hans Fallada oder Joseph Roth die Wahrheit im Rausch.

Auffällig ist indes, dass fast ausschließlich Männer das Thema in den Kanon der Weltliteratur eingeschrieben haben, als ob der Schnaps außerhalb des weiblichen Erfahrungshorizonts läge und er sich deshalb der weiblichen Feder verweigere. Das stimmt, wie wir wissen, nur zum Teil: Zwar gibt es signifikant weniger alkoholkranke Frauen als Männer, aber Beispiele trinkfester Schriftstellerinnen - Joseph Roth beispielsweise schätzte seine Kollegin Irmgard Keun als ebenbürtigen Saufkumpel - gibt es zuhauf. Ein Grund für diese Zurückhaltung könnte darin liegen, dass Frauen eher heimlich trinken und weniger auffallen, während Männer und Alkohol immer schon den öffentlichen Raum besetzten.

Alison Louise Kennedy - gewöhnlich hinter den androgynen Initialen A.L. versteckt - hat gegen die Saufbrüder nun eine Frau ins Rennen geschickt, mit der ausdrücklichen Anweisung, "wie ein Mann" zu trinken. Hannah Luckraft, unverheiratet und auf die 40 gehend, kann es mit den Männern im Pub, wo sie eine bekannte Erscheinung ist, aufnehmen. Sie trinkt in Gesellschaft, weil sie auf diese Weise "nicht allein" ist und einsam stirbt. Wenn sie zu viel getrunken hat, tut sie gelegentlich, "was sie nüchtern nicht getan hätte", zum Beispiel an einem Morgen in einem drittklassigen britischen Hotel mit einem unsympathischen "Fusselkopf" aufzuwachen und festzustellen, mit diesem Kerl mehr als nur die Bettdecke geteilt zu haben. Für Hannah ist das Trinken zum Lebensinhalt geworden: Ihr Denken kreist um die Flasche, in ihr sucht sie das "Paradies", das titelgebend ist für dieses siebte und zweifellos spektakulärste auf Deutsch erschienene Buch der schottischen Autorin, die vor einigen Monaten in der Berliner Akademie der Künste das Publikum begeisterte.

Ob diese Hannah Luckraft tatsächlich ohne ersichtlichen Grund trinkt, wie Sigrid Löffler bei dieser Gelegenheit erstaunt feststellte - als ob gerade Frauen zumindest einen sozial akzeptablen Anlass fürs Saufen vorweisen müssten - sei einmal dahin gestellt. Zwar teilen mit Hannah alle Menschen das natale Trauma, doch liefert die Autorin hie und da zarte Hinweise, weshalb dieses in behüteter Umgebung aufgewachsene Mädchen schon in der Schule zum soften Cider greift und sich ihrer Umgebung nur im schützenden Nebel leichter Berauschung stellt. Die Mutter, das nie zu erreichende Vorbild, der Vater, der den Beruf als Strafverteidiger quittiert, zu gut für diese Welt und mit einem kranken Herz ausgestattet; der kleine Bruder Simon, der früh den Weg des Erfolgs geht - fleischgewordene Anklage, wenn er Hannah wieder einmal durch ärztlichen Beistand rettet; die bigotte schottische Provinzstadt, in der calvinistische Lustfeindlichkeit regiert (eine böse Reminiszenz an Kennedys Heimatstadt Dundee, dem, wie sie behauptet, "schrecklichsten Ort der Welt") - all dies löst in der jungen Frau einen unstillbaren Durst aus, der sie lebenslang begleiten wird.

"Mit dem Herzen" bekommt es auch Hannah zu tun, als sie auf einem Familienfest Robert Gardener kennenlernt. Sie erkennen sich am "Notausgangslächeln, entschuldigend, unberührbar und zärtlich erleuchtet". Robert ist wie Hannah Alkoholiker - aus vordergründig nachvollziehbareren Gründen als sie, aber mit der gleichen Neigung, nur in der Gegenwart zu leben, besorgt um die Vorräte, den nächsten Drink. Eine Gegenwart, in der es nur darum geht, sich zusammenzusetzen, "ganz zu werden", "total vereinfacht, destilliert" und "reingewaschen", wie Hannah eingangs erklärt. Zwischen Robert und Hannah entspinnt sich eine spannungsreiche Liebesgeschichte: Sie sind nicht nur "Spiegeltrinker", die immer ein gewisses Quantum brauchen, um überhaupt zu funktionieren, sondern auch gegenseitiger Spiegel ihres Abstiegs: Als Zahnarzt, der es nicht ertragen kann, Nerven zu ziehen, und Hannah lange verschweigt, dass er verheiratet ist, versagt Robert nicht nur im Beruf; Hannah ihrerseits verliert ihren ohnehin miesen Job als Pappkartonverkäuferin. Ohne nennenswerte Qualifikation ist sie den Konjunkturen des Marktes wehrlos ausgesetzt. Aus Angst vor Verantwortung provoziert sie einen Unfall, gerät in finanzielle Bedrängnis, beginnt mit Diebereien, um den "Stoff" zu bezahlen. Immer wieder landet sie nach einem Zusammenbruch in der elterlichen Obhut, in eben der Umgebung, der sie hatte entfliehen wollen: Sie "ist Gottes Schuld, er wollte es".

Die Trinkerkarrieren von Robert und Hannah lesen sich wie aus einem Lehrbuch über Alkoholkrankheit: die Selbstlügen, die Tarnkäufe und Ersatzstoffe (Hustensaft!), mit denen die Sucht verheimlicht werden sollen; das teuflische Leber-Enzym, das Hannah erlaubt, noch hoch alkoholisiert Auto zu fahren; die körperlichen Ausfallerscheinungen, Hannahs abgestorbener Zeh, der zugeschwollene Rachen. Die Entzugsversuche in Kanada und das anschließende Scheitern: Nach "acht Tagen Nüchternheit" kostet Hannah wieder das "unverdünnte Aroma des Paradieses". Schließlich die sich steigernden Delirien, die Totalzusammenbrüche und die Todessehnsucht.

Derlei ist, wie gesagt, in der Literatur schon sattsam beschrieben worden; nie jedoch mit der sprachlichen Intensität Kennedys. Das mit der Flasche verbundene Erlösungsversprechen wird zum immer wieder aufgerufenen Bild: Bushmills Black Label spricht zu Hannah, "klug, scharf und männlich", ist "Melodie, innen und außen". Die nach eigener Aussage "alkoholallergische" Kennedy zelebriert Hannahs Trinkrituale, ihren Stolz für die "richtige Zusammenstellung", sie folgt ihr in die verschobene Wahrnehmung, die Angstphantasien, die sexuellen Enthemmungen und in das Delirium, das "schwarze Haus". Mit ihm verschieben sich auch Sprache und Bilder: In dem Maße, wie Hannah und Robert sich mit ihren Drinks "in die richtige Dimension" rücken, entrückt die Erzählung ins Surreale. Am Ende sind Hannahs Alkoholwahn und die Realität nur noch satztechnisch unterscheidbar.

Konterkariert wird dieser gleißende, dünnhäutige, fiebrig gesteigerte Erlebnisbericht durch Kennedys unnachahmlich sarkastischen Kommentarstil, der Labours Arbeitsmarktpolitik ebenso aufs Korn nimmt wie das britische Irak-Abenteuer - wobei die Publizistin - nicht immer zum Vorteil - die brillante Schriftstellerin dominiert. Auf Distanz zu sich selbst geht aber auch die Protagonistin, Hannah, wenn sie in der zweiten Person Singular die Leserschaft komplizenhaft mit einbezieht oder etwa die Therapiesitzungen beim Entzug persifliert.

Dass die eine oder andere Erzählkonstruktion etwas gewagt und unglaubwürdig erscheinen mag - so das quasi "vom Himmel fallende" Ticket, das Hannah zum zweiten Mal in die kanadische Entziehungsklinik bringt -, ist angesichts der (von Ingo Herzke übrigens bemerkenswert übertragenen) Sprachakrobatik und des erzählerischen Könnens verzeihlich. Geschickt setzt Kennedy etwa den Rollentausch ein, um ihre Hauptfigur zu exponieren: Robert Gardener übernimmt im Roman eindeutig den schwächeren, wehleidigen und geständnisbereiten Part, während Hannah den im religiösen Kontext kultivierten Geständniszwang konsequent unterdrückt. Allein die Leserschaft wird zum Zeugen ihres Wahns aufgerufen, und selbst ihr enthält Hannah manches vor, vieles bleibt rätselhaft, unausgesprochen. Dass der Weg durch die Vorhölle - programmatisch sind die zahlreichen biblischen Anleihen - dabei auch vom Lob des Suffs begleitet wird und gelegentlich der Eindruck entsteht, dass im Drink doch etwas von der "reinen" Wahrheit und Freiheit zu finden sei, ist der Preis dieses Rollenwechsels: In dieser Hinsicht scheinen die literarischen Vorbilder die Autorin dann doch wieder einzuholen.

A. L. Kennedy: Paradies. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Wagenbach, Berlin 2005, 359 S., 22,50 EUR


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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 12.05.2006
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 40/2020

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