Und jetzt?

Porträt Helke Sander brach Tabus: als Regisseurin, Feministin und Mutter. Nun ist sie 75 geworden und provoziert wieder – mit einem Buch über Liebe im Alter

An die jungen Frauen, die die Erregungen ihres Schoßes zum Dauerthema erheben, haben wir uns gewöhnt. Sie haben ein gutes Gespür für den Markt und fühlen sich beim Wühlen im Schleim auch noch als Tabubrecherinnen. Von älteren Damen erwartet man dann lediglich den echauffierten Kommentar zu solchen Ergüssen; dass sie sich noch einmal einmischen in den Verkehr zwischen den Geschlechtern, hat Seltenheitswert.

Als ich Helke Sander vor fünf Jahren zum letzten Mal getroffen habe, war Sex im Alter noch kaum ein öffentlich verhandeltes Thema. Mittlerweile ist Wolke 9 über die Leinwand gezogen, aber selbst dort ist die weibliche Hauptfigur zehn Jahre jünger als ihr invalider Partner. Das umgekehrte Modell, die gebrechliche Frau mit einem jüngeren virilen Mann sucht man noch vergeblich im deutschen Kino. Die einmal begehrten, nun aber älter werdenden Frauen denken vielmehr darüber nach, ob das immer so weitergehen soll mit dem Sex – oder ob wir nicht so selbstbewusst sein sollten, uns nach der Entdeckung der Lust wieder von ihr zu verabschieden.

Diese Frage stellt Sander in ihrem vor Kurzem erschienenen kleinen Erzählband über das Älterwerden. Der letzte Geschlechtsverkehr wird beiläufig erlebt, heißt es darin, oft weiß frau gar nicht, "dass es der Letzte war und dass sich ein Abschied vollzieht". Mangelte es während der sexuellen Revolution an Vorbildern für die weibliche Lust, fahnden die damaligen Powerfrauen nun vergeblich nach lebbaren Modellen für den neuen Lebensabschnitt: Umstellt von der in Zeitschriften oder Therapiegruppen formulierten Aufforderung, bis zum letzten Atemzug sexuell aktiv zu bleiben, fällt es schwer, den Abschied vom Sex offensiv zu propagieren.

Sander hat sich für ein Treffen die Akademie der Künste in Berlin gewünscht. Nicht im repräsentativen Neubau am Pariser Platz, wo sie 2007 mit vielen Wegbegleiterinnen und Nachgeborenen ihren 70. Geburtstag gefeiert hat, sondern in dem alten, heimeligeren Gebäude am Hanseatenweg. Sie mag das im Zwielicht des Tiergartens dahindämmernde Foyer und den großen Vortragssaal, in dem sich 1965 das aufrührerische intellektuelle Berlin traf. "Wir schauten uns die neuen Filme aus dem Ausland an und diskutierten über ein neues Kino." Aus den Meetings ging später das Avantgarde-Kino Arsenal hervor – und die Studentenbewegung.

"Ich war eine von nur drei Frauen in der neu etablierten Mediensektion", erzählt Sanders, ihre Akademie-Mitgliedschaft blieb allerdings Episode. An die Umstände ihres Austritts, behauptet sie, könne sie sich kaum erinnern, obwohl sie natürlich stolz war, überhaupt gefragt worden zu sein. "Es ist mir einfach nicht gelungen, da neue Frauen reinzubringen. Und diese drögen Sitzungen! Unterhaltungen mit Freundinnen am Küchentisch waren spannender", erklärt sie. "Genossen, eure Veranstaltungen sind unerträglich!", hatte schon die junge Frau ihren aufgeplusterten Kombattanten 1967 auf dem berühmten SDS-Kongress in Frankfurt zugerufen. Als die Herren Studentenführer darüber nicht diskutieren wollten, hagelte es Tomaten. Sanders empörter Zwischenruf ging fortan als "Tomatenrede" in die Annalen ein.

Gelebtes Leben

Wie eine Frau von 75 Jahren wirkt die Regisseurin und Autorin nicht, sondern chic und sehr lebendig. Womöglich gilt für sie und diese Generation der Frauenbewegten, was die amerikanische Schriftstellerin Marilyn French einmal einer ihrer Protagonistinnen ins Stammbuch schrieb: Man sah ihr die Jahre an, das gelebte Leben, aber sie wirkte nicht wie eine ältere Frau.

Dabei gehörte Sander, die Mitte der sechziger Jahre nach Berlin kam, schon während der Studentenbewegung zu den Älteren – und war lebenserfahrener. Da hatte sie gerade ihren Ehemann in Finnland zurückgelassen, ein bisschen Schauspielunterricht genommen, ein paar Semester Germanistik und Psychologie studiert und einige Jahre Regieerfahrung gesammelt. Sie kam mit einem kleinen Sohn und der Ahnung, dass ihr ursprünglicher Plan, ein Theater zu gründen, für eine Frau in Deutschland nicht umsetzbar sei. Sander schlug sich durch, schrieb sich an der gerade eröffneten Deutschen Film- und Fernsehakademie ein. Zu ihren Kommilitonen gehören unter anderen die späteren RAF-Mitglieder Holger Meins und Jan-Carl Raspe.

Es gibt diese Szene aus einem ihrer ersten Filme Die allseits reduzierte Persönlichkeit – Redupers von 1977. Da steht Edda mit ihren Fotografenkollegen auf der Brücke und schießt Bilder von der letzten Dampflock, die Berlin via Hamburg verlässt. Die alten Verhältnisse verabschieden sich. Neue sind noch nicht in Sicht. Edda bleibt zurück, mit einem zerstückelten Leben in einer zerrissenen Stadt.

Helke Sander gehört zur letzten Frauengeneration, die noch selbstverständlich schwanger wurde und früh Kinder bekam. Ihr Sohn Silvo wurde 1959 geboren, da war sie Anfang 20. "Eigentlich wollte ich sechs Kinder haben. Ich wollte aber auch Schauspielerin werden und sah nicht ein, warum ich als Mutter verheiratet sein sollte." Damit macht sie sich unbeliebt, nicht nur bei ihren bürgerlichen Eltern. Für eine junge Frau mit Kind und künstlerischen Ambitionen gab es damals noch keinen Raum.

Kleinbürgerliche Avantgarde

Was im Rückblick auf die Bewegungen als gewollt erscheint, war zunächst aus der Not geboren. Die Wohnprojekte beispielsweise und die Kinderläden. Anfangs lebte Helke Sander mit ihrem Bruder, dessen Familie und zwei Untermietern zusammen. Später zog sie mit einem Mitstudenten in eine große Wohnung.

Das kollektive Wohnprojekt entlastete die Mütter jedoch nicht von der Verantwortung für die Kinder. "Wir haben überlegt, was wir tun könnten, um mehr Zeit zu haben. Wir trommelten die jungen Mütter zusammen, um uns mit der Kinderbetreuung abzuwechseln. Die SDS-Männer haben wir erst gar nicht eingeladen, weil die sich um so was nicht kümmerten." Es war der Beginn der Kinderladenbewegung, der später die Schülerläden folgten. Den Männern war dieser Alleingang suspekt. Heute werden die Kinderläden wie so vieles andere der Studentenbewegung zugeschlagen. "Wir waren gefühlsmäßig alle irgendwie links, hatten aber wenig Ahnung von Theorie. Und wir hatten wenig Zeit. Vietnam brachte uns darauf, dass auch einfache Leute sich wehren und wir versuchen könnten, etwas für uns konkret zu verändern."

Das Erlebte war für Helke Sander oft Vorlage für ihre Filme. In Der subjektive Faktor (1980/81) hat sie zum Beispiel das "konkrete" Wohnexperiment Dernburgstraße festgehalten. Ihr halbwüchsiger Sohn Silvo lernte in dieser Zeit nicht nur, mit vielen verschiedenen Menschen umzugehen, sondern auch fremdes Eigentum zu "sozialisieren", also zu klauen. Als die Militanten dann begannen, Sprengstoff und Waffen in der „sicheren“ WG zu deponieren, kamen Sander Zweifel. Es war ihr Mitbewohner Jan-Carl Raspe gewesen, der das gleichberechtigte Miteinander vorantrieb und sich um Silvos Integration bemühte. "Als er dann schon halb in der Illegalität war, kam er eines Tages bei uns vorbei und holte seine Bratpfanne ab. Seine Bratpfanne!" Noch heute klingt Sander betroffen, wenn sie vom kleinbürgerlichen Kern dieser "Avantgarde" redet.

Als Filmfrau fühlt sie sich ihr zugehörig und gleichzeitig von ihr abgestoßen. Wie in der Politik spielten auch in der Kunst Frauen kaum eine Rolle: "Überall ging es um männliche Protagonisten. Die eigenen Perspektiven der Frauenfiguren fehlten."

In den sechziger und frühen siebziger Jahren gab es weder Filmförderung noch Produzentinnen, die das Risiko, die eigenen Widersprüche und Unsicherheiten in Szene zu setzen, aufgefangen hätten. Sanders Film Rote Tage (1972) etwa, der von der Kulturgeschichte der Menstruation handelt, wurde – wie viele andere der aufstrebenden Filmemacherinnen – abgelehnt. Die Fernsehredaktionen waren nicht nur angeekelt, sondern empfanden den Titel als geradezu blasphemisch. Noch heute muss Sander darüber lachen.

Zwanzig Jahre später stellte sie Befreier und Befreite vor und rührte wieder an einem Tabu. Es ging um die Massenvergewaltigungen in den letzten Kriegsmonaten und der unmittelbaren Nachkriegszeit. "Es gab da in unserem Haus diese Frau, Typus Blockwart, die uns das Leben schwer machte. Als ich erfuhr, dass auch sie vergewaltigt worden war, dachte ich 'geschieht ihr recht!'" Man spürt ihre Scham, wenn sie davon spricht. Während sie eine Brücke zu dieser Generation hatte schlagen wollen, musste sie sich mit absurden Vorwürfen auseinandersetzen: Revanchismus, Totalitarismus, Aufrechnung von Schuld. "Absurd!", weist sie das noch heute von sich. Es ist ihr einziger Film, in dem sich männliche Täter und weibliche Opfer gegenüberstehen.

Im Geschlechterkampf der siebziger Jahre entwickelte sich der Täter-Opfer-Dualismus zum Zerrbild, der den Feminismus insgesamt in Verruf brachte. "Durchgesetzt hat sich am Ende der Feminismus à la Schwarzer. Ich will deren Verdienste nicht mindern, aber der Frauenaufbruch, den ich erlebt habe, war viel heterogener. Diejenigen, die später die Deutungshoheit beanspruchten, lebten in einer männerähnlichen Situation: Sie hatten keine Kinder. Und was wir mal differenziert gedacht hatten, wurde simplifiziert."

Wenn Helke Sander auf diese Frage kommt, spürt man verhaltene Wut, gemischt mit Resignation. Sie hatte das Richtige gewollt und sich damit nicht durchsetzen können, es ist eine Wunde geblieben. "Wir hatten damals die ganze Welt im Blick. Es gab da diesen Slogan 'Ohne Sozialismus keinen Feminismus und ohne Feminismus keinen Sozialismus'."

Heute wandeln sich die Lebensverhältnisse rasend schnell. Frauen und Männer sind mobil, leben in Patchwork-Familien und sollen ihren Kindern Halt geben. Anders als früher werde aber nur noch nach individuellen Lösungen gesucht. "Wir kommen mit dem Kopf den tatsächlichen Verhältnissen gar nicht mehr hinterher." Sie habe das Glück gehabt, in einer Zeit jung gewesen zu sein, in der sie das neue Denken mitprägen konnte, schreibt Sander in ihrer mit der DDR-Filmemacherin Iris Gusner zusammen verfassten Doppelbiografie Fantasie und Arbeit. Sie beneidet die jungen Frauen nicht, obwohl die heute viel mehr Freiheiten haben.

"Das Begehren ist noch da"

Fühlt sie sich als Vorbild? Kaum. Da ist wieder das leise Bedauern darüber, dass die verschiedenen Frauengenerationen so wenig zusammenhalten. Auch sie hätten, als sie jung waren, erst allmählich gelernt, dass es schon andere vor ihnen gab, die für ihre Rechte kämpften. Die Jüngeren, glaubt Sander, finden den Wettstreit mit der Macht attraktiver als den mit den eigenen Müttern.

Helke Sander wohnt heute in einem kleinen Haus mit Garten in Sachsen-Anhalt, an der Grenze zum Wendland. Die jüngeren Leute verlassen die Gegend, um Arbeit zu finden, die Älteren bleiben zurück. Fühlt sie sich manchmal einsam? "Im Alter benötigt man ein Netzwerk, das einen auffängt", sagt sie. "Wenn nicht die Familie, wer dann?" Sie überlege, wieder nach Berlin zu ziehen. Nur eine klassische WG käme nicht mehr infrage, dazu sei sie zu eigenbrötlerisch geworden. Für Leute in ihrem Alter, heißt es in Der letzte Geschlechtsverkehr, gebe es oft den Begriff "Jenseits von Gut und Böse". Aber, sagt Sander und zwinkert mit den Augen, "das Begehren ist ja noch da. Nur der Körper macht nicht mehr so mit". Oder, setzt die 75-Jährige lachend hinzu, "es sind eben die anderen Körper, die nicht mehr mitmachen wollen".

Dabei war das Gefühl, alles erreichen zu können, einmal das, was an dieser Frauengenera­tion so mitgerissen hat.

Helke Sander, geboren 1937 in Berlin, wurde als Sechsjährige in Trautenau (dem heutigen Trutnov, Tschechien) eingeschult. Es begann eine 15 Stationen umfassende Schulodyssee. Der bürgerlichen Familie in Remscheid entkam sie mit einem unehelichen Sohn, den dazugehörigen finnischen Mann heiratete sie erst später. In Finnland kochte sie für die Großfamilie und bewunderte ihre emanzipierte Schwiegermutter.

Mit ihrem sechsjährigen Sohn Silvo brach Sander 1965 in das unruhiger werdende Berlin auf, gründete mit Filmstudenten eine Groß-WG und übte kollektive Lebensformen ein. Ihre Tomatenrede vor den SDS-Gurus 1967 in Frankfurt gilt manchen als Geburtsstunde der Frauenbewegung. Der organisierten linken Politik kehrte Sander dann aber den Rücken und begann, Filme mit experimentell-ästhetischem Anspruch und weiblichem Blick zu machen. Es entstanden neben anderen Filmen Die allzeit reduzierte Persönlichkeit Redupers und Der subjektive Faktor, die die Erfahrungen dieser Jahre einfingen. 1974 gründete Sander die noch existierende Zeitschrift Frauen und Film, von 1981 bis 2003 lehrte sie an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Der Dokumentarfilm Befreier und Befreite (1992), der die Massenvergewaltigungen in den letzten Kriegsmonaten thematisiert, wurde kritisch diskutiert. In den letzten beiden Jahren hat Helke Sander zusammen mit der DDR-Filmemacherin Iris Gusner die biografische Zwiesprache Fantasie und Arbeit verfasst und den Erzählungsband Der letzte Geschlechtsverkehr sowie andere Geschichten über das Altern vorgelegt. uba

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 03.02.2012
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 15/2021

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