Vierzeller in der Weihnachtskrippe

LEBEN ZUM TODE In das Gezerre zwischen Forschungslobby und Politik um die Einfuhr embryonaler Stammzellen platzt die Meldung der weltweit erstmals geklonten Embryonen

Montpellier, Mitte des 16. Jahrhunderts: An der aufstrebenden medizinischen Universität studiert ein junger Mann, der sich nächtens mit einigen Kumpanen auf die Friedhöfe der Vorstädte schleicht, um sich dort mit frischen Leichen aus Hinrichtungen zu versorgen. Sie dienen dem später berühmt gewordenen Basler Medicus Felix Platter als Seziermaterial, an dem er heimlich anatomische Studien treibt. Denn die Leichensektion gilt in der Frühen Neuzeit noch als Tabu und verstößt gegen die landläufige Vorstellung, nur ein unzerstörter Körper werde im Jenseits aufgenommen. Deshalb wurde die öffentliche Sektion in den zeitgenössischen Anatomischen Theatern als zusätzliche Strafe für die Entehrten empfunden. Trotz des rasanten Aufstiegs der Medizin und insbesondere der Anatomie sollte es noch zwei Jahrhunderte dauern, bis der Staat den medizinischen Zugriff auf den Leichnam verrechtlichte.

Der Tabubruch

Wenig Hellsicht ist nötig, um zu erkennen, dass wir heute an einer ähnlichen Schwelle stehen, just in einem Augenblick, wo wir die westliche Zivilisation gegen die Vormoderne zu verteidigen behaupten. Die am Wochenende bekannt gewordene Nachricht über die (angeblich) erstmals in den USA geklonten menschlichen Embryonen ist ein Tabubruch, der das historische Exempel wohl weit in den Schatten stellt. Denn während bislang behauptet wurde, nur den Tod in den Dienst des Lebens zu stellen - wobei dies, soweit es die Transplantationsmedizin betrifft, nicht unumstritten ist -, wird nun eigens Leben vernichtet, um es für krankes Leben nutzbar zu machen; oder um - irgendwann - erlöschendes Leben einfach zu ersetzen durch die Kopie. Der nochmalige Blick in die Medizingeschichte lehrt allerdings auch, dass schon damals weniger wissenschaftliche Neugierde und schon gar nicht medizinischer Heilauftrag das Seziermesser führten, sondern schlichte Karrierebestrebungen und Konkurrenzen, die auch heutzutage die Forschungslandschaft bestimmen.

So rar die Leichen in der Frühen Neuzeit waren und die Spenderorgane in der Gegenwart sind, so gering sind auch die Ressourcen an embryonalen Stammzelllinien, um die sich die gegenwärtige Import-Auseinandersetzung in der Bundesrepublik dreht. Ungefähr 60-70 solcher Zelllinien soll es derzeit weltweit geben, für die bereits alle Patente angemeldet sind. Dem amerikanischen Zellforscher James Thomsen gelang es 1998 erstmals, menschliche ES-Zellen zu kultivieren, was ihm einen strategischen Konkurrenzvorteil verschaffte, weil alle übrigen Hersteller von Stammzelllien für das von Thomsen und der ihn finanzierenden Firma Geron entwickelte Verfahren bezahlen müssen.

Die Materialschlacht

Einen "Ausweg" aus dieser "Mittelknappheit" scheint das sogenannte "therapeutische Klonen", weil nämlich verschwiegen wird, woher dabei das "Material" stammt. Eine Ahnung von dieser künftigen "Materialschlacht" scheint schon in den dürren wissenschaftlichen Daten auf: 71 weibliche Eizellen von sieben Spenderinnen waren nämlich für dieses Experiment notwendig. Sie wurden entkernt und durch die Zellkerne entweder von Hautzellen und von Follikelzellen ersetzt. Erfolgreich war nur die letzte Art der Verschmelzung. 22 weitere Eizellen wurden für die Parthenogenese, das heißt die Befruchtung ohne Samen, eingesetzt, bei der sich am Ende nur sechs der Eizellen zu einem frühen Embryonalstadium entwickelten. Von diesem Verfahren, bei dem sich kein ausgereifter Mensch entwickeln kann, erhoffen sich die beteiligten Forscher weniger ethische Einwände.

Über die Mühen, Schmerzen und gesundheitlichen Risiken der Eispenderinnen - denn derart viele Eizellen zu "ernten", setzt extreme Hormontherapien voraus - ist in den Mitteilungen der beteiligten Forscher keine Rede, und mit 3.000 bis 5.000 Dollar sind sie schlecht bezahlt.Und dass am Ende - das heißt im Vier- bis Sechszell-Stadium - die Embryonen abstarben, wertet Dr. West in kaum verhohlenem Zynismus als "medizinischen Erfolg". Operation gelungen, Patient tot.

Die Bremsklötze

In der Bundesrepublik Deutschland ist das Klonen von Embryonen sowie die dazu erforderliche Eizellspende durch das Embryonenschutzgesetz (ESchG) ebenso verboten wie die Herstellung von embryonalen Stammzellinien, auch wenn diese therapeutischen Zwecken dienen sollen. Der einzige Weg, um an embryonale Stammzellen heranzukommen ist derzeit deren Einfuhr, weil hier das ESchG eine signifikante Lücke aufweist.

Ein entsprechender Antrag von der Bonner Forschergruppe um Oliver Brüstle liegt der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit über einem Jahr vor. Im Mai dieses Jahres - noch bevor überhaupt im Parlament beraten wurde - gibt die DFG eine prinzipielle Empfehlung für die Stammzellenforschung mit der Konsequenz, das ESchG zu ändern. Dies alles sind bekannte Fakten, die dem nun seit einem halben Jahr währenden Gezerre zwischen DFG, Ethik-Kommissionen und Parlament immer wieder ins Feld geführt werden mit dem Hinweis, die deutsche Forschung verliere den internationalen Anschluss, das Parlament behindere die Forschungsfreiheit, bremse hochrangige Wissenschaftler aus und treibe sie gar ins Ausland.

Die Beschleuniger

Weniger bekannt allerdings ist die Tatsache, dass im Rennen um die Ausdifferenzierung von Stammzellen (das heißt Vorläuferzellen und spezialisierte Zelltypen) auch Oliver Brüstle an den Patenttrögen steht. Das ihm bereits erteilte deutsche Patent (DE 19756864CI) und sein noch nicht entschiedener internationaler Patentantrag (WO OO/70021) beansprucht dabei auch Claims auf Vorläuferzellen, die durch sogenanntes therapeutisches Klonen wie es in England möglich, in Deutschland jedoch verboten ist, produziert wurden. Noch kann er mit diesem Patent aufgrund der deutschen Rechtslage nicht allzu viel anfangen; sein bis vor kurzem allerdings eher zurückhaltend bekundetes Interesse an einer Änderung des Embryonenschutzgesetzes lässt sich indessen kaum übersehen. In der Frankfurter Rundschau vom Wochenende legt Brüstle nun diese Selbstbescheidung ab und fordert die DFG öffentlich auf, noch in diesem Jahr über seinen Antrag zu entscheiden - damit er wisse, woran er sei. Das Votum des Parlaments scheint ihm Nebensache zu sein.

Insofern muss man dem Präsidenten der DFG, Ernst-Ludwig Winnacker, geradezu dankbar sein, wenn er in der Zeit der vergangenen Woche ein offenes Wort spricht. Es könnte, gibt er zu Protokoll, nämlich der Fall eintreten, dass die weltweit verfügbaren Stammzelllinien nicht ausreichen beziehungsweise sich nicht als "wissenschaftsadäquat" erweisen. Das DFG-Papier vom Mai 2001 wird noch deutlicher: Es kritisiert die "unvertretbare Abhängigkeit" von "rein kommerziellen Quellen" und erklärt eine mittelfristige Änderung des Embryonenschutzgesetzes für wünschenswert. Um diese "wünschenswerte Entwicklung" zu forcieren, schreckt Winnacker im Zeit-Interview nicht einmal vor schlichter Fälschung zurück, indem er das kürzlich erfolgte Votum der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" als "Votum für den Import unter strenger Kontrolle" umdefiniert. Tatsächlich haben allerdings 17 Mitglieder der Kommission generell gegen den Import votiert und nur sieben im Sinne Winnackers.

Der Entscheidungsdruck

Diese für die Stammzellenforscher insgesamt ungünstige Empfehlung, verbunden mit der wiederholten parlamentarischen Bitte an die DFG, die Entscheidung über den Brüstle-Antrag bis Anfang des nächsten Jahres noch einmal zu vertagen, hat die Forschungslandschaft offenbar reichlich aufgeschreckt. Seitdem Anfang November auch noch ein Mitglied der DFG, der Marburger Sozialwissenschaftler Jörg Becker, in einem offenen Brief seinen Austritt aus der DFG erklärte und damit begründete, die DFG habe mit ihrer Erklärung zur Forschung an menschlichen Stammzellen die "Diskursethik" durch eine interessenbestimmte "Entscheidungsethik" ersetzt und den "Rubikon wissenschaftlichen Arbeitens" überschritten, liegen die Nerven blank.

Kurz vor dem SPD-Parteitag mischte sich auch noch Hans-Jochen Vogel mit einem promintenten Interview in die Debatte ein und legte äußerst differenziert seine Bedenken gegen die embryonale Stammzellenforschung dar. Und an diesem Donnerstag veröffentlicht der Ethikrat seine lang erwartete und bislang noch ungewisse Empfehlung. Kein Wunder, dass in dieser aufgeheizten Stimmung die Meldung des ersten menschlichen Klonexperiments wie eine Bombe einschlägt: Gentech-Skeptiker sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt, die Befürworter fürchten eben diese Reaktion und beeilen sich, mit vorauseilender Kritik an den amerikanischen Kollegen den "Rubikon" neu zu markieren.

Seit der Aufsehen erregenden Rede von Bundespräsident Johannes Rau ist die Metapher vom Rubikon aus den publizistischen Allgemeinplätzen kaum mehr wegzudenken. Ihn überschritten zu haben, wie der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Hubert Markl, in seiner Replik an Rau behauptete, impliziert in der öffentlichen Rede, dass jede Grenzsetzung von vornherein unsinnig, weil die Entwicklung irreversibel sei. Am Rubikon zu stehen und ihn nicht überschreiten zu wollen, bedeutet umgekehrt, sich dem Fortschritt entgegen zu stemmen, schlimmer noch, in diesem Falle kranke Menschen bedenkenlos ihrem Schicksal zu überlassen, um hehre ethische Prinzipien zu retten.

Akkumulationsfeld Körper

Vielleicht aber ist einfach die Metapher falsch gewählt. Der Rubikon nämlich ist bekanntlich ein Fluss, also eine natürliche Grenze, die zu überschreiten einer Entscheidung bedurfte. Wo aber liegen die "natürlichen" Grenzen einer Wissenschaft, die mehr und mehr dem globalen Markttreiben ausgesetzt ist und in Kategorien wie "überzählige" Embryonen, Import/Export, Stoffpatente und ähnliches denkt? Die klassischen ethischen und ökonomischen Regulationsmechanismen einer marktförmigen Wissenschaft jedenfalls scheinen angesichts des sich eröffnenden neuen Akkumulationsfeldes - von den Genen bis zu den Körperteilen - überholt.

Die "Grenze", um die es geht, ist, wenn man so will, die Haut, denn es handelt sich um eine groß angelegte Kolonisierung des Inneren des Menschen. Sich hier seiner Haut zu wehren, steht auf unser aller Tagesordnung, nicht nur der Politik, wenn sie Ende Januar über den Import von embryonalen Stammzellen entscheidet - wohl nicht grundlos erst nach Weihnachten. Ein geklonter Vierzeller in der Bethlehemer Krippe gäbe einen wenig würdigen Background für das Fest der Liebe (auch wenn Jesus einer Jungfrauengeburt entsprungen sein soll, was ketzerisch über die Kontinuität abendländischer Denkfiguren und Praxen nachdenken ließe).

Felix Platter übrigens, um zur historischen Analogie zurückzukehren, führte den Gästen in seinem Basler Haus gerne die eigenhändig sezierten Skelette von Hingerichteten vor und erlaubte es sogar der Mutter eines unglücklich Gefolterten, vor seinem Gerippe zu trauern. Damit erwies der große Anatom dem überkommenen Denken seine Reverenz und Schuldigkeit. Man darf gespannt sein, welche Trauerrituale das gentechnologische Zeitalter erfinden wird, um mit den Überforderungen der Menschen fertig zu werden. Und es ist zu hoffen, dass die Politik nicht auch zwei Jahrhunderte braucht, bis sie der Rohstoff-Fledderei einen Riegel vorschiebt.

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00:00 30.11.2001

Ausgabe 42/2021

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