Ulrike Baureithel
21.07.2009 | 13:00 11

Zement auf die 67

Rente Die Bundesbank fordert die Rente mit 69 und stößt dabei ins altbekannte demografische Horn. Wenn das so weitergeht, werden Arbeiter kaum noch ihre Rente erleben

Rente mit 69 und die Anbindung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung – das ist der Wahlkampfbeitrag, den die Bundesbank in ihrem gerade veröffentlichten Monatsbericht in die Arena wirft. Statt sich um ihr Kerngeschäft zu kümmern und dafür zu sorgen, dass seriöse investitionswillige Unternehmen an Kredite kommen und luftigen Bankern künftig Handschellen angelegt werden, streut sie soziales Gift unter die Leute, damit auch niemand auf die Idee kommt, die Rente mit 67 doch wieder rückgängig zu machen. Juvenil-dümmliche Kommentatoren nehmen das gerne zum Anlass, um bei dieser Gelegenheit gegen die "überalterten Volksparteien" Front zu machen.

In ihrer Begründung stößt die Bundesbank ins altbekannte demographische Horn und rechnet vor, dass die altersabhängigen Staatsaufwendungen von heute 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2060 um 2,5 Prozent steigen werden, die derzeitige demographische Entwicklung und eine jährliche Zuwanderung von 0,25 Prozent vorausgesetzt. Das Verhältnis der Personen im erwerbsfähigen Alter und der über 65-Jährigen verschöbe sich dann immer weiter zu ungunsten der Beitragszahler.

Bevölkerung soll an Abschläge gewöhnt werden

Dass Deutschland mit diesem prognostizierten Anstieg der Altersversorgungsquote EU-weit noch ziemlich gut dasteht, nämlich im unteren Drittel, ist das eine. Zum anderen ist die unterstellte Zuwanderung von 160.000 Personen jährlich angesichts der globalen Wanderungsbewegungen ebenso fiktiv wie der relativ flache Anstieg der Erwerbsbeteiligung bis 2060. Womöglich werden die tougheren und besser ausgebildeten Frauen in Zukunft nämlich die Erwerbsquote der Männer überflügeln, statt wie angenommen, bei rund 69 Prozent hängen bleiben. Und der Anstieg der Arbeitsproduktivität von jährlich 1,7 unterschätzt möglicherweise die künftige Innovationsfähigkeit der Wirtschaft.

Aber von den unsicheren Annahmen, auf die sich die Prognosen stützen, einmal ganz abgesehen: Die Rente mit 69 ist, wie gesagt, keine ökonomische, sondern eine politische Forderung, die das beschlossene Renteneintrittsalter von 67 zementieren und die Bevölkerung an Rentenabschläge gewöhnen soll. Gemessen an der schon heute bestehenden Rentenrealität ist die Rente mit 69 und die Anbindung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung ohnehin der blanke Hohn auf jede halbwegs gerechte Alterssicherung. Denn schon heute haben Männer im unteren Viertel der Einkommensskala eine um zehn Jahre geringere Lebenserwartung als ihre Geschlechtsgenossen im oberen Viertel, bei Frauen beträgt die Diskrepanz immerhin fünf Jahre. Im gerade veröffentlichten Sozialatlas der Stadt Berlin kann man nachlesen, dass im sozial schwachen Berlin-Kreuzberg doppelt so viele Menschen vor dem 65. Lebensjahr sterben als im wohlhabenden Zehlendorf.

Nicht einmal mehr die Hälfte der Älteren ist erwerbstätig

Mit jeder Heraufsetzung des Rentenalters sinkt für Angehörige sozial benachteiligter Schichten also die Chance, überhaupt je das Rentenalter zu erleben. Schon gar nicht als Erwerbstätiger, denn kaum ein Arbeiter oder eine Arbeiterin mit minderer Qualifikation erreicht heute noch das reguläre Renteneintrittsalter. In der Gesamtgruppe der 55 bis 64-Jährigen ist nicht einmal mehr die Hälfte erwerbstätig.

So gesehen finanzieren diejenigen Erwerbstätigen, die ohnehin lebenslang benachteiligt waren, auch noch die Renten der Besserverdienenden. Diese ungerechte implizite Umverteilung würde noch einmal verstärkt, wenn das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt würde. Mit jedem über dem Durchschnitt liegenden Lebensjahr, rechnete kürzlich Axel Reimann von der Deutschen Rentenversicherungsanstalt vor, steigt die Rentenrendite um 0,1 bis 0,2 Prozent; Wer das Durchschnittsalter gar nicht erreicht, macht ein schlechtes Geschäft. Nicht die Besserverdienenden hätten also allen Grund, aus dem gesetzlichen Rentenversicherungssystem auszusteigen, sondern die mies verdienenden Malocher. Beim Personal der "überalterten Volksparteien" werden sie jedenfalls keine Unterstützung finden: Dort siegt dann doch die Klassen- über die Generationensolidarität.

Kommentare (11)

jayne 21.07.2009 | 18:23

Man sollte jene, die "ins altbekannte demographische Horn" blasen, mal fragen, wieso wir schon jetzt trotz schon seit mehreren Jahren beschworenen demographischen Problems soviele Arbeitslose quer durch alle Altersschichten und Qualifizierungsgruppen haben ... Dies entblößte jedenfalls einmal mehr die auf tönernen Füßen einhergehende Argumentation.

Hans Kelsen 22.07.2009 | 12:59

Guter Beitrag.
Aber wie Jayne schon sagt, wenn man die Millionen Arbeitslosen in D berücksichtigt (zum großen Teil Transferempfänger), wird schnell klar wie absurd die Debatte ist.
Zum Thema die Buba soll sich auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren: Macht sie doch! Jeder in einer kapitalgedeckte Rente investierter Euro hilft den Pleitebanken/-versicherer. Und der Abschlag beim Renteneintritt vor 69 kann nur so abgefedert werden.

Joachim Petrick 22.07.2009 | 13:45

Liebe Ulrike Baureithel,
Sie haben die Zusammenhänge mit der Erhöhung des Rentenalters auf 69 trefflich gut unterhaltsam beschrieben. Dass die Bundesbank als Bote der schlechten Nachricht von Ihnen gescholten wird, ist mit dem ersten Blick selbstverständlich. Doch beim zweiten Blick kommt heraus, die Bundesbank erklärt mit Ihrem Modell "Rentenalter 69" die gesetzlich festgelegte Rentenaltershöhe von 67 ad absurdum und will dies womöglich auch so kommuniziert wissen. D. h. eine Rentenreform muss her, die den namen verdient und alle Einkommensarten unbeschränkt dabei einbezieht.
Weil die Rentenreform sich aber Politiker wie Olaf Scholz nicht zutrauen, wird nun auf die Botschaft der Bundesbank eingeprügelt. An diesem prekär medialen Schaulauf sollten wir uns hier nur kurz beteiligen!, oder?
tschüss
JP

Joachim Petrick 22.07.2009 | 13:53

Lieber Bildungswirt,
wer sonst schon alles wird, wird auch noch Bildungswirt. Ernst komme her, Spass bleib hier.
Das Thema Altersdemenz hast du hier nur angetickt, nicht wirklich ausgereizt.
Die Alterdementen, merken ja gar nicht, wann sie das Rentenalter erreicht haben, also arbeiten die willig und begeistert bis zu Peterles bzw. Petras Mondfahrt durch.

Das wäre in unserer Arbetskultur ein gewaltiger Paradigmenwechsel, der zu denken gibt, wenn es Arbeit, unabhängig vom Alter, nur noch auf Krankenschein bzw. zur Bewährung in Knästen gibt!, oder?
tschüss
JP

Ulrike Baureithel 22.07.2009 | 14:15

@Jayne: heute gabs gerade die Nachricht, dass vor allem junge Leute zwischen 20 und 24 von der Krise besonders getroffen, dh. arbeitslos werden oder keinen Ausbildungsplatz finden...

@Kelsen: Ja, was die Aufgabenerfüllung der BuBa betrifft, haben Sie Recht; aber man wünschte sich doch, sie würde sich ein bisschen mehr darum kümmern, dass uns der global gehandelte Finanzschrott nicht immmer wieder in die Krise reißt und jede Alterssicherung - egal auf welches Konto sie einbezahlt wird - ad absurdum führt.

@Petrick: Der Kommentar war doch kurz, oder? Ich hatte nicht vor, das Thema weiter auszuwalzen.

jayne 22.07.2009 | 17:17

Sie schrieben: "heute gabs gerade die Nachricht, dass vor allem junge Leute zwischen 20 und 24 von der Krise besonders getroffen, dh. arbeitslos werden oder keinen Ausbildungsplatz finden..." - Genau! Und man müßte die Ideologen des Neoliberalismus in ihrem ewigen Gegeneinander-Ausgespiele der Generationen und sozialen Schichten ferner daran erinnern (und noch mehr wohl die Wählerinnen und Wähler), daß es noch gar nicht so lange her ist, da von Leuten der selben Coleur verkündet wurde, die Alten müßten nun endlich für die Nachrückenden die Arbeitsplätze freimachen - ja, sie argumentieren so, wie es ihnen gerade in den Kram paßt. Dazu kommt, daß die Koalition im Angesicht der Krise die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gesenkt hat und noch so manch andere arbeitgeber-interessengeleitete Sache ...

jayne 23.07.2009 | 16:33

Und noch etwas Zement auf die Verhältnisse, beispielsweise seitens des Kommentators der Schwäbischen Zeitung, der heuer in Zusammenhang mit der gestern veröffentlichten Studie (Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen und Älteren) verlauten ließ: "Die Arbeitslosigkeit wird nun auch für diejenigen zur Falle, die gerne arbeiten würden." Aha! Nun mache sich jeder geschwind seinen eigenen Vers drauf, der nach Belieben auch "hinken" darf ...