Zunftgrenzen

Impfstreit Ein "Freitag"-Artikel reizt Mediziner-Nerven

Impfen, ja oder nein?, heißt eine Seinsfrage in der aktuellen Gesundheitsdiskussion. Im Freitag vom 27. April 2007 hatte der am Berliner Wissenschaftszentrum (WZB) ansässige Gesundheitswissenschaftler Rolf Rosenbrock einen längeren Beitrag über den Sinn der vorbeugenden Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs (Cervix Ca) veröffentlicht. Anlass war eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission Ende März an den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), die Impfung gegen die Typen 16 und 18 des Humanen Papillon Virus (HPV) als Pflichtleistung der Krankenkassen aufzunehmen. Der GBA ist diesem Rat mittlerweile gefolgt, sodass künftig jeweils ein Mädchenjahrgang gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft werden könnte, sollte, was als unwahrscheinlich gilt, das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen nicht doch noch die rote Fahne heben.

Rosenbrock, der auch dem Sachverständigenrat des Gesundheitswesens angehört, hatte gegen die Impfempfehlung zu bedenken gegeben, dass Gebärmutterhalskrebs relativ selten auftritt (3,16 Prozent der Krebsneuerkrankungen) und aufgrund der Erfolge der Sekundärprävention und des zunehmenden Kondomverbrauchs hierzulande ein Rückgang zu erwarten sei. Ein "Durchbruch in der Krebsprävention" sei nicht durch Impfung, sondern durch "lebensweltlich bezogene Strategien" (Suchtprävention, Stressbewältigung, gesunde Ernährung) zu erreichen. Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs schüre hingegen Illusionen in Bezug auf andere verbreitetere Krebsarten. Außerdem würde nicht zur Kenntnis genommen, dass die statistisch besonders betroffenen Frauen aus der Unterschicht von Impfkampagnen erfahrungsgemäß nicht erreicht werden. Die Kosten für die Impfung eines Mädchenjahrgangs (rund 200 Mio. Euro) stehe, so Rosenbrock, in keinem Verhältnis zum erwartbaren Nutzen, weshalb es die gesundheitspolitische Rationalität und das im Soziagesetzbuch V geforderte Solidarprinzip gebiete, die Mittel für Präventionsmaßnahmen einzusetzen, die besser imstande seien, "die sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen" zu vermindern. Bei der sekundären Krebsprävention setzt Rosenbrock deshalb auf ein umfassendes Screening.

Die Auseinandersetzung um die Krebs-Impfung war keineswegs erst durch Rosenbrocks Intervention ausgelöst worden, doch erst durch dessen Beitrag sah sich der Heidelberger Krebsforscher, Impfbefürworter und Herausgeber des International Journal of Cancer, Harald zur Hausen, offenbar herausgefordert. Am 8. August 2007 ließ er dem Berliner Kollegen und verschiedenen Wissenschaftsredaktionen (darunter auch der des Freitag) ein Schreiben zukommen, in dem er für Wissenschaftler ungewöhnlich scharf seiner "Verwunderung" über Rosenbrocks Beitrag Ausdruck verleiht. Zwar stimmt er dem Kontrahenten zu, dass durch eine "verbesserte Sekundärprävention" die Cervix Ca-Rate gesenkt werden könne, gibt aber zu bedenken, dass durch die Impfung zumindest ein Teil der jährlich 100.000 operativen Eingriffe in Deutschland zu verhindern seien und dies in Rosenbrocks Kostenrechung keine Berücksichtung fände. Weiterhin verweist zur Hausen auf neuere Untersuchungen, die Rosenbrocks Einschätzung zum Kondom-Gebrauch widerlegten, und räumt abschließend immerhin ein, dass er keineswegs den "auch aus meiner Sicht überhöhten Impfstoffpreisen das Wort reden" wolle.

Genau eine Woche später griff der Wissenschaftsredakteur der FAZ, Joachim Müller-Jung, die "Streitsache Krebsimpfung" in einem längeren Beitrag auf. Darin referiert er - ohne Quellennennung, auf die man als so genanntes Leitmedium verzichten zu können meint - ausführlich Rosenbrocks Beitrag im Freitag und lässt durchblicken, dieser habe sich vor den Karren der berüchtigten "Anti-Impfallianz" spannen lassen. Der Strategiestreit, so Müller-Jungs Einschätzung, sei allerdings eher ein "Kampf um die begrenzten Ressourcen für die Prävention", zumal Rosenbrock in der Aids-Prävention "zuletzt auch Rückschläge habe einstecken" müssen.

Mittlerweile hat auch Rolf Rosenbrock das Schreiben zur Hausens erreicht und seinen Standpunkt aus der Sicht eines Public Health-Vertreters, der der Gesundheit der Gesamtbevölkerung verpflichtet ist, ausführlich bekräftigt. Versöhnlich schlägt er abschließend vor, den Streit produktiv zu wenden und über Fachgrenzen hinweg über geeignete Präventionsstrategien nachzudenken. Man darf gespannt sein, ob der eingeschworenen medizinischen Zunft ein solcher Sprung übers Impflabor hinaus gelingen wird - und man wünscht es sich für die kranken Betroffenen.


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