Zynische Sezier-Stunde

Bildung Judith Schalansky schickt in ihrem gelungenen Roman „Der Hals der Giraffe“ eine Biologie-Lehrerin ins sozialistische Labor

Zynische Sezierstunde

Die Natur sprach im Versuch.“ Aber gültig ist ein Versuch erst, wenn er wiederholbar ist. In dieser Hinsicht ist die Schule die größte Experimentalanstalt im Lebensraum des Menschen. Unzählig viel Schülermaterial, das durchgeschleust wird und den Beweis antreten soll, dass die dort veranstaltete „Zucht“ eine „Erziehung zum Guten“ ist. Glückt den Gärtnern die Auslese, mündet die Prozedur in einem langwierigen Wandlungsprozess.

Inge Lohmark, Biologie und Sport, unterrichtet „wirklichkeitsnahe Biologie“, mit laichenden Froschweibchen und Operationen am offenen Herzen. Sich auf „der sicheren Seite“ wähnend, jenseits aller menschgemachten Ideologie und nur mit der Natur als Zuchtmeister gehört sie nicht zu denen, die wie die Kollegin Schwannecke ihre Schüler an die Hand nehmen; sie spannt ihre „natürlichen Feinde“ vielmehr auf die Folter der Natur, um zu beobachten, wer für die Zuchtwahl in Frage kommt und mit dem langen Hals von Giraffen die Schule verlässt. Denn nur die fressen von den höchsten Bäumen die saftigsten Blätter.

Mit der 55 Baumringe zählenden Inge Lohmark schickt Judith Schalansky, die mit ihren 31 Jahren deren Schülerin sein könnte, eine letzte ihrer Art ins Feld. Ihr sich über drei Schultage erstreckender innerer Monolog ist der Aufschrei eines Fossils aus einer Zeit, in der Frontalunterricht noch gewünscht und Sozialkompetenz nicht zu den Soft Skills von Lehrern gehörte. Verheiratet mit einem redefaulen Straußenfarmer, weigert sie sich, die vom Aussterben bedrohte vorpommersche Geisterstadt zu verlassen, denn ihr Fach hat sie gelehrt, dass „nichts so gefährlich war, wie das Verlassen des natürlichen Lebensraums“.

So übernimmt Lohmark die ultimativ letzte neunte Klasse des Charles-Darwin-Gymnasiums und beginnt ihr Exerzitium über „Naturhaushalte“, „Vererbungsvorgänge“ und „Entwicklungslehren“, das von der typografisch ausgebildeten Autorin mit tierisch schönen Federzeichnungen und lebenden Kolumnentiteln versehen ist. Keinen Augenblick soll vergessen werden, wo wir uns befinden: Im „kreidelastigen Unterricht“ der Inge Lohmark. „Merken Sie sich: Nichts ist sicher. Sicher ist nichts“, hebt ihre Naturgeschichte der menschlichen Unvollkommenheit an. Von Natur aus Mängelwesen und nur mit Bildungsprothesen ausgestattet, bleibt der Mensch immer nur ein „vorläufiges Vorkommnis auf Proteinbasis“. Die „Schönheit der Natur“, die keiner künstlerischen „Verfremdung“ bedarf, ist verglichen mit aller Ideologie „echte Diktatur“. Lohmarks biologistisch reduziertes Weltbild legt sich über alles: die Schüler, die Kollegen, denen sie sich überlegen fühlt, den Mann und die Tochter Claudia, die der gefühlskühlen Mutter abhanden gekommen ist. Wurden früher noch Pferdchen aus Lohmarks „Stall“ für die Kreisspartakiade ausgewählt, leidet sie heute daran, dass der „Artenreichtum“ nicht mehr ausgeschöpft wird, und „so viele Talente unentdeckt bleiben.“

Über weite Strecken liest sich Lohmarks zynische Sezierstunde wie eine Persiflage. Hochgenommen werden die Wissenschaftsgläubigkeit und das genbasierte „Kausal­kettenhemd“, aber auch das von Rektor Kattner vertretene Bildungspathos des „Gemeinsam in eine Zukunft“, wo nur Endstation ist. Denn Schule, weiß Lohmark, ist eine Anstalt, in der Kinder an einen „geregelten Tagesablauf” und „die jeweils vorherrschende Ideologie” gewöhnt werden und in der die „natürliche“ Hackordnung eingeübt wird, indem die Durchsetzungsfähigeren die Schwächeren drangsalieren.

Dass dieser „Bildungsroman“ genannte Frontalvortrag auch ein Kommentar auf das große gescheiterte Erziehungsexperiment ist, in dessen Mittelpunkt die „sozialistische Persönlichkeit“ stand, macht den doppelten Reiz dieser vergnüglichen Schulgeschichte aus. Denn Inge Lohmark weiß sich auch der „großen Pädagogik“ im sozialistischen Labor überlegen, die „die Zelle“ in ein Naturtheater der Politik umzuwandeln bestrebt war und so lange an der Versuchsanordnung drehte, bis es funktionierte: „Wenn ein Experiment nicht aufgehen will, muss man überlegen, wie man es zur richtigen Aussage zwingen kann.“

Inge Lohmark trägt die Vergangenheit mit sich herum, „das Leben kein Kampf, sondern eine Bürde“. Am Ende steht die Lehrerin, die den vier Buchstaben des Lebens auf die Spur kommen wollte, dann doch auf der falschen Seite. Ihr müsst zu Giraffen werden, zum Wundertier, gibt sie den Schülern mit auf den Weg, denn „wer den längeren Hals hat, lebt auch länger“. Die Giraffen hätten sich angestrengt und in einem langen evolutionären Prozess einen langen Hals ausgebildet: „Man muss ein Ziel vor sich haben. Dann ist alles Training.“ Das erinnert entfernt an das Sloterdijksche Trainingscamp, in dem sich der Mensch immunisiert gegen die Zumutung des Mitleids. „Die Fortsetzung der biologischen Evolution”, schrieb er seinen Eleven ins Stammbuch, „führt in der sozialen und kulturellen zu einer Aufstufung der Immunsysteme.“ Wie ernst es Judith Schalansky mit der „fordernden Förderung“ – Schlüsselbegriff aus dem Hartz IV-Diskurs – meint, weiß man allerdings nicht so genau.

Dieser ständige ironische Seitenwechsel ist dann auch die Schwäche dieses genüsslich zu lesenden Buches, das es aus unerfindlichen Gründen nicht auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. Wo Lohmarks Exsudat enden soll – ob, wie beim schulischen „Völkerball“, im „Angreifen, Flüchten oder Verharren“ – lässt sich nicht deuten. Wenn die Strauße am Ende des Romans ihre Hälse durch die Drahtschlaufen zwängen, folgen sie ihrem Verkriechinstinkt. Dann aber strecken sie wieder die Hälse und zeigen ihr Drohkleid.

Der Hals der Giraffe. BildungsromanJudith Schalansky Suhrkamp 2011, 222 S., 21,90

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Ihre Freitag-Redaktion

14:50 11.10.2011
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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