Vorsicht, der beißt!

Florian Schroeder Florian Schroeder ist einer der talentiertesten Nachwuchshumoristen: Mit einem Mix aus Comedy und Kabarett kümmert er sich am liebsten um? Die Politik!

Der Freitag: Herr Schroeder, von wem erwarten Sie sich im Wahlkampf die beste Performance?

Florian Schroeder:

Also von Performance kann man weder bei Merkel, noch bei Steinmeier ernsthaft sprechen. Merkel hätte ich wenigstens einen Gegner gewünscht und kein Opfer. Beide verbindet die Gewissheit, dass sie wahrscheinlich nach der Wahl wieder zusammen vier Jahre weitermachen müssen. Schon das verhindert jedes Entertainment. Ich glaube aber auch, dass die Wähler von großen Show-Wahlkämpfen die Schnauze voll haben. Das Grundgefühl ist: Ein Adeliger ist Wirtschaftsminister, der Aufschwung kann kommen.

Also steht uns auch aus Kabarettistensicht pure Langweile bevor?

Die Qualität eines Kabarettisten zeigt sich ja gerade dann, wenn es nicht so viel zum Draufhauen gibt. Es ist doch durchaus faszinierend zu sehen, wie Steinmeier immer noch „Germany’s next Schröder“ werden will und entsprechend auch in diesen Duktus verfällt, dass man immer wieder denkt: Da ist er wieder, der alte Gasableser. Steinmeier hat wirklich alles von Schröder übernommen. Bei jedem Moderator oder Bühnenkünstler würde man sagen: Der hat sich noch nicht gefunden, der weiß noch nicht, wer er ist.

Sie haben sich offenbar gefunden. Und das ziemlich schnell. Gab es ein Schlüsselmoment?

Meine Karriere begann 1993 mit einem 30-sekündigen Auftritt bei

Erstmal haben Sie beim Radio gearbeitet, sind dann mit einer Heinz Erhardt-Revue getourt. War der Ihr Idol?

Ich kannte Heinz Erhardt vorher kaum, ich habe in dem Projekt eher eine Chance gesehen, auf die Bühne zu kommen. Mich hatten drei Freiburger Kollegen angesprochen, als ich einen Kleinkunstpreis an der Uni gewonnen hatte, die planten gerade eine Erhardt-Show. Das Gute daran war, dass ich mich zum ersten Mal vor lachbereitem Publikum ausprobieren konnte. Vorher hatte ich überwiegend Oberstudienräte bespaßt oder Möbelhäuser eröffnet. Den Zuschauern war ich also immer vorgesetzt worden, die wussten nicht, dass ich komme und hatten auch nicht dafür bezahlt. Die wollten eigentlich nur in Ruhe ein neues Regal kaufen.



Sind Sie Kabarettist oder mehr Comedian?

Ich bin thematisch und handwerklich Kabarettist, aber ich sehe das nicht als Abgrenzung zur Comedy, letztlich bin ich Humorist, Entertainer. In meiner Sendung Seitensprung wechsele ich ständig zwischen Talk, Kabarett, Comedy und Parodie, das ist absolutes Crossover. Die Zeit dafür ist reif, ich finde, Kabarett im Fernsehen kommt doch oft sehr bieder rüber und mein Ziel ist, die Formen immer weiter aufzubrechen.

Wo hört denn Kabarett auf, wo fängt Comedy an?





Get the Flash Player to see this player.
url=datenbank/audio/Oliver_Polak_Vorwort_260109.mp3 width=400 height=20 loop=false play=false downloadable=false fullscreen=false displayNavigation=true displayDigits=true align=center dispPlaylist=none playlistThumbs=false

var s1 = new SWFObject("/editor/plugins/flvPlayer/mediaplayer.swf","single","400","20","7"); s1.addVariable("width","400"); s1.addVariable("height","20"); s1.addVariable("autostart","false"); s1.addVariable("file","datenbank/audio/02schroeder_a_wie_angela.mp3"); s1.addVariable("repeat","false"); s1.addVariable("image",""); s1.addVariable("showdownload","false"); s1.addVariable("link","datenbank/audio/02schroeder_a_wie_angela.mp3"); s1.addParam("allowfullscreen","false"); s1.addVariable("showdigits","true"); s1.addVariable("shownavigation","true"); s1.addVariable("logo",""); s1.write("player511000");





Kabarett beansprucht für sich, kritischer zu sein, sich mit Gesellschaftspolitik auseinander zu setzen. Ich glaube aber, dass die Unterscheidungsdiskussion zu nichts führt. Das ist dieses spießige E und U – gutes Kabarett, schlechte Comedy. Tausendmal diskutiert. Letztlich bedienen wir uns alle der gleichen Mittel. Auch politische Kabarettisten wie Hildebrandt haben Klamotten gedreht und lustige Sketche gespielt – ein guter Kabarettist ist auch immer ein guter Entertainer und ein guter Entertainer hat auch immer ein Anliegen. Ich beanspruche für mich, intelligente Unterhaltung zu machen. Punkt.

Was glauben Sie war das Problem von Schmidt und Pocher?

Ich glaube, das war das alte Problem: Zwei Leute, die in ihrem Feld sehr gut sind und sich dann zusammentun – das reicht oft nicht. Ein gutes Duo ist mehr als die Summe seiner Solisten. Es muss ein Gegensatz da sein, ein Unterschied. Deswegen haben Kienzle und Hauser im ZDF funktioniert. Einer konservativ, einer links, da war Reibung.

Sie werden öfter mit Harald Schmidt verglichen. Sehen Sie da Ähnlichkeit?

Das Einzige, was mich mit Harald Schmidt verbindet, ist, dass wir wohl das gleiche Idol haben, nämlich David Letterman. Für mich der größte Unterhalter der letzten 30 Jahre. Der beherrscht die ganze Klaviatur: Satire, Talk, Sarkasmus, Nonsens, Spontaneität.

Es gab Gerüchte, dass Sie im neuen Team von Schmidt seien?

Ich habe zwei eigene Sendungen, das reicht vorerst.

Aber Sie haben noch nicht genug vom Fernsehen?

Ich finde das Medium Fernsehen nach wie vor großartig. Es bietet unendlich viele Möglichkeiten.

Sie schreiben auf Ihrer Homepage, der Privatmensch Florian Schroeder sei ganz ok. Gibt es dem noch etwas hinzuzufügen?

Nein. Der Privatmensch gibt gar keine Interviews. Ich habe mich ja quasi als Kunstfigur einmal neu erfunden, das ermöglicht es mir, privat dahinter zurückzutreten.

Was denken Sie über den „embedded journalism“ bei Komikern? Wenn Pressekonferenzen und Interviews nur noch mit Kunstfiguren wie Horst Schlämmer oder Borat/ Brüno geführt werden dürfen.

Finde ich gut. Seit Jahren werden Humoristen in Talkshows eingeladen, um gegen 23.52 Uhr als letzter von neun Gästen noch drei Gags abzufeuern, die vorher abgesprochen wurden. Darüber hinaus interessiert der „Hofnarr“ nicht. Was jetzt passiert, ist die konsequente Weiterentwicklung dieses Trends durch Umkehrung – der Komiker verweigert sich als Privatperson komplett, indem er das Medium für sich instrumentalisiert und nicht das Medium ihn. Das erfordert aber großes Können auf Künstlerseite: Peinlich wird es, wenn – wie im Fall Sascha Baron Cohen – die Kunstfigur die Antworten vom Prompter ablesen muss, weil die Spontaneität fehlt. Peinlich. Dann verstehe ich, dass jeder Journalist sauer ist.

Was passiert, wenn ich Herrn Schroeder jetzt nach seinen Hobbies und so frage?

Ich lehne ja schon den Begriff Hobby komplett ab. Ich habe keine Hobbies und will auch keine haben. Ich finde das ganz schrecklich. Ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, der mich ausfüllt, ich unterscheide auch gar nicht zwischen Arbeit und Freizeit. Das ist so eine Spießbürgerunterscheidung. Für Leute, denen der Sonntag heilig ist. Ich gehöre ja zu den jungen Kreativen, der Generation IMM – Irgendwas mit Medien. Das heißt, ich lebe 95 Prozent der Zeit für diesen Job, der die ganze Person ausfüllt und erfordert. So etwas macht man entweder ganz oder gar nicht. Und wenn ich Urlaub habe, fahre ich ans Meer, in die Einsamkeit, dahin, wo die Brandung hoch und die Menschen wenige sind.

Verbringen Sie viel Zeit im Netz?

Ja, auf Nachrichtenseiten und Youtube. Aber ich bin nicht auf Facebook und twittere auch nicht, ich hätte auch gar keine Zeit. Außerdem ist mir dieser Freundschaftsbegriff bei Facebook komplett zuwider. Es hat einfach nichts mit Freundschaft zu tun, wenn mich jemand anschreibt, den ich schon 15 Jahre nicht mehr gesehen habe, ich dann auf „Ja“ klicke und damit sind wir Freunde. Und dann poppt der Fremde auch noch ständig auf, wenn ich online bin, obwohl man sich nichts zu sagen hat. Dazu ist Freundschaft für mich ein viel zu exklusiv besetzter Begriff. Ich habe wenige Freunde und das ist auch sehr in Ordnung so, das ist so gewählt. Ich bin auch sensationell gerne für mich allein.

Sind Sie denn als Privatperson politisch?

Ja, aber nicht so wie im TV und auf der Bühne. Natürlich fühle ich mich irgendwo mehr zu Hause und natürlich gibt es Parteien, die für mich tabu sind, die ich niemals wählen würde. Ich finde aber auch nichts langweiliger, als Kabarettisten, die ihre Haltung vor sich her tragen, wenn man gleich weiß: das ist ein Linker oder ein Konservativer. Ich halte es da eher mit Michel Foucault: „Ich stehe nicht hier, wo ihr mich sehen wollt, ich stehe hier, von wo aus ich euch lachend ansehe.“





Get the Flash Player to see this player.
url=datenbank/audio/Oliver_Polak_Vorwort_260109.mp3 width=400 height=20 loop=false play=false downloadable=false fullscreen=false displayNavigation=true displayDigits=true align=center dispPlaylist=none playlistThumbs=false

var s1 = new SWFObject("/editor/plugins/flvPlayer/mediaplayer.swf","single","400","20","7"); s1.addVariable("width","400"); s1.addVariable("height","20"); s1.addVariable("autostart","false"); s1.addVariable("file","datenbank/audio/04schroeder_b_wie_bundespräsident.mp3"); s1.addVariable("repeat","false"); s1.addVariable("image",""); s1.addVariable("showdownload","false"); s1.addVariable("link","datenbank/audio/04schroeder_b_wie_bundespräsident.mp3"); s1.addParam("allowfullscreen","false"); s1.addVariable("showdigits","true"); s1.addVariable("shownavigation","true"); s1.addVariable("logo",""); s1.write("player511000");





Da kommt Ihr Philosophiestudium durch. Wen schauen Sie denn derzeit am liebsten lachend an?

Also, die SPD bietet natürlich sehr viel Material. Das ist herrlich, weil auch alles so paradox ist. Auf der einen Seite wollen sie nicht mit der Linken, auf der anderen Seite klauen sie dort die Hälfte des Wahlprogramms: Reichensteuer, Mindestlohn, Börsenumsatzsteuer. Ihr Ziel ist aber eine Ampel. Reichensteuer mit Westerwelle! Das ist wie mit einem Vegetarier Schnitzel essen gehen. Manchmal glaube ich, die SPD will nur deshalb nicht mit der Linken koalieren, weil sie weiß, dass sie das nette Wahlprogramm dann auch umsetzen müsste.

Wie erarbeiten Sie sich die Charaktere, die Sie parodieren?

Ich schaue mir Ausschnitte an, einzelne Interviews, gezielt, nicht zu viele. Aber auch Aufnahmen, in denen die Figur nur durchs Bild geht oder irgendwo im Hintergrund steht. Natürlich lese ich über die Person, wo kommt sie her, wo will sie hin, wo steht sie. Dann versuche ich sie zu erspüren, einfach zu sehen: wie bewegt sie sich, was hat sie für eine Haltung – körperlich und charakterlich.

Haben Sie mal jemanden parodiert, der im Publikum saß?

Ja, Günther Oettinger, den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, habe ich mal vor ihm selbst parodiert. Das war toll.

Warum?

Oettinger hatte mich ja zum Neujahrsempfang der Landesregierung eingeladen, da musste ich die spannende Gratwanderung hinkriegen, „sein“ Publikum zum Lachen zu bringen, ohne gefällig zu werden. Außerdem ist es eine gute Überprüfung des eigenen Schaffens. Wenn man den Text, den man sonst präsentiert, sich vor dem Opfer so 1 zu 1 nicht trauen würde, dann wäre was faul. Dann müsste man auch den Text aus dem Programm nehmen, dann würde er dem Original nicht gerecht. Das ist ein entscheidendes Kriterium von Satire, dass man bei aller Boshaftigkeit dem Original auch gerecht wird. Dass man nicht irgendetwas erfindet, nur um des Lachers willen.

Sie parodieren ja auch gerne mal Ihre Kabarett-Kollegen.

Wenn man Humor und Unterhaltung macht, dann muss man als Parodist auch ins eigene Genre gucken und Widersprüche aufzeigen. Kabarett will immer subversiv sein, ist aber in meiner Wahrnehmung auch furchtbar selbstgerecht geworden. Man hat immer Recht, weiß immer alles besser. Ich versuche eigentlich nur meiner eigenen Melancholie Ausdruck zu verleihen, dass Kabarett auch nur ein Dienstleistungsgewerbe ist, eine Industrie, in der es den Protagonisten vor allem darum geht, dass jeder frühzeitig sein Schäfchen im Trockenen hat – wunderbar verewigt in dem Kalauer: „Der Comedian macht es wegen dem Geld, der Kabarettist wegen des Geldes“.

Was planen Sie in den nächsten Wochen vor der Wahl?





Get the Flash Player to see this player.
url=datenbank/audio/Oliver_Polak_Vorwort_260109.mp3 width=400 height=20 loop=false play=false downloadable=false fullscreen=false displayNavigation=true displayDigits=true align=center dispPlaylist=none playlistThumbs=false

var s1 = new SWFObject("/editor/plugins/flvPlayer/mediaplayer.swf","single","400","20","7"); s1.addVariable("width","400"); s1.addVariable("height","20"); s1.addVariable("autostart","false"); s1.addVariable("file","datenbank/audio/05schroeder_c_wie_cdu_csu.mp3"); s1.addVariable("repeat","false"); s1.addVariable("image",""); s1.addVariable("showdownload","false"); s1.addVariable("link","datenbank/audio/05schroeder_c_wie_cdu_csu.mp3"); s1.addParam("allowfullscreen","false"); s1.addVariable("showdigits","true"); s1.addVariable("shownavigation","true"); s1.addVariable("logo",""); s1.write("player511000");





Ich werde viel unterwegs sein, die nächsten Sendungen vorbereiten und meine neue CD promoten.

Möchten Sie zum Schluss eine Wahlempfehlung äußern?

Nein. Aber wie wäre es mit einem Zitat? Zitate am Schluss sind immer gut.

Bitte schön.

Die Generation IMM ist ja die Generation der Selbstreferentialität, deshalb zitiere ich mich jetzt selbst mit dem Satz: Wahlkampf hat nichts mit Politik zu tun. Wahlkampf ist eine Mischung aus Kasperletheater und einer Dauerschleife „Wetten, dass ..“ für Arme.

Das Interview führte Ulrike Linzer

Von Schmidt zu Schroeder

Es begann 1993 mit einem 30-sekündigen Auftritt in Harald Schmidts Sendung Schmidteinander. Florian Schroeder war damals 14 Jahre alt und schon 1,85 Meter groß genug fürs Fernsehen, schreibt der heute knapp 30-jährige Kabarettist auf seiner Website www.florian-schroeder.com. Heute ist er noch etwas größer und kann als erfolgreicher Moderator und Bühnenkünstler auf zwei eigene Fernsehsendungen, eine Radiokolumne und Solo-Kabarett-Tourneen verweisen. Der Wahlberliner ist für sein breites Repertoire an Prominenten-Imitationen und für seine pantomimischen Einlagen bekannt. Seine Sendungen und Auftritte sind eine Mischung aus politischer Satire und Comedy, in denen er spitzzüngig das aktuelle politische Geschehen und die gesellschaftlichen Ereignisse persifliert.
Der im Schwarzwald geborene Schroeder hat Abitur und keinen Führerschein gemacht und danach Germanistik und Philosophie in Freiburg studiert, heißt es in seinem Lebenslauf. Im Breisgau sammelt Schroeder erste Kabarett-Erfahrungen: Er tritt auf Geburtstagen und lokalen Veranstaltungen auf, dann geht es drei Jahre mit einer Heinz-Erhardt-Gruppe auf Tournee. Im November 2004 spielt Schroeder sein erstes Solo-Kabarettprogramm Auf Ochsentour. Im Oktober 2007 folgt das zweite Solo-Programm Du willst es doch auch!
Ende 2007 ist es dann endlich so weit: 14 Jahre nach dem Auftritt bei Harald Schmidt bekommt Florian Schroeder endlich eine eigene Fernsehsendung: Schroeder! im SWR. Und startet seitdem weiter voll durch: 2009 beginnt er im Februar die Sendung Seitensprung auf 3sat und im Juni die Radiosendung Einfach Schroeder! beim RBB. Im Juli bringt er die CD Wählen für Anfänger und Fortgeschrittene heraus. Nächster TV-Termin: am 13. September um 20.15 Uhr auf 3sat: Seitensprung Spezial
UL

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

05:00 20.08.2009
Geschrieben von

Ulrike Linzer

Alltagsressort
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Ausgabe 19/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare