Nachts im Museum

Kulturkommentar Ein Mausklick und man steht vor Botticellis Venus in den Uffizien. Googleartproject will die Kunst demokratisieren. Die Auswirkungen auf die Museen bleiben abzuwarten

Erst machten einige Museen eine Dependance in Second Life auf, dann schauten die Kamerawagen von Google Earth im Prado in Madrid vorbei. Nun gibt es das Googleart­project, das virtuelle Rundgänge durch (vorerst) 17 Museen auf der ganzen Welt ermöglicht. Die Eremitage in Sankt Petersburg ist ebenso dabei wie das MoMA in New York, die Alte Nationalgalerie und die Gemäldegalerie in Berlin, das Van Gogh Museum in Amsterdam, die Uffizien in Florenz, Versailles und zehn andere.

Sensationelle Nahaufnahmen

Seit dem Start von googleartproject.com Anfang Februar zählt das Unternehmen rund zehn Millionen Seitenaufrufe weltweit, 10.000 eigene Kunstwerkesammlungen aus dem dort verfügbaren Museumsbestand werden jeden Tag angelegt, nachdem die Besucher sich durch Museumsflure und Säle geklickt, Bestände abgefragt und wirklich sensationelle Nahaufnahmen bestaunt haben – pinselstrichgenau, ­craquelégesättigt, detailscharf. Jedes Museum hat für diese beeindruckend scharfen Gigapixelbilder je ein Gemälde fotografieren lassen. Damit präsentiert Googleart eine faszinierende Nahsicht, die man normalerweise nur unter der Lupe des Restaurators hat – also als Laie niemals.

Mäkeleien scheinen daher unangebracht, denn außerdem trägt auch dieses Projekt zur Demokratisierung des Wissens und der Schätze der Welt bei, wie Google sein eigenes Treiben gerne verkauft. Die halbwegs gut sortierte Bibliothek ermöglichte virtuelle Museumsbesuche zwar schon vor der Erfindung von Googleart. Sei’s drum, die Museen verstehen es jedenfalls immer besser, sich im Internetzeitalter zu vermarkten. Das ist eine gute Entwicklung. Allerdings zählt auch im marketingesättigten Museumsalltag letztlich nicht der virtuelle, sondern der reale Museumsbesuch mit verkauften Eintritts­karten. Und um den fürchten die Museumsleute zu Recht immer mehr.

War Leonardo schwul?

Mantra-artig ist bei der Vorstellung des Google-Kunstprojekts daher betont worden, dass die Lust am realen Museumsbesuch durch vergrößerte Bilder und virtuelle Rundgänge steigen werde. Das kann man durchaus bezweifeln. Die hübsche Spielerei wird sicher nicht dazu beitragen, dass die vor dem Computer verbrachte Zeit auch eines Kunstliebhabers weniger wird. Zumal – nach Google-Angaben – jedes Museum aufgenommen werden kann. Wann die nächsten folgen, steht allerdings noch nicht fest.

Das ist schade – zumindest für alle Liebhaber von neuen Theorien über die richtige Mona Lisa. Jährlich kommen rund zwei Vorschläge, wen Leonardo da Vinci gemalt haben könnte. Dass es Lisa del Giocondo ist, wie von Giorgio Vasari behauptet, gehört zu den beliebtesten Zweifeln der Kunstgeschichte. Würde Mona Lisa aber hochaufgelöst im Internet stehen, wäre mit stündlichen Entdeckungen zu rechnen, da das Original und Originaldokumente offenbar schon lange nicht mehr zum Beweis von Theorie herangezogen werden müssen. So verkündete in der vergangenen Woche der italienische Kunsthistoriker Silvano Vinceti, die Lichtreflexe in den Augen der Mona Lisa stellten ein S und ein L dar, womit Leonardo gleich mehrere geheime Aussagen getroffen habe: Dass er selbst schwul war und für Mona Lisa sein Geliebter und Schüler Salai Modell gestanden habe. Der ­Louvre, momentan noch nicht bei Googleart, aber im Besitz des Originals, kann keine buchstabenförmigen Lichtreflexe erkennen und dementierte.

Uta Baier bebobachtet für den Freitag das Kunstgeschehen

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