Ulrike Winkelmann
13.08.2010 | 16:30 36

„Reiche ticken wirklich anders“

Im Gespräch Lange war über Reichtum in Deutschland nicht viel bekannt. Bis Markus Grabka anfing, Statistiken auszuwerten

Der Freitag: Herr Grabka, kommt Ihnen das Wort „die Reichen“ leicht über die Lippen?

Markus Grabka:

Nein.

Warum nicht?

Weil es in Deutschland keine klare Definition von Reichtum gibt, auf die man sich geeinigt hätte – ob Reichtum etwa nur am Einkommen oder auch am Vermögen festzumachen ist, ob Reichtum ab einer Million Euro Nettovermögen beginnt, oder wie auch immer. Der Begriff

ist zu unscharf, und das ist ein Grund, warum er so merkwürdig aufgeladen ist und auf viele auch abschreckend wirkt. Ich rede lieber von Wohlhabenden oder Vermögenden.

Aber wir wissen doch alle, was gemeint ist, wenn es heißt, die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander.

 

Das schon, diese wichtige Erkenntnis füttere ich ja auch immer mit meinen Zahlen. Aber dabei präzisiere ich stets, von welchen Einkommensgruppen ich rede – etwa dem obersten Zehntel und dem untersten Zehntel der Einkommensskala. So haben etwa die Realeinkommen des obersten Zehntels in den letzten zehn Jahren um 17 Prozent zugenommen – beim ärmsten Zehntel dagegen um zehn Prozent abgenommen. Aber ob Reichtum beim siebten oder erst beim zehnten Zehntel beginnt, das ist nicht eindeutig.

Der Bürgermeister von Hamburg, Ole von Beust, beklagte sich vor seinem Rücktritt, dass in der feinen Hansestadt neuerdings mit dem Reichtum geprotzt und er nicht mehr nobel verborgen werde. Kann es sein, dass der Umgang mit Reichtum sich geändert hat, weil die Reichen in den vergangenen Jahren so sehr dazugewonnen haben?

Mit meinen Zahlen kann ich solch soziologisch angelegte Fragen nicht beantworten. In der Tat aber beobachten wir Verschiebungen auch in der Zusammensetzung des Reichtums, zu welchen Anteilen er also er­arbeitet oder vererbt oder auf andere Weisen generiert wurde. Klar ist, dass der erarbeitete Anteil abnimmt. Australische Zahlen weisen darauf hin, dass auch das Bindungs- und Heiratsverhalten Reichtum sichert und vermehrt. Demnach lassen sich neun Prozent der gestiegenen Ungleichheit durch gewandelte Partnerwahl erklären.

Haben Wohlbestallte nicht immer schon vor allem unter­einander geheiratet?

Nein, der Trend ist auch in Deutschland zu beobachten, dass es deutlich weniger Heiratsmobilität zwischen den Schichten gibt: Früher hat ein Arzt oft die Krankenschwester geheiratet, heute heiraten der Arzt und die Ärztin. Da kommen dann zwei starke Einkommen und oft genug auch Erbschaften zusammen. Das entspricht der bereits mit Zahlen gut belegbaren Entwicklung, dass Mobilität und Durchmischung der Schichten in Deutschland abnehmen: Wer unten ist, bleibt dort – und wer oben ist auch. Das sollte uns übrigens noch mehr beunruhigen als die bloße Existenz von Armut.

Warum wird Reichtum erst seit so wenigen Jahren überhaupt erforscht? Auch der inzwischen dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung handelt zum allergrößten Teil von Armut ...

Das muss auch so sein, weil dort der Handlungsbedarf so groß ist.

Dennoch gab es offenbar lange über Reichtum nichts zu sagen, weil es keine Daten gab.

Ja, aber beginnend mit 2002 gibt es halbwegs akzeptable Aufstellungen zu den Vermögen in Deutschland. So verfügen die reichsten zehn Prozent über mehr als 60 Prozent des gesamten Nettovermögens in Deutschland. Auch die Zahl der Millionäre hat trotz Finanzmarktkrise deutlich zugenommen. Ganz neu ist jetzt die Erfassung der Anwartschaften in den Alterssicherungssystemen. Die enormen Ungleichheiten darin eingerechnet, klafft die berühmte Schere sogar noch weiter auseinander, denn durch die Altersvorsorgen werden die Nettovermögen noch einmal fast verdoppelt.

Warum hat eigentlich ausgerechnet mit der Jahrtausendwende die Ungleichheit so stark zugenommen? War das wirklich die Steuerreform von Rot-Grün?

Das ist bislang nicht ordentlich quantifiziert worden – ich arbeite gerade daran. Einige Studien befassen sich mit der relativ starken Zunahme von Einpersonenhaushalten und Alleinerziehenden zu der Zeit, sowie der veränderten Partnerwahl. Das fließt sicherlich alles hinein. Aber die Veränderungen des Steuer­tarifs, die ja in Stufen kamen, haben sicherlich eine große Rolle gespielt, zusammen mit den Veränderungen am Arbeitsmarkt.

Sie haben die Debatte über die zunehmende Ungleichheit mit Ihren Zahlen mit gestaltet. Sind Ihnen ein paar Vermögende auch schon einmal auf die Füße getreten und haben darum gebeten, diese unschönen Dinge nicht immer weiter zu veröffentlichen?

Nein. Es ist aber in der Tat so, dass ich früher ausschließlich Kontakt mit Menschen aus der Mittelschicht hatte und sicherlich auch einige Leute kannte, die den unteren Schichten zuzurechnen sind. Aber kürzlich traf ich dann bei einer Stiftungsveranstaltung, wo ich einen Vortrag hielt, das erste Mal auf richtig ernsthaft Reiche. Die ticken wirklich anders.

Wie?

Es gibt da Menschen, die sagen, sie gehen ins Ausland, weil ihnen hier die Einkommens-, Vermögens- und Erbschaftsteuern zu hoch sind: Schweiz, Monaco, und so weiter. Sie sagen aber, dass sie dadurch Deutschland etwas Gutes tun. Sie könnten sich schließlich nicht regelmäßig eine neue Yacht kaufen. Darum steckten sie ihr überschüssiges, mit den Steuerersparnissen noch vermehrtes Geld in ihre in Deutschland ansässigen Unternehmen. Und damit sorgten sie für Arbeitsplätze und Wohlstand.

Dann könnten sie doch ebenso gut in Deutschland auch Steuern zahlen.

Wie gesagt, die ticken so nicht. Das muss man im Gespräch dann erst einmal akzeptieren. Es ist sehr interessant, diese Sichtweise kennenzulernen.

Derzeit outen sich alle paar Tage Leute in den Zeitungen, die gern mehr Steuern zahlen würden – jüngst etwa der Drogerie-König Rossmann. Gibt es womöglich eine moralische Wende an der Vermögenden-Front?

Immerhin gibt es doch einige Leute, denen die aktuelle ­Situation Sorgen bereitet. Die zentrale Frage dahinter ist: Wie viel ­Ungleichheit wollen wir? Mein Eindruck ist, das die amtierende Regierung beschlossen hat, das aktuelle Maß an Ungleichheit reicht nicht aus, ­sondern sie möchte offenbar durch noch mehr Ungleichheit Leistungs­anreize setzen. Meine Meinung ist, wir haben ein Maß an ­Ungleichheit erreicht, das auch ökonomisch nicht mehr optimal ist.

Lese ich nicht auch in DIW- Veröffentlichungen, dass in Deutschland im ganz großen Stil umverteilt wird?

Ja, wir wissen zwar, dass wir im internationalen Vergleich recht viel umverteilen – also an Volumen umwälzen. Nur fördern die Habenden – gerade auch die Mittelschichten ­– sich zum beträchtlichen Teil auch selbst. Das Geld kommt nicht dort an, wo es hingehört. Bestes Beispiel ist die letzte Kindergelderhöhung: Hartz-IV-Empfänger bekommen nichts, die Mittelschicht bekommt 20 Euro mehr, und die Bestverdiener erzielen über den Steuerfreibetrag ein sogar noch höheres Plus. Irrwitz.

In Reaktion auf die jeweils neuesten Ungleichheitsdaten kommt stets das Argument, die Besserverdiener trügen schon die steuerliche Hauptlast: Zehn Prozent der Steuerpflichtigen zahlen 52 Prozent der gesamten Einkommensteuer, die unteren 50 Prozent lediglich 6,5 Prozent.

Das ist immer die gleiche mutwillige Teil-Betrachtung. Außen vor bleibt dabei, dass durch die Beitragsbemessungsgrenze die relative Sozialabgabenbelastung mit jedem zusätzlichen Euro an Verdienst immer weiter sinkt. Zudem können sich Wohlhabende einen deutlich preiswerteren Versicherungsschutz bei einer privaten Krankenversicherung einkaufen als gesetzlich Versicherte. Auch die Belastung duch indirekte Steuern wird oftmals vergessen. Etwa die Mehrwertsteuer belastet die Geringver­dienerhaushalte mit ihren relativ hohen Kosumausgaben stark. Das ist genau der Grund, warum es ein großer Fehler ist, die Umverteilungsdebatte auf die direkten Steuersätze allein zu beschränken. Die Forderung nach einem höheren Spitzensteuersatz hat eher plakativen Wert.

Kürzlich sagte der Grüne Sven Giegold, der zwar rot-rot-grün regieren möchte, dabei aber auf Realismus pocht: „Wir dürfen uns nichts vormachen, die Ungleichheit nimmt überall zu – auch in den skandinavischen Ländern.“ Die Umver­teilungsfähigkeit selbst einer linken Regierung sei demnach begrenzt. Hatte er Recht?

Nein. Wahr ist, dass zwei Drittel der OECD-Länder in den letzten Jahren eine wachsende Ungleichheit verzeichnen. Deutschland ist da nur insofern eine Ausnahme, als hier die Ungleichheit besonders stark und schnell wächst. Aber ein Land hat es zum Beispiel auch geschafft, den Trend umzudrehen: Großbritannien. Die Labour-Regierung hat bis vor kurzer Zeit Kinderarmut sehr konsequent bekämpfen und die Ungleichheit insgesamt reduzieren können.

Ich trage Ihnen ein Zitat des Elitenforschers Michael Hartmann vor: „Es gibt keinen Fall in der Menschheitsgeschichte, in dem die als zu groß empfundene Ungerechtigkeit nicht zu einem Knall geführt hätte.“ Denken Sie das auch?

Ein schöner Satz. Aber die Frage ist, ob das auf die heutige Situation übertragbar ist. Schauen Sie mal nach draußen auf die schöne Shopping- und Büromeile Friedrichstraße. Seit einiger Zeit sieht man hier Menschen in den Mülltonnen nach Pfandflaschen wühlen. Aber es sieht nicht aus, als stünden wir vor einem Knall, oder?

Dr. Markus Grabka (42), ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sein Schwerpunkt ist die personelle Einkommens- und Vermögensverteilung. Der Informatiker und Soziologe findet, Wissenschaftler sollten ihre Erkenntnisse so formulieren, dass das Publikum ganz von selbst die richtigen Konsequenzen zieht.

Kommentare (36)

Fritz Teich 14.08.2010 | 04:33


Aber ein Land hat es zum Beispiel auch geschafft, den Trend umzudrehen: Großbritannien. Die Labour-Regierung hat bis vor kurzer Zeit Kinderarmut sehr konsequent bekämpfen und die Ungleichheit insgesamt reduzieren können.
>>

Dazu haette ich ja gerne mal absolute Zahlen gelesen. "Trend" ist ziemlich nichtssagend. "Die ticken anders" haette einen eigenen Artikel verdient. Die zahlen zum Beispiel nicht fuer Afghanistan. Und nicht fuer Hartz IV. Und machen ihre eigene Politik.

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Ehemaliger Nutzer 14.08.2010 | 13:01

Die Reichen ticken anders. Das ist wahr. Denn sie haben gelernt, vor allem von von der Arbeit anderer zu leben. Ob sie nun durch Dividenden, andere Unternehmensgewinne, Miet- und Pachteinnahmen oder nur durch Zinsen ihr Leben bestreiten und ihren Reichtum vermehren, ist einerlei, denn es ist immer Geld aus der Arbeit von anderen. Das hat z. B. bei dem reichsten Deutschen Karl Albrecht (Aldi Süd) dazu geführt dass er rechnerisch seit 40 Jahre einen Stundenlohn von 491.652 € plus ein paar Euro für seinen Lebenswandel bezieht (www.meudalismus.dr-wo.de/html/stundenloehne2008.htm). Diesen Geldregen schafft kein Mensch alleine. Rund 200.000 Menschen arbeiten bei Aldi und Millionen Menschen stehen bei Aldi an, um ihr Geld dort abzugeben - nur so wurde ein kleiner Krämerssohn zum reichsten Deutschen: durch die Arbeit anderer. Mit eigener alleine wäre er allenfalls "Mittelschicht".

Und weil die Reichen anders ticken, tickt natürlich auch die breite Masse anders. Sie begreift gar nicht, dass wir in D seit Ende des 2. Weltkriegs ein großes Monopoly-Gesellschaftsspiel neu gestartet haben. Sie wissen doch - bei Monopoly: Am Anfang sind alle gleich und alle haben die gleichen Chancen. Am Ende hat einer alles, ist der Reichste, und die anderen sind verarmt und pleite.

Die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer, als Markus Grabka sie schildert. Nach seinen Maßstäben (denen des DIW freilich) gehört der überwiegende Teil der Bevölkerung zur sog. Mittelschicht. Unter Berufung auf Ludwig Erhard, der eine "breitgeschichtete Massenkaufkraft" und die Abschaffung von Arm und Reich erzielen wollte, behaupte ich: wer Mittelschicht sein will, muss auch eine mittlere Kaufkraft besitzen. Das bedeutet, er muss - immer oder im Durchschnitt - eine mittlere Geldmenge besitzen. Die beträgt zurzeit 32.004,52 € (im Sinne von M1 = Bargeld + Girokontoguthaben) pro Haushalt. Wer nur weniger als die Hälfte davon hat (Armutsdefinition) ist nicht Mittelschicht, sondern "kaufkraftbefreite Unterschicht". Mittelschicht sind nur noch etwa 4% der Bevölkerung!

Magda 14.08.2010 | 14:26

Ganz interessant, vor allem die Zahlen und Daten über die Reichtumsverteilng, aber wie Reiche "ticken" ist - glaube ich - weniger das Problem. Das personalisiert irgendwie alles und führt schnell auch ins Moralisieren.

Was die Schlussfrage mit dem "Knall" betrifft: Das klingt ein bisschen wie auf der "Titanic" kurz vor dem Eisberg.

Wir werden uns - hoffentlich nicht zu katastrophal - noch wundern und fragen, warum wir das nicht haben kommen sehen.
Vielleicht aber weniger in Deutschland, da sind die Leute unendlich geduldig, aber anderswo.

Magda 14.08.2010 | 14:32

"Die Deutschen sind in absoluter Mehrzahl anscheinend ein obrigkeitshöriges, man könnte auch sagen, bis zur Selbstverleugnung angepasstes und dummes Volk, was sich in Armut und Elend stürzen, berauben lässt, ohne das Millionen auf die Strasse gehen, bzw. im wahrsten Sinne des Wortes, "auf die Barrikaden." "

Schreiben Sie doch nicht sowas, werden Sie lieber Lampenputzer. :-))

Was sie über die "deutsche Krankheit" schreiben - leider zu wahr. Dann kommt als nächstes die Gefahr, dass die von dieser deutsche Krankheit Beherrschten auf den nächsten kranken Herrschertypus fliegen. Das kann einen schon ängstigen.

WhiteHaven 14.08.2010 | 19:41

Also ich empfehle die Wortwurzel des Wortes reich" nachzuschlagen: Wahrig, deutsches Wörterbuch: reich [ althochdeutsch rihhi, englisch rich, gotisch reiks germanisch rikja; zu germanisch rik "Herrscher", keltischen Ursprungs; verwandt mit -> recht]
da wird einem doch manches viel klarer, gell! Apropo, das Verwandtschaftsverhältnis recht zu reich sieht man doch in vielen Justizsystemen praktiziert: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen"
Die Oligarchie ist die Geißel der Menschheit!

j-ap 14.08.2010 | 21:40

Ich habe es Ihnen früher schon geschrieben und ich schreibe es Ihnen heute noch einmal, denn Sie lagen früher schon falsch und es wird auch nicht durch abermalige Wiederholung richtiger: Sie verwechseln Kaufkraft mit verfügbarem Einkommen. Deshalb sind Ihre Geldmengenbetrachtungen (die zu ersterem gehören) auch völlig an der Sache vorbei gezielt.

Jawohl, die meisten kennen Monopoly. Und gerade weil die meisten Monopoly so gut kennen, verwechseln sie es auch mit der real existierenden Ökonomie. Die ist aber gerade kein Monopoly, denn es gibt in ihr weder einen von vornherein feststehenden und invariablen Kapitalstock (Straßen, Häuser, Hotels) noch von vornherein festgesetzte und unveränderliche Preise (für Straßen, Hotels, Mieten) noch eine von vornherein festgesetzte und unveränderliche Geldmenge. Soetwas gibt es nur bei Monopoly und in prähistorischen Agrargesellschaften. Wir befinden uns aber weder im einen noch im anderen.

kahalla 15.08.2010 | 00:02

Es ist klar, dass seit der Wiederauferstehung des Neoliberalismus in Deutschland imer unverschämter Lobbypolitik betrieben wurde.
Dies ist ein Zerfall des bürgerlichen Systems, dem die bürgerlichen Werte abhanden gekommen sind. Die Leitlinien Einigkeit und Recht und Freiheit sind nur noch Phrasen, weil sich immer mehr und immer stärkere Verbände und Einzelpersonen darüber hinwegsetzen. kann dide deutsche justiz denn die massenhaften verstöße gegen die persönlichkeitsrechte von großen Konzernen ahnden? Kann sie wirkungsvoll den Massenbetrug großer Telefon- und Medienkonzerne, sogenannter Billigfluglinien und ähnlicher organisierter Betrüger abstrafen? Nein kann sie nicht. Die Justiz hat nur wirksame Strafen gegen wirkliche Personen in der hand, während die juristischen Personen, seien es Konzerne, verbände parteien oder stiftungen nicht justiziabel sind. Auch arbeitsteilige Verbrechen sind Verbrechen. Schade dass die Politik der Justiz dafür keine Handhabe gibt.
es gibt menschen die erkennen darin eineneuen Feudalismus.
Mir sieht das eher wie ein Sklavenhalter und Militärstaat altrömischer Provenienz aus. Diese organisierte Barbarei als kulturelles Vorbild hinzustellen ist zur Zeit sehr in Mode. Auch hat sich die Ausdifferenzierung in arm und reich schon zum Ende des Mittelalters, mit Aufkommen der Renaissance und zeitgleich mit der allgemeinen Gültigsetzung römischen Rechts extrem verschärft. Während es zuvor katastrophen gab, von denen aber jeder mehr oder weniger betroffen war, startete das römische Recht erneut eine Ära der menschengemachten Katastrophen, die selektiv auf bestimmte Bevölkerungsgruppen oder Landstriche einprasseln. In unseren breiten führte dies zur fremdbestimmung des kaiseres durch Fugger und welser, der nur dann Waffen bekam, wenn er genehme Kriege führte und so den Reichtum der geldgeber noch vermehrte. dass diese Funktionalisierung des Kaisers über viele interne krisen letztlich in die Katastrophe des 30 jährigen Krieges führte und den Zusammenbruch einer Kultur herbeiführte interessiert die heutigen Fuggers und Welsers einen Dreck. Sie treiben das Spiel auf dem Rücken der Armen und zerstören so alles was an einer bürgerlichen Gesellschaft gut ist.
Sie kaufen die wissenschaft um das zu beweisen was sie für richtig halten, si kaufen sich menschen die ihnen Sklaven zuführen, si kaufen staatsoberhäupter im Dutzend, nicht nur im armen Afrika, sondern in den USA, in Europa und sonstwo auf der Welt. Wenn diese Menschen die Katastrophe nicht kommen sehen, dann sind sie wirklich blind, oder besser, blöde..

THX1138 15.08.2010 | 02:28

Reich? Immer mehr Reiche? Jetzt? Explodierende Vermögen, explodierende Einkommen oben, unten Stagnation oder Schrumpfung und ganz unten nur noch Sozialhilfe?

Der aufmerksame Beobachter stellt in Europa und den USA folgendes fest: All diese Phänomene lassen sich seit den Achzigerjahren beobachten. Festzuhalten bleibt: Seit den Achzigern ist die Anzahl der Computer und computerähnlichen Apparaturen (Desktops, Multimediahandys u.ä.) geradezu explodiert (genauso wie die Zahl der damit verbundenen Möglichkeiten für Firmen und Privatpersonen), weshalb man heute von einer technologischen Revolution sprechen muss- ganz speziell aus Sicht der da und dort wachsenden und ganz, ganz oben entsprechend explodierenden Einkommen und Vermögen. Unten wird's langsam für immer mehr Menschen eng, das kann System haben, muss aber nicht, denn, wie der von mir hochgeschätzte und allgemein als links eingestufte Ökonom und Wirtschafttheoretiker Karl Polanyi einst treffend- wenn auch auf das Zeitalter der industriellen Revolution gemünzt- festgestellt hat:

"Fortschritte werden immer zum Preis sozialer Umschichtungen erkauft."

Und die Entwicklung des Prozessors, Chips oder Transistors ist ein Fortschritt, wenn auch einer, mit dem wir noch gar nicht richtig umzugehen bereit sind. Ich denke, diesem ganz zentralen Umstand sollten wir bei aller Kritik am voherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell mehr Rechnung tragen. Es ist allerdings auch nicht vor der Hand zu weisen, dass die neoliberale Ideologie- oder besser, ihr heutiger Ableger, bzw. ihre heutige Interpretation- seit den Achzigerjahren ebenfalls ganz erheblich an Einfluss gewonnen hat- zum Nachteil des einfachen Bürgers, der Zivilgesellschaft, Staat und Politik.

geisterhoernchen 15.08.2010 | 11:24

Ich habe es schon öfters hier kundgetan, aber auch hier kann ich nicht umhin, das nochmal zu erläutern:
Unter der Regierung Merkel ist die Zahl der Millionäre/Milliardäre von 600.000 auf fast 1 Million gestiegen!
Leider finde ich gerade nur die Statistik von 2007. Darin sind die Deutschen weltweit Nummer 2 mit der USA und die Schweiz ist das Land mit den prozentual meisten Reichen.

Die CDU und die Neoliberalen haben es also geschafft, dass jeder 80te Deutsche mehr als eine Million auf seinem Konto hat. Natürlich sind es genau die, welche vorher schon gut versorgt waren.
de.wikipedia.org/wiki/Million%C3%A4r

wingthom 15.08.2010 | 13:00

"Reich" könnte man doch auch so definieren: der Mensch hat ein ausreichend großes und vor allem mobiles Vermögen, um sich den Staat aussuchen zu können, in dessen Verantwtortungsbereich er es verlagert.

Die "Armen" und die Mitglieder der Mittelschicht, die einen Abstieg in Armut befürchten, sind weniger mobil, aber sie leben ihren Grad an Freiheit aus, indem sie sich verweigern: sie verweigern dem Staat - dem sie nicht trauen - die Nachkommenschaft in ausreichender selbst erhaltender Zahl.

Was dem "Reichen" die Flucht ins Steuerparadies und in die Stiftung, ist dem "Armen" die Einkindfamilie oder der Verzicht auf Nachkommen überhaupt.

Hierdurch erledigt sich das Problem der "Armut" von selbst, ohne dass politisch allzuviel unternommen werden müsste.

Giuseppe Navetta 16.08.2010 | 23:58

@kahalla

Ob das römische Recht eine Art ursächliches Grundübel war und schnurstracks in einer Linie mit Ausartungen neoliberaler Ordnungspolitik bzw. eher nicht vorhandener Ordnungspolitik zu sehen sind, sei mal dahingestellt, zumal das römische Recht durchaus schon Bestandteile des modernen bürgerlichen Individualrechts besaß, weit entfernt vom damals eher üblichen Vergeltungsrecht oder dem Standesdünkel des Wergeldes bei germanischen Völker- und "Staatsgebilden.

Hinsichtlich der Verantwortungslosigkeit eines Teils unserer vermeintlichen Eliten gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht: Ihr Gestus wie Habitus ist nicht nur zynisch sondern schlichtweg dumm!

claudia 17.08.2010 | 12:58

>>Und wovon leben die Arbeiter?
von einem Teil des durch ihre Arbeit erzeugten Mehrwerts.
Um diesen Teil nicht immer kleiner werden zu lassen, wurden einst Gewerkschaften gegründet.

Die steigende Arbeitslosigkeit wurde von den Käufern der Arbeitskraft aber benützt, um die gleichgewichtserhaltende Funktion der Gewerkschaften auszuhebeln.
Mit dem Herrschaftsinstument "Agenda 2010" wurde das Wachstum des Ungleichgewichtes zwischen Arbeitskraft und Produktionsmittelbesitz institutionalisiert.

Aquarius 18.08.2010 | 16:10

Vielleicht ist es auch so, dass man nur dann gern Steuern zahlt, wenn man den Eindruck hat, dass die Steuern effektiv, sinnvoll und auch gerecht eingesetzt werden. Dieser Eindruck wird von der Regierung nicht immer erfolgreich vermittelt. Dies gilt besonders für die Bildungspolitik aber auch für die Sozialpolitik. Beispielsweise ist es schwer für einen Steuerzahler zu verstehen, dass wir ein Sozialsystem finanzieren, dieses aber nicht so ausgestaltet ist, dass Notleidende in ihrer Würde unangetastet bleiben. Medial werden auch viel mehr Schwarze Schafe herausgestellt als solche, die um eine neue Existenz und den Weg aus der Not kämpfen, aber von den Behörden zumindest keine geeignete Unterstüzung und oft auch Steine in den Weg gelegt bekommen. Auch frage ich mich, ob es bei manchen Steuern - PKW, Hundesteuer, Umsatzsteuer - nicht gerechter oder zumindest transparenter erschiene, diese zweckgebunden für Verkehrsinfrastruktur und Umweltschutz, Freilaufwiesen und Wirtschaftsförderung zu erheben. Insgesamt klaffen Abgründe zwischen den Erwartungen der Bürger und Steuerzahler und der Leistungen der Regierungen in den vergangenen Jahren. Im Königreich Bhutan misst man das Bruttosozialglück. Sowas Ähnliches in Deutschland anzufangen wäre vielleicht nicht verkehrt. Vielleicht würde aber auch mehr Macht beim Volk, z.B. durch mehr pläbiszitäre Elemente in der politischen Kultur, dazu beitragen, dass über weitreichende politische Entscheidungen eine neue Diskussionkultur entstehen könnte. Denn neben dem Gefühl, dass unsere Steuern nicht da ankommen, wo wir es wichtig finden, ist das Gefühl der alltäglichen Ohnmacht gegenüber dem Handeln der politischen Kaste noch drängender.

chrislow 18.08.2010 | 23:50

@Aquarius

"Beispielsweise ist es schwer für einen Steuerzahler zu verstehen, dass wir ein Sozialsystem finanzieren, dieses aber nicht so ausgestaltet ist, dass Notleidende in ihrer Würde unangetastet bleiben."

Mag ja sein, dass einmal ein Steuerzahler derart über Steuermittelverschwendung gesprochen hat. Allerdings ist diese Aussage aus dem Mund eines Steuerzahlers wahrscheinlich die reinste heuchellei. Wo sich doch in Deutschland jeder selbst der Nächste ist, soll er sich gerüchteweise doch mal irgendwann für die Würde anderer verbal eingestzt haben? So Gläubig (Naiv) kann doch kein Mensch sein und es dem auch noch wirklich abnehmen.
Sehrwohl aber ist der Satz ohne Hinweis auf die Würde schon zutreffend. Und das wollen aber nicht nur Steuerzahler - sondern vielleicht auch bedürftige. Steuermittel mögen in keiner Phantasie (und auch nicht im Schwarzbuch) regelmässig als verschwendet erklärt werden. Aber ein Anteil eines ganzen ist immer auf der Kippe zum Verlust und sollte immer auch vorab eingerechnet werden. Der Wirkungsgrad des Geldes (aber das hatten wir schon vielfach bemängeld und die Lösung war auch nicht besser - Privatisierung) ist in ab einer Größe des Verwalters und Verwenders (z.B. Ministerien und untergeordnete Institutionen) eben nicht mehr so hoch, wie man gerne hätte. Das betrifft auch große nichtstaatliche Institutionen - etwa riesige Konzerne. Werden nicht auch bei Lebensmitteldiscountern regelmässig Lebensmittel in den Müll entsorgt?

Für mich geht einzig eine Klage über Verschwendete Steuermittel durch, wenn der Grund sich deutlich auf Neid zurückführen lässt. Einige würden sicher erklären, es sei doch eine Art Verantwortung auf solche Misstände hinzuweisen. Aber auch das geht mit auf die Neidschiene... Und so beneidet der eine den anderen, jeweils den eigenen Mangel beklagend in Form von Absprache des anderens Überflusses (Geld vs Zeit).

Der Beitrag macht tatsächlich spass und lässt mal wieder erkennen, wie subtil statistische Erhebungen in eine Falle locken können. Und aber wie man aus einigen Finten noch ganz andere Erkenntnisse erzielen kann.

chrislow 19.08.2010 | 00:09

Dr. Wo schrieb am 14.08.2010 um 11:01 :

...wer Mittelschicht sein will, muss auch eine mittlere Kaufkraft besitzen. Das bedeutet, er muss - immer oder im Durchschnitt - eine mittlere Geldmenge besitzen. Die beträgt zurzeit 32.004,52 € (im Sinne von M1 = Bargeld + Girokontoguthaben) pro Haushalt. ...

-> Das ist eine interessante Aufrechnung. Mit sicherheit ist die Frage des Wohlstandes nicht eine von Wertschätzung, sondern von Gegenwert (also wohl Kaufkraft). Diese Frage kann auch nicht aus der Sicht eines Afrikaners beantwortet werden - denn der würde 1000 euro sicherlich für viel Geld halten ( in seinem Land - etwa Äthiopien?)

Und so kann diese Rechnung von Dr. Wo sogar dem näher kommen, was wirklich ist. Und also ein Großteil der so beneidenswerten Mittelschicht schon "kaufkraftbefreite Unterschicht" angehört.
Und nun kommt die Angst genau derer und deshalb wird Schuldiger gesucht und gefunden. Über Steuermittelverschwendung und also natürlich die Arbeitsunwilligen ALG2 Empfänger.... Anstatt sie sich erstmal um ihre eigenen Gefahren kümmern. Aber so ist es mit den einfachen Lösungen. Sie werden doch immer bevorzugt.

tabascoman 22.08.2010 | 02:00

Was ist das für ein Artikel der etwas beschreibt was nicht mal klar zu definieren ist?

Wobei über die Folgen von Reichtum -dann sollte man nämlich den Politikern mehr Verfügungsmasse geben- ziemlich klare Aussagen getroffen werden.

Und wo liegen die Ursachen von Reichtum?
-Vielleicht in noch intakten Familien (die aber von der Steuergesetzgebung parteiübergreifend seit Dekaden zerstört wird) oder
- in den Erbanlagen (für Fleiß, Zielstrebigkeit, Zuverlässigkeit, Intelligenz usw) oder
- als Ausfluß unseres ach so leistungsfähigen Schulsystems (PISA lassen wir mal draußen vor, Tatsachen stören nur),
- oder weil die Reichen genügend ferngesehen haben?
- oder weil man den Verlockungen von Werbung widerstand?

Reichtum hat auch Ursachen. Sicher weiß die Gewerkschaft als auch die gesamte Neidindustrie woran Reichtum liegt: nur an der Ausbeutung anderer. Wie schon Karl Marx schrieb (der nie gearbeitet hat, sondern sich von Herrn Engel alimentieren ließ).

Reichtum hat Ursachen. Diese wurden nicht genannt.
- einmal Erbschaften, also unverdientes, nicht selber verdientes Geld.
- dann selber verdientes Geld. Durch gute Geschäftsideen.
- und selber verdientes Geld durch Fleiß
- und natürlich auch zugeflossenes Geld ohne große eigene Leistungen. Wie bei Gewerkschaftlern die Vorstandsposten durch das Mitbestimmungsgesetz in vielen Betrieben haben, aber auch Politiker die entsprechende Nebenjobs bekleiden und ähnliches.

Genauso gibt es Ursachen von Armut.
- Unfähigkeit für eine eigene Meinungsbildung (Politiker lieben solche Wähler)
- Faulheit und Dummheit (schon die Bibel nennt Fälle, in denen Bettler zu faul sind "den Löffel zum Mund zu führen"!)
- natürlich auch Zufälle die zur Armut führen. Es ist keine Schande hinzufallen, nur liegenbleiben ist eine Schande.
- Krankheiten können natürlich auch zur Armut führen.

Es gibt also viele Ursachen für (angeblichen) Reichtum und (angebliche) Armut. Auf keine dieser Ursachen wurde im Artikel eingegangen, sie wurden nicht einmal genannt.

Was soll das?

E. Arneck 23.08.2010 | 17:30

Solange niemand eine glaubwürdige und historisch unverbrauchte Alternative zu all dem hier zu nennen weiß, ist es nahezu Energieverschwendung sich damit auseinanderzusetzen. Ist nicht der Zorn offensichtlich da? Aber die Alternative, eine, die in Zeiten der Globalisierung und durch diese entmachteter nationaler Regierungen, brauchbar wäre, fehlt.