Integriert euch!

Eingliederung Lange hat die Mehrheit einige Reiche aus Ignoranz oder falsch verstandener Toleranz einfach Parallel-Gesellschaften aufbauen lassen. Damit muss jetzt Schluss sein

Sie verschanzen sich hinter hohen Hecken. Kaum steht die Sonne schräg, lassen sie die Halbtonnen-Last der Rollläden herunter – per Knopfdruck und einer elektrischen Walze, denn niemand könnte das Gewicht von Metall-Lamellen auf der Breite solcher Fensterfronten noch mit dem Seilzug heben. Niemand weiß, was diese Menschen dann dort treiben, welchen Riten sie nachgehen. Was geschieht in den 65-Quadratmeter-Wohnzimmern der Bürgerhäuser in Ostwestfalen, Starnberg, Blankenese oder Zehlendorf? Was hat es zu bedeuten, dass sich in den Küchen fünf verschiedene Sorten Meersalz mit französischen Etiketten auf dem Regal drängen? Wieso ist da ein quadratisches Loch in den Terrakotta-Fußboden eingelassen mit einer hoffentlich bruchfesten Glasscheibe darin, durch die in den Weinkeller geschaut werden kann? Die Einwohner, die täglich diesen kleinen Kitzel wollen, wenn ihr Instinkt sie davor warnt, auf die Glasscheibe zu treten, geben keine Auskunft. Sie sprechen ohnehin fast nur mit ihresgleichen.

In den Milieus des oberen Einkommens- und Vermögenszehntels hat sich eine Parallelgesellschaft ausgebildet. Jahrzehntelang hat die Mehrheitsgesellschaft alles getan, um sie zu integrieren. Von einem erwachsenen Menschen ist nur ein begrenztes Maß an innerer Flexibilität zu verlangen. Aber den Kindern aus diesen Milieus standen alle Sportvereine offen, sie konnten jederzeit öffentliche Schulen besuchen. Möglicherweise ist der Zeitpunkt gekommen, zu sagen: Für weitere Geduld besteht kein Anlass mehr. Die Saturierten hatten ihre Chance, sie haben sie nicht genutzt. Sie müssen sich Integrationsverweigerer nennen lassen.

Gefesselt an den Dampf-Backofen

Wie anders ließe es sich auch bezeichnen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zunehmend in Autos bewegen, die entweder das Tragen von großen Sonnenbrillen erfordern oder deren getönte Scheiben sie vor Blicken schützen? Deren Karosserie die gesamte Breite der städtischen Fahrspur einnimmt und sie immer nur weiter über das Niveau des Straßenpflasters erhebt, so dass sich das Fahrergesicht hinterm Lenkrad nur mehr erahnen lässt? Gehen sie einem Sport nach, so nutzen sie nicht die öffentliche Infrastruktur, besuchen nicht die Schwimmbäder, die sich die deutsche Gesellschaft errichtet hat. Nein, lieber kreiseln sie in eigenen Pools, und sollten sie auch alle zehn Meter zum Wenden gezwungen sein. Oder sie kommen in kleinen Gruppen an Golfplätzen zusammen, auf denen die einzige Person mit einem Durchschnittseinkommen der Golflehrer ist.

Der Zivilisationsgrad und die demokratische Durchdringung einer Gesellschaft wird oft an der Stellung der Frau gemessen. Zu Recht. Die Frauen reicher Familien werden immer noch zu einem erschreckend hohen Anteil im Reproduktionsalltag eingesperrt, verurteilt dazu, die Kinder zur Schule zu fahren, sie von dort abzuholen, zum Geigen-, Klavier-, Fecht- und Ballett-Unterricht zu fahren. Erwerbstätigkeit ist der Frau in solchen Milieus nicht grundsätzlich verwehrt. Doch verlangen die sozialen Traditionen von ihr meist weiterhin einen Teil-Berufsverzicht: Es soll nicht so aussehen, als reichte das Einkommen des Mannes nicht, um den Dampf-Backofen und den Kühlschrank zu füllen, in dessen Tür ein Eis-Zerkleinerer eingelassen ist.

Oft ist die einzige Erwachsene, mit der diese Frauen im Laufe eines Tages vertrauensvoll sprechen können, die philippinische Kosmetikerin, die ins Haus kommt. Zugleich trägt der Trend zur hochpreisigen Inhouse-Dienstleistung allerdings zur Vereinsamung bei. Schließlich kann nicht jedes Thema mit den Honorarkräften beredet werden. Mit Glück hat die Gattin des Wohlstandsbürgers auch eine Freundin in der Nachbarschaft. Von ihren Verwandten ist sie oft genug abgeschnitten, weil seine Karriere den Umzug in die Fremde erzwang: Ehegattennachzug ist ein ungelöstes Problem. Drogenmissbrauch ist bei einem erkennbaren Prozentsatz die Folge. Kaum eine Bevölkerungsgruppe nimmt so viele Antidepressiva wie Hausfrauen in den Besserverdienden-Ghettos, mindestens ebenso viele begeben sich in die Abhängigkeit von Wunderheilern, die ihnen kleine Zuckerkügelchen gegen Hautunregelmäßigkeiten an den Beinen verschreiben und sie in die Arme einer wissenschaftlich kaum kontrollierten Wellness- und Heilkunde-Industrie treiben. Das Ergebnis: Viele trauen sich nur noch zum Shoppen vor die Tür.

Den Rückschlag spüren die Männer

Der psychosozial prekäre Zustand dieser Frauen schlägt auch auf das Befinden der Männer zurück. Ungemessen, aber sicher außerordentlich hoch ist der Anteil von ihnen, die nur noch deshalb mit ihrer Gattin zusammenwohnen, um die Immobilie zu retten: Laut einer US-Studie schmiedet nichts eine Ehe fester zusammen als ein teures Haus. Hinzu kommt, dass das Scheidungsrecht mittlerweile zwar Frauen benachteiligt, die einen Beruf zu Gunsten von Kindern aufgegeben haben. Dies aber gilt nicht für die Rente: Der Rentenanspruch des Mannes wird durch eine Scheidung weiterhin halbiert. Das zwingt diese Männer zu außerehelichen Affären, die oft genug ins Halbdunkel ungünstig gelegener Mittelklasse-Hotels verlagert werden und so das Bild einer tragfähigen und glaubwürdigen Lebensgemeinschaft nachhaltig schädigen: Ein unermesslicher Schaden für die nachwachsende Generation.

Ohnehin müssen die Kinder dieser Milieus hinnehmen, schon vom ersten Lebensjahr an von ihren Altersgenossen isoliert zu werden: Die Bildungsvorstellungen ihrer Eltern sind aufgedunsen durch abwegige pädagogische Ansprüche und Wertvorstellungen. In einem Berliner Aufsteiger-Quartier wurde beobachtet, wie unschuldige Zweijährige aus der Kindertagesstätte, in die sie sich gerade erst eingelebt hatten, abgemeldet wurden, um fortan in die deutsch-chinesische Kita zu gehen. Begründung: Chinas Bedeutung im deutschen Export sei speziell nach der Wirtschaftskrise dergestalt gewachsen, dass eine künftige Spitzenkraft auf Chinesisch-Kenntnisse nicht verzichten können werde. Ein Land, dessen Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft auf fröhliche, gesunde Kinder angewiesen ist, kann und sollte so etwas nicht mehr hinnehmen.

Auch die Kinder Vermögender haben ein Recht auf Normalität, haben ein Recht auf Erfüllung des zutiefst menschlichen und sinnvollen Bedürfnisses, dazuzugehören. Doch niemand verweigert seinem Nachwuchs so konsequent wie viele Bessergestellte lehrreiche Erfahrungen darüber, wie die Mehrheitsgesellschaft lebt, wie sie kommuniziert. Wie aber sollen die jungen Menschen sich in Deutschland noch zurechtfinden, wenn sie auf einem Gang durch eine beliebige Fußgängerzone nur noch Menschen begegnen, deren Sprache sie nicht sprechen, deren Habitus sie nicht deuten können, vor denen sie Angst empfinden müssen? Bis zum 18. Lebensjahr werden diese Kinder in Schulen gesperrt, deren Besuch Geld kostet. Sie sitzen in Klassenverbänden mit Kameraden, deren Eltern samt und sonders Ärzte, Anwälte, und Manager in Energieunternehmen sind. So entstehen soziale Ghettos, deren Grenzen auch zu den Grenzen der Phantasie und der Emotionen der jungen Leute werden müssen.

Von Debatten ausgeschlossen

Diese Tragik wird noch dupliziert durch die Segregation in den Systemen der gesundheitlichen und der Altersvorsorge. Im Reich der Privaten Krankenversicherung (PKV) gibt es kein Maß und Mittel mehr, nur noch die Vergütung dessen, was die forschende Arzneimittelindustrie hergibt. Den Jüngsten wie den Ältesten werden Medikamente verordnet, deren Nutzen so wenig erwiesen ist wie der Schaden ermessen. Statt junge, verantwortungsbewusste Oberärzte, die ihre Uni-Zeit noch nicht vergessen haben, behandeln PKV-Versicherte stets Chefärzte – auch wenn sie vom Stand der Wissenschaft längst abgekoppelt sind. Gleichzeitig interessiert sich der PKV-Versicherte nicht mehr dafür, wie sich der Versorgungsstand der übrigen 90 Prozent der Bevölkerung entwickelt. An Debatten um Gesundheitsreformen muss er als Laie teilnehmen.

Nichts kann es rechtfertigen, diesen Leuten ihre Abschottung weiter zu erlauben. Möglicherweise braucht mancher von ihnen Hilfe. Hier könnten Gesetzesänderungen etwa zur Aufhebung der Schranken zwischen privater und gesetzlicher Versicherung oder zwischen den verschiedenen Schulformen, dienlich sein. Doch der Staat kann nicht alles leisten, er soll es auch nicht. Wer verhindern will, dass Populisten auf der Welle der Frustration über misslungene Integration reiten, muss die Verursacher beim Namen nennen und zur Verantwortung rufen. Es sind die Gutverdiener, die sich bewegen müssen.

08:00 02.09.2010
Geschrieben von

Ulrike Winkelmann

Ressortleiterin Politik
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare 111

Avatar
markisen | Community
Avatar
preussenmichel34 | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
hibou | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community