„Ich bin in der Hölle eingesetzt“

Arbeitsmarkt Die Bundesregierung sieht in ihrer Antwort auf eine Anfrage der Grünen kaum Probleme oder Risiken für Zeitarbeiter – ganz im Gegensatz zu den Betroffenen

Es ist die Geschichte zweier Wirklichkeiten. Die eine sieht so aus: „Zeitarbeit bietet in der Regel voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse und damit eine Absicherung wie für alle anderen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten“, lobt die Bundesregierung und singt das süße Lied nahender Vollbeschäftigung auf einem wunderbar flexiblen Arbeitsmarkt. Die andere Realität: Zeitarbeit ist in unserer Gesellschaft eine legale Sklavenhaltung. So schreibt es ein Nutzer namens Birger in einem Internetforum. Hunderte andere stimmen ihm zu.

Aufgeschreckt von mehreren Studien über erhebliche Gesundheitsrisiken bei den gut 820.000 Leih- und Zeitarbeitern hatten die Grünen bei der Regierung nachgefragt. Doch die Antworten auf 14 Seiten, die dem Freitag vorliegen, bringen wenig Erkenntnis. Zusätzliche psychische Belastung durch unsichere Zeitarbeit? Das muss man differenziert sehen. Besonders häufige Krankmeldungen? Liegen vielleicht am „ungünstigeren Gesundheitsverhalten“ des Präkariats. Höheres Unfallrisiko? Keine statistischen Daten. „Unterm Strich ignoriert die Bundesregierung komplett die Gesundheitsrisiken in der Leiharbeit“, erregt sich die Grünen-Abgeordnete Beate Müller-Gemmeke. „Das kann nur als verantwortungslos bezeichnet werden.“

Chance und Sprungbrett

Nur an einer Stelle deutet Arbeits-Staatssekretär Ralf Brauksiepe (CDU) in seinen Antworten an, dass ein Problem vorliegen könnte. Zwar sei die „Beschreibung systemischer Belastungsspektren für die Zeitarbeit“ kaum möglich, heißt es in dem Regierungspapier. Doch gebe es psychische Erschwernisse, die auch in der Leiharbeit aufträten: „niedrige Entlohnung, strukturelle Ausgrenzung aus dem Entleihbetrieb, geringere Planbarkeit im Berufsleben, erhöhte Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen und soziale Ausgrenzung“.

Die öffentlichen Klagen vieler Zeitarbeiter sind weit weniger dezent. Ihr Zorn legt nahe, dass sie sich wie der letzte Dreck am Arbeitsmarkt fühlen und massiv darunter leiden – physisch und psychisch. Seit Februar des Jahres arbeite ich auch bei so einer Sklavenhalterfirma und bin in der Hölle eingesetzt, schreibt im Internet zum Beispiel die 55-jährige Bilanzbuchhalterin Ursula, die nach der Schließung ihrer alten Firma in der Zeitarbeit gelandet ist. Jede Putzfrau wird besser behandelt als ich! Meine Bezahlung ist unter aller Sau: 7,62 Euro pro Stunde plus ein paar Cent übertariflicher Leistung.

Staatssekretär Brauksiepe macht Hoffnung, dass die Bezahlung bald besser wird. Das Bundeskabinett habe ja am 20. Dezember der Lohnuntergrenze zugestimmt – 7,01 Euro im Osten und 7,89 Euro im Westen. Und es gebe bereits Gespräche von Tarifparteien der Zeitarbeit über eine „Annäherung an Equal Pay“, versichert er in seinen Antworten an die Grünen. Noch sehen viele Leiharbeiter ihre Realität allerdings anders – wie Nutzer Felixx, der vor einigen Monaten schrieb: 6,65 pro Stunde, kein Urlaubsanspruch, für vier Stunden Arbeit bis zu 2,5 Stunden Anfahrt. Man wird belogen – betrogen sowieso. Warum werden diese Firmen nicht verboten, die mit dem Arbeitsvertrag gleich aufs Aufstocken mit Hartz IV hinweisen?

Die Nase voll

Die Bundesregierung lobt die Zeitarbeit als Sprungbrett für Arbeitslose zum schnellen Übergang in feste Beschäftigung. „Zeitarbeit bietet insbesondere Langzeitarbeitslosen und gering Qualifizierten vergleichsweise gute Chancen für den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt“, heißt es in der Antwort. Nutzer a.wittek ist da skeptisch: Ich bin seit vier Jahren schon Zeitarbeiter und das in derselben Firma. Ich habe echt die Nase voll. Wenn wir wenigstens das gleiche Geld bekommen würden wie ein Festangestellter. Aber nein, da ist kein Weg drin.

Besonders streicht das Arbeitsministerium heraus, es handele sich bei der Leiharbeit „in der Regel um voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse, für die grundsätzlich die gleichen Arbeitnehmerschutzrechte gelten wie für andere Arbeitsverhältnisse auch, so zum Beispiel das Kündigungsschutzgesetz und das Teilzeit- und Befristungsgesetz“. Alles schön ordentlich und geregelt also.

Doch auch dem widersprechen die im Internet kolportierten Horrorgeschichten. So scheint es mit dem Kündigungsschutz nicht weit her zu sein, glaubt man der Userin Sklavenhandel, die über einen Todesfall in der Familie schreibt: Wir fuhren den gleichen Tag noch zur Beerdigung nach Bosnien, die Firma war über alles genau informiert. Wir haben der Firma einen Termin mitgeteilt, wann wir wieder zurück sind, es hieß, kein Problem, sie planen ihn ab diesem Termin wieder ein. Wir kommen zurück, Kündigung im Briefkasten.

Die Regierung betont, es gebe keine Statistik, ob Leiharbeiter ein höheres Unfallrisiko hätten als andere Arbeitnehmer. Im übrigen gelte: „Der Arbeitsschutz in Unternehmen ist grundsätzlich geregelt und gilt auch für Beschäftigte von Zeitarbeitsunternehmen.“ Ein Cem erzählt dagegen im Forum folgende Geschichte: Bei meiner letzten Arbeit musste ich bis zu 70 Stunden in der Woche arbeiten und brauchte für den Weg 1,5 Stunden. Als ich einen Arbeitsunfall hatte und zwar Späne in den Augen, die rausgebohrt wurden, sagte man mir, wenn ich in einer Woche nicht arbeiten könne, könnte ich sofort zuhause bleiben.

Mit dickem Hals am Kochtopf

Weit verbreitet scheint die Angst, sich Krankheit nicht erlauben zu dürfen. Der Nutzer Nettle45 fragt auf der Seite des Erwerbslosenforums um Rat: Ich arbeite seit 14 Tagen bei einer Zeitarbeitsfirma als Beikoch. Jetzt habe ich einen Infekt und einen dicken Hals und habe mich heute für eine Woche krank gemeldet. Wie sind eure Erfahrungen, ist man da schon gefeuert? Nutzerin Raja steuert bei, ihre Zeitarbeitsfirma habe ihr, als sie Fieber bekam, zu einem Antrag auf unbezahlten Urlaub geraten. Ich habe das Gefühl, ich erhalte bald die Kündigung. Irgendwie komme ich mir verarscht und ausgenutzt vor. Diese ganze Situation macht mich so unglücklich, dass sich mir der Magen zusammenzieht.

Dass Leiharbeiter oft unter ihrer Lage leiden, stellte die Techniker Krankenkasse schon in einem Report 2009 fest. Arbeitsplatzunsicherheit, schlechte Einkommen, Unterforderung und fehlende Entwicklungschancen belasten demnach ihre Psyche. Sie fühlen sich kränker als andere Arbeitnehmer und haben mit 14,7 Fehltagen pro Jahr vier mehr als der Durchschnitt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit ergänzte 2011, dass „sich temporäre Beschäftigung aufgrund der damit verbundenen Planungsunsicherheit negativ auf das individuelle Wohlbefinden auswirken kann“. Sie trage zudem dazu bei, sich aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu fühlen. Diese Wahrnehmung rufe einen psychologischen Zustand hervor, „der vergleichbar ist mit physischen Schmerzen“.

Die Bundesregierung schließt aus dieser Studie jedoch nur: „Erwerbstätig zu sein, steigert das Gefühl, in der Gesellschaft integriert zu sein, weil die soziale Teilhabe zunimmt.“ Arbeit eröffne Einkommensmöglichkeiten und soziale Kontakte und „wirkt in psychosozialer Hinsicht förderlich“. Gute Arbeit? Schlechte Arbeit? Alles eins.

Boomendes Geschäft

Leiharbeit nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz gibt es seit Jahrzehnten. Richtig Schwung in das Geschäft der rund 10.000 Zeitarbeitsfirmen brachte aber erst die Deregulierung. So wurde die früher geltende Befristung des Verleihens auf drei Monate seit 1985 immer weiter aufgeweicht; 2003 schaffte die rot-grüne Regierung die zeitliche Begrenzung ganz ab. Seither wuchs die Zahl der Zeitarbeiter in der Bundesrepublik von etwa 330.000 auf 820.000 im Jahr 2010.

Zeitarbeiter sind nominell regulär mit Sozialversicherungsschutz bei einer Firma angestellt, die sie anderen Unternehmen gegen Gebühr verleiht; Gehalt und Leistungen laufen auch, wenn die Beschäftigten nicht verliehen sind. Oft wird dies mit Arbeitszeitkonten organisiert. Als Leihgebühr kalkulieren Zeitarbeitsfirmen meist das Doppelte vom Stundenlohn des Arbeitnehmers. Der Entleiher hat trotzdem Vorteile: Ist die Auftragslage flau, spart er sich den Leiharbeiter einfach.

Die Kritik an der Zeitarbeit ist laut und vielstimmig. Der Deutsche Gewerkschaftsbund bemängelt, dass Leiharbeiter seit der Deregulierung oft wesentlich weniger verdienen als Stammbeschäftigte; Arbeitgeber nutzten dieses Schlupfloch. Der DGB verlangt gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Der Bundesverband Zeitarbeit und Personaldienstleistungen verteidigt dagegen die Leiharbeit als Sprungbrett in den konventionellen Arbeitsmarkt. tt

17:22 13.01.2012
Geschrieben von

Verena Schmitt-Roschmann

Verena Schmitt-Roschmann ist Ressortleiterin Politik des Freitag.
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