Bleiben, wo ich nie gewesen bin

Heimat Dieses Konzept haben die Linken lange vernachlässigt. Plötzlich aber erscheint es wieder brauchbar. Warum eigentlich?
Bleiben, wo ich nie gewesen bin
Ist Heimat wirklich neu? Die Sehnsucht jedenfalls hat viele eingeholt

Foto: Rene Burri/Magnum Photos/Agentur Focus

Gregor Gysi erzählt gern die Geschichte vom Förster und dem Wald. Zwischen zwei politischen Terminen im Schwarzwald hatte der Linksfraktionschef noch eine Stunde Zeit, da bat ihn der Forstmann, doch mit auf einen Spaziergang zu kommen. Erst dachte Gysi, ach je, ich habe noch so viele Vorlagen zu lesen, aber dann ging er doch mit. Und es lohnte sich. Der Mann kannte jeden Busch, jeden Moosbatzen, jede Ameise und jede Kellerassel. „Er liebte den Wald“, erinnert sich Gysi. „Da ist mir zum ersten Mal klar geworden, was Heimat sein kann. Dieser Wald war für ihn Heimat. Und hättest du ihn von diesem Wald getrennt, dann hättest du ihm den ganzen Sinn seines Lebens genommen.“

Die Episode, die Gysi auf einem „Heimatabend“ in Bochum wiedergab, zeigt wohl am besten, dass ihm das ganze Konzept einigermaßen fremd ist. Heimat, das sei „für einen Linken besonders kompliziert“. Es gebe ja ganz offensichtlich eine positive Besetzung des Begriffs – Kindheit, Geborgenheit, Muttersprache. Aber dann verbinde sich damit eben auch das Negative und das Undurchsichtige – Vaterland, Nationalismus. Und Erika Steinbach. „Kann Heimat eine politische Kategorie sein?“, fragte Gysi. „Und kann man sich den Begriff auch nach links erschließen?“

Tatsächlich macht sich die politische Linke an dem Begriff längst zu schaffen. Nicht nur Gregor Gysi bestreitet nun Heimatabende. Auch die SPD hat das Thema längst entdeckt. Die Grünen treibt es als Teil der Umweltbewegung ohnehin in Variationen seit 30 Jahren um. Vergangenes Jahr machte die Ökopartei in Bayern auf einem eigenen Heimat-Kongress ganz offiziell ihren Frieden mit Dirndl und Lederhose.

Noch in den fünfziger Jahren sei Heimat ein „Schreckenswort“ gewesen, sagte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast einmal. Es war das Refugium der Konservativen, eng, reglementiert, ausgrenzend. Historisch vermintes Gelände. Nun scheint der Schrecken zu verblassen. In einer Emnid-Studie aus dem Jahr 2010 sagten 92 Prozent der 1.004 Befragten, für sie sei Heimat wichtig; jeder Zweite gab an, die Bedeutung habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Heimat im 21. Jahrhundert scheint irgendwie besser als früher, unverfänglicher. Vielleicht ist dieses Konzept erstmals seit langem überhaupt wieder brauchbar.

Ständige Brüche

Die neue Nachfrage liegt ganz sicher am Bedarf. Es ist eine rasende Zeit, und die Verunsicherung sucht sich ein Gegengewicht. Die immer stärker spürbare Globalisierung, das ständige Umziehen und Jobwechseln, die familiären Brüche, die zerschlissenen Bindungen zu Parteien, Kirchen und Vereinen, der Verlust des Eigenartigen inmitten der H&M-Fußgängerzonen und Ikea-Wohnzimmer, die globale Einebnung des Geschmacks zwischen Glutamatsoße und Tiefkühlpizza, der Flächenfraß zulasten der Umwelt, die nicht enden wollende Wirtschafts- und Finanzkrise – all dies nährt offenbar die Sehnsucht nach Identität, nach Beständigkeit und Gründung.

Das ist die globale Kulisse. Und die Deutschen zeigen sich für diese Sehnsucht besonders empfänglich. Wer sich die Gesellschaft seit der Vereinigung anschaut, kann sich darüber kaum wundern. Rund 16 Millionen Menschen in Deutschland haben nach der amtlichen Statistik einen Migrationshintergrund – ein erheblicher Teil der Bevölkerung lebt hier zwischen Noch-nicht-ganz-angekommen und Fast-schon-wieder-weg. Und jeder ist zurückgeworfen auf die Frage, wo er eigentlich hingehört.

Ebenso viele Bewohner hatte die ehemalige DDR, die nicht nur als politisches System, sondern eben auch als „Heimat“ mit ihren eigenen Regeln und Produkten untergegangen ist. Mit dem echten Spee und dem gelben Licht der Straßenleuchten, die über Nacht ersetzt wurden. „Wir sind Fremde im eigenen Land geworden“, so sagt es eine Ostberliner Künstlerin stellvertretend für viele, denen „die Heimat unter den Füßen weggezogen“ wurde. Auch Gysi bekannte in Bochum, dass er erst jetzt „beginne, in der Bundesrepublik heimisch zu werden“. Zwei Jahrzehnte nach der deutschen Vereinigung ist das für Millionen Menschen noch nicht vorbei: Wie umgehen mit dem Verlust, wie sich neu verorten?

Diese Zeit birgt also so viel Auflösung, diese Gesellschaft so viele Kluften – zwischen einheimisch und zugewandert, zwischen Ost und West –, dass sich der Heimatbedarf leicht erklärt. Die Neigung der Deutschen, bei Verunsicherung in die Heimatsuche zu flüchten, zeigt sich jedoch schon seit 200 Jahren als wiederkehrendes Muster, angefangen mit der ersten großen Mobilisierungswelle um 1800. Ende des 19. Jahrhunderts sah sich eine „Heimatschutzbewegung“ bemüßigt, in einer von Industrialisierung, Kriegen und sozialen Umbrüchen durchgerüttelten Gesellschaft zu retten, was an Traditionen übrig war. Im Kaiserreich und zwischen den Weltkriegen – immer wieder flammte die Sorge auf, Umstürze könnten die heile kleine deutsche Welt unter sich begraben. Heimat wurde überhöht, verkitscht und ideologisiert, längst bevor die Nationalsozialisten das Konzept mit ihrer Blut-und-Boden-Ideologie ins Mörderische verkehrten.

Und selbst danach, in der deutschen Trümmerlandschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde der Sehnsuchtsort weiter stilisiert – allerdings, wie es Künast sagte, zum Schrecken der Nachkriegsgeborenen, die mit der Politik der Heimatvertriebenen ebenso wenig zu schaffen haben wollten wie mit den Egerländer Musikanten oder dem „Förster vom Silberwald“. Eine ganze Generation hielt das Wort lange für sinnentleert und bedeutungslos und politisch verbrannt und zog sich zurück auf die aseptische Alternative: Lebensmittelpunkt.

Die Nation soll schleppen

Nun hat die Heimat sie eingeholt, die Künasts und Gysis, die in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren Geborenen, die sich lange nur wünschten, aus ihrem kleinen, schwierigen Deutschland auszubrechen und im Ausland, in London, New York oder Budapest, möglichst wenig aufzufallen. Und doch ist diese jüngste Heimat-Renaissance, wenn sie denn eine ist, vielleicht anders als die immer wiederkehrenden Rückbesinnungszyklen der vergangenen 200 Jahre: Der Begriff hat etwas von seinem historischen Ballast verloren.

Für viele ist Heimat inzwischen erstaunlich positiv besetzt und erstaunlich unpolitisch. So sagten in der Emnid-Umfrage 88 Prozent der Teilnehmer, der Begriff stehe „für Familie oder Menschen, die einem nahe sind“, 85 Prozent meinten, das sei ein Platz, an dem man sich geborgen fühle. Für 77 Prozent ist es der aktuelle Wohnort, für 72 Prozent der Geburtsort, für 68 Prozent „Gefühle rund um Kindheitserinnerungen“, für 63 Prozent die Region, in der man sich auskennt, und für 61 Prozent die Muttersprache oder der Dialekt. Der Spiegel erhielt auf seine Titelgeschichte im Frühjahr ähnliche Leserreaktionen: Heimat als „Wohlfühlort“, ein kleiner, unbescholtener Flecken.

Noch 1999 nannte immerhin gut jeder Zehnte – ebenfalls in einer Emnid-Umfrage – spontan Deutschland als Heimat. 2010 fehlt diese Verquickung von Nation und Heimat. Eigentlich ist sie ja auch unsinnig, denn Nation ist groß und großspurig und abstrakt, Heimat hingegen kleinteilig und individuell – was aber im deutschen Nationalstaatswirrwarr seit dem 19. Jahrhundert niemanden abgehalten hat, beides stets und ständig zu verquirlen und die Begriffsverwirrung auszuschlachten.

Zu irgendetwas waren die schwarz-rot-goldene Duselei bei der Fußball-WM 2006 und die Nationalstaatsdebatte wohl doch nütze. Wenn die Nation wieder eine Kategorie ist, dann soll die doch den historischen Ballast des politischen Missbrauchs, der mörderischen Ausgrenzung und Vertreibung schleppen. Von der Heimat bliebe dann: ein kleines privates Gefühl, das jeder braucht und das sich jeder erlauben darf.

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08:00 24.12.2012
Geschrieben von

Verena Schmitt-Roschmann

Verena Schmitt-Roschmann ist Ressortleiterin Politik des Freitag.
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Verena Schmitt-Roschmann

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