In der fruchtbarsten Phase

Im Gespräch Der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann fordert eine offene Debatte über die Einführung der Vorschule für alle

Der Freitag: Herr Hurrelmann, ist die Debatte schon ausge­standen, ob Kleinkinder nicht bei Mama generell und immer am besten aufgehoben sind?

Klaus Hurrelmann: Nein, darüber sind wir noch nicht hinweg. Wir sind ja ein sehr konservativer Sozialstaat, und dazu gehört seit über 100 Jahren, dass der Familie die Schlüsselrolle für die Sicherung aller ihrer Mitglieder und der ganzen Gesellschaft zugesprochen wird. Das steht ja auch im Grundgesetz. Allerdings verändern sich in allen industrialisierten Gesellschaften die Eltern in ihrer Erziehungsrolle. Sie haben weniger Zeit mit dem Kind, weil sie häufiger berufstätig sind. Dadurch verschieben sich die Gewichte: mehr organisierte Erziehung durch öffentliche Instanzen, weniger Laienerz­iehung durch Eltern. Das ist ein globaler und epochaler Trend.

Was bedeutet denn eigentlich Bildung für einen Zweijährigen? Es kann ja nicht darum gehen, Vokabeln abzufragen oder Dostojewski auswendig zu lernen.

Es ist im Wesentlichen die Förderung der Wahrnehmung – das Sehen, das Sprechen, das Hören, das Verbinden mit Tasten und Fühlen. Die Hirnforschung hat uns gerade in den letzten Jahren Hinweise geliefert, wie viel da passiert in den ersten Lebens­jahren. Hier wird die ganze Grundstruktur der Persönlichkeit aufgebaut, vor allem auch die Fähigkeit, mit dem eigenen Körper, mit der eigenen Psyche umzugehen und mit der sozialen Umwelt in Kontakt zu treten.

Man könnte ja ganz naiv sagen: Sehen, hören, sprechen, das lernen die doch von allein – wozu frühkindliche Bildung?

Nun, das Kind muss seine Wahrnehmungskompetenzen ja entwickeln und Millionen von Verknüpfungen leisten. Wenn es dafür eine geschickte Vorlage bekommt, wenn man ihm das richtige Futter gibt, die richtige Dosierung von Herausforderung und Unterstützung, dann kommt es mit diesen Anforderungen schneller voran und hat am Ende eine höhere Kompetenz. Hier liegen überraschend große Unterschiede zwischen dem Anregungsgehalt des einen und des anderen Elternhauses.

Das heißt, wir haben im Extrem- fall diese sehr motivierten Eltern, die ihre Dreijährigen zum Violinunterricht schleusen und alles Erdenkliche tun, und das andere Extrem, dass gar nichts passiert ...

… wobei man sagen muss: Beide Extreme sind nicht sonderlich förderlich. Auch dieses übermotivierte Fördern des Kindes hat seine Probleme, weil das Kind nicht in Ruhe gelassen wird. Zu viel Anregung kann ein Kind auch verwirren. Trotzdem hat dieses Kind immer noch eine bessere Vorlage, als wenn gar nichts passiert.

Wenn tatsächlich zu wenig passiert – kann eine Institution wie die Kita das auffangen?

Ja. Diese Institutionen mit professionellen Erzieherinnen können für die Entwicklung der Sinne viel tun. Sie wissen, welche Entwicklungsstufe das Kind hat, die können das gut einschätzen, wenn sie eine gute Ausbildung haben. Was schwer ist und wo die Eltern unersetzlich bleiben, das ist die emotionale Ebene. Das Kind muss den Eindruck haben, hier bin ich sicher, das ist mein fester Halt. Das geht in einer öffentlichen Institution naturgemäß nur zu einem sehr, sehr kleinen Grad.

Aber Sie würden sagen, dass die Kinder trotzdem profitieren?

Oh ja, auf jeden Fall. Auch die emotionale Seite ist ja da, nur eben nicht wie im Elternhaus. Eine qualitätsreiche öffentliche Institution mit guter pädagogischer Arbeit fördert ein Kind immer. Damit stellt sich die Frage, wie viel Zeit das Kind in dieser anregungsreichen Umgebung verbringen kann – und wie viel in der vergleichsweise anregungsarmen Welt des Elternhauses. Das ist in ganz kritischen Fällen durchaus manchmal der Abwägung wert.

Vor diesem Hintergrund: Geht das laufende Krippen-Ausbauprogramm der Regierung bis 2013 eigentlich in die richtige Richtung?

Im Grunde ja. Allerdings steht dabei derzeit im Vordergrund, erst mal genügend Plätze zu schaffen. Das ist in Ordnung. Aber wenn wir dabei stehen bleiben, dann können alle Aspekte, die wir jetzt diskutiert haben, natürlich nicht erfüllt werden. Quantität und Qualität gehören so schnell wie möglich zusammen.

Müssten die Ressourcen und die beste Qualität nicht auf die Kinder konzentriert werden, die am meisten profitieren könnten, also auf die Kinder aus an­regungsarmen Elternhäusern?

Nun ja, oft können diese Eltern den Wert der öffentlichen Institution nicht richtig schätzen. Sie haben Sorge, dass ihnen ihr Kind entfremdet wird. Denn es lernt dort etwas, was es zu­ Hause nicht lernen könnte. Die Barriere, die Kinder in die Kita zu schicken, ist in diesen Elternhäusern manchmal besonders hoch. Das ist eine zusätzliche Herausforderung. Aber wenn man das gut löst, dann investiert man wirklich genau an der richtigen Stelle in die Entwicklung von Kindern. Und es kommen starke Persönlichkeiten dabei heraus – sozial verantwortliche, selbstständige und leistungs­fähige kleine Kinderpersönlichkeiten, so wie man es sich nur wünschen kann.

Wie könnte man Eltern überzeugen, ihre Kinder in die Kita zu geben?

Das geht mit Anreizen, aber auch mit Zugzwängen. Zum Beispiel finde ich die Diskussion, das Jahr vor der Schule in den Pflichtschulsektor einzubeziehen, nachvollziehbar. Damit hätte man von dieser so fruchtbaren Vorschulphase zumindest noch ein Jahr in einer gut sortierten, professionell aufgebauten Vorschulsituation. Aber es beginnt früher. Und eines Tages müssen wir darüber nachdenken, ob es auch zu einer Verpflichtung werden kann, dass Kinder ganz früh in öffentliche Einrichtungen kommen, als Ergänzung zur Familie.

Wenn es gelingt, diese Kinder für öffentliche Einrichtungen zu gewinnen, müssten sie dann nicht auch gezielt gefördert werden?

Ja, grundsätzlich schon. Doch wissen wir auch aus anderen Debatten: Vorsicht mit der gezielten Förderung von Schwachen! Wenn man diese Kinder zusammenfasst und ihnen ein wunderbares pädagogisches Anregungsprogramm bietet, dann kann das dennoch schiefgehen. Denn die Auswahl nach dem Kriterium „sozial schwach“ kann eine ungewollte Stigmatisierung sein. Deshalb gilt eigentlich immer: Das allerbeste ist, alle Kinder zusammen in gemischten Gruppen zu haben. Richtig ist aber eine gezielte Förderung von Einrichtungen in Einzugsgebieten mit vielen bildungsfernen Elternhäusern.

Wäre es sinnvoll, beim Krippenausbau zuerst in sozialen Brennpunkten anzusetzen und dort Geld hinzuschleusen?

Ja, allerdings nur, wenn die genannte Bedingung erfüllt bleibt und keine Isolierung stattfindet. Man sollte versuchen, so ähnlich wie bei „Magnetschulen“ einzelne Einrichtungen zu bevorzugen und attraktiv zu machen.

Sind die Erzieherinnen eigentlich auf ihre Aufgaben richtig vorbereitet?

Wir haben immer noch eine sehr kurze und nicht sehr anspruchsvolle Ausbildung. Da wünsche ich mir dringend, dass wir da Anschluss finden an die führenden Länder in Europa. Die behandeln die pädagogischen Berufe in der Vorschule praktisch wie die in der Grundschule. Das müsste bei uns auch so sein. Auch müsste man die Bezahlung anpassen. Das liegt alles im Argen. Wir haben einen ganz starken Rückstand, und der drückt auf die Qualität.


Klaus Hurrelmann
, Jahrgang 1944, ist Senior Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin. Zuvor war der Soziologe unter anderem Mitglied im Leitungsteam der Shell Jugendstudie. Hurrelmann ist zusammen mit Adolf Timm Autor des kürzlich erschienenen Buchs Kinder Bildung Zukunft. 3 Wege aus der Krise


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08:00 15.09.2011
Geschrieben von

Verena Schmitt-Roschmann

Verena Schmitt-Roschmann ist Ressortleiterin Politik des Freitag.
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Verena Schmitt-Roschmann

Ausgabe 42/2021

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