Peter Hammills "Ophelia"

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Diese miesen last.fm-Wärter lassen nur ein mickeriges Dreißig-Sekunden-Hörbeispiel von Peter Hammills "Ophelia" zu! Ich will mir das entsprechende Album aber nicht kaufen, weil ich es nämlich schon habe. Genauer: Jetzt seit einem Jahr ungefähr wieder habe und zuvor (1981) auch schon mal hatte, dann aber verkaufen musste, weil ich mir von dem Erlös unbedingt irgendeinen anderen heißen Musikscheiß kaufen wollte, nach dem jetzt kein Hahn mehr kräht.

Ich ersteigerte "Sitting Targets" - jene LP des englischen Songwriters und Prog-Exzentrikers Peter Hammill, auf der das wundersame "Ophelia" enthalten ist - also bei Ebay, und sie kam in einem erbärmlichen Zustand bei mir an: Durchnässt und durchweicht, das Paket tropfnass. Ich war bestürzt.

Der Zustand des Pakets war sogar so erbärmlich, dass der Postbote sich nicht traute, es mir auszuhändigen. Stattdessen verschaffte er sich heimlich Zutritt in den Hausflur und legte in aller Stille das zerfledderte, triefende Paket vor meine Wohnungstür.

Ich weiß nicht, was er sich davon erhoffte, vielleicht dachte er, damit könnte er das Ganze verdrängen - aus den Augen, aus dem Sinn -, aber als ich nach Hause kam und die Peter-Hammill-Platte so unwürdig im Flur liegen sah wie einen gestrandeten Schweinswal, war ich dermaßen erbost, dass ich sofort zur Hauptpost fuhr, um dem Schaltertypen die traurigen Überreste des Pakets und alle seine mittlerweile sich abgelösten Bestandteile auf den Tresen zu werfen.

Der Beamte konnte auf die Schnelle keine Gegenargumente aufbringen und so diktierte ich ihm meine Beschwerde in seinen Kugelschreiber, mehrmals nachfragend, ob denn auch wirklich meine sorgfältig gewählten Worte der unmissverständlichen Geringschätzung dieses ungeheuerlichen Vorgangs den Postboten mit ganzer Wucht erreichen würden. Nachdem mir das mehrfach versichert wurde, zog ich mit der durchnässten Hammill-Platte wieder von dannen.

Zu Hause angekommen, musste ich gleich "Ophelia" hören. Viele Jahre nun war dieser Song schon nicht mehr Bestandteil meiner Plattensammlung und doch konnte ich das Stück immer wieder ohne Probleme aus den Gedanken abrufen - und jetzt beim echten Hören bemerkte ich, wie genau ich es die Jahre über in meiner Erinnerung bewahrt hatte.

Der rollende Anfang der Akustikgitarre, die seltsame Geschichte über Ophelia, über einen unvorbereiteten Fremden, über die seltsamen Wege, die Gefühle manchmal gehen. Der Text ist ein Rätsel. Warum handelt Ophelia mit Wasser? Wieso ist der Wasserpreis so tief? Ein Gesicht erscheint im Feuerschein. Könnte jemand sein, den man nicht vergisst. Feuer und Wasser. Ein Gefühl geht. Und Ophelia geht auch - runter zum Fluss.

Peter Hammills Gesang ist erstaunlich sanft, dabei ist er ansonsten der unlockerste aller meiner Lieblingssänger. Johnny Lydon/Rotten schätzte ihn ebenfalls und bezeichnete Hammills LP „Nadir’s Big Chance“ als eine seiner Initialzündungen zu Punk, was ich aber anhand von „Nadir“ nie nachvollziehen konnte. Dass Hammill ins leicht Psychotische fällt, nach Ärger und Problemen riecht, ist schon eher eine Punk-Blaupause.

Jedenfalls singt er auf „Ophelia“ sanfter als sonst, hat dann aber in der Folge alle möglichen Interpretationen und Zustände des Songs in zahllosen Live-Versionen über die Dekaden durchgekostet. Nicht immer interpretiert er dabei die Zeile, die er dreimal wiederholt - „you throw yourself against the wall/ you throw yourself against the wall/ you throw yourself against the wall“ - so versöhnlich wie auf der Studioversion des “Sitting Targets”-Albums. Ein besonders guter Live-Mitschnitt (von 1983) ist hier zu finden. Und da merkt man dann in allem - im Gestus, in den Bewegungen, im aggressiven Ausstoß des Verses - wo die Energie steckt, die Johnny Rotten Peter Hammill und Punk zusammendenken lässt.

Ist die hammillsche Ophelia eigentlich die shakespearsche Ophelia? Die schöne Ophelia, von Hamlet schroff abgewiesen, die ihr Lebensende schließlich in einem morastigen Gewässer fand? Ist es das, worauf sich Hammill bezieht, wenn er den meisterhaften Refrain traurig in die Tiefe zieht: „It’s so strange how the feeling goes/ All change down the river Ophelia goes“?

Und dann kam mir ein seltsamer Gedanke:

Ist jenes durchnässte Exemplar von „Sitting Targets“, das ich vor meiner Wohnung fand, womöglich durch eben jenen Morast gezogen worden, in dem der bleiche Körper der armen, abgewiesenen Ophelia sein Leben verlor? War es womöglich gar nicht der Postbote, der mir die Platte vor die Wohnungstür legte?

Das durchtränkte Plattencover von "Sitting Targets" trocknete nach diesen Geschehnissen übrigens einfach so ein und sieht heute aus wie neu.

00:06 25.01.2010
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wahr

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