Bimbes und Buddy

Porträt Paul Ziemiak ist neuer CDU-Generalsekretär – und ein Kumpel, auf den sich die Unternehmer verlassen können

Im ersten Wahlgang votierte Paul Ziemiak für Jens Spahn, in der Stichwahl unterstützte er Friedrich Merz, am Ende folgte er Annegret Kramp-Karrenbauer. Da soll noch einer sagen, der neue CDU-Generalsekretär wäre nicht flexibel. „Verräter“ schallte es ihm von enttäuschten Merzianern entgegen, „Wendehals“, „Seitenwechsler“, „Judas“. Hermann Hesse, der Schatzmeister der CDU-Mittelstandsvereinigung, giftete: „Unglaublich, wie man jemanden zum General vorschlagen kann, der noch nie mit bodenständiger Arbeit Geld verdient hat, der keinen vernünftigen Abschluss vorweisen kann und das reale Leben nur aus der Politikbrille kennt ... Das war dann der erste Griff ins Klo von AKK.“

Solche Vorwürfe passen Paul Ziemiak, 33, gut ins Konzept. Denn die Geschichte, die er nur allzu gern erzählt, ist die herzzerreißende Geschichte vom armen, fleißigen Aussiedlerkind aus dem polnischen Stettin, das sich gegen alle Anfeindungen und Widerstände nach oben kämpfen muss: „Egal, wo du geboren wurdest, egal, ob dein Vater studiert hat oder deine Mutter Hausfrau ist, wenn du hart arbeitest, kannst du es schaffen.“ Meist folgt dann die Heldengeschichte von seiner todesmutigen Kampfkandidatur um den Bundesvorsitz der Jungen Union (JU) im September 2014: David gegen Goliath. Der bescheidene, mittellose Paul Ziemiak gegen den überheblichen Platzhirsch mit dem berühmten Namen. Der „harte Arbeiter“ Ziemiak schaffte es.

Man kann seine Erfolgsgeschichte aber auch ganz anders erzählen: als bequemen Aufstieg eines nicht gerade bienenfleißigen Wohlstandsbürgers mithilfe der Buddynetzwerke der Reichen und Einflussreichen. Ziemiak wiederholt auf seine Weise die Geschichte des jungen Helmut Kohl, der in den 1950er Jahren mit dem Rückenwind der Chemieindustrie in die Politik startete und stets über ausreichend Bimbes verfügte, um seine Gegner kurzzuhalten.

An Bimbes fehlte es dem Iserlohner „Straßenjungen“ Ziemiak offensichtlich nicht. Er besuchte ein privates Internat, das in der Oberstufe 2.450 Euro kostet. Pro Monat! Anschließend studierte er ein bisschen Jura in Osnabrück und Münster und suchte sich die passende „Amicitia“ (grob übersetzt: Buddykultur). Er wurde Mitglied in den katholischen Studentenverbindungen „Widukind Osnabrück“ (Kopfcouleur: Kleiner Biedermeier in Grün) und „Winfridia Breslau/Münster“ (Wahlspruch: „Frisch, Frei, Fromm!“). Zweimal flog er durchs Examen, dann studierte er „Unternehmenskommunikation“ auf der privaten Iserlohner Fachhochschule „Business and Information Technology School“. Das Grundstudium kostet dort schlappe 27.000 Euro. Der Hochschulgründer, der Iserlohner New-Economy-Tycoon Dietrich Walther, stammt wie Ziemiak aus Stettin. Er war auch Inhaber des Internats, auf dem Ziemiak Abitur machte.

Neben JU-Engagement und Studium arbeitete Ziemiak als Werkstudent in Deutschlands größter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Das Manager Magazin schrieb 2014, Ziemiak stehe – wie andere politische Hoffnungsträger – auf der Payroll des Unternehmens: „Wirtschaftsprüfer PwC hilft Nachwuchs-Star der CDU nach Kräften.“ Das nennt man in der Wirtschaft wohl Vorsorgepolitik. Junge Leute aufbauen! Den Generationswechsel managen. Bei Kohl half die BASF, heute dominiert die Finanzindustrie. Die Steuerexperten von PwC brachten 2017 eine Studie auf den Markt, die nachweisen soll, dass „digitale Geschäftsmodelle“ in Deutschland zu hoch besteuert werden. Da trifft es sich gut, dass die Digitalisierung einer von Ziemiaks politischen Schwerpunkten ist.

Bildungsabschlüsse? Fleiß? Inhaltliche Kompetenz? Das sind Aufsteigerkonzepte von gestern. Man muss die richtigen Leute kennen und telefonieren wie Helmut Kohl. In Politikerporträts heißt es dann ehrfürchtig: „Er ist bestens vernetzt.“ Ziemiak hat das verinnerlicht. Sein Andenpakt heißt „Troika“. Er besteht aus Gesundheitsminister Spahn, Carsten Linnemann, Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung, und Ziemiak. Man hilft sich gegenseitig nach oben. Ohne den Druck der beiden wäre Spahn nicht Minister geworden. Die US-Serie House of Cards war für diese Politiker-Generation eine Art Telekolleg.

Dazu gehört auch, dass man den „Wert Familie“ vorlebt. Ziemiak ist der Patenonkel des jüngsten Kindes des jüngsten Staatskanzleichefs. Nathanael Liminski, rechte Hand von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, war zuvor Redenschreiber bei Roland Koch. Er gehört zum „erzkatholischen Liminski-Clan“. Sein Netzwerk nennt sich „Initiative Pontifex“. Den Bären vom Aufstiegswillen des tapferen Einzelkämpfers kann Ziemiak wirklich nur den Fans bei der JU aufbinden, und vielleicht ein paar gutgläubigen Journalisten. Hinter Ziemiak standen nie bloß die Cheerleader der Schüler-Union mit der Sammelbüchse, sondern ganz andere Kaliber, etwa Arndt Kirchhoff, Chef der milliardenschweren Iserlohner Kirchhoff Gruppe, der nebenbei Präsident des Unternehmerverbands der Metall- und Elektroindustrie in NRW ist und Honorarkonsul Polens. Man kennt sich, man hilft sich. Ziemiaks Aufstieg ist weder Zu- noch Einzelfall.

Aber ein Wendehals ist Ziemiak gewiss nicht. Seine Förderer setzen große Hoffnungen in ihn. Merz war einfach zu alt. Zu arrogant. Ihm fehlten der Biss und die nervöse Angst, den Aufstieg zu verpassen. Man konnte ihn nicht mehr beeinflussen, er war beratungsresistent. Alle, die Merz jetzt bittere Tränen nachweinen, werden merken, dass „der Paul“ (Hashtag auf Twitter: #EuerPaul) ein echter Kumpel ist, auf den sich die Unternehmer verlassen können.

06:00 14.12.2018
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