Das Wesen der Dinge

Themen Beuys' radikale Erweiterung des Kunstbegriffs ging einher mit einer progressiven Vision von sozialer und politischer Neuordnung. Und auch Lehmbruck war überzeugt, dass Kunst die Kraft hat, die Welt zu erklären und sie zum Besseren zu verändern
Das Wesen der Dinge
Joseph Beuys, Krieger, ca. 1955–1958, Privatsammlung, London.

Foto: Bastian Geza Aschoff, 2021 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Plastische Theorie

von Joseph Beuys

„Ja, der Beuys arbeitet mit Filz, warum arbeitet er nicht mit Farbe? Ob ich nicht daran interessiert bin, durch diese Filzelemente die ganze farbige Welt als Gegenbild zu erzeugen, danach fragt keiner. Also: eine lichte, eine klare lichte, unter Umständen eine übersinnliche geistige Welt damit sozusagen zu provozieren, eben durch ein Gegenbild [...].“

– Joseph Beuys

Skulpturen, Objekte und Zeichnungen blieben für Beuys trotz seines erweiterten Kunstbegriffs weiterhin wichtig. Die verwendeten Materialien folgten dabei seinem eigenen Bedeutungssystem. Auf ihren Eigenschaften beruht Beuys’ Plastische Theorie. Ist ein Stoff fest oder flüssig? Leitet er Energie oder wirkt er isolierend? Bestimmte Materialien vermitteln uns ein Gefühl von Kälte oder Wärme, andere Stoffe stehen für Bewegung und Formbarkeit. Diese Begriffe haben immer eine physikalische und eine menschliche Dimension: So ist mit dem Wort Wärme nicht nur die Temperatur angesprochen, sondern auch zwischenmenschliche Wärme gemeint. Oft arbeitet Beuys auch mit Dopplungen oder mit Gegenbildern.

Multiples

von Joseph Beuys

Multiples sind Kunstwerke, die in hoher Auflage geschaffen und preiswert verkauft werden. Vor allem in den 1960er Jahren waren sie beliebt. Kunst sollte nicht der reichen Elite vorbehalten bleiben, auch alle anderen Menschen sollten sich Kunst leisten können. Beuys fertigte insgesamt mehr als 500 unterschiedliche Multiples an. Ihn begeisterte diese ‚demokratische‘ Verbreitung von Kunst auch, weil er damit so viele Menschen erreichen konnte. „Ich bin ein Sender, ich strahle aus.“

Von dem Multiple Intuition stellte Beuys ab 1968 etwa 12 000 Stück her und verkaufte sie zu Beginn für nur 8 DM. Jede der Intuitions-Kisten versah er mit einer Handzeichnung. Er betrieb diesen großen Aufwand, weil es ihm ein wichtiges Anliegen war, so viele Menschen wie möglich zu erreichen: „Ich bin interessiert an der Verbreitung von physischen Vehikeln in Form von Editionen, weil ich an der Verbreitung von Ideen interessiert bin.“ Das Multiple Capri-Batterie aus dem Jahr 1985 ist sein letztes und vielleicht auch sein bekanntestes. Die Zitrone als Energiequelle für die gelbe Glühbirne steht für die Natur als Grundlage jeglicher Art von Energie.

Die Sinne

bei Joseph Beuys

Für Beuys war auch Nicht-stoffliches ein künstlerisches Material. Kunst bedeutete für ihn mehr, als nur das Sichtbare zu erfassen. Es ging ihm um alle Sinne, vor allem aber um die Vorstellungskraft. Das Multiple Geruchsplastik können wir nicht riechen, aber unser Geruchssinn wird aktiviert, und wir stellen uns vor, wie es riechen könnte. Auch die Stimmgabel und das Cello erklingen nicht, und doch spielen sie auf das Hören an. Der Filz isoliert den Ton. Beuys erklärte, dass jede Skulptur einen ‚Innenton‘ hat, der nicht durch das Ohr, sondern intuitiv zu erfassen ist. Zeit war für Beuys ebenfalls ein Material, ebenso wie Schmerz und Leiden. Kunst speist sich aus Erlebtem und Erlittenem, und ihr wohnen besondere Kräfte inne: Durch Kunst können seelische Wunden gezeigt und geheilt werden.

Körper und Ausdruck

bei Wilhelm Lehmbruck

„Ein jedes Kunstwerk muss etwas von den ersten Schöpfungstagen haben, von Erdgeruch, man könnte sagen: etwas Animalisches.“

– Wilhelm Lehmbruck

Wilhelm Lehmbruck suchte in seiner Kunst nicht das getreue Abbild, sondern die geistige Verfassung des Menschen darzustellen. Oft sind es Zustände der inneren Andacht, des Nachsinnens oder des Leidens, für die er nach einem Ausdruck strebte. Vor allem existenzielle Situationen und Empfindungen waren für ihn von Bedeutung.

Lehmbrucks Zeichnungen und Skizzen gleichen einem tastenden Suchen nach der idealen Form. Das Intuitive, Suchende ist auch für Beuys’ zeichnerisches Werk charakteristisch. Beide Künstler führen einen lockeren, offenen Zeichenstrich. Ihre Zeichnungen haben die Funktion von Ideenskizzen. Sie dienten häufig als persönliche Notizen und nur selten als Vorzeichnungen für konkrete plastische Arbeiten. Die Strichführung gleicht dem Denkprozess selbst, der allem anderen vorangeht.

18:57 10.08.2021

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