Gelungener Perspektivwechsel

Kommentar Während der Arbeit am Roman studierte er alles, was er über Graun finden konnte. Außerdem erzählt Marco Balzano wie es war, durch die Augen einer Frau zu blicken, um die Protagonistin Trina die Geschichte mit ihren Worten erzählen zu lassen
Gelungener Perspektivwechsel

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Schon lange wollte ich einen Roman mit einer weiblichen Hauptfigur schreiben. Ich wollte »ich« sagen und eine Frau sein. Jetzt denke ich, dass diese Erfahrung eine der wichtigsten ist, die ich je beim Schreiben gemacht habe. Denn alles wurde ursprünglich, emotional, mütterlich. Verletzlichkeit und Mut, zwei Eigenschaften, die ich nie als gegensätzlich empfunden habe, verstärkten sich in ungekannter Weise. Trina (Caterina) – dies der Name der Protagonistin – heißt wie meine Tochter, wie die Dorfkirche des Grenzorts, an dem die Geschichte spielt, und vor allem wie die Frau, die das Dorf als Letzte verließ, als der Montecatini-Konzern die Häuser sprengte, die Bewohner in Container verbannte, das Staubecken volllaufen ließ und alles für immer überflutete. Als das Wasser schon hoch stand, wurde bemerkt, dass eine alte Frau dortgeblieben war, ein Foto zeigt sie auf einem Tisch kniend, die Hände an das Fensterbrett geklammert. Ich stelle mir Trina vor, die schreit: »Ich bleibe hier!«, und stur Widerstand leistet, auch als sie keinen Boden mehr unter den Füßen hat, sondern Wasser. Ich sehe sie, wie sie sich weigert mitzukommen, als man sie mit einem Boot abholen will und sie wegtragen muss. So eine Frau wollte ich, eine, die so unbeirrbar an ihrer Welt und den ihr lieben Menschen festhält.

In meinen früheren Romanen habe ich immer erzählt, dass es absolut legitim ist wegzugehen, dass die Emigration eine außerordentliche Metapher für unseren berechtigten Wunsch ist, unser Leben zu verbessern und, warum nicht, unser Glück zu finden. Allerdings übersehe ich trotz dieser Überzeugung nicht, wie sehr wir auch Menschen brauchen, die es verstehen dazubleiben, Widerstand zu leisten, die Dinge von innen heraus zu verändern. Doch das ist nicht alles: Ich wollte einen Roman schreiben, der vor einem anderen Hintergrund spielt und ein anderes Thema behandelt, aber dennoch weiter die Benachteiligten, das am wenigsten bekannte Italien beleuchtet, also dem sozialkritischen literarischen Ansatz treu bleiben. Ich fühlte, dass ich mich auf ein anderes Wissen einlassen musste, das mir nicht vertraut war, um die Unruhe und den Hunger dessen zu spüren, der Neuland betritt. Als ich dann an jenem Sommertag im Vinschgau, in diesem Dörfchen wenige Kilometer von der Schweiz und von Österreich entfernt ankam und den Kirchturm aus dem Wasser ragen sah, dachte ich sofort, dass hier eine Geschichte wartete. Ein Schriftsteller ist zuallererst einer, der Geschichten sucht und es versteht, ihnen zuzuhören: Hier ist mir die Geschichte zum ersten Mal von sich aus entgegengekommen. Der Kirchturm erzählt mit seiner Präsenz davon, dass dort unten eine Zerstörung stattgefunden hat und dass es vor der Auslöschung einen vielschichtigen Kosmos von Leuten gegeben haben muss, die mühevoll und mit Würde ihr Leben fristeten. Bauern, Hirten, Senner. Meine Geschichte würde von den Untergegangenen handeln, während sich darüber ganz ahnungslos die Geretteten tummeln. Ja, denn dem Blick des Ankömmlings bietet sich in Graun eine überraschende und beunruhigende Szenerie: Leute, die in der Sonne liegen, Segelboot fahren, am Ufer des Stausees Ball spielen, ein Tretboot mieten, um den Kirchturm zu umrunden, und mit der Kirche im Hintergrund Selfies knipsen. Zwischen dem damaligen Hirtenund Bauerndorf und dem jetzigen Massentourismus besteht keine Verbindung. Zwischen dem seinerzeit armen Südtirol voller Analphabeten und dem Südtirol von heute – reich, ordentlich, mit Geranien an den Fenstern – besteht keine Verbindung. Dieses Dorf und diese Region scheinen auszudrücken, dass sich die Geschichte einfach überlagert, ohne jegliches dialektisches Verhältnis: ohne jegliches Vermächtnis.

Davon bin ich ausgegangen, von Trina und Graun, dem Dorf, das es nicht mehr gibt: ausgelöscht von einem unsinnigen, antidemokratischen Fortschritt, um einen kurzlebigen Staudamm zu bauen, der sehr schnell zu einer Touristenattraktion wurde. Ich habe alles gelesen, was ich darüber finden konnte, und schließlich mit den letzten Augenzeugen gesprochen. Ich erinnere mich an Signora Barbara, die anfangs dachte, ich sei ein faschistischer Spitzel, und sich nicht interviewen lassen wollte. Oder diesen kleinen, alten Mann mit wässrigen Augen und seine Worte, die ich dann Erich in den Mund gelegt habe: »Manchmal schaue ich zum Fenster hinaus und sehe das Wasser nicht. Ich sehe noch die Felder, die Bauernhäuser, den Brunnen, wo das Vieh zur Tränke ging. Ich sehe meinen Vater, der ein Haus für mich baut, das sie zerstört haben, bevor ich es bewohnen konnte.«

Je intensiver ich mich mit der Geschichte befasste, umso klarer wurde mir, dass ich nicht nur von Graun erzählen konnte, da Graun zu Südtirol gehört und man über diese Gegend wenig weiß. Wenn ich mit einer Klasse im Unterricht die Einigung Italiens, den Faschismus, den Nationalsozialismus durchnehme, steht in den Schulbüchern nichts über das, was passiert ist (wie zum Beispiel auch nichts über die Geschichte Friauls). In Südtirol sind jedoch die zwei Diktatoren aufeinander gefolgt. Nach der italienischen Kapitulation vor den Alliierten am 8. September 1943 kommt Hitler, der vielen Einheimischen das zurückgibt, was Mussolini ihnen mit seinem verzweifelten und zum Scheitern verurteilten Versuch, sie zu italianisieren, genommen hatte: die Sprache und die Arbeit. Erst nach Kriegsende finden die Südtiroler ein wenig Frieden. Aber nicht in Graun. Dort setzen die italienische Republik und der Montecatini-Konzern 1949 endlich das Projekt des Staudamms um, das seit über zwanzig Jahren wie ein Damoklesschwert über dem Haupt aller Bewohner schwebte. Und Trina, nachdem sie heimlich Deutsch unterrichtet hat für die Kinder, die in der faschistischen Schule gezwungen wurden, Italienisch zu lernen, nachdem sie in die Berge geflohen ist, um den Razzien der Nazis zu entgehen, Trina beginnt mit ungeahnter Hartnäckigkeit, die Dorfbewohner aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Mit Erich, ihrem Mann, geht sie von Haus zu Haus, um sie einzeln zusammenzutrommeln, Männer und Frauen. Sie fordert sie auf zu protestieren, mit ihrem Vieh auf die Straße zu gehen. Sie schreibt für die Zeitung, sucht beim Bischof, bei Papst Pius XII. um eine Audienz nach. Sie macht so weiter bis zum Schluss: bis das Wasser die Kirche und die Häuser, die Wiesen und die Ställe, die Erinnerungen und die Illusionen überflutet.

Als ich über sie schrieb, dass sie sich an die Wörter klammerte, auch nachdem sie begriffen hatte, dass die sie nicht retten würden, fühlte ich eine nie empfundene Identität zwischen Figur und Autor. Weit stärker als beim Schreiben von Geschichten, die viel mehr mit meiner Biographie zu tun hatten. Ich bin überzeugt, dass ich dieses Gefühl hatte, weil mich mit Trina das verbindet, was Franco Fortini sagt: »Die Poesie/verändert nichts. Nichts ist sicher, aber schreib.«

Ein Kommentar von Marc Balzano
Ursprünglich erschienen im Literaturblog Letteratitudine, Mai 2018

11:00 24.06.2020

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