Tiefe Einblicke

Leseprobe Einige der 22 Begriffe sind uns wohl bekannt, wie der Eintopf »Borschtsch«; manche missverstehen wir, wenn wir z.B. die »Datscha« für einen Schrebergarten halten. Andere werden bis zu Jens Siegerts Zusammenstellung wohl nur Experten bekannt sein
Tiefe Einblicke
Eine Bewerberin übt vor ihrem Auftritt bei der Aufnahmeprüfung an der Zirkusschule in Moskau.

Foto: NATALIA KOLESNIKOVA/AFP via Getty Images

Im Prinzip Russland

Vorwort

Es ist einfach zu verführerisch, ein Buch über Russland mit Fjodor Tjuttschews berühmtem Seufzer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zu beginnen: Verstehen kann man Russland nicht und auch nicht messen mit Verstand. Es hat sein eigenes Gesicht. Nur glauben kann man an das Land. Oft nutzen es Russlandversteherinnen und Russlandversteher, von denen es ja in Deutschland nicht wenige gibt, als eine Art Vorbehalt. Achtung, soll das heißen, das Land ist zu fremd, zu groß, zu wild, zu eigen, um von anderen verstanden zu werden. Tjuttschew in dieser Absicht zu zitieren gleicht einer Kapitulation vor einer vermeintlich unlösbaren Aufgabe. Was dem Dichter, der gleichzeitig Diplomat war, übrigens nicht gerecht wird. Denn als Westler, wie damals in Russland all jene genannt wurden, die ihr Land als einen Teil Europas betrachteten, hat er in mehr gespielter als echter Verzweiflung ein gerüttelt Maß an Ironie in seine Zeilen gelegt.

Nun ist Russland wirklich anders, aber eben nur wie jedes Land anders ist. Vielleicht ist das Leben in diesem wahrhaft großen Land, zumal aus wohlgeordnet-deutscher Sicht, tatsächlich grotesker, absurder, exzentrischer, mitunter auch makabrer als das Leben in Zentraleuropa. Aber dieses Anderssein ist kein Rätsel. Es ist Alltag von knapp 150 Millionen Menschen und damit beschreibbar und auch zu verstehen. Russische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, vor allem die Satiriker wie Nikolai Gogol und später Michail Saltykow Schtschedrin, Ilf und Petrow oder Wenedikt Jerofejew haben das immer wieder überragend bewiesen, und wir ergötzen uns noch heute daran.

Den Blick aus dem Westen trübt jedoch oft noch etwas anderes. Ich möchte es die Nähe im Exotischen nennen, die umgekehrt aber auch das Exotische in der Nähe sein kann. Viele Reisende erwarten in Russland etwas ganz Fremdes, treffen aber auf Europa. Allerdings auf ein russisches Europa. Dieses spezifisch Europäische im Russischen (oder spezifisch Russische im Europäischen) wirkt zwar fremd, aber eben oft nicht fremd genug, um die mitgebrachten Erwartungen, wie anders hier alles sei, zu erfüllen. Das verwirrt. In Afrika oder China ist das Fremde eindeutiger.

Ein anderer russischer Dichter, Alexander Blok, hat sich vor ziemlich genau hundert Jahren über das westliche Barbarenbild von Russland in seinem Gedicht Die Skythen lustig gemacht: Ihr seid Millionen. Wir dagegen Finsternis, Finsternis, Finsternis. Versucht es, Euch mit uns zu schlagen. Ja, Skythen sind wir! Ja, Asiaten! Mit schlitzigen, gierigen Augen.

Aus russischer Sicht ist es eben spiegelbildlich mitunter durchaus bequem, sich hinter dem vermeintlichen Nichtverstanden-werden-Können zu verstecken. Dann muss man sich nicht so anstrengen, die jeweils neuesten Zumutungen der Moderne abzuwehren – die, trotz relativem Bedeutungsverlust, noch immer vorwiegend aus Europa, aus dem Westen kommen. Wir sind anders. Basta! Was wollt ihr denn?

Etwas früher und klüger findet sich dieses Bild übrigens schon in dem konstruierten Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation, wie ihn wohl am eloquentesten Thomas Mann vor hundert Jahren in seinem gewaltigen, 1918 erschienenen Essay Betrachtungen eines Unpolitischen für Deutschland gegenüber dem damaligen Westen, vor allem Frankreich und England, behauptete. In Russland werden Deutsche nicht selten darauf angesprochen, dass man doch eigentlich gemeinsame Sache machen müsse, da Tiefe und Kultur beide Länder verbinde und von der angelsächsisch dominierten, merkantilen Zivilisation trenne.

Russland ist, wie Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts auch, auf der Suche nach sich selbst. Dabei ist es sich, ähnlich wie ein nach Orientierung suchender Mensch, selbst oft ein Rätsel. Die Aussage, ein Land sei rätselhaft, bedeutet ja aber nicht, dass das Rätsel nicht zu lösen wäre. Man braucht nur ein wenig Geduld, Ausdauer und Einfühlungsvermögen.

Um ein Land, sein Volk oder seine Eigenheiten zu verstehen, hilft es sehr, den Leuten aufs Maul zu schauen. Sprache verrät viel über Denken und Fühlen der Menschen. Sprache ist, im positiven wie negativen Sinn, verräterisch. So wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel es zur Aufgabe der Philosophie erklärte, was ist, zu begreifen, sollten wir es uns zur Aufgabe machen, Russland buchstäblich oder wörtlich zu begreifen, es beim Wort zu nehmen – ohne natürlich die Tat dabei zu vergessen.

Die Auswahl der Begriffe ist nicht zufällig, wohl aber subjektiv getroffen. Sie entstammen dem Alltag, es sind Begriffe, die mir politisch wichtig erscheinende Phänomene bezeichnen, und Begriffe der Mentalitätsgeschichte. Mein Ziel ist es, mit der Mischung möglichst viele gesellschaftliche und politische Lebensbereiche abzudecken und so, in einer Art Patchwork, ein größeres, ein umfassenderes Bild zu zeichnen. Die einzelnen Details ergeben dann zusammen, in der Draufsicht, (hoffentlich) ein Muster.

Jedes Kapitel kann einzeln gelesen werden. Die Reihenfolge ist ein Angebot, aber auch in jeder anderen sollte das Buch verständlich sein. In vielen Kapiteln gibt es Querverweise auf andere Begriffe, um Wiederholungen zu vermeiden, aber auch um deutlich zu machen, wie das hier Beschriebene im Leben der Menschen miteinander verbunden ist.

Ich habe dabei, inspiriert vom so wichtigen Konzept der Symphonie von Staat und Kirche in der christlichen Orthodoxie, das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Instrumente in einem Symphonieorchester vor Augen. Jedes einzelne spielt seinen Part, die Stimmen wechseln einander ab, und im Ergebnis entsteht ein harmonisches Konzert, das immer wieder durch Misstöne unterbrochen wird. Beide, Staat und Kirche, handeln eigenständig, sind aber im Idealfall darauf ausgerichtet, gemeinsam zu wirken. Wenn das gelingt, wenn jedes einzelne Instrument eines Orchesters sein Thema auf ganz spezifische Weise, aber immer im gemeinsamen Takt verfolgt, dann besteht die Chance, dass ein neues, umfassenderes Verstehen entsteht.

Zu guter Letzt: In einem Buch über Russland ist unweigerlich viel von der Sowjetunion die Rede. Sie war ein russischer Staat und doch gleichzeitig mehr. Weshalb ich, auch der besseren Lesbarkeit wegen, oft Russland schreibe und das Adjektiv russisch verwende, wenn zwar von der Sowjetunion die Rede ist, es aber um Kontinuitäten der russischen Geschichte geht. Damit sollen die einst längere oder kürzere Zeit unter russischer Herrschaft stehenden, heute unabhängigen Nachbarstaaten Russlands nicht gering geachtet werden. Im Gegenteil. Sie waren, nolens volens, Teil eines imperialen russischen oder russisch dominierten Staates, der sich zwischen 1922 und 1991 eben Sowjetunion nannte.

Jens Siegert

Moskau, im März 2021

14:18 14.07.2021

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