Intim, inspirierend und kompromisslos

Leseprobe In „Manifesto“ geht Bernardine Evaristo erstmals die Stationen ihres Lebens durch, die Höhen und die Tiefen, und erzählt davon, wie sie schließlich die erste Schwarze Booker-Preisträgerin wurde – ein Manifest dafür, niemals aufzugeben
Protestierende von Black Lives Matter sind nach dem Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 in der ganzen Welt gegen Rassismus auf die Straße gegangen, hier: London.
Protestierende von Black Lives Matter sind nach dem Tod von George Floyd am 25. Mai 2020 in der ganzen Welt gegen Rassismus auf die Straße gegangen, hier: London.

Foto: TOLGA AKMEN/AFP via Getty Images

Einleitung

Als ich 2019 für meinen Roman Mädchen, Frau etc. den Booker Prize erhielt, war ich plötzlich »über Nacht berühmt« – nach vierzig Jahren künstlerischer Arbeit. Meine Karriere war auch bis dahin nicht ohne Erfolge und Anerkennung verlaufen, aber allgemein bekannt war ich nicht. Der Roman erreichte den ersten Platz der Bestsellerlisten, wurde in viele weitere Sprachen übersetzt und erhielt genau die Aufmerksamkeit, die ich mir schon so lange für meine Arbeit wünschte. In zahllosen Interviews durfte ich die Frage beantworten, wie mein Weg hin zu diesem Höhepunkt nach all dieser Zeit verlaufen war. Ich sagte, ich hätte mich unaufhaltsam gefühlt, denn genau das, wurde mir jetzt klar, bin ich immer gewesen, seit ich mit achtzehn bei meinen Eltern ausgezogen bin, um meinen eigenen Weg in der Welt zu machen.

Ich kam zu dem Schluss, dass sich meine Kreativität bis in meine Kindheit und Jugend, meinen kulturellen Hintergrund und die Einflüsse zurückverfolgen lässt, die meinem Leben seine Form gegeben haben. Fast alle Menschen, die im Kunstbereich arbeiten, können Vorbilder nennen – Schreibende, Kunstschaffende, Kreative –, die sie inspiriert haben, aber welche anderen Elemente bilden das Fundament unserer Kreativität und bestimmen den Verlauf unserer Karriere? Für mich ist dieses Buch meine Antwort auf genau diese Frage. Es gibt Einblicke in meine Herkunft und meine Kindheit, meine Lebensumstände und meine Beziehungen, die Ursprünge und das Wesen meiner Kreativität, meine Strategien zur Persönlichkeitsentwicklung und meinen Aktivismus.

Denen, die erst auf mein Schreiben gestoßen sind, nachdem ich diesen herausgehobenen Punkt erreicht hatte, verrät das Buch, was nötig war, um immer weiterzumachen und weiterzuwachsen; und denen, die selbst schon lange kämpfen und ihre eigene Geschichte vielleicht in meiner wiedererkennen, kann es hoffentlich als Inspiration dienen, während sie weiter ihren persönlichen Weg hin zur Verwirklichung ihrer Vorhaben verfolgen.

Hier ist es also – Manifesto: Warum ich niemals aufgebe: ein Memoir und eine Meditation über mein Leben.

Eins

Herkunft, Kindheit, Familie, Ursprünge

one (Englisch)
ān (Altenglisch)
ẹni (Yoruba)
a haon (Gälisch)
um (Portugiesisch)

Als Teile der Menschheit insgesamt, der human race, tragen wir die Geschichten unserer Abstammung allesamt in uns, und ich bin neugierig darauf, was meine dazu beigetragen hat, mich zu der Person, der Autorin zu machen, die ich geworden bin. Mir ist klar, dass mir viele Generationen von Menschen vorausgegangen sind, die von einem Land in ein anderes ausgewandert sind, um sich dort ein besseres Leben zu schaffen, Menschen, die über die künstlichen Konstrukte namens Grenzen und die menschengemachten Hürden aus Kultur und Race hinweg geheiratet haben.

Meine englische Mutter lernte meinen nigerianischen Vater 1954 bei einer Commonwealth-Tanzveranstaltung im Zentrum von London kennen. Sie studierte damals an einem von Nonnen geleiteten katholischen College in Kensington, um Lehrerin zu werden; er machte eine Ausbildung zum Schweißer. Sie heirateten und bekamen in den folgenden zehn Jahren acht Kinder. In meiner Kindheit und Jugend wurde ich als »Mischling« bezeichnet, wie Menschen mit Schwarzen und weißen Wurzeln damals genannt wurden. All diese Kategorisierungen – negro, »farbig«, bioder multiethnisch, Schwarz, mixed-race, of colour – dienen so lange als akzeptierte Bezeichnungen, bis sie ersetzt werden. Inzwischen wissen wir, dass»menschliche Rassen« – im Sinn einer biologischen Tatsache – gar nicht existieren und wir als human race 99 Prozent unserer DNA teilen. Unsere Unterschiedlichkeiten sind nicht systematischer Natur, sondern anderen Faktoren wie beispielsweise Umwelteinflüssen geschuldet. Trotzdem ist »Race« aber gelebte Erfahrung, und ihre Auswirkungen sind daher enorm. Dass wir das Konzept als fiktiv durchschauen, heißt nicht, dass wir auch ohne die Kategorisierungen auskämen, zumindest noch nicht.

Als ich ein Kind war, galt das Konzept »Schwarz und britisch« gemeinhin als Widerspruch in sich. Wer in Großbritannien geboren war, erkannte People of Colour nicht als vollwertige Mitbürgerinnen und Mitbürger an, und diese wiederum orientierten sich häufig an ihren Herkunftsländern. Mir selbst blieb gar nichts anderes übrig, als mich als Britin zu betrachten. Ich war in diesem Land geboren, hatte mein ganzes Leben hier verbracht, auch wenn mir ständig vermittelt wurde, dass ich nicht so recht hierhergehörte, weil ich nicht weiß war. Aber Nigeria war für mich nur eine ferne Vorstellung, ein Land, aus dem mein Vater stammte, über das ich aber sonst nichts wusste.

Über die mütterliche Seite meiner Familie weiß ich sehr viel mehr als über die väterliche. Vor Kurzem erst habe ich herausgefunden, dass sich meine britischen Wurzeln über dreihundert Jahre bis 1703 zurückerstrecken. Es hätte sicher geholfen, das schon als Kind zu wissen, weil ich mich dann zugehöriger gefühlt und die nötige Munition gegen Menschen gehabt hätte, die mich und alle anderen People of Colour damals aufforderten, gefälligst dorthin zurückzugehen, woher wir gekommen waren.

Natürlich braucht man keine britischen Wurzeln, um hierherzugehören, und die Vorstellung, dass man es nur tut, wenn man welche hat, darf niemals unwidersprochen bleiben. Bürgerrechtebeschränken sich nicht auf Geburtsrechte, und die Sache war schon immer kompliziert, weil viele zwar als »Untertanen« des British Empire galten, aber nie die Auszeichnung der »Staatsbürgerschaft« erhielten.

Mir ist klar, dass DNA-Tests nicht unumstritten sind, weil die verschiedenen Anbieter auf Basis unterschiedlicher Datenbanken zu durchaus unterschiedlichen Ergebnissen kommen, aber mich faszinieren sie trotzdem. Mein Testergebnis von Ancestry- DNA, das über acht Generationen zurückreicht, offenbart eine ethnische Einschätzung, die meine Wurzeln folgendermaßen beschreibt: »Nigeria: 38 Prozent, Togo: 12 Prozent, England, Nordwesteuropa: 25 Prozent, Schottland: 14 Prozent, Irland: 7 Prozent, Norwegen: 4 Prozent«. (Dabei sind Schottland und Norwegen die beiden Länder, mit denen ich keine bekannten Vorfahren verknüpfen kann.)

Obwohl ich also vom »Abstammungsmix« her zu gleichen Teilen Schwarz und weiß bin, sehen andere, wenn sie mich anschauen, nur meinen Vater in mir, nicht meine Mutter. Die Tatsache, dass ich keinen Anspruch auf eine Identität als Weiße erheben könnte, selbst wenn ich das wollte (was ich nicht tue), ist in sich vernunftwidrig und belegt nur einmal mehr, wie absurd das ganze Konzept von »Rassen« tatsächlich ist.

Ich bin 1959 in Eltham geboren und in Woolwich aufgewachsen, beides Bezirke im Süden Londons. Als nicht-weißer Person weiblichen Geschlechts aus der britischen Working Class standen die Grenzen, die mir gesetzt werden würden, bereits fest, bevor ich auch nur den Mund aufsperren und den Schock darüber hinausbrüllen konnte, aus der Fruchtwassergeborgenheit im Bauch meiner Mutter verstoßen zu werden, wo ich neun Monate in traumverlorenem Sinneseinklang mit meiner Schöpferin verbracht hatte. Meine Zukunft war wenig verheißungsvoll – ich war dazu bestimmt, als Mensch zweiter Klasse gesehen zu werden: unterwürfig, minderwertig, marginal, unerheblich. Eine waschechte Subalterne.

Zum Zeitpunkt meiner Geburt zählte das britische Parlament nur vierzehn weibliche Abgeordnete im Vergleich zu 630 Männern, das Land wurde also zu 97 Prozent von Männern regiert. Wir lebten in einer patriarchalen Gesellschaft. Das ist keine Meinung, sondern eine Tatsache. Die Stimmen von Frauen und ihre spezifischen Anliegen rund um Mutterschaft, Ehe, Beruf sowie Freiheit hinsichtlich Sex und Verhütung wurden auf politischer Ebene nur selten gehört, und auch sonst gab es im ganzen Land nur wenige Frauen in einflussreichen Führungsoder Machtpositionen. Heute ist etwa ein Drittel der britischen Parlamentsabgeordneten weiblich.

Ein Jahr nach meiner Geburt verschaffte die Pille Frauen die Freiheit einer größeren Kontrolle über den eigenen Körper, aber es sollte weitere sechzehn Jahre dauern, bis 1975 neue Gesetze zur gleichen Entlohnung und zur Gleichbehandlung die Diskriminierung von Frauen untersagten.

Man kann also getrost davon ausgehen, dass ich eine Geschichte der zweitrangigen Stellung von Frauen in der Gesellschaft ererbt habe. Meine Mutter, Jahrgang 1933, war in der weiblichen Tradition ihrer Zeit dazu erzogen worden, sich dem Mann, den sie einmal heiraten würde, unterzuordnen und seine Bedürfnisse über ihre eigenen zu stellen. Tatsächlich gehorchte sie dem gesellschaftlichen Kodex, der von ihr verlangte, sich der Autorität meines Vaters zu beugen, bis in den Siebzigern die zweite Welle der Frauenbewegung diese gesellschaftlichen Überzeugungen anfocht und allmählich veränderte; da fing auch sie an, sich zu behaupten, inspiriert von ihren vier Teenager-Töchtern, die in sehr viel freieren Zeitenerwachsen wurden. Nach dreiunddreißig Ehejahren machte sie sich schließlich von meinem Vater unabhängig.

Von meinem Vater, einem Einwanderer aus Nigeria, der 1949 an Bord des altgedienten Dampfers Empire Windrush ins Mutterland gekommen war, habe ich eine Hautfarbe geerbt, die festlegte, wie mich das Land, in das ich hineingeboren wurde, künftig wahrnahm: als Ausländerin, Außenseiterin, Fremde. Zum Zeitpunkt meiner Geburt war es noch nicht verboten, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zu diskriminieren, und es sollte noch viele Jahre dauern, bis durch die Race Relations Acts antirassistische Grundsätze in vollem Umfang in der britischen Gesetzgebung verankert wurden, von der ersten Fassung 1965, die öffentlichen Rassismus zur Straftat erklärte, bis zu der von 1976, die das Gesetz schließlich umfassender machte.

Als mein Vater ins Land kam, herrschte dort noch ein weiterer Mythos – der von der Unterlegenheit der Wilden aus Afrika, der seit den Anfängen des imperialen Projekts und des transatlantischen Sklavenhandels kursierte. Mein Vater stammte aus einem Gebiet, das fast ein Jahrhundert lang kolonialen Übergriffen und Eroberungen ausgesetzt war. Das British Empire bemühte sich nach Kräften, den Mythos aufrechtzuerhalten, es würde barbarische Kulturen zivilisieren, dabei handelte es sich in Wahrheit nur um ein ungeheuer profitables kapitalistisches Unterfangen.

So gut dokumentiert und erforscht die Windrush-Generation der ersten Einwanderungen aus der Karibik nach dem Zweiten Weltkrieg ist, so wenig sind es die entsprechenden Erzählungen vom afrikanischen Kontinent. Dabei sind die Ähnlichkeiten zahlreich. Kaum war mein Vater als junger Mann in Großbritannien eingetroffen, wurde er seines individuellen Selbstbilds brutal beraubt und musste eine aufgezwungene Identität annehmen – als sichtbare Verkörperung einer jahrhundertealten negativen Falschdarstellung. Großbritannien warb damals Menschen aus den Kolonien an, um die Lücken zu füllen, die die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs hinterlassen hatten. Mein Vater war pflichtschuldigst aus seinem Heimatland angereist, wo er ein ganz normaler Mensch gewesen war, aber anstatt als Sohn des Empire willkommen geheißen zu werden, sah er sich mit dem entfesselten Rassismus längst vergangener Zeiten konfrontiert.

Hinzu kam, dass ich in die Niederungen der britischen Klassenhierarchie hineingeboren wurde, ein System, das Lebensqualität und Chancen massiv beeinflusst – und sich bis heute hält, obwohl die soziale Mobilität im Land deutlich zugenommen hat. Meine Großmutter mütterlicherseits, die wir Nana nannten, war Schneiderin. Der Vater meiner Mutter, Leslie, war Milchmann oder Milchausfahrer, wie es damals noch hieß. Seine Familie hatte früher eine Molkerei besessen. Meine Mutter, das einzige Kind der beiden, besuchte eine katholische Grammar School. Nachdem sie das College abgeschlossen hatte und Lehrerin geworden war, einer der wenigen Berufe, die gebildeten Frauen Anfang der Fünfziger offenstanden, befand sie sich auf dem besten Weg in die Middle Class. Als sie dann aber einen Afrikaner heiratete, wurde sie umstandslos ans unterste Ende der gesellschaftlichen Leiter zurückversetzt. In gewisser Weise wurde meine Mutter aus ehelichen und, sobald sie Kinder hatte, auch aus biologischen Gründen zur Schwarzen gemacht; zur »Schwarzen ehrenhalber«, wenn man so will.

07:42 03.02.2022

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