Andreas Kemper
11.06.2009 | 19:31 8

Der Monopol-Wikipedismus schreitet voran

In einem meiner letzten Beiträge warnte ich vor der Tendenz der Monopolisierung von Wissen aufgrund des Wikipedia-Mirrors im neuen Suchmaschinensystem Bing von Microsoft.

Eine Woche später präsentiert Google sein neues Übersetzungs-Werkzeug Google Translation Toolkit. Jay Walsh, Head of Communications der Wikimedia-Foundation, lobt dieses Ding über alle Maßen.

Worum gehts? Automatische Übersetzungsprogramme gibt es zuhauf. Babylon ist bekannt und für die Übersetzung von Begriffen kann man sehr gut auf Leo zurückgreifen. Zudem gibt es bereits einige Übersetzungstools, die man sich in seiner Leiste einbauen kann, kein Schreck, ich meine in der Bildschirmleiste oben.

Neu am Google Translation Toolkit sind vor allem drei Dinge:

  • Man kann nicht nur Dokumente (in HTML oder Word) runterladen, sie übersetzen lassen und direkt miteinander vergleichen, sondern auch Wikipedia- und Knol-Seiten. Man lädt sie runter, lässt sie übersetzen, korrigiert die Fehler und kann sie direkt auf einer neuen Seite wieder hochladen - fertig ist ein neuer Artikel.
  • Da Maschinen-Übersetzungen nach wie vor mangelhaft sind, kann man sie hier Satz für Satz korrigieren, was äußerst praktisch ist.
  • Die korrigierten Sätze werden dann zu Google zurückgeschickt und stehen dann anderen zur Verfügung, die ebenfalls Artikel mit dem Google Translation Toolkit übersetzen möchten.

Die Begeisterung, auf die dieses Google Translation Toolkit bei der Wikimedia Foundation stößt, lässt erwarten, dass es tatsächlich auch für Wikipedia verwandt wird. Ägyptische und arabische Universitäten kooperieren schon länger mit Google, zuletzt gab es eine Zusammenarbeit von drei ägypitschen und zwei saudi-arabischen Universtitäten mit dem Wissensportal Google-Knol, welches zu einem enormen Anstieg von arabischen Artikeln in Google-Knol führte. Auch das letzte Wikimania, also das weltweite Wikipedia-Treffen wurde in Alexandria, also einer ägyptischen Stadt, durchgeführt. Es ist also zu erwarten, dass nun sehr schnell sehr viele Artikel übersetzt werden. Dies wird mehrere Konsequenzen haben:

  • Wikipedia-Artikel werden in Sprachräumen, in denen die Internet-Artikeldichte pro Kopf sehr niedrig ist, boomen und noch stärker die Wissensaneignung bestimmen als in Ländern wie Deutschland, wo es bereits 6 Internet-Artikel pro EinwohnerIn gibt.
  • Durch die massive und relativ einheitliche Nutzung des Google Translation Toolkits werden die Google-Datenbanken mit Verbesserungen gefüttert - und mit Wikipedia-Inhalt. Es ist gut möglich, dass Google auch hier Konkurrenten wie Babylon und Leo beiseite fegt. Langenscheidt, der letztens erst (vor allem wegen Wikipedia) den Brockhaus aufgeben musste, wird ebenfalls nicht begeistert sein.
  • Die Monopolisierung und Teilverschmelzung der Wissensgiganten Google und Wikimedia-Foundation schreitet voran. Ich nenne dies mit einem Augenzwinkern BORGISIERUNG.

Ich weiß nicht, wie ich dazu stehen soll. Einerseits ist das Ganze äußerst beunruhigend. Vor allem deshalb, weil die Wikimedia-Foundation Wikipedia nicht als Enzyklopädie im Sinne der Aufklärung versteht, sondern positivistisch. In der deutschen Wikipedia gibt es hierzu immer wieder Reibereien. So ist der Vorsitzende des deutschen Wikimedia-Vereins bekannt für seinen extremen Neutralismus:

Antisemitische Äußerungen eines Wikipedia-Autoren seien kein Sperrgrund; ein Artikel "Bildungsbenachteiligung in Deutschland" gehöre gelöscht, weil das Lemma nicht neutral sei, sondern suggerieren würde, es gäbe eine Bildungsbenachteiligung; Äußerungen mit nationalsozialistischen Inhalten sollten nicht angezeigt werden, weil dies die Staatsanwaltschaft von ernsthaften Problemen abhalte; und eine "Kategorie Sexismus" sei nicht enzyklopädisch, weil nicht neutral, weil es ja neben der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen auch die Kairoer Menschenrechtserklärung gebe und Sexismus ein westlicher Begriff sei.

Gerade der letzte Punkt macht deutlich, dass Wikipedia eben nicht unbedingt wie die Enzyklopädie Diderots für emanzipatorischen Fortschritt stehen muss. Die neuen arabischen Knol-Artikel begannen oftmals mit einer Huldigung Gottes, was mich als Materialisten äußerst verwirrt. Wenn nun tatsächlich zehntausende von englischsprachigen Artikeln ins Arabische übersetzt werden, dann könnte das für sehr viel Auseinandersetzungen sorgen. Aber für eine Übersetzung ins Arabische muss man arabisch sprechen können. Die automatische Übersetzung ist nur eine Hilfe. Umgekehrt können nun auch Übersetzungen aus dem Arabischen oder von Mandarin ins Englische und Deutsche sehr viel leichter bewerkstelligt werden. Insgesamt führt dies zu einer Abgleichhung und vielleicht auch Angleichhung des Weltwissens.

Wie ich selber zu dem Ganzen stehe? Ich bin befangen, da ich selber Internet-Artikel schreibe und diese gerne in andere Sprachen übersetzt hätte und dafür einen Knol-Übersetzer-Markt in Google-Knol gegründet habe. Und ich halte bei Star Trek-Sendungen immer zu den BORG. Unter Microsoft, Facebook, Yahoo, Bertelsmann, Google, Wikipedia, sind mir die letzten beiden noch die liebsten. Aber mulmig wird mir da schon, wenn ich sehe, dass die keine Bremse eingebaut haben und die AutorInnen als eigentliche ProduzentInnen nicht sooo wirklich ernst genommen werden. Nun wir werden sehen... Der nächste Coup kommt bestimmt.

 

Kommentare (8)

Streifzug 11.06.2009 | 21:49

Ich finde die Richtung gut.

Wenn ich nur daran denke, wie es noch vor gar nicht so langer Zeit aussah:
Eine kleine Karte auf der Webseite - Anwaltgefahr
Verweis auf einen Begriff in einem Online Lexikon? - keine Chance, erst zahlen wenn überhaupt.

Allen Menschen Wissen ohne Sprachbarriere zugängig zu machen ist ein erstrebenswertes Ziel. Natürlich geht es nicht ohne Reibereien. Aber meiner Meinung nach lohnt es sich dafür zu kämpfen.

Von vielen möglichen Unternehmen ist Google meiner Meinung nach mit Abstand der vertrauenswürdigste Konzern. Wenn noch andere mitziehen - um so besser.

Andreas Kemper 12.06.2009 | 19:05

Ja sehe ich ähnlich, Streifzug.

Aber strukturell gesehen könnte Google zu einer großen Gefahr werden.
Mich ärgert beispielsweise, dass sie rassistische Artikel in Google-Knol nicht löschen. Und das, obwohl im Gegensatz zu Wikiepdia bei Google-Knol rassistische Inhalte verboten sind.
Und ein Problem ist nach wie vor die Reproduktionsfrage von Wissen. Wir leben im Kapitalismus. Bislang galt die Produktion und Verbreitung von Wissen als Arbeit. Das ändert sich gerade ohne dass der Arbeitsbegriff sich ändert. Und das ist ein Problem, weil die Produktion und Verbreitung von Wissen immer stärker entwertet wird.

h.yuren 13.06.2009 | 01:56

was titta sagt, finde ich auch.

andrerseits benutze ich wikipedia-artikel oft als erstinfo, aber die wahre netz-enzyklopädie ist doch das ganze netz selbst. wenn ich z.b. daran denke, was schieb heute im wdr vorgeführt hat an info-möglichkeiten auf holidaycheck (bin gar kein reisender, aber trotzdem).

die giganten sind allemal mit vorsicht zu genießen. insofern verstehe ich deine unguten gefühle, andreas.

Streifzug 13.06.2009 | 02:12

Anregung, Frage:

Wie wäre es Wissen ähnlich zu sehen wie Luft und Wasser? Es ist lebensnotwendig (gerade in der Situation, in die sich die Menschheit manövriert hat).

Wir brauchen diese Grundelemente, um leben und schaffen zu können. Wenn wir anfangen die Basis zu verknappen oder mit ihr zu handeln schaden wir uns selber. Die Kommerzialisierung der Grundelemente zerstört den freien Austausch und damit die Basis der Gesellschaft: Vertrauen.

Genau das aber passiert in der jetzigen Form des Kapitalismus: Der Kernbereich des Kapitalismus, die Banken, vertrauen sich nicht mehr. Dieses selbstzerstörerische System auf unser Wissen anzuwenden ist kriminell.

Mit frei verfügbarem Wissen können dringend benötigte kreative Produkte entwickelt werden.

Andreas Kemper 13.06.2009 | 12:35

Hi Streifzug

Der Unterschied: Wissen muss immer wieder sehr aufwendig hergestellt werden. Luft hingegen ist einfach so da und Wasser auch (noch). Daher ist die Frage: wie sorgen wir dafür, dass es Wissen immer wieder neu produziert wird und zwar in bester Qualität und wie sorgen wir dafür, dass gleichzeitig das Wissen umsonst ist für diejenigen, die es sich sonst nicht leisten können. Konzerne und Reiche können meiner Meinung nach gerne für Wissen zahlen.

Streifzug 13.06.2009 | 20:36

Saubere Luft und sauberes Wasser sind leider nicht immer so einfach da. Die Investition, ihre Qualität optimal zu halten, wird im Kapitalismus der Gesellschaft aufgebürdet.

Vergleichbar ist es mit Wissen. Sehr viel Wissen wird von der Gemeinschaft finanziert (Grundlagenforschung ...).

Die momentanen kapitalistischen Strukturen eignen sich diese gesellschaftlichen Werte an und verkaufen sie ihr leicht veredelt als Produkte zurück.

Privatisierung bedeutet gerade für Luft, Wasser und Wissen höchste Gefahr. Ähnlich wie bei verrottenden Bahnen wird ihre Qualität stetig sinken, da notwendige Investitionen ausbleiben. Natürlich graben sich die Konzerne langfristig selber das Wasser ab, aber es ist fraglich, ob die allgemeinen Lebensbedingungen so lange durchhalten.

Daher ist es meiner Meinung nach notwendig Luft, Wasser und Wissen im Besitz der Gesellschaft zu halten und jedem Menschen freien Zugang zu sichern. Das gilt es gegen jeden Widerstand profitorientierter Strukturen durchzusetzen, da diese erwiesenermaßen (siehe Bankenkrise) nicht fähig sind, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Andreas Kemper 14.06.2009 | 03:22

Hi Streifzug,

dass Wissen jedem zur Verfügung stehen muss, da sind wir uns einig. Ich habe die erste Selbstvertretung für studierende Arbeiterkinder gegründet und engagiere mich seit zehn Jahren intensiv gegen Bildungsbenachteiligung.

Aber gerade weil wir im Kapitalismus leben, dürfen wir nicht vergessen, das Wissen herstellen und verbreiten auch Arbeit ist und anständig bezahlt werden muss.

Jeder Mensch hat auch das Recht auf Nahrung. Dass darf aber nicht dazu führen, dass Bauern und Bäuerinnen nicht mehr bezahlt werden. Natürlich ist es gut, wenn Nahrungsmittel billiger werden. Aber nicht dann, wenn diejenigen, die Nahrungsmittel herstellen, nicht mehr davon leben können.

Und genauso müssen wir uns die Reprodruktionsfrage in der Bildung stellen. Die Frage der Bezahlung der WissenproduzentInnen muss weitgehend von der Preisfrage von Wissen und Bildung entkoppelt werden. WissensproduzentInnen sollte es materiell und zeitlich ermöglicht werden für die Wissensproduktion tätig zu sein. Es muss die Frage gestellt werden, wer für diese Ressourcen aufzukommen hat.