Columbus
08.01.2013 | 11:57 79

Ritalin-Wunderdroge oder Drogenrisiko?

Pillen oder kümmern Regelmäßig gehen Berichtswellen zur bekanntesten Verhaltensstörung der Welt, AD(H)S, durchs Medienland. Die Meinungsberge auf den Servern erreichen Everest-US-Niveau

Ritalin-Wunderdroge oder Drogenrisiko?

Foto: TK_Presse/ Flickr (CC)

Ritalin- Drogenwunder oder Drogenrisiko?

 (Dieses Blog ist dazu gedacht, mit dem Blog des Mitkommunauten Merdeister gelesen zu werden, https://www.freitag.de/autoren/merdeister/adhs-und-tonnen-von-medikamenten )

AD(H)S, ein Psychosyndrom und daher schon unheimlich

 Ritalin (Stoff: Methylphenidat) ist ein wirksames Medikament und ein süchtig machendes und hirnschädigendes Rauschmittel. - Gleiches könnte für Cannabis oder Kokain auch geschrieben werden.

 Nicht nur die Dosis macht den Unterschied, wie viele glauben, sondern vielmehr entscheidet darüber auch die saubere, vor allem treffsichere, Diagnose eines Psychosyndroms namens AD(H)S, durch hoffentlich unvoreingenommene Experten oder aber, der völlig willkürliche Stoffgebrauch durch Menschen, die sich davon ganz andere Wirkungen, unter anderem Erfolg bei Prüfungen und im Arbeitsalltag, Flow-Erlebnisse in den Hüpfburgen für Erwachsene, usw., usw., erwarten.

 Psychosyndrome sind keine exakt messbaren auf eine oder wenige Hirnleistungsveränderungen zurückführbaren Störungen, auch wenn das immer wieder berichtet wird. Hauptkennzeichen ist ihre, auch den Kennern der Materie sehr unangenehme, Unspezifität, weshalb zum Beispiel lang anhaltende Medikamentendelirien als endogene psychische oder psychoorganische Krankheiten verkannt werden. Das heißt, sie treten unter den verschiedensten, irgendwie nur denkbaren körperlichen und psychosozialen Bedingungen auf, aber das Bild, das Anghörige, Lehrer, Ärzte, Therapeuten und manches Mal auch Patienten sehen, ist gleich!

 ADHS oder ADS sind folglich rein empirische Diagnosen, ohne bekanntes, bzw. gesichertes pathogenetisches Prinzip, auch wenn gerne, zur Beruhigung der Patienten und zur Selbstgewissheit des diagnostizierenden und verordnenden Arztes, davon geredet wird, es sei eine Hirnstoffwechselerkrankung (häufig wird die Hypofrontalität, eine mangelende Aktivität der vorderen Hirnrinde, angeführt). - Alles ist irgendwie Hirn und damit auch Stoffwechsel, im und um den Menschen und die umgebende Natur, sogar jetzt, da ich gerade diese Sätze schreibe, ist das eine Kopf-, Bauch- und Gliederstory.

 Die klassifizierten und singulären Aufmerksamkeitsstörungen (DSM, ICD) stellen reine Ausschlussdiagnosen dar, denn eindeutige morphologische, physiologische oder biochemische Parameter für diese Störung hat bis heute niemand gefunden. Ebenso lassen sich keine sicheren, psychopathologischen Befundcluster zusammenstellen.

Ich bin mir ziemlich sicher: Derjenige, der diese Störungen auf einen Pathomechanismus zurückführen könnte, bekäme einen Medizin-Nobelpreis. Ich bin mir aber auch relativ sicher, ich erlebe das nicht.

Ritalin flutet die Synapsen

 Der nicht sachgemäße Gebrauch von Amphetaminen und Kokain-ähnlichen Stoffen hat immer schwere Nebenwirkungen! Vor allem, weil die Einnahme als Sucht- und scheinbares Leistungssteigerungsmittel, fast regelmäßig die Einnahme weiterer Drogen und Arzneistoffe nach sich zieht oder gleich damit verbunden ist. Wer Up ist muss z.B. auch wieder Down kommen! Wer nicht mehr gut schläft, nimmt auch was zusätzlich. Wer jedes Wochenende den Spaß mit den Pillen sucht oder sie gar regelmäßig konsumiert, ohne eine Diagnose oder weil diese glattweg falsch ist, der verändert auf Dauer sein Hirn. Er kann seine eventuell vorhandene Psychoseanlage herauskitzeln, kann bei sich ein schweres Lethargie-Depressionssyndrom erzeugen, vor allem wenn er wieder versucht vom Stoff zu kommen und er kann an den unerwünschten Nebenwirkungen des Methylphenidats leiden.

Wie fast immer, Schwierigkeiten mit der Diagnose und der passenden Dosierung

Die Diagnose ADHS oder ADS unterliegt einer großen Unsicherheit, weil in sehr vielen Fällen eine breit angelegte Vordiagnostik mit ausführlichem körperlichen und gerätemedizinischen Untersuchungen, bzw. ein ausführliches, auch endokrinologisches Labor, die ausführliche Eigen- und Fremdanamnese, sowie psychometrische Tests unterbleibt und auch die eigentlich geforderte Zurückhaltung in der Verordnung, -zuerst sollen Zeit und personalintensive, beziehungsweise die Betreuungs- und Hilfspersonen mehr belastende, nichtmedikamentöse Verfahren eingesetzt werden-, ebenfalls zunehmend eingespart wurde. Methylphenidat entwickelte sich so zur ersten Wahl der ärztlichen Behandlung, nach der entsprechenden Diagnose eines Aufmerksamkeitsdefizits.

 Ebenso wird zunehmend häufig auf die nach Leitlinie geforderten Absetzversuche nach einem, bzw. zwei Jahren verzichtet, oder aber, der Absetzversuch in einer untauglichen Form vorgenommen, indem die Dosierung nicht langsam genug reduziert wird (Ausschleichen). Dann kommt es zu Reboundphänomenen, die als „Beweis“ für die erforderliche Weiterbehandlung herhalten müssen.

Diesen Fehler machen übrigens auch Eltern oder gar Behandler, wenn sie Methylphenidat zu Ferienzeiten abrupt absetzen. Das ist völliger Unsinn! Es drohen z.B. depressive Verstimmungen, die gerade im Jugendalter und mit dem mit und ohne Medikation bestehenden Schulstress, bis zu suizidalen Handlungen führen können. Daher sollte so etwas von Laien nicht einfach so öffentlich weiterempfohlen werden!

 Laut statistischen Angaben der Techniker- Krankenkasse Hamburg wurden 2009 an jeden von ihr betreuten, damit ärztlich diagnostizierten, jungen Patienten (Alter 6-18 Jahre) 213 Tagesdosierungen verabreicht. Für jedes Kind durchschnittlich 20 mg pro Tag.

 Die Verordnungspraxis schwankt im Einzelfall stark. Sie kann bis zu 60 (80) mg/Tag, -empfohlen werden von der Mehrzahl der Behandler maximal 30 mg (!)-, reichen. Damit würden also durchschnittlich 4260 mg Methylphenidat/ Patient/ Jahr, verordnet. - Aus den Vereinigten Staaten werden schier unglaubliche Tagesdosierungen, jenseits von 100 mg/Tag berichtet.

 Aber die verordnete Milligramm-Menge einer Wirksubstanz ist völlig nebensächlich, denn es kommt einzig und allein auf den Bereich der therapeutischen Wirkung und der unerwünschten Wirkungen an, der bei allen üblichen Medikamenten in Deutschland vom Gramm- bis in den tiefen Milligramm-Bereich reichen kann. Allergologen, Endokrinologen, manche Internisten und Nuklearmediziner, arbeiten auch mit Substanzen in Dosierungen auf Mikrogramm oder gar Nanogramm-Ebene.

Moden in der Psycho-Medizin und Abgrenzungsprobleme

 Wenn es um eine einigermaßen ausgewogene Beurteilung der derzeitigen Verordnungspraxis geht, zählen vor allem rasante Absatzsteigerungen und plötzliche Vermehrungen der Diagnosestellung (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/200999/umfrage/anzahl-der-kassenaerztlich-verordneten-tagesdosen-von-methylphenidat/ ), bezogen auf einen Ausgangspunkt. Bei solchen extremen Entwicklungen, wie z.B. bei Methylphenidat oder bei der Diagnose AD(H)S liegt es sehr nahe, von einer Modewelle zu sprechen. „Behandlungsfälle“ werden geschaffen, weil das lukrativ ist und sozial sowohl die Familien und Patienten, als auch die Behandler und die Schulleistungsgesellschaft entlastet.

 Allein zwischen 2006 und 2009 betrug die Steigerung der Verordnungen im Bereich der TK – Hamburg 42%. - Da ist was nicht in Ordnung, denn so viele neue, zusätzliche Behandlungsfälle kann es in diesem Zeitraum nicht auf natürlichem Wege gegeben haben, selbst wenn man annimmt, die relativ neue Diagnose bringe das mit sich. Die Entwicklung in der Medikamentenvergabe bildet direkt die umstrittene Diagnosestellung und die einsetzende, weil marktgängige und sozial erwünschte, Übertherapie ab!

 Bedenklich ist auch, dass es bei vielen jungen Patienten nicht beim Methylphenidat oder Derivaten allein bleibt. Zusätzlich werden Antidepressiva, Tranquilizer und Schlafmittel geschluckt. Wer als Arzt ehrlich ist, der weiß, dass dann unerwünschte Wirkungen und Wechselwirkungen schwer einzuschätzen sind.

 Aufmerksamkeitsdefizite haben viele Ursachen

Ein typischer Laienfehler ist, ADS oder ADHS mit den recht häufig vorkommenden, ebenfalls länger anhaltenden Aufmerksamkeitsdefiziten bei Kinder aus ganz anderen Ursachen zu verwechseln. Ein einfaches, organnahes Beispiel, das leider immer noch sehr häufig vorkommt: Eltern und Lehrer, aber auch ärztliche Untersucher, erkennen die beginnende Fehlsichtigkeit oder Hörschwäche eines Schulkindes nicht! Gleiches gilt für eine Reihe von internistischen und endokrinologischen Krankheiten oder Störungen, sowie für Persönlichkeitsstörungen (Störungen der Persönlichkeitsentwicklung) und frühe Psychosen, die vorher ausgeschlossen werden müssen, bevor eine Verdachtsdiagnose AD(H)S akzeptiert werden kann.

 Ein häufiger, psychologisch leicht erklärbare Fall für das Auftreten von Aufmerksamkeitsstörungen, ist die Scheidung der Eltern oder z.B. eine dissoziale Erziehung!

 Einfühlbare und nachweisbare psychosoziale Gründe werden allzu häufig übergangen, ebenso wie die Überforderung, noch viel häufiger, die Unterforderung, von Kindern mit Entwicklungs- und Reifungsproblemen. Völlig unbeachtet, bei allen Diskussionen, bleiben die sich entwickelnden Persönlichkeiten der Kinder und Jugendlichen, bei denen ein nicht unerheblicher Anteil nach den symptomorientierten Ansätzen der modernen Diagnostik, eine Persönlichkeitsstörung aufweist.

 Rein nach Diagnoseinventaren und den dazu durchgeführten epidemiologischen Erhebungen, leidet jeder 10. Bundebürger an einer solchen Störung. - Ich bin strikt gegen eine übermäßige Psychopathologisierung sämtlicher Lebensbereiche und wende mich auch entschieden dagegen, die Diagnose AD(H)S immer mehr auszudehnen. Das ist, wie bei anderen Krankheitsbildern und Störungen (organisch, psychisch), leider ein wirtschaftlich und sozial erwünschter Trend, weil er es erlaubt interindividuelle, medikamentöse Therapien, meist als Ersatz für die aufzubringende Menschenzeit, an ganzen Patientengruppen zu exerzieren. Am Ende bleibt häufig nur die Kontrolle der medikamentösen Therapie und deren möglicher Nebenwirkungen. Das ist eine, auch von vielen ärztlichen Kollegen, gerne bevorzugte und noch relativ einfach zu handhabende Strategie, die zudem gewinnbringend ambulant umgesetzt werden kann.

 Gerade bei der histrionischen und der zwanghaften Persönlichkeit, bei den emotional instabilen und den schizotypischen Persönlichkeiten, machen schwere Aufmerksamkeitsdefizite und begleitende aggressive Impulse einen Teil des beobachtbaren Verhaltens aus, die schon in der Kindheit und Jugend auffallen, ohne je eine Diagnose ADS oder ADHS zu rechtfertigen. Trotzdem werden diese Kinder als genau so störend und wenig schulgeeignet aufgefasst, wie diejenigen, bei denen die Diagnose tatsächlich passt und sie werden ebenso behandelt.

Zu viele Server glühen und die persönlichen Berichte propagieren eine täuschende Kompetenz zur selbstverantwortlichen Medikamenten- und Drogeneinnahme

 Ganz stillschweigend hat sich in unserem Land eine Haltung eingebürgert, bei der das Aufmerksamkeitsdefizit vor allem erst dann ein Problem wird, wenn es um die Schuleignung für einen Schultyp geht. Der „Störer“ muss weg, nicht weil er sich selbst verstört, sondern weil er andere behindert. Und er bleibt, wenn man mit Methylphenidat ein gewisse Beruhigung ereicht. Der stille Schüler bekommt die entsprechende Schulempfehlung und wird so aussortiert.

 Auf Christoph Lauer zu verweisen, der auch ADS habe, erweist sich beim Studium seines Beitrags als Boomerang. Ebenso hat AD(H)S mit „Asberger“-Autismus nichts zu tun und Kreativität und AD(H)S sind zwei voneinander völlig unabhängige Merkmale. AD(H)S Kinder sind nicht mehr oder weniger kreativ, als Kinder ohne diese Diagnose!

 Was schreibt Lauer auf seiner Webseite zur Störung? - „Was bedeutet das? Man nimmt die Welt anders wahr. Das ist natürlich eine sehr saloppe Beschreibung, aber das ist ADHS für mich.“ Zwei Dinge sind das bemerkenswert: 1. ADS als Wahrnehmungsstörung zu sehen. Das ist falsch. Die Wahrnehmung ist nicht der Kern der Störung! 2. Die „saloppe Haltung“.

 „Durch ADHS habe ich gegenüber Menschen, die kein ADHS haben Vor- und Nachteile. So kann es von Vorteil sein, in einer komplexen Situation viele Details schnell erfassen und zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen fügen zu können.“ – Das AD(H)S Kinder durchschnittlich eine schnellere Auffassungsgabe und eine bessere Informationsverarbeitung hätten, das ist ein leider hier auch wieder weitergetragenes Gerücht! Nichts daran entspricht der Realität.

 „Die landläufige Meinung, dass es sich bei ADHS um eine Kinderkrankheit handelt ist falsch. ADHS ist nichts, was auf Schlag mit dem 18. Lebensjahr aufhört, es ist ein Wahrnehmungszustand, der einen das ganze Leben lang begleitet.“ - Mag ja sein, dass das für Herrn Lauer zutrifft, was er da schreibt. Aber in der Regel, also bei der großen Mehrzahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen, legen sich die Symptome mit der Zeit. Erwachsene AD(H)Sler gibt es, keine Frage, aber sie sind vergleichsweise selten und deren Symptome sind ebenfalls in den meisten Fällen stark abgeschwächt, sofern die Diagnose überhaupt je stimmte. In den meisten Fällen handelt es sich um Patienten mit einer Persönlichkeitsstörung. ADS oder ADHS hört sich aber freundlicher an.

 „Wichtig ist: Ich nehme Methylphenidat wegen und nicht gegen ADHS. Ich empfinde es als großes Glück, 27 Jahre normal gelebt zu haben und durch das Medikament für 2,5 Stunden oder länger in eine Welt eintauchen zu können, die mir vorher verschlossen war. Ich bin gelassener und es macht meinen Alltag, insbesondere im Umgang mit anderen Menschen, einfacher. Das bedeutet nicht, dass ich ohne das Medikament nicht mehr klarkommen würde. Die Einnahme von Methylphenidat ist ein bewusster Akt und ein Zugeständnis an eine Gesellschaft, in der 95% der Menschen eben kein ADHS haben. “ - Also bitte, bitte, das sollte sich niemand zur Maxime des Umgangs mit dem eigenen vermuteten oder realen AD(H)S machen, wenn es denn richtig diagnostiziert wurde, auch wenn man anstrebt ein zweiter Christoph Lauer bei den Piraten oder sonstwo werden zu wollen. - Gebrauch nach Gelegenheit ist in diesem Falle nichts anderes, als Medikamentenmissbrauch und schön geredeter Drogenkonsum.

Ein Drittel der Menschheit gehörte in Therapie!

 Um es ein wenig drastischer zu sagen: Würden alle schwerwiegenden, in den anerkannten Diagnoseschlüsseln der Kinder- und Jugendpsychiatrie (fünfachsig) und der Erwachsenenpsychiatrie (dreiachsig) als behandlungsbedürftig eingeschätzten Fälle mediziert und therapiert, hätten wir einen erheblichen Therpeutenmangel, der nur von Marsmenschen oder extrasolaren Individuen mit einer deutlich geringeren Prävalenz solcher Störungen noch hinreichend zu decken wäre.

 Ein Viertel bis ein Drittel der Gesellschaft befände sich wegen Psychosen (Maniforme, Schizophrenien 2%), Persönlichkeitstörungen (10%, Überschneidung und Konkurrenz zu AD(H)S!?), AD(H)S, je nach Schulmeinung 3-10% und schweren Neuroseformen (5%) in Behandlung. - Da sind die ganzen Junkies mit irgend welchen Suchtstoffen und Suchtformen, einschließlich des Alkohols, noch gar nicht mit einbezogen. Das wären noch einmal 5% der Gesellschaft.

 Den Zappelphilipp oder oder Hanns-guck-in-die-Luft gibt es spätestens seit seiner literarischen Geburt bei Heinrich Hoffmann und den träumenden Taugenichts, mindestens seit Eichendorff und jenem Hans im Glück der Gebrüder Grimm.

 Alle Vorsicht ist angebracht, wenn ihnen ein liebenswürdiger Mensch erklärt, ADS oder ADHS sei grundsätzlich genetisch verursacht. Studien die das behaupten, sind rar. Studien die das nahe legen und den Erfordernissen der Evidenzmedizin genügen, die doch sonst immer so hoch gehalten wird, noch seltener. Allerdings gilt das auch für die umgekehrte Sichtweise, Aufmerksamkeitsdefizite seien vorwiegend umweltbedingt und Zeichen unseres Leben- und Erziehungssstils.

 Was zu wenig berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass eine rein symptombezogene Diagnostik überhaupt keinen sicheren Anhaltspunkt in eine Richtung geben kann und es zweitens zum Charakter von Psychosyndromen gehört, dass das Erscheinungsbild ähnlich ist, die Ursachen aber sehr unterschiedlich sein können. - Ich finde es schade, dass allzu leichtfertig dogmatische Standpunkte von Bloggern eingenommen werden, die sie nicht wirklich gut belegen können. Entlarvend ist dann, man äußere diese oder jene Meinung nur, weil sie angeblich nicht die Mehrheitsmeinung spiegele und die stark abweichende Meinung daher schon einen besonderen Platz verdiene, weil sie eben abweiche. Das ist in allen Fällen einer wissensbasierten Meinungsbildung, gelinde gesagt, ein sehr ungünstiger Ansatz.

 Meine Empfehlungen:

 Lieber einem vorsichtigen und nach allen Richtungen hin untersuchenden und behandelnden Arzt oder besser, einer entsprechenden Einrichtung die so vorgeht, bei der Diagnostik vertrauen, als einer Vielzahl von Leuten, die sich Meinungen zu ADS und AD(H)S bilden und das Netz verseuchen.

 Zweite Empfehlung: Bei großer Unsicherheit oder Widersprüchen, eine zweite Meinung einholen!

 Dritte Empfehlung: Niemals einem Apodiktiker, jemandem, der meint er wisse alles gesetzmäßig und eindeutig, vertrauen.

 Vierte Empfehlung: Sofort weglaufen, wenn jemand ein großes Behandlungsgeheimnis aus seiner Therapie machen möchte.

 Vorletzte Empfehlung: Nicht allzu leichtfertig dem sublimen Druck einer Schul-, Leistungs- und Konsumgesellschaft nachgeben, die, so mein Eindruck, gerne ein Spiel spielt, bei dem am Ende das Medikament die Lösung ist, weil es effizient Profit erzeugt.

 Letzte Meinung: Aussagen von Betroffenen und Angehörigen als solche werten, nicht etwa als gültige Urteile.

 Beste Grüße

Christoph Leusch

PS: Ritalin ist ein Markenname. Er hat sich, wie „Tempo-Taschentuch“, im Hirn vieler Menschen festgesetzt und steht für die Wirksubstanz Methylphenidat, der ebenso von anderen Herstellern unter anderem Namen oder von Generika-Produzenten mit Namensanhängen und Umschreibungen, verkauft wird. Ebenso gibt es Derivate, die dem gleichen Behandlungszweck wie die Ursubstanz dienen.

 

Kommentare (79)

abghoul 08.01.2013 | 09:36

Was zu wenig berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass eine rein symptombezogene Diagnostik überhaupt keinen sicheren Anhaltspunkt in eine Richtung geben kann und es zweitens zumCharakter von Psychosyndromen gehört, dass das Erscheinungsbild ähnlich ist, die Ursachen aber sehr unterschiedlich sein können. -Columbus

Sehr deutlicher Artikel zu diesem Thema. Dankeschön.

Mit dem zunehmenden wirtschaftlichem Druck auf jedwede medizinische Tätigkeit fällt das Interesse an Diagnostik.

Hauptsache der Patient ist vom Tisch und das Geld auf der Bank.

Übrigens nicht nur in der Psychiatrie. Das hat aber auch nicht nur Nachteile;)

greetings from the pit - abghoul

fahrwax 08.01.2013 | 13:23

Eine schöne (danke!) Zusammenfassung der Problematik, aber keine wirklich fassbare Einschätzung:

"Was schreibt Lauer auf seiner Webseite zur Störung? - „Was bedeutet das? Man nimmt die Welt anders wahr. Das ist natürlich eine sehr saloppe Beschreibung, aber das ist ADHS für mich.“ Zwei Dinge sind das bemerkenswert: 1. ADS als Wahrnehmungsstörung zu sehen. Das ist falsch. Die Wahrnehmung ist nicht der Kern der Störung! 2. Die „saloppe Haltung“.

Anders als wer oder was wird die Welt wahrgenommen? Die Anzahl der Welt-Wahrnehmungen dürfte deckungsgleich mit der Anzahl der Weltbevölkerung sein.

Ich vermisse eine halbwegs klare Aussage, ob es sich nun um eine wirkliche "Krankheit", oder um "Markterschließung" geht.

Die These, das es sich bei ADHS um so etwas wie eine Reizüberflutung auf der Grundlage jagdlichen Genmaterial handelt, scheint mir von erheblicher Glaubwürdigkeit.

abghoul 08.01.2013 | 14:01

Es gibt wirklich unzählige Dinge die durch medizinische Behandlung erreicht werden können. Therapie generell abzulehnen wäre nicht richtig, aber auch prinzipiell alles als richtig anzunehmen.

Sobald etwas per Diagnose festgestellt ist, besteht so etwas wie eine "gesellschaftliche Verantwortung zur medizinischen Behandlung" auch bei mäßiger Effizienz der therapeutischen Möglichkeiten.

Sicher träume ich gern von Utopien.

Einer Gesellschaft in der menschliche Physiologie und Psychologie vollends verstanden ist und Profit vollkommen aus jedweder medizinischen Tätigkeit verbannt, zum Beispiel.

Das ist sicher eine angenehme Vorstellung aber leider immer noch unangemessen.

So lange bleibt es manchmal "gesünder" gar nicht erst "krank" geworden zu sein.

Columbus 08.01.2013 | 14:19

Das sind zwei wichtige Aspekte, die auch einmal ausführlicher in den Blick genommen gehörten. Die Kriminalisierung erzeugt Elend und viel Gewalt, und auch in sehr kurzer Zeit Millionäre und Milliardäre, die ihr Drogengeld dann weiß waschen und wieder als ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft gelten.

Christoph Lauer beschreibt den Umgang mit der Droge/dem Medikament in einer managementähnlichen Sichtweise: Ich nehme Methylphenidat, wenn ich es, im Rahmen von Gesellschaft brauche. Ich lasse es weg, wenn ich befreit sein will, wie ich glaube wirklich zu sein. Er hängt der Fantasie an, besonders kreativ und umfassender denken zu können. Wieso, das erschließt sich mir nicht.

Bin ich in Gesellschaft auffällig anders, dann war es AD(H)S oder ich hatte gerade kein Methylphenidat geschluckt. - So sind selbst extreme Positionen und Verhaltensweisen in geselliger und geschäftlicher, bzw. politischer Situation, "abgedeckt".

Ganz ehrlich. Die meisten Menschen mit ADS oder ADHS haben da andere Sorgen und beschreiben das auch anders.

Warum sind Amphetamine und Methylphenidat, bzw. Derivate, ebenso wie Kokain  bei Managern und anderen Berufen in denen vor allem der persönliche Auftritt zählt,  sehr beliebt? - Nun, Drogen dieses Art erzeugen einen speziellen psychischen Tunnelblick, Willenshärte, Willensfokussierung und sie überspielen Stress und Übermüdung. Im Zusammenhang mit dem oben zu Persönlichkeitsstörungen gesagten, trifft auch zu, dass die so vorgetäuschte Ich-Stärke und Selbstbezüglichkeit zunimmt.  Das macht Eindruck und wird von den Konsumenten als umfassend erhöhte Leistungsfähigkeit wahrgenommen.

Beispiel: Trotz harter oder gar brutaler Entscheidungen für Mitarbeiter und Partner, fühlt man sich von anderen geschätzt und geliebt, selbst wenn objektiv (Außenwahrnehmung) dies nicht so ist.  

Hier war nun das Thema, die ausufernde Verordnung von Ritalin und Co. an Kinder- und Jugendliche , und die ebenso ausgedehnte Diagnose des Psychosyndroms, das eben nicht eine gut definierte, organische Ursache oder einen festen epigenetischen Grund hat. Zudem war es meine Absicht, ein paar Missverständnisse zur  medikamentösen Therapie zu klären.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

 

Columbus 08.01.2013 | 14:46

Es ist eben viel billiger, Methylphenidat für einen Störer und /oder Aufmerksamkeitsgestörten (m:w, ~  3:1) einzusetzen, als eine zusätzliche, dazu noch geschulte Lehrkraft oder eine SozialtherapeutIn in die Klasse zu bringen. 

Der wirtschaftliche Druck, den sie zu Recht erwähnen, ist aber auch von Standesorganisationen und eben von der Gesundheitswirtschaft, ja, sogar gesamtgesellschaftlich, derzeit erwünscht. Umsatz und Profit, Provision und Beteiligung, Fallpauschalen, statt ein Festgehalt, egal was anfällt und aus ärztlicher Sicht wirklich nötig wäre. So kommt es zu Überversorgungen und Übertherapien, andererseits zu Schattenreichen, die nicht mehr bekommen, weil sie nicht zu den Geldbringern gehören . OPs an der WS, Hüfte, Herzkatheter,Ultraschall in der Gyn, ohne Konsequenzen, Übermaß an radiologischen Großeinheiten, sind heute die Regel.

Das bringt Umsatz in den abrechenbaren Einheiten und eine größere Gewinnspanne, auch mehr Gehalt bei den Niedergelassenen und Spezialisten, sowie den Chefs der Kliniken.

Beste Grüße

Christoph Leusch

oi2503 08.01.2013 | 15:02

Magst du dir diesen Satz:

"Die Diagnose ADHS oder ADS unterliegt einer großen Unsicherheit, weil in sehr vielen Fällen eine breit angelegte Vordiagnostik mit ausführlichem körperlichen und gerätemedizinischen Untersuchungen, bzw. ein ausführliches, auch endokrinologisches Labor, die ausführliche Eigen- und Fremdanamnese, sowie psychometrische Tests unterbleibt und auch die eigentlich geforderte Zurückhaltung in der Verordnung, -zuerst sollen Zeit und personalintensive, beziehungsweise die Betreuungs- und Hilfspersonen mehr belastende, nichtmedikamentöse Verfahren eingesetzt werden-, ebenfalls zunehmend eingespart wurde."

bitte noch einmal ansehen und ggf. entwirren. Er scheint mir im Begündungszusammenhang wichtig, aber irgendetwas läuft da nicht zusammen.

bertamberg 08.01.2013 | 15:06

"Der nicht sachgemäße Gebrauch von Amphetaminen und Kokain-ähnlichen Stoffen hat immer schwere Nebenwirkungen!"

Ich fühle mich verpflichtet zu widersprechen: Auch der sachgemäße Gebrauch von solchen Stoffen  führt  in einem Kollektiv  bei manchen zu Nebenwirkungen unterschiedlicher Intensität.  Nur wird das dann als in Kauf zu nehmende Begleiterscheinung abgetan, häufig sogar ein Zusammenhang negiert, vor allem dann, wenn dem Therapeuten  Alternativen  unbekannt sind.

Ismene 08.01.2013 | 15:42

Lieber Columbus,

danke für den gelungenen Text.

Wir selbst haben eine sehr ausführliche Diagnostik für unser Kind hinter uns, die auch die seinerzeit sehr ungünstige Familiensituation berücksichtigt hat. Das zu lesen, war nicht sehr angenehm, aber hilfreich.

Zu den Empfehlungen ist aus meiner Sicht noch etwas ergänzendes zu sagen:

Ich würde immer eine zweite Meinung einholen. Das muss nicht immer eine Ärztin sein. Ein Ergotherapeut z.B. sieht Dinge aus einem anderen Blickwinkel und das hat bei uns ab und zu noch einmal zu klärenden Gesprächen geführt.

Wenn Kinder auffällig - und manchmal eine Belastung für die ganze Familie - sind, dann kann ich nur empfehlen ganz frühzeitig und niederschwellig Hilfe zu suchen. Manchmal reichen ein, zwei Besuche in einer Erziehungsberatungsstelle aus, um Situationen zu entspannen und verbessern. Hilfe brauchen wir Erziehenden oft in viel stärkerem Maße als unsere Kinder! Dem Druck der anderen nicht nachzugeben, verlangt eine Menge innerer Gelassenheit, die man gerade dann oft nicht hat, wenn ein Kind besonders anspruchsvoll ist.

Pillen oder kümmern - das kann allerdings gar keine Alternative sein. Auch wenn Pillen - mal - ein gutes Mittel sind, darf das Kümmern nicht ausbleiben. Erziehung ist Arbeit, das scheint vielen nicht bewusst zu sein, und diese Arbeit wird gesellschaftlich gar nicht gewürdigt. Bestimmt wäre es ein guter erster Schritt, die Unsummen, die für Ritalin o.ä. ausgegeben werden für die Unterstützung von Eltern - in welcher Form auch immer - aufzuwenden.

Liebe Grüße

Ismene

Columbus 08.01.2013 | 18:28

Stimmt, Ismene, ich hätte besser,  ein "und" hingeschrieben. "Statt" wollte ich nicht schreiben, das war mir zu stark und dann eben "oder", weil es für mich den aktuellen Trend anzeigt, gegen den sachlicher Verstand mobilsiert werden kann. - Übrigens wird an vielen Stellen im Kassen-Gesundheitssystem von Effizienzkritierien gesprochen und die Entscheidung fällt sehr häufig, weil eben naheliegend, gegen gekaufte Zeit und damit Behandlung durch Menschen,  für den  Eingriff, mit Medikamenten oder, in anderen Bereichen,  für radikale OPs.

Grundsätzlich sind die Leitlinien für AD(HS) heute gut, formuliert denn sie verlangen das "und" ebenso, wie z.B. eine zurückhaltende Diagnosestellung, nach umfangreichen Prüfungen. Die Verordnungshäufigkeit von Ritalin und Co.  spricht jedoch eine andere Sprache.

Keine Frage, auch Psychologen und Ergotherapeuten,.., können raten und helfen. Es kommt immer auf das Maß an. Ich würde mich einer Instanz anvertrauen, die reichlich Erfahrung hat, offen ist und, bei auffälligen Widersprüchen, duldet, dass man eine weitere Meinung einholt.

NB: Leicht lässt sich im Web überprüfen, dass mittlerweile ein großer grauer Markt existiert, der Psychostimulanzien an prinzipiell jeden, der glaubt sie brauchen zu können, heran bringt. Etwas davon, von der voluntativen Seite der Methylphenidat-Verordnung und Selbstverordnung, zeigt sich ja auch in Christoph Lauers persönlichem Statement (Ohne ihn als Person zu kritisieren, ist sein Umgang mit der diskutierten Substanz als Modell nicht sehr hilfreich).

Wichtig war mir noch, vor dem spontanen An- und Absetzen solcher Substanzen zu warnen und ebenso vor der Psychopathologisierung, die, nimmt man die Epidemiologie und die nach den Rater-Studien für Stadt und Landregionen erstellten Hochrechnungen allzu ernst, bis zu einem Drittel der Bürger, vom Kleinkind bis zum Greis, behandlungsbedürftig machten. Mir reichen schon die Hunderttausende, die Behandlung wirklich brauchen und auch wollen, aber immer schwerer  an adäquate und nachhaltige Therapien heran kommen.

Einen wichtigen Tipp vergaß ich noch. Gibt es Probleme bei den Kindern, mit der Schule, in der Familie, in anderen sozialen Bezügen, dann hilft auch, sich zu sagen, dass ein Problem über eine längere Zeit entstanden, gewachsen, ist und auch wieder ein wenig länger braucht, um gut gelöst zu werden. Also keine Hyperaktivität. Sie haben das ja offensichtlich instinktiv und mit Hilfe gut geschafft. 

Beste Grüße und weiter

Christoph Leusch

 

Columbus 08.01.2013 | 18:56

Das ist, Kenua, derzeit ein heiß diskutiertes Thema, genau dort, wo auch die meisten Diagnosekriterien durch die Masse der Experten und die Wucht zahlreicher mehr oder weniger wissenschaftlicher Insitutionen geprägt wurden, in den USA. Ist der analysierte und diagnostizierte Mensch, Bürger, Patient, ein Produkt seiner, über Experten und Behandlungen aller Art erreichten Anpassung an die Vorgaben und Wünsche einer Gesellschaft, oder ist das Verlangen nach einer Diagnose (Wie bin ich?) und einer Therapie (So möchte ich sein!) , oftmals lang, gar lebenslang, eine Konstante der Selbstbefragung und der Ich-Psychologie jedes einzelnen Menschen?

Die unterschiedlichen Sichtweisen, Amerika-Europa (Frankreich), diskutiert Alain Ehrenberg, das Unbehagen in der Gesellschaft, Suhrkamp, 2011, 2012, franz. Original: "La société du malaise",2010.

Kein leicht zu lesendes Buch, weil es einige Kenntnisse der gängigen und vieldiskutierten Soziologie (Sennett, Bellah, Honneth,... )und der Psychoanalyse ( Lacan, Kohut, Kernberg, Freud, Fromm,...) voraus setzt.

Aber treffender als in diesem Buch, habe ich das allgemeine Problem des Gestaltwandels in der individuellen Anschauung und den Ansprüchen an das Ich, das Individuum, zuletzt nirgendwo gelesen. Der Gestaltwandel, so hat es fast den Eindruck macht uns alle zu irgendwie lebenslang therapie- und analysebedürftigen Zeitgenossen. Statt die Verhältnisse zu ändern, bosseln wir beständig, mit analytischem Blick, an uns herum.

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

Columbus 08.01.2013 | 19:21

Ja, OI, das ist ein wenig verschwurbelt, ich schrieb schnell, als Reaktion auf Merdeisters Blog." Zurückhaltung" und erst einmal alle anderen Hilfen auszunutzen, meint zunächst den Zeitfaktor: Die meisten Aufmerksamkeitsdefizite bei Kindern gehen auch wieder, besonders wenn eben das passende Kümmern einsetzt. Dann aber, meint es auch eine Haltung, die das  Medikament Methylphenidat nicht als erste Maßnahme vorsieht und auf eine sorgfältige Diagnostik Wert legt.

Zu "und", besser als "oder", schrieb ich nun  schon an anderer Stelle.

NB: Kreativität ist ein Glück, wenn sich bei einem AD(H)S Kind zeigt, genau so, wie eine ausreichende oder gar höhere Intelligenz ein Glück ist. Beides macht, in den Fällen, bei denen die Diagnose stimmt, auch die Akzeptanz in den sozialen Bezügen größer und hilft in der Therapie.

Die meisten Schwierigkeiten dürften da auftauchen, wo soziale und familiäre Probleme und mangelnde oder schwach entwickelte Kompetenzen beim Kind gegeben sind. Diese, meist männlichen Störenfriede haben keine so guten Karten.

Grundsätzlich kann gar nicht bestritten werden, dass Methylphenidat hilfreich sein kann. Gleiches könnte ich auch über die EKT schreiben, die unter Laien häufig verteufelt wird. Hintergrund ist aber sehr häufig nicht eine emotionale Laienmeinung, sondern eine zu sehr ausgeweitete Indikation, und dann eben so mancher Bericht über Fälle die nicht gut verliefen.

Grüße und guten Abend

Christoph Leusch

 

mklingma 08.01.2013 | 21:22

Ich fand diesen Beitrag für mich sehr informativ, weil er eine differenzierte Sicht entfaltet und insbesondere die Gefahr hemdsärmeliger Diagnosen in den Vordergrund rückt, vielen Dank dafür.

Aus meiner Praxis als Lehrer kann ich beisteuern, dass es  schon eine enorme Aufmerksamkeitsleistung ist, die Kindern, z.B. am Gymnasium, seit ein paar Jahren auch noch im G8-Modus, abverlangt wird. Wer da stört, denn wollen viele gerne ruhig stellen oder loswerden, völlig egal ob sich die Symptomatik als ADHS diagnostizieren lässt oder was auch immer. Im alltäglichen Gebrauch vermuten wir dann erst einmal ADHS, denn das ist zur Zeit am populärsten.

Eigentlich fast immer sind es Jungen, das macht die Sache noch ein bisschen suspekter, tatsächlich hatte ich noch nie ein Mädchen, bei dem eine ADH!S-Diagnose gestellt worden war. ADS hatte ich mal, wurde aber von Kollegen stark bezweifelt.

Unabhängig von ADHS scheint es Jungen im Durchschnitt schwerer zu fallen, 8 Stunden still zu sitzen, woran das liegt, darüber könnte man streiten.

Dass vermutlich einige dieser Störenfriede mit Ritalin behandelt werden, scheint mir nun doch angesichts der von Columbus entfalteten Argumentation gerade in Bezug auf die Einnahme und die Nebenwirkungen bzw. Nebenmedikamente bedenklich.

Ismene 08.01.2013 | 22:28

Lieber Columbus,

die Problematik des spontanen Absetzens war mir bisher so gar nicht klar. Danke dafür.

Was mich immer noch sehr umtreibt ist die Tatsache, dass ich ja schon relativ privilegiert bin. Ich kann mich - immer nur teilweise, aber trotzdem - über die Erwartungen anderer hinwegsetzen, ich kann mir Hilfe holen, wenn ich mich überfordert fühle. Dabei bin ich vielleicht auch recht spät, aber ich merke es immerhin dann mal. Aber es gibt viele Familienname, in denen das nicht der Fall ist. Die ziemlich allein sind und erst dann Hilfe erhalten, wenn schon vieles kaputt gegangen ist.

Hilfreich finde ich auch den Gedanken, dass etwas, was sich über lange Zeit entwickelt hat, auch Zeit zur Heilung Heilung. Vielleicht noch ergänzt durch die Idee, dass ich bei Problemen, die ganz hartnäckig nicht verschwinden wollen, Teil desselben bin und wahrscheinlich "etwas davon habe".

Besten Dank und herzliche Grüße

Ismene

NICKLASCOMIX 08.01.2013 | 23:28
Christoph, dieses Blog gefällt mir. Du machst Unterschiede, auf die man differenziert antworten kannund könnte. Dasn andere (Bezugsblog) gefäät mir auch, aber leider habe ich nur kurz Zeit vor dem Schlafengehen und bin auch kein Meister in einer bestimmten Art von zusammenhängenden Texten, insbesondere geisteswissenschaftlich betrachtet. Avoir la mine défaite après une nuit blanche. So long, Nicklas
NICKLASCOMIX 08.01.2013 | 23:43
/NB: Kreativität ist ein Glück, wenn sich bei einem AD(H)S Kind zeigt, genau so, wie eine ausreichende oder gar höhere Intelligenz ein Glück ist./ Ok, theoretisch betrachtet 'ja'. Alles Weiteres durchspielt sich praktisch betrachtet wie Deine Vorschläge zum AD(H)S selbst .(Kluge) Kinder, die keine Rückenstärkung besitzen, können auch sich nicht (weiter-)entwickeln. Unterstützung Erwachsener braucht es.
oi2503 09.01.2013 | 11:56

Beim ersten Lesen hab ich gedacht du schreibst „Es liegt an der Bequemlichkeit der Eltern“, nur elaborierter. Das lag sicher auch an dem „Pillen oder kümmern“ (im Kommentar an Ismene zurückgenommen, warum änderst du es nicht in deinem Beitrag?). Beides konnte ich mir für dich eigentlich nicht vorstellen. Also habe ich erneut gelesen.

Jetzt lese ich eine große Warnung, nicht zu leichtfertig zu sein. Und dabei die Risiken des Medikamentes stark zu betonen, seine Chancen kaum zu erwähnen. Plus: damit bleibt untergründig der (leichte Vorwurf) an die Ruhe wünschenden Familien doch erhalten. Z.B. hier: „„Behandlungsfälle“ werden geschaffen, weil das lukrativ ist und sozial sowohl die Familien und Patienten, als auch die Behandler und die Schulleistungsgesellschaft entlastet.“ Oder hier: „Ein häufiger, psychologisch leicht erklärbare Fall für das Auftreten von Aufmerksamkeitsstörungen, ist die Scheidung der Eltern oder z.B. eine dissoziale Erziehung!

Einige Anmerkungen noch zum Text.

Zu Ritalin schreibst du es sei ein süchtig machendes und hirnschädigendes Rauschmittel. Und: „Nicht nur die Dosis macht den Unterschied, wie viele glauben, sondern vielmehr entscheidet darüber auch die saubere, vor allem treffsichere, Diagnose eines Psychosyndroms namens AD(H)S, durch hoffentlich unvoreingenommene Experten (…)

Kann es sein, dass du hier ganz leicht andeutest, dass bei Vorliegen des Syndroms ADHS die Wirkung von Ritalin und Co. – richtige Dosierung vorausgesetzt – eine andere ist? Nicht süchtig machend und auch nicht hirnschädigend? Ähnlich wie es bei der Einnahme von Morphium – zumindest in der retardierten Form - bei Schmerzpatienten ist? Die schmerzgeplagten Menschen wollen einfach nicht süchtig werden. Weisheit des Körpers womöglich in beiden Fällen?

Psychosyndrom also. Mhhm, gibt mir dieses Label irgendeinen Erkenntnisgewinn? Verstehen kann ich es, das Label, wenn ich den Mahner sehe. Im Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten hilft das wenig. Epilepsie kann, wenn ich das richtig verstanden habe, Auslöser eines Psychosyndroms sein. Kümmern oder Pillen (nicht vorstellen kann ich mir, dass du es in Zusammenhang mit Epilepsie überhaupt geschrieben hättest, es dir in den Kopf gekommen wäre)? Und die Medikamente, die gegen Epilepsie verkauft werden, werden auch verkauft, meint: auch daran verdient die Pharmaindustrie. Und zwar gut. 16-18% Umsatzrendite sind die Benchmark für die Industrie gesamt. Und bei denen ist weitgehend unbekannt warum sie wirken. Und deshalb wird mit den verschiedensten Medikamenten herumgedoktert bis es passt, meint Mensch eingestellt ist. Und die Ursachen von Epilepsie müssen manchmal auch verborgen bleiben. Kümmern? Kopf betten, wenn der Krampanfall da ist?

Zu deinen Zahlen. 213 Tagesdosen je Mensch und Jahr bei 55 Mio. Jahresdosen insgesamt ergeben rd. 258.000 Patienten pro Jahr. Bei rd. 6,75 Mio. Kindern in D. Ende 2011 und angenommenen 5% „ADHS-Potential“ ergibt das 337.000 potentiell Betroffene. Die Zahl 258.000 muss also nicht unbedingt schrecken. Allerdings ergeben 55 Mio. Tagesdosen bei 20mg /Tagesdosis nur 1,1 Tonnen, da stimmt also etwas nicht respektive es fehlen rd. 700 kg. ((Bei 33 mg / Tagesdosis kommst du ungefähr auf die rd. 1,8 Tonnen). Du schreibst: „Allein zwischen 2006 und 2009 betrug die Steigerung der Verordnungen im Bereich der TK – Hamburg 42%. - Da ist was nicht in Ordnung, (…)“. Vielleicht war ja vorher nicht alles in Ordnung?

„Zweite Empfehlung: Bei großer Unsicherheit oder Widersprüchen, eine zweite Meinung einholen!

Meine Empfehlung: Immer eine zweite Meinung einholen. Und bei unüberbrückbaren Differenzen auch eine dritte.

Letzte Meinung: Aussagen von Betroffenen und Angehörigen als solche werten, nicht etwa als gültige Urteile.

Meine Meinung. Aussagen von belesenen Menschen, auch Ärzten und anderen „Experten“ als das nehmen was sie sind, nicht als gültige Urteile. Es gibt kein Wissen vor der Erfahrung.

 

 

 

Columbus 09.01.2013 | 14:52

Um es kurz zu machen, am Mittag, OI,

Tatsächlich wirkt Methylphenidat "paradox", bei vielen schweren Fällen, die mit Recht als AD(H)S diagnostiziert wurden. Das Gleiche gilt z.B. auch für Coffeinum, als kurzfristige Hilfe bei schwer Schlafgestörten oder bei Amphetaminen, die bei Disponierten massive Depressionen auslösen, usw.

  Die meisten Tierversuche belegen hirnorganische Veränderungen beim längerfristigen Einsatz von Amphetaminen, Kokain, Methylphenidat. - Daher auch die dringliche Empfehlung der regelmäßigen Ausschleichversuche in den Leitlinien.

Daher auch der dringliche Hinweis, die ganz normale Rückbildung der meisten leichten und mittleren Aufmerksamkeitsmängel, denen man besser gar nicht erst das Label AD(H)S verpasste, ohne Medikamente, selbstverständlich mit dem Kümmern und Lösen der Probleme, mit der Reifung des Kindes oder Jugendlichen, nicht aus den Augen zu verlieren.

Ganz gefährlich wird es derzeit, weil nun auch die "stillen Fälle", z.B. "Träumer" und damit auch die Mädchen in den Blick der Behandler kommen.

Wie schon zu den Aufmerksamkeitsdefiziten gesagt, gilt hier noch mehr, dass ein tatsächliches Syndrom erst einmal sauber diagnostiziert werden muss, weil abglenkt und verträumt sein,  z.B. auch einmal über ein Schuljahr hinweg, gerade nach dem Schuleintritt, beim Schulformwechsel, beim Überghang von der Grund- zur weiterführenden Schule, zudem bei einer Reihe von sozialen und familiären Belastungen,  zur ganz normalen Psychologie Heranwachsender gehört und eine Vielzahl weiterer psychischer Störungen, Kinder still und abgelenkt erscheinen lassen.

Mehr müsste noch zu der deutlich höheren Zahl männlicher Betroffener gesagt werden, allein, mir fehlt derzeit die Muse.

Übrigens gilt der kontrollierte Ausschleichversuch auch bei Epilepsien als unbedingt empfehlenswert, wenn über mehrere Jahre und Jahrzehnte keine Anfälle mehr auftraten, wenn keine klar erkennbaren Ursache sich im EEG und bei den anderen Untersuchungen ergeben, die eine Weiterverordnung wirklich  rechtfertigen. Auch diese Medikamente haben zumeist eine hirnverändernde Langzeitwirkung und, bei den älteren Medikamenten Auswirkungen auf de Kognition und andere Organe.

 Eine quasi lebenslange Dauertherapie mit Methylphenidat ist auf jeden Fall eine sehr gefährliche Angelegenheit und sollte allenfalls bei extremen Fällen erfolgen. Schon gar nicht taugt der Stoff als Gelegenheitsdroge. Nach dem Motto, ich mache mich damit für ein paar Stunden sozial angepasst. Das ist im Grunde ein Suchtverhalten.

Bei der allgemeinen Unklarheit des Syndroms wäre mir wohler, wenn die Behandlungsprävalenz bei maximal 1% der Jahrgänge läge und sich die Mode, ein Syndrom plötzlich überall zu sehen, nicht verbreitete.

In den USA, die da noch viel marktgesteuerter als die Europäer agieren, waren die letzten Psycho-Wellen jene der massenhaft auftretenden Autisten, der plötzlich überall entdeckten hochbegabten Kinder, der Welle der mit "Prozac" (Fluoxetin) angeblich bestens funktionierenden Depressiven.

Bisher haben sich die europäischen Psychiater, Nervenärzte und ärztlichen Psychotherpeuten  immer noch gegen solche Diagnose- und Verordnungswellen bei Zeiten zur Wehr gesetzt und den Verstand walten lassen. Aber die "Neue ökonomische Medizinpolitik", die im Grunde alle Bereiche einer unternehmerischen Haltung unterwirft, sägt an dem vernunftgeleiteten Bauprinzip guter ärztlicher Versorgung, bei der Einkommen von erstellten Diagnosen und Therapien getrennt sein sollten.

Beste Grüße

Christoph Leusch 

 

Columbus 09.01.2013 | 15:07

Danke für diesen kurzen Hinweis aus der Schulpraxis. Passend zu dem was Ismene noch zu den Ressourcen der Eltern sagte, gilt, dass Sprachbarrieren, eingeschränkte oder besonders erhöhte kognitive Kompetenzen beim Kind, soziale und familiäre Umstände ganz prinzipiell die Chancen verschlechtern, andere Wege für den Umgang mit den "Stillen" und den "Störern" zu finden, die dann meist auch kein Methylphenidat bräuchten, bzw. bei denen das sogar eine falsche Therapie oder Hilfe ist. Wenn in einer Grundschule von 300- 400 Schülern oder in der Orientierungsstufe der weiterführenden Schulen auf die gleiche Zahl, 1-vielleicht maximal 3 oder 4 Kinder sind, die ein AD(H)S Syndrom wirklich haben und davon 1 oder 2 Kinder tatsächlich die Medikamente brauchen, dann mag das noch vertretbar sein. Wenn aber deutlich mehr auf "Ritalin" sind, läuft da was falsch!

Beste Grüße

Christoph Leusch

 

Martin Gebauer 09.01.2013 | 16:13

Dr. Susanne Raess ist Anwältin mit Spezialgebiet Schul-, Personal- und Strafrecht. 

Frau Raess, warum gelangen Eltern von ADHS-Kindern an eine Anwältin?
Weil Lehrer oder Schulbehörden auf eine medikamentöse Behandlung mit Ritalin drängen und deutlich machen, dass eine Verweigerungshaltung seitens der Eltern sanktioniert werden kann.

Welcher Art ist dieser Druck?
Eltern werden zum Beispiel von Lehrpersonen direkt darauf angesprochen, dass ihr Kind mit Ritalin behandelt werden soll. Diese Forderung wird zum Teil auch im Zusammenhang mit speziellen Schulanlässen gestellt. Das heisst, die Kinder dürfen an gewissen Schulanlässen nur teilnehmen, wenn sie das Medikament einnehmen. Sonst nicht. Sogar die Schulung in der Regelklasse wird davon abhängig gemacht.

Wie sollten sich Eltern in solchen Fällen verhalten?
Der Entscheid, ob dem Kind Medikamente abgegeben werden oder nicht, liegt einzig und allein bei den Eltern und nicht bei Schulbehörden und auch nicht bei einzelnen Lehrpersonen. Ritalin ist rezeptpflichtig und sollte nur nach eingehenden Abklärungen verschrieben werden. Ich empfehle den Eltern primär, friedliche Lösungen anzustreben. Da die Fronten oft schon verhärtet sind, empfiehlt es sich, das Gespräch gut vorbereitet anzugehen und sich allenfalls dabei begleiten zu lassen, sei dies durch den behandelnden Arzt, eine Mediationsperson oder auch einen Anwalt. Zur Vorbereitung gehört auch, dass man sich über die pädagogischen und therapeutischen Angebote, die eine Schulgemeinde hat, gut informieren lässt. Von einem konfrontativen Vorgehen rate ich ab.

Warum?
Praktisch sitzt die Schule am längeren Hebel. Zwar kann kein Kind gezwungen werden, Psychopharmaka zu nehmen. So direkt läuft das nicht. Aber die Versetzung in eine andere Klasse oder die Wiederholung eines Schuljahres kann und wird von der Schule her eher angeordnet werden, wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Schulverantwortlichen zerrüttet ist.

Gibt es Parallelen bei den verschiedenen Fällen, in denen Sie Mandanten vertreten?
Es führen immer eine Vielzahl von Faktoren zur Aufforderung, Kinder medikamentös zu behandeln. Typische Faktoren sind: erstens eine zu große Klasse, zweitens viele Lehrpersonen für dieselbe Klasse, deren Zusammenarbeit nicht optimal funktioniert, und drittens mehrere schwierige Kinder in einer Klasse. Es ist selten nur ein einzelnes Kind, das größere Probleme entstehen lässt.

Medikamente sollen also Probleme lösen, deren Ursachen struktureller Art sind und mit ADHS nur bedingt zu tun haben?
Das ist jedenfalls meine Wahrnehmung.

Quelle:

http://www.bernerzeitung.ch/schweiz/standard/Die-Schule-sitzt-am-laengeren-Hebel/story/10543873

 

Martin Gebauer 09.01.2013 | 17:02

“Tatsächlich wirkt Methylphenidat "paradox", bei vielen schweren Fällen, die mit Recht als AD(H)S diagnostiziert wurden.“

Vorsicht! Dieser Kerngedanke aus dem heraus der Werbefeldzug für die Verschreibung von Ritalin gestartet wurde ist schlichtweg falsch.

Es liegen (aus gutem Grund) keine (veröffentlichte) seriöse wissenschaftliche Studien vor, die von dieser Prämisse ausgehend, jemals nachgewiesen haben, dass Verhaltensauffällige Kinder, paradox auf Amphetamine reagieren.

 “Ganz gefährlich wird es derzeit, weil nun auch die "stillen Fälle", z.B. "Träumer" und damit auch die Mädchen in den Blick der Behandler kommen.“

Schon in den 70er Jahren, war es gang und gebe, die stillen Träumer, diejenigen also, die in der Schule lieber aus dem Fenster schauten und oft nicht mehr wussten, was der Lehrer gerade sagte, und ihnen schwer viel, sich auf den Unterricht zu konzentrieren, für jene also, verordnete der Arzt Tradon (Pemolin) Ein anderer Name dafür lautete Stimul.

Pemolin (Tradon®)ist wegen des Risikos von Leberschädigungen heute nur in Ausnahmefällen verschreibbar und zwar dann, wenn Methylphenidat nicht die gewünschte Veränderung bewirkt.

Martin Gebauer 09.01.2013 | 18:01

Hallo ihr lieben,
Ich selbst nehme schon laange Ritalin, und war immer von der Wirkung begeistert. Konnte mich gut Konzentieren.. meine schulnoten waren im Schnitt fast 2 Noten besser! etc.etc.
Aber darüber will ich gar nicht reden, jedenfalls ich bin positiv zu Ritalin eingestellt..
Mittlerweile nehm ichs allerdings nicht immer bzw. regulier quasi mein Tag selbst, je nach dem wie mein Empfinden ist.

Mir ist allerdings eins aufgefallen, wenn ich abends Ritalin nehme, kann ich die ganze Nacht durchmachen weil ich kaum Müde werde (gut das ist ja eine bekannte nebenwirkung) zum anderen aber werde ich total "notgeil".
Das klingt jetzt etwas obszön aber ich hab schon öfter 20 Minuten nach einnahme Hand anlegen müssen (und das auch wenn ich davor schon mal habe).
Und zu guter letzt wird das auch durch meine Freundin bestätigt.. den wenn ich die Dinger nehme haben wir teilweise sehr sehr langen sex und mein Ding wird einfach nicht schlaf, d.h. ich komme zwar in Ihr aber kann weiter machen und es ist eigentlich kein Ende in Sicht.
Ich hab ihr nicht veraten woran es liegt, aber immer wenn ich Ritalin davor nehme meint sie "ah hast du wieder dein Guten Tag *g*"

Ja wie auch immer meine Potenz steigt durch Ritalin emens!

Ich hab im Internet kaum was dazu gefunden (nur auf Englisch) und dort teilweise auch Gegensätzliche aussagen..
Nun ich kenne auch noch ein paar Leute die Ritalin nehmen, habe mich aber nicht wirklich getraut zu fragen.

Einen hab ich beiläufig mal angesprochen ob er auch vor dem Sex Ritalin nimmt, worauf er meinte nein aber wenn ers nimmt hat er noch mehr Lust drauf!
Weiter haben wir aber nicht geredet.. aber scheine dann ja kein einzelfall zu sein.
Wollte mal wissen ob hier jemand Erfahrungen damit hat oder ähnliche Symptome zeigt...
Bei meinem Psychologen (der mir das verschreibt) find ich es auch etwa unangenehm das zu fragen.
Vielen Dank!

Ich nehm auch Methylphenidat, aber hab noch nie irgendein Zusammenhang mit meiner Lust bemerkt. Ich kann mich allerdings beim Sex etwas besser entspannen wenn nicht tausend Dinge durch meinen Kopf jagen.

das geht mir genauso ... bzw meins lässt dann meistens schon nach muss mal schauen wie es ist wenn ich noch voll drauf bin ;-)

Nehmt ihr den Siff alle weil ihr wirklich ADS habt oder ist das so ein neues Lifestylemedikament, von wegen bessere Noten in der Schule etc.?

also bei mir ist es nach einem jahr untersuchungen in einer profi klinik diagnostiziert worden .. und den siff zu nehmen wenn man kein ads hat sollte durch die nebenwirkungen die noten sogar noch verschlechtern ... dem nach denke ich kann ich behaupten das die anderen wohl auch ads haben .. und den net einfach so nehmen den wie du es doch sagst siff

ich als ads kanidat hatte heftige nebenwirkungen als ich meine medikamente das erste mal genommen hatte ... dann frag ich mich ja wie ein körper auf die heftigen medikamente reagiert wenn kein ads vorhanden ist ... kann mir nicht vorstellen das man das einfach so ausgestellt bekommt geschweige denn das das funktioniert, weil ich mein sogar ads medikamente bei nicht ads führt zu extremen auffälligkeiten und sowas... behaupte ich einfach mal so anhand des beipackzettels

http://www.planet-liebe.de/threads/ritalin-und-mein-sexualgef%C3%BChl.220090/

Nicht nur, dass Amphetamine im Bezug auf eine veränderte Sexualität unerforscht, jedoch eine verschwiegene Tatsache ist, und geht man davon aus, dass Kinder vor und während der Pubertät Ritalin schlucken, so sind die Folgen gar nicht abzusehen, ob im späteren Leben ein erfülltes Sexualleben ohne Amphetamine, überhaupt noch möglich ist, bleibt dahingestellt.

bertamberg 09.01.2013 | 19:00

.... danke für den Hinweis. Leider habe ich nichts mitbekommen.  Die Intransparenz der Anonymisierung von gesperrten Usern finde ich eine völlig kontraproduktive Sache. Vielleicht sollte man als Nutzungsbedingung einführen, dass bei jedem Verstoß ein gestaffeltes Bussgeld abgebucht wird und der Stand des Bussgeldkontos dem User zuzuordnen ist? Dann müsste man vielleicht nicht sparen, weil nicht wenigen die eigene Maulfreiheit etwas wert ist.

Martin Gebauer 09.01.2013 | 19:17

Dann gab es noch jene, die für viel Aufregung und Kontroversen sorgten:

Opfer der Autismusseuche.

Wir beginnen, indem wir jene Hirnregionen medikamentös stimulieren, die bei anderen Personen beobachtende Bewegungen spiegeln. Darüber hinaus manipulieren wir die parieto-okzipitale Verbindung um etwas hervorzubringen, das man früher außerkörperliche Wahrnehmung nannte. Inzwischen können wir, wann immer wir wollen, nach außen gerichtete Empathie oder Selbstversunkenheit hervorrufen.

„Nennen Sie es Technologisierung des Mitgefühls oder hervorrufen von Erkenntnis.

Können wir das alles bewerkstelligen – die Veränderung des Bewusstseins und Selbsteinschätzung bei Autisten -, ohne ihre Begabungen zu opfern?

Oder ihre wilde Wachsamkeit, die sie manchmal natürlicher und ungezähmter macht als den Rest von uns?

Wenn wir dazu in der Lage sind... Lässt sich der Vorgang auch umdrehen? Können wir normalen Menschen Fähigkeiten von Autisten geben?

Wer sind wir – irgendjemand von uns -, dass wir bestimmen können, was menschlich ist und was nicht? Das wir etwas heilen, das Unschuld oder Natur näher sein könnte. Der Erde näher? Oder vielleicht einem früheren Zustand der Gnade?

David Brin – Existenz (Heyne Verlag 2012) 

Martin Gebauer 09.01.2013 | 19:58

Wie wirkt Ritalin? Und zwar ausnahmslos bei allen Menschen gleichermaßen.

Es gibt den (angeblichen) Unterschied in der Wirkungsweise nicht, zwischen einem als normal eingestuften Kind und einem ADHS Diagnostizierten.

Ritalin führt zu einer Überstimulation und damit Desensibilisierung der Noradrenalin-, Dopamin- und Serotoninrezeptoren im Gehirn. Das heißt, es kommt zu euphorischen Stimmungen, die unabhängig sind von den realen Erlebnissen des Menschen, Hungergefühl und Wachstum werden gehemmt und die körperliche Ausdauer und Konzentration nehmen zu. Das Medikament unterdrückt dadurch kreative, spontane und selbständige Aktivitäten, die Kinder sind weniger aufsässig, gehorsamer und genügsamer für routinemäßige, 'langweilige' Aufgaben, wie Schularbeiten im Klassenraum und zu Hause.
Setzt man Ritalin ab, führt das nun natürlich zu gedrückten bis depressiven Stimmungen, da die Rezeptoren so überreizt sind, das sie eine normale Neurotransmitterausschüttung, wie sie durch reale Erlebnisse zustande kommt, nicht mehr genügend stimulieren kann. Ritalin macht also, ähnlich wie das Kokain, süchtig. Nach Absetzen von Ritalin kann es außerdem sein, dass die ADS-Symptome erst einmal massiver auftreten als vor Beginn der Medikation.

Gehirn-Scans an Versuchstieren zeigten, dass Ritalin - chemisch verwandt mit der Droge Speed - den Blutstrom in alle Hirnbereiche um zwanzig bis dreißig Prozent senkt. Das ist eine sehr beunruhigende Erkenntnis, weil sie auf eine Schädigung des Gehirns hinweist. Die Droge Kokain verursacht eine ähnlich starke Hemmung des Blutstroms.
Ritalin verursacht gravierende Fehlfunktionen im kindlichen Gehirn. Es gibt in der Forschung durch einige kontrollierte wissenschaftliche Studien Beweise, dass Ritalin eine Atrophie oder ein Schrumpfen des Gehirns oder andere permanente physische Abnormitäten im Gehirn verursachen kann. Auch das Wachstum von Kindern kann durch Ritalin verzögert werden, indem es die Zyklen der Wachstumshormone stört, die von der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet werden.

Desinformation durch Interessenpolitik

1996 deckte ein preisgekrönter Fernsehreport auf, dass die größte amerikanische Non-Profit-Organisation, die sich mit ADS auseinandersetzt und Informationskampagnen an Schulen, öffentlichen Veranstaltungen und in den Medien betreibt, im geheimen vom Ritalin-Hersteller Ciba-Geigy (heute Novartis) in Millionenhöhe gesponsort wurde. Es versteht sich wohl von selbst, dass diese Organisation Ritalin als bestes Mittel gegen Hyperaktivität preist. Pharmafirmen sind es häufig auch, von denen Ärzte und Universitätsdozenten ihre Informationen über ein Medikament erhalten. http://www.wahrheitssuche.org/ritalin.html

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass ADS eine angeborene Störung darstellt. Man fand bis heute keinerlei Beweis für irgendwelche körperlichen Abnormitäten im Gehirn oder Körper von betroffenen Kindern.

ADHS ist ein Konstrukt, in Wirklichkeit gibt es ADHS nicht.

Dass Medikamente paradox wirken können, hat mir ADHS soviel zu tun, wie ein Glas Wasser, keinen Weingeist enthält.

 

Martin Gebauer 09.01.2013 | 21:26

Fällt es Ihnen zunehmend schwerer bei der Sache zu bleiben? Sind Sie unzufrieden und daher, mit zuviel an Gefühlen ausgestattet und sind Sie deshalb irritiert? Oder nehmen persönliche Probleme einen unangemessenen großen Raum ein? Und möchten Sie diesen Raum effektiver ausfüllen? , wenn Ja, dann fehlt Ihnen wahrscheinlich das Vitamin Ritalin.

Dauer der Einnahme 5 Jahre

Wirkung von Ritalin: Antriebssteigernd, Motivation steigt, auch langweilige Tätigkeiten werden interessant (zb. lernen auf Prüfungen, bemerkenswert: langweilige Filme fand ich unter der Wirkung von Ritalin auf einmal spannend und sehenswert!)

http://www.sanego.de/21361_Nebenwirkungen_von_Ritalin

Martin Gebauer 09.01.2013 | 22:17

Extra für Sie!

Fällt es Ihnen zunehmend schwerer bei der Sache zu bleiben? Sind Sie unzufrieden und daher, mit zuviel an Gefühlen ausgestattet und sind Sie deshalb irritiert? Oder nehmen persönliche Probleme einen unangemessenen großen Raum ein? Und möchten Sie diesen Raum effektiver ausfüllen? , wenn Ja, dann fehlt Ihnen wahrscheinlich das Vitamin Ritalin.

Dauer der Einnahme 5 Jahre

Wirkung von Ritalin: Antriebssteigernd, Motivation steigt, auch langweilige Tätigkeiten werden interessant (zb. lernen auf Prüfungen, bemerkenswert: langweilige Filme fand ich unter der Wirkung von Ritalin auf einmal spannend und sehenswert!)

http://www.sanego.de/21361_Nebenwirkungen_von_Ritalin

bertamberg 09.01.2013 | 22:20

"Gehirn-Scans an Versuchstieren zeigten, dass Ritalin - chemisch verwandt mit der Droge Speed - den Blutstrom in alle Hirnbereiche um zwanzig bis dreißig Prozent senkt. "

Wo kommt das her? Wie glaubwürdig ist das?  Ich bekenne, ich habe die These, dass AD(H)S-Kinder völlig normal sind, nur die Welt, in der diese Kinder leben, bietet ihnen nicht das, was sie brauchen, sie sind nicht so ruhig und freidlich und angepasst, sondern gerade das Gegenteil. dies schreibe ich als Vater  von drei Kindern, denen jeweils ein IQ von über 130  amtlich bescheinigt ist,  nur ein Kind hat seine Schullaufbahn mit guten Noten bestanden, ist aber auch ein halbes Jahr vor dem Abi abgedreht und hat  die Rebellion der Pubertät nachgeholt. Die anderen beiden haben sich in der Schule immer schwer getan, waren außerhalb der Schule vielseitig interessiert und engagiert. Ob jemand "Overachiever" oder "Underachiever" wird   ist nur in Grenzen lenkbar, aber eine Droge, die das Gehirn dröge macht ist für Eltern natürlich entspannend und macht anscheinend auch unerträglich langweiligen Unterricht erträglich.  Kein Wunder, dass Lehrer auf Ritalin stehen.  Meine Kinder wurden nie chemisch ruhiggestellt, und wir  beteten inständig, dass jeder Tag vergehen möge, ohne dass eine kleine Katastrophe passiere, der Wunsch ging selten in Erfüllung, aber  es ist erfüllend, wache, aktive und kritische Kinder  großwerden zu sehen.

Martin Gebauer 09.01.2013 | 22:21

Den Teufel mit dem Belzebub austreiben.

Mein Sohn 10 Jahre alt. Zuerst war eine Wirkung zu beobachten aber mit der Zeit wurde er immer Aggressiver nicht nur gegen sich, sondern auch zu anderen Personen, Egal ob Erwachsene oder Kinder. Er aß so gut wie nichts mehr, nahm immer mehr ab. jetzt wurde es (das Ritalin) abgesetzt und soll gegen ein anderes Medikament eingetauscht werden. Ist jetzt in einem Krankenhaus unter Beobachtung, mit dem Medikament Concerta. die Beratungen über diese Medikamente sind sehr Mangelhaft, und mit vielen Risiken verbunden. ...

Ich hatte durch dieses Medikament immer kalte Füße und fühlte mich unwohl, wenn ich nix gearbeitet oder mich nicht bewegt habe. ...

Ganz schlimm dieses Medikament, Bin mittlerweile 25 Jahre alt und mir wurde es damals zwischen 10 und 11 Jahren verschrieben, 2 Monate lang, nachdem es meine Mutter wieder weg hat und nie mehr zu diesem Kinderarzt gegangen ist. Ich hatte und habe ADHS, und rate davon jeden Eltern ab, ich war auf Kuren usw. alles durch...Ich hatte richtige Angstzustände in der Schule, traute mich nichts mehr, nicht mal meiner Mutter zu sagen das ich es nicht mehr nehmen will, ich erinnere mich sehr gut an dieses Zeit...schade das es immer noch nicht verboten worden ist.

http://www.sanego.de/Medikamente/Ritalin/

Martin Gebauer 09.01.2013 | 22:37

Es wird in Zukunft immer schwieriger für diejenigen Kinder, deren Gefühlsleben noch intakt geblieben ist, weil sie das Wunder der echten Elterlichen Liebe erfahren durften und auch fühlten.

Doch draußen in der Welt, des reinen Funktionierens (Schule inbegriffen) herrscht ein anderer Wind und der ist, (bitter) kalt.

Es sind derer viele, die in eine Therapie gehen, und fordern von dem Therapeuten oder Therapeutin, dass ihnen dahingehend geholfen wird, weniger zu fühlen und besser zu funktionieren. Niemand will ins Hartz IV Gefängnis landen und so tut er alles um nicht aufzufallen. Keine eigenen Bedürfnisse und Gefühle ertragen müssen, denn die Angst ist groß und den Autisten ist die Zukunft gewiss.  

eldorado 10.01.2013 | 01:33

Es scheint, dass man sich entscheiden muss, ob man sich lieber mit ADS oder mit den Nebenwirkungen des Medikaments auseinandersetzen will.

Ich bin nicht ganz gesund auf die Welt gekommen (allerdings nichts mit ADS). Ungefähr mit neun Jahren habe ich mich entschieden, mich mit den Krankheiten auseinanderzusetzen. Ich hatte genug von den Nebenwirkungen. Ich sagte es meiner Mutter. Sie hatte kein Gehör. Wir einigten uns aber, dass ich ab sofort die Tabletten allein einnehme. Ab dann wanderten sie nicht mehr in meinen Mund, sondern im WC. Es merkte niemand etwas und ich fühlte mich nach und nach besser. Und dabei bin ich geblieben.

Columbus 10.01.2013 | 01:35

an alle:

Bitte, liebe dFC -Gemeinde, ich merke, wie sehr das Thema auf den Nägeln brennt und was alles damit verknüpft wird. Aber überlegt euch, ob ihr im Rahmen dieses öffentlichen Forums auch private und persönliche Dinge bereden wollt, sollt und könnt. - Ich rate zur Zurückhaltung, denn sowohl Diagnosen, als auch persönliche Fallgeschichten, als auch jede Art individueller Beratung gehören in persönliche Vertrauensverhältnisse, die nur, ich betone das, nur unter physisch anwesenden Menschen, die sich gegenseitig Vertraulichkeit zusichern und/oder dazu beruflich verpflichtet sind, gewährleistet sein können.

Ganz allgemein gesprochen, noch einige Hinweise zu den letzten Kommentaren:

1. Bitte nicht IQ und Aufmerksamkeitsstörung als etwas miteinander Verbundenes sehen.

2. IQ-Tests messen eine generelle Intelligenzleistung, auf die sich Psychologen einigten. Sehr hohe IQ-Leistungen und sehr tiefe, sind relativ selten. Die meisten Menschen dieses Globus sind ziemlich ähnlich, was den Test-IQ angeht.

3. ADS und ADHS sind keine Diagnosen, mit denen sich eine Persönlichkeitsstörung (narzisstischer oder emontional-instabiler Typ) , eine polyvalente Sucht oder andere psychische Probleme, bzw. deren Kombination (Komorbidität) auf Dauer überdecken lassen. Auch aus diesem Grunde steht in den Leitlinien, keine Medikation ohne begleitende Psychotherapie.

4. Der Außendruck ist hoch. Vor allem in den Gesellschaften, die sich dazu entschlossen haben, schon ab Kindergarten einen Haufen insitutionelle Unterschiede zu machen. - Das ist eigentlich etwas, das gesellschaftlich breit diskutiert gehörte.

5. Es gibt einen Haufen nicht eindeutiger und nicht immer zutreffender Diagnosen in der Psychiatrie und das ist nicht (nur) der Blödheit des Faches oder seiner Vertreter geschuldet, sondern der komplexen Materie. 

 Es wird eine Zeit kommen, in der sich Experten und auch Bürger als mögliche Patienten, wieder mehr wünschen, dass nicht alles operationalisiert und nach Schemata, die wie die 10 Gebote abgearbeitet werden, behandelt wird. In dieser mechanistischen Art Psychomedizin gehen die Objekte der Behandlung nämlich mit der Zeit als Subjekte völlig verloren. Trotzdem zahlen die Kassen und die Patienten.

Zur Zeit ist aber gerade die strikte Einhaltung der Leitlinien zu AD(H)S ein gewisser Schutz vor der ausufernden Diagnosestellung.

Beste Grüße und gute Nacht

Christoph Leusch

 

Martin Gebauer 10.01.2013 | 09:05

Was ihnen zu missfallen scheint, finde ich im Gegenteil zu Ihnen positiv.

Im Internet ist die Auswahl über Dinge zu schreiben, um Probleme zu benennen, unendlich vielseitig und niemanden gelingt es in einem Lebenszyklus, alles, jemals über ein Thema aufgezeichnete, zu lesen.

Jedes Wissen entspringt Erfahrungen und den daraus gewonnenen Erkenntnisse, jedwedes Einzelwesen und der Bildung, die ihm zuteil wurde. Was der einzelne Mensch an Wissen sich aussucht, was ihn berührt und worüber es diskutieren will, dient dem Bilde und der Vorstellung, was dem eigenen Ideal am nächsten kommt. Wissen kann nicht wirklich besitzen, es ist immer an ein Ego gebunden. Nichtwissen ist die erhabenste Tugend, da es vom Ego befreit, und nur wenigen gelingt es, darin zu verweilen.

bertamberg 10.01.2013 | 10:25

Wie Jean Paul schon schrieb: „Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch die kalte Welt aushalten.“   Ganz so einfach ist es doch nicht,  auf der einen Seite wird das Funktionieren gefordert, auf der  anderen Seite wird Individualität und Persönlichkeit verlangt und als Voraussetzung auch für Karriere gesehen, das ist ein schwer zu bewältigender Spagat.

bertamberg 10.01.2013 | 10:41

Die graue Theorie sollte gelegentlich durch konkretes vergoldet werden, sonst driftet die Diskussion ins  unverbindliche Allgemeine ab. Was den Außendruck betrifft  und auch  die Abwendung von Schemata, bin ich Ihrer Meinung.  Wenn der  üblichen elterlichen Forderung nach schnellen, alltagspraktischen Lösungen nachgegeben wird, ist dies  zweifach mitverantwortlich  für Schnelldiagnosen und den unüberlegten Griff zur Chemie.

tlacuache 10.01.2013 | 11:03

G.Abbauer:

"Mein Sohn 10 Jahre alt. Zuerst war eine Wirkung zu beobachten aber mit der Zeit wurde er immer Aggressiver nicht nur gegen sich, sondern auch zu anderen Personen, Egal ob Erwachsene oder Kinder. Er aß so gut wie nichts mehr, nahm immer mehr ab. jetzt wurde es (das Ritalin) abgesetzt und soll gegen ein anderes Medikament eingetauscht werden. Ist jetzt in einem Krankenhaus unter Beobachtung, mit dem Medikament Concerta. die Beratungen über diese Medikamente sind sehr Mangelhaft, und mit vielen Risiken verbunden. ...

Bei dem Vater wundert einen NIX mehr...

Martin Gebauer 10.01.2013 | 15:10

Der wohl bekannteste lebende Autist ist Bill Gates. Sicherlich hat er lange vor dem Spiegel verbracht das “richtige“ Lächeln zu üben.

Es ist ja, mittlerweile so, dass überwiegend einfühlsame Kinder, die noch ungefilterten Zugang zu den eigenen Bedürfnisse und Gefühle haben, als störend empfunden werden. Oft macht ein solches Kind die Erfahrung, dass es abgelehnt wird. Es kann nicht verstehen, noch ist es nachvollziehbar, für das betroffene Kind. Es rebelliert gegen ein Schuldgefühl, dass ihm auferlegt wurde, und weil sein “Eigenwille“ als zunehmend störend empfunden wird und das sympathisch-leiblich-seelisch intakte Kind darunter zu leiden beginnt, ist es zuerst einmal dazu gezwungen, in einer persönlichen Welt zu leben, um den Kontakt zu den sympathisch-leiblichen Gefühlen aufrechtzuerhalten. Ein solches Kind wird immer anecken bei Autoritätspersonen (Lehrer), weil es hauptsächlich auf der Gefühlsebene die Dinge erfasst. Dadurch begibt es sich in Gefahr als pathologisch eingestuft zu werden, von denen die ausschließlich die Welt von der Sachebene her begreifen.

Ritalin ist ein Medikament das frei macht von Gefühle, wie Unzulänglichkeit, Scham und viele anderen hemmenden Empfindungen.

Ich habe ja einige reale Beispiele in Kommentare wiedergegeben. Nehmen wir nur einmal das Beispiel mit der Sexualität.

 “...beim Sex, empfinde selbst Sex oft als Stress, wenn er in einer Beziehung passiert wo es natürlich eine komplizierte menschliche Beziehung im Hintergrund gibt, die ich dann schwer "abschalten"/ignorieren kann. Daher wäre es ohne MPH (Ritalin) eigentlich für mich am einfachsten, anonymen Sex zu haben... das ist so verdammt unkompliziert... wenn ich die Mädels kennen lerne, lerne ich sie menschlich lieben, aber verliere physisch das Interesse... das ist für mich in Beziehungen schon immer ein RIESENPROBLEM gewesen...“

 All die natürlichen, sympathisch-leiblichen, Unsicherheiten, die das Menschsein ausmachen, ist durch Ritalin plötzlich ausgeschaltet.

Man kann also festhalten, dass Ritalin, mit der Hirnschranke, auch die Schamgrenze überwindet und mit ihr die Gefühlsebene zubetoniert. Diese Befreiung bzw. die Abtrennung der leiblichen Gefühle und Besetzung, des Körperlichen, in ein objektives Fremdkörperobjekt, löst, dementsprechend, euphorische Stimmung aus. Das ist so, weil die intakte seelisch-leibliche Gefühlswelt ein falsches Selbstwertgefühl zu entwickeln im Wege steht, so wird es nun durch das Ritalin aufgebrochen, was wiederum Machtgelüste (im schlimmsten Fall Größenwahn) auslöst. Um mich verständlicher auszudrücken, so weiß jeder, das Alkohol ebenfalls eine großen Einfluss auf das Dopaminnäre System hat und die User von Alkohollikas ähnlich enthemmt, sich gewissenlos einer einzigen Sache widmen können. 

Kinder die über ihre Eltern und durch ihre Eltern erst gar keine eigenen Bedürfnisse und Gefühle entwickeln, weil die Eltern, den inneren Kern des Kindes nicht ansprechen, geschweige denn, berühren, verhelfen dem Kind zu einer späteren, Als ob -Persönlichkeit. Als ob -Persönlichkeiten sind Menschen die das Menschsein simulieren und dadurch zurecht als Autisten bezeichnet werden können. Mittlerweile erfasst dies, 20 Prozent der Bevölkerung in überwiegend westlichen Industrienationen und es werden täglich mehr. 

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Ehemaliger Nutzer 10.01.2013 | 21:17

Ausgezeichneter, interessant geschriebener, abwägend - ausgewogener Beitrag mit realitätstauglichen Empfehlungen, wie ich finde.
Da ist oder hat sich jemand mit der Materie eingehend befasst und man merkt die kritische Distanz zu den populären Pro-Kontra-Positionen in jeder Zeile. Das finde ich vorbildlich, auch wenn es im Stile einer Abhandlung streckenweise zu Längen kommt.

Anzumerken wäre, daß es durchaus klinische Studien (guck mal nach emer. Prof. Dr. Flemming - HH) zu AD/H/S und entwicklungsbedingten Störungen der Hirnströme - und Verschaltungen gibt. Die Frau hat daraus strukturierte Test-Programme entwickelt, die eine systematische Diagnose ermöglichen.
Darüber hinaus hat sie in ihrer Klinik dem jeweiligen Typus entsprechende Therapieformen entwickelt, die im Wesentlichen auf einem ganzheitlichen Spiel - und Bewegungsförderungsansatz beruhen, der auch gewöhnliche Gesellschaftsspiele als Begleitförderung integriert.
Klingt seltsamer als es ist, aber die Grundannahme besteht darin, daß jedes Kind - ob mit oder ohne Handicaps - danach strebt sich im Spiel und in der Bewegung auszubalancieren. Dies gelingt AD/H/Slern weniger gut, weil die durchaus messbaren zerebralen  Unregelmäßigkeiten sich auf die Körperselbstwahrnehmung und das Körperselbstgefühl auswirken, d.h. die kids haben oft Schwierigkeiten sich in ihrer Haut ein - und wohlzufühlen, obwohl dem äußerlich nichts entgegensteht oder entgegen zu stehen scheint.
Reizüberflutung oder sensorische Deprivation und Bewegungsmangel, sowie dissoziale und emotionsarme Erziehung und die anderen von dir genannten Einflüsse können die Symptome verstärken, müssen dies aber nicht - je nachdem ob das Kind gerade eher extro - oder introvertiert disponiert ist.
(es gibt ja auch das im sog. Träumer versteckte AD/H/S-Syndrom, das sich i.d.R. erst im pubertären Schulversagen zeigt)

Das Hauptproblem in der Behandlung wie im elterlichen Bezug ist aus meiner Sicht immer die Vertrauensarbeit - bzw. Ebene.
Die betroffenen Kinder haben ja fast durchweg zuvor die Erfahrung gemacht, daß sie als anstrengend, nervig, destruktiv usw. gelten und machen sich nicht selten diese Rückmeldungen ihrer Mitwelt zu eigen - in einem negativ gefärbten Selbstbild, das sich alsbald komplementär zu ihrem geminderten Körpergefühl verhält.
Deswegen halte ich es für ungemein wichtig sowohl die latent negative Selbsteinschätzung und das biologisch bedingt zu wenig ausgeprägte Körpergefühl behutsam zu stärken und mit einem nach und nach krankheitseinsichtigem Kind / Jugendlichen aufzubauen.

Das Problem bei Eltern, LehrerInnen und Nahestehenden ist demgegenüber häufig, daß die für diesen Ansatz nötige Zeit, Energie und Standhaftigkeit kaum vorhanden ist. Bei Jungen kommt als negativer Verstärker noch die vom intensiven Körper - und Gefühlserleben abstrahierende männliche Identitätsmatrix (der Zwang ein "echter Junge" zu sein) hinzu, weswegen dieser vor allem in der Schule viel sichtbarere Verhaltensauffälligkeiten zeigen als Mädchen mit vergleichbarer Diagnose.

Soweit erstmal. Einen nunmehr trollfreien Blog wünsche ich noch. 

Martin Gebauer 10.01.2013 | 21:36

Sie sprechen es selbst an und wollen Fakten und Belege, dadurch unterscheiden Sie sich kaum von denen die uns irrwitzige, fragwürdige von den Pharmakonzernen gesponserten Beglaubigungen darbieten, damit dem Medikament, in diesem Fall das Ritalin, einer dazu passenden, erfundenen Krankheit, zugeordnet werden kann, rein geschäftlich und nur aus der Gewinnsucht heraus. Das schmälert nicht die Leistungen der echten Wissenschaft und der aufrechten Medizinforschung. Und da gelte es zu unterscheiden, was gut und förderlich ist für einen Menschen und was nur deshalb zur Krankheit auserkoren ist, weil das Medikament eine doppelte Funktion erfüllt, nämlich Folgekrankheiten auszulösen und dadurch wiederum andere Medikamente benötigt werden um die Folgekrankheit zu bekämpfen. Ich habe einmal gelesen, dass im alten China ein Arzt dafür bezahlt wurde, dass der Patient gar nicht erst Krank wurde also präventiv. Bei uns ist es umgekehrt, je kranker jemand ist um so mehr verdient der Arzt. Das verführt dazu, Maßnahmen zu ergreifen (Operation), die unnötig sind und das Leiden oft noch verschlimmern. Jedem menschlichen Wesen dem eine Erleuchtungserfahrung zuteil wurde oder ein gläubiger Mensch, dessen Glaube an eine übergeordnete Kraft ihm Sinn und Inhalt verleiht, was bitte, will belegt und bewiesen sein, wo man, dessen nur deshalb teilhaftig wurde, dass der betreffende Mensch durch den Glauben an etwas, oder an sich selbst,  von einer Krankheit genesen ist, obwohl die Schulmedizin ihn aufgegeben hat.

Was der Glaube letzthin bewirkt und ebenso,  wie ein Placebo den Hirnstoffwechsel beeinflussen kann, bleibt in beiden Vorkomnissen ein großes Mysterium und ist dennoch unleugbar möglich. Wir sollten den gesunden Menschenverstand nicht gänzlich, des goldenen Kalbes wegen, opfern, sondern ihn reaktivieren und zu einem humanistischen tun und handeln zurückkehren und als gleichwertig zu den mechanistischen Wissenschaften in unser Menschenbild intrigieren.

bertamberg 10.01.2013 | 21:54

Herr Gebauer,

es geht mir immer darum, dass meine Position von anderen nachvollzogen werden kann, auch wenn ich etwas schreibe, was  anderen nicht  eingeht. Mit dem gesunden Menschenverstand möchte ich  nicht argumentieren, mit empirischen Erfahrungen schon, und seien es auch anekdotische Einzelfälle, die Exemplarisches verdeutlichen.  Was ich vehement befürworte ist ein  Pluralismus der Gleichberechtigung verschiedener Ansätze  in der Wissenschaft, in der Medizin, in der Gesellschaft. Ich bin für eine integrierende Sichtweise, in der mehrere Perspektiven zur friedlichen Koexistenz vereint sind,  das ist nicht über Intrigen möglich, sondern nur über offenes  Annehmen antagonistischer Herangehensweisen ( aber das haben Sie  sicher ausdrücken wollen, auch wenn es zur Freudschen Fehlleistung geriet).

Hagenbuch 16.01.2013 | 16:27

Hallo,

gestatten, Michael. Ich bin mit Schmerzmitteln und diversen Stoffen gut vertraut, weil ich seit Jahren mit sehr starken Schmerzen zu tun habe.

 

Unter anderem habe ich auch Medikinet für Erwachsene ausprobiert.

Angesichts der Wirkung und der Nebenwirkungen, die ich selbst erfahren habe, bin ich nun der Meinung, daß die Verschreibung dieses Medikamentes an Körperverletzung grenzt.

Gruß, Michael

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2013 | 14:13

Hoffentlich kommt niemand auf die Idee,  diese (bei Erwachsenen aufputschend wirkenden) Amphetamine zwangszuverordnen an die (offiziell als arbeitsunwillig geltende) Kaste der H4-Empfänger, zwecks "Mobilisierung des Arbeitswillens".

Ist das utopischer Quatsch? Hoffentlich!  

Laut der "Amts-leiterin" der Arge Lauterecken Frau Arndt liegt es ja an den faulen H4-Empfängern selbst, daß sie keine Arbeit haben..

 

(sorry wegen off-topic)