Jürgen Busche
21.01.2013 | 09:00 12

Frau Kraft: Kanzlerkandidatin der Herzen

SPD Die NRW-Regierungschefin hat zwar frühzeitig abgewinkt. Aber angesichts der vielen Pannen von Peer Steinbrück steigt in der Partei die Sehnsucht nach ihr

Frau Kraft: Kanzlerkandidatin der Herzen

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das wäre nicht das erste Mal. Aber dieses Gespenst ist ein Double. Das Original heißt Kanzlerkandidat. Das Double ist „Kanzlerkandidatin der Herzen“. Der bürgerliche Name lautet Hannelore Kraft.

Fast jeder in der SPD nennt diesen Namen, wenn ihn das Missliche beim Ausblick auf den kommenden Bundestagswahlkampf zu überwältigen droht. Jeder kann das um so forscher tun, als die immer noch am Anfang ihrer Regierungszeit in Nordrhein-Westfalen stehende Ministerpräsidentin klar gesagt hat, dass sie nicht von Düsseldorf nach Berlin wechseln will. Man darf sich dazu denken: zumindest jetzt noch nicht. An ihrem Platz im Herzen vieler Sozialdemokraten ändert das nichts. Da fragt sich der nüchterne Beobachter denn doch: Steckt die SPD wirklich so in der Bredouille?

Merkels Schleppenträger

Vor drei Jahren war Frau Kraft noch die Verlegenheitskandidatin einer mutlosen Landespartei. Vorgänger im Amt, das sie dann überraschend erlangte, waren Wolfgang Clement, der heute in der FDP ist, und Peer Steinbrück, der dann, nach der Abwahl von Gerhard Schröder und seinem rot-grünen Kabinett – in der nachfolgenden Großen Koalition einer der Schleppenträger Angela Merkels wurde. Ihre Gegner in der NRW-CDU, die sie in zwei Wahlkampagnen besiegte, waren Jürgen Rüttgers und Norbert Röttgen. Der eine bei Freund und Feind als Dünnbrettbohrer bekannt, verlor das zufällig erworbene Regierungsmandat.

Der andere, als Umweltminister gescheitert, im Wahlkampf an Rhein und Ruhr der Schrecken seiner Parteifreunde, konnte es nicht zurückerobern und versenkte bei dem Versuch fast die CDU in einem ihrer Stammländer. Man sagt kaum etwas Falsches, wenn man anmerkt, dass die vier Männer, die Hannelore Kraft zuletzt auf Augenhöhe begegnet sind, nicht gerade Koryphäen der Politik waren. Das spricht nicht gegen die Ministerpräsidentin. Wohl aber sagt es einiges aus über den Zustand der SPD, die nach Kanzlerkandidaten geradezu schreit, wenn auch nur nach einem oder einer für die Herzen.

Teufel oder Beelzebub?

Oder sollte es bei den Sozialdemokraten als Einsicht angekommen sein, dass gegen Frau Merkel nur eine andere Frau hilft, eben Frau Kraft? Das Sprichwort sagt, man könne den Teufel nur mit Beelzebub bekämpfen. Politisch gewendet hat Kanzlerkandidat Steinbrück schon vom Frauenbonus gesprochen, gegen den schwer zu siegen sei. Da sagte doch sehr treffend der berühmte New Yorker Privatdetektiv Nero Wolfe bei Archie Goodwin (resp. Rex Stout): „Galanterie ist nicht immer ein Lakai der Wollust.“

Kommentare (12)

susi sorglos 21.01.2013 | 11:19

Wenn ich Steinbrück so im bundestag sitzen sehe, wirkt er auf mich wie eine abiturient, der in die grundschule strafversetzt wurde: gelangweilt, fehl am platze. der kleinscheiss, der im bundestag verhandelt wird, scheint ihn anzuwidern und er sich nach pinot noir und stehempfängen zu sehnen, auf denen man dumm herumschwatzen kann über "die da unten".

wenn die spd keine anderen leute hat, dann liegt das vllt daran, dass sie keine basisdemokratie kennt. sie sollte es wie die Grünen mal mit urwahl versuchen. oder mit linken genossen, die soll es ja selbst in der spd noch geben. aber die sind so autoritätshörig, dass man von ihnen nichts hört. und wenn es der spd an identität mangelt und sie ihren natürlichen bündnispartner verachtet: was soll man da wählen??????????????????????????

Oberham 21.01.2013 | 13:16

Ich hoffe Frau Kraft steht zu ihrem Wort, in NRW gibt es genügend Baustellen in der Landespolitik - die Realitäten messen sich nicht an einer Person, sondern am Ergebniss und den Tendenzen der Politik.

Da hat Sie bis dato ja in NRW noch nichts Wesentliches bezüglich einer möglichen Kulturtransformation, weg vom Kleptokraten- und Ämterpatronagentum hin zu einer offenen, gerechten und den Menschen zu gewandtehn öffentlichen Welt, zu Stande gebracht.

Steinbrück ist lediglich das hässliche Gesicht der herrschenden Zustände, Kraft wäre ledigleich eine hübschere Verpackung in Worten und in ihrer bisherigen Vita - nur - wo in ihrem Lebenslauf finden sich soziale Leistungen wieder?

Eine Parteikarriere - uns das war es auch schon.

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Ehemaliger Nutzer 21.01.2013 | 13:28

Hannelore Kraft ist die Kandidatin für 2017

Bis dahin hat sie ordentlich Erfahrung als Ministerpräsidentin gesammelt und kann damit auch die Ränkespiele in der SPD überleben. Beides ist zwingend notwendig, wenn sie nicht mit fliegenden Fahen untergehen will.

Geschichte wiederholt sich nicht. Aber Geschichte wird gemacht. Der historisch bisher einmalige Glücksfall für die SPD und für Deutschland in Form von Gustav Heinemann und Willy Brandt muss in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Eine frühere Bundesratsmehrheit und damit die Möglichkeit den Bundespräsidenten zu bestimmen hintertrieben maßgebliche Kreise in der SPD, indem sie auf niederträchtigste Art und Weise verhinderten, dass Andrea Ypsilanti Ministerpräsidentin Hessens werden konnte. Damit setzten die Seeheimer auch ein Signal an die Bürger: Eine fortschrittliche Gesellschaft wird es mit den Seeheimern nicht geben. Und auch nicht gegen oder ohne sie.

Deshalb präsentierten die rechten SPDler den Bürgern auch den unsäglichen Herrn Gauck.

Somit ist eine wirkliche Wende und ein politischer Aufbruch erst wieder 2017 möglich. Mit einer/einem neuen Bundespräsidenten und Hannelore Kraft als möglicher Kanzlerin. Vorher nicht.

Oberham 21.01.2013 | 17:12

... und sie glauben Frau Kraft würde in 2017 die Dinge anstreben, die sie so verlautbart?

Ich empfehle ihnen einmal die Umgruppierungen im öffentlichen Dienst NRW´s zu betrachten.

Nun, ein Anhänger der SPD wird sagen, ein loyaler, kompetenter Apparat ist wichtig.

Verwunderlich ist die Abwesenheit von Kopetenz allerdings schon, sieht man die jeweiligen Spitzenbeamten und studiert jene Bestandteile ihrer Vita, die öffentlich zugänglich sind (wahrscheinlich alles üble Fehlinfos).

Damit möchte ich Frau Kraft nicht beschädigen, als Rütger NRW übernahm, geschah das gleiche üble Spiel - teils noch schlimmer.

Man kann das wunderbar im Länderhaushalt ablesen - nach Machtwechseln regelmäßig  signifikant ansteigender Personalaufwand, leider jedoch kein signifikant ansteigendes Kompetenzniveau.

Es gibt überall das gleiche Prinzip, daher reiht sich für mich die Frau absolut konturlos in die lange Gilde unserer Volksvertreter und derem immer gleichen Verhaltensmustern ein.

Erstens Versorgung, zweitens Versorgung, drittens Versorgung und irgdendwo, falls es die Zeit erübrigt, mal einen Hauch von eigener politischer Ambition - die Arbeit wird ohnehin von der jeweils einflussreichsten Lobby diktiert.

Wobei wir wieder bei den Punkten 1 bis 3 angelangt sind.

Glückwunsch zu Ihrem Optimismus.

pw6 22.01.2013 | 09:54

"medienhypes und personalityshow"

Sehe ich auch so. Wenn man einmal unterstellt, daß eine gute Personalityshow eine Hauptleistung aller Spitzenpolitiker ist, dann leistet Kraft außerordentliches. Die von ihr gespielte weibliche Kunstfigur der gütigen Landesmutter, die m.E. entscheidend für ihren Erfolg bei den Wählern ist, ist eine schaupielerische bzw. Marketing-Meisterleistung. Eigentlich ist jedem klar, daß das ein reiner Fake ist; sie macht auch nicht wirklich ein Geheimnis daraus. Lustig in diesem Zusammenhang sind ihre eigenen Worte in einem kürzlich erschienenen Interview über ihr Privatleben (z.B. hier), in dem sie sich als Pascha bezeichnet und ganz klar sagt, keinen Finger im Haushalt zu rühren. Daß sie das absolute Gegenteil der stereotypischen Mutterfigur ist, ist völlig in Ordnung, sie schwimmt bei ihrem Job in einem Haifischbecken und überlebt dort nur, weil sie selber ein ganz dicker Hai ist.

Daß sie mit dem Mutter-Image punkten kann, dürfte aber an der NRW-spezifisch Kumpel-Mentalität liegen. Auf Bundesebene bzw. beim Hickhack innerhalb EU kann das leicht ins Gegenteil umschlagen, als Kanzlerin der Herzen droht ihr, bei den innereuropäischen Machtkämpfen zur Witzfigur zu werden.

Man kann sie eher als weibliche Reinkarnation vom ehemaligen Landesvater Johannes Rau ansehen, der ist auf Bundesebene auch "nur" Bundespräsident geworden.

Helmut Eckert 23.01.2013 | 20:50

Es sind des Kaisers Kleider, die das Volk blenden.  Es sind des Kaisers Reden, die das Volk hören will. Es sind des Kaisers Taten, deren Auswirkungen das Volk tragen muss.

Erst wenn diese Taten für das Wohl des gesamten Volkes zum Tragen kommen, erst dann darf der Kaiser seine Kleider schmücken. Leider schmückt sich der Kaiser zuerst seine Kleider und dessen Taten sind kein Schmuck für den Staat.

Pickelhaube 23.01.2013 | 21:42

Was hat sie denn schon geleistet, dieTraumkandiatin des linken Bauchgefühls? Im Länderfinanz-Nehmerland NRW vergammeln die Kommunen, auf den Straßen türmt sich der Müll, Justiz und Beamtenschaft sind überlastet und Frau Kraft macht Schulden.

Die Flasche von Rüttgers zu besiegen ist genau so wenig ein Qualitätsnachweis wie ihr Wahlsieg gegen den Unsympath Röttgen.

Wenn das Volk Frau Merkel dem Herrn Steinbrück vorzieht, hat es nichts besseres verdient.

Grundgütiger 24.01.2013 | 09:23

Nun denn, dem Kapitalismus ein wählbares, oder gar symphatisches Gesicht zu geben, kann nicht jeder.

 Z.B.Männer.

Ansonsten sind die Taten aller Beteiligten immer gleich.

Spielschulden sind Ehrenschulden. Weil mehr als Spiel lassen die herrschenden Verhältnisse nicht zu.

Die an der Quelle trinken stets zuerst.

Und seien wir ehrlich, die Meisten lassen sich gerne betrügen von einer so symphatischen Frau.

Würde sie sonst gewählt?

Ein leider nur sehr kleiner Kreis denkt über Alternativen nach (so um die 5%).

Und so hoffe ich weiter, der Kapitalismus möge mit einem Seufzen untergehen, und nicht mit einem Knall.