Jutta Voigt
27.12.2012 | 10:28 8

Was hatten wir Muße, damals beim „Sonntag“

Medientagebuch Früher war alles besser? Natürlich auch im Zeitungswesen. Zum Beispiel der "Sonntag"

Was hatten wir Muße, damals beim „Sonntag“

Foto: privat

Früher – das ist das Passwort, das die Stimmung hebt. Früher war die Welt noch in Ordnung. Früher war alles besser. Natürlich auch im Zeitungswesen. Zum Beispiel der Sonntag, der dem Freitag voranging. Zwanzigtausend Auflage, dabei hätten wir eine Million verkaufen können, oder zwei oder drei, aber wir durften ja nicht, die Leser konnten ein Sonntag-Abo nicht erwerben, nur erben. Die kulturpolitische Wochenzeitung der DDR hatte nämlich einen schlechten Ruf: Sie war von der Partei als „konterrevolutionäre Plattform“ enttarnt; außerdem herrschte Papierknappheit. Nachdem jene Marxisten, die ihre Vorschläge zur Verbesserung des Sozialismus im Sonntag platziert hatten, längst verhaftet waren und ihre Strafe schon abgesessen hatten, als der Duft der Rebellion verflogen war, da kamen wir, die Absolventinnen.

„Mark Twains Mississippipost“ wurde die Redaktion am Hausvogteiplatz von Kennern genannt. Sie war in einem einsam stehenden, schmutzig-gelben alten Haus untergebracht, in dem irgendwann mal die Hausvogtei residiert hatte: „Wer die Wahrheit saget und bleibet dabei, der kommt nach Berlin in die Hausvogtei.“

Die Einrichtung bestand aus Fundstücken von vor dem Krieg, von früher, wo alles besser war. Schreibtische mit Cognacflecken, ausgeleierte Drehstühle und abgesessene Clubsessel, klapprige Schreibmaschinen ungeklärter Provenienz, schwarze Telefonapparate mit der Patina früher Hitchcockfilme sowie flackernde Tischlampen mit Bauhaus-Flair. Zwischen den Resten heruntergekommener Bürobürgerlichkeit ließ sich wohlig redigieren. Was hatten wir für Muße. Was für Zeit für unsere Texte. Und Lust zum Spielen. Ideen regneten wie Konfetti auf den Kantinentisch und wurden weggefegt, zur Verwirklichung seiner Ideen war keiner verpflichtet, früher war alles besser. Zum Beispiel im Feuilleton der zwanziger Jahre, das unser heimliches Vorbild war.

Das Sonntag-Personal war eigenwillig. Herr Stolzenau, der Kraftfahrer, wurde nicht damit fertig, dass er für „ein einziges Mal im Stehen“ lebenslang Alimente zahlen musste. Der Bote Winkelmann, klein, bebrillt, picklig, weigerte sich mal, ein Manuskript zu einer bettlägerigen Kollegin zu bringen, weil doch, so sagte er, „gerade die Sexwelle umgeht“. Bei einem Betriebsausflug ins Grüne übernahm der Bote Winkelmann die Führung, man lebte in der sozialistischen Menschengemeinschaft.

Alle ihm nach, hinter dem Boten her, die Redakteure, die Ressortleiter und Bernt von Kügelgen, hoch gewachsener Chefredakteur von baltischem Adel, ehemals Wehrmachtsleutnant und Mitbegründer des Nationalkomitee Freies Deutschland, er erlaubte seinen Redakteurinnen, gut zu schreiben, obwohl er linientreu war. Als Kügelgen in Rente geschickt und sein Nachfolger installiert wurde, erschien die SonntagMannschaft in tiefem Schwarz.

Die Redaktion – eine alte Schaluppe mit bunter Besatzung. Ein Paradies für junge Frauen, die sich leisten konnten, wenig zu verdienen, und für Männer, die tagsüber lieber mit hübschen Absolventinnen zusammen waren, als Karriere machen und schlecht schreiben zu müssen. Man siezte sich beim Sonntag, das forsch verschwindelte Genossen-Du passte uns nicht; wir wollten anders links sein. Ab und an konnten wir uns sogar als Helden fühlen, weil zwischen den Zeilen die Wahrheit zwinkerte und ausgehungerte Leser Solidaritätsadressen sandten.

Schöne Schreibmaschinen, antike Möbel, sagenhafte Auflage. Dazu ein Offizier als Chef und eine Vergangenheit als Plattform. Früher war alles besser.

Kommentare (8)

Magda 27.12.2012 | 11:41

Ja, ja. Den "Sonntag" habe ich auch immer nur lesen können, wenn ich mal zufällig im freien Verkauf einen sah. 

Ansonsten - ein bisschen kenne ich das. Es gab allerlei Nischen in der alten Landschaft. Allerdings durfte man die nur besetzen, wenn man allgemeine Glaubensbekenntnisse abgelegt hat. Ist heute nicht so straff, aber manchmal ähnlich. 

"er erlaubte seinen Redakteurinnen, gut zu schreiben, obwohl er linientreu war."

Das kenne ich auch ein bisschen. Ich hatte einen Chefredakteur, der sich mit mir über einen gelungenen Text richtig freuen konnte und ihn verteidigte. Ist selten gewesen sowas und ist auch heute noch selten. 

Für die Gegenwart würde ich den Satz über einen Chefredakteur vielleicht so formulieren : "Er erlaubt seinen Redakteurinnen und -teuren, gut zu schreiben, auch wenn er selbst ein bisschen eitel ist.". Er erträgt, dass auch andere originell sind ohne inneres Murren. 

Die Kultur hatte es immer ein bisschen leichter, einiges zwischen den Zeilen zu platzieren. Und die Leserinnen und Leser freuten sich, wenn sie was fanden. 

 

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2012 | 14:38

Sehr geehrte Frau Voigt,

Ihnen Dank für das Leseerlebnis, gerade,

UND ... - endlich, nach so vielen vergangenen Jahren, kann ich mich (zumindest stellvertretend bei einem Beteiligten/einer Beteiligten) dafür bedanken, dass ich mich damals so gut informieren konnte, über den Pegelstand/die Pegelstände des 'real existierenden Sozialismus', was mir ungemein half, die Energie dieses (ganzen?) Wahnsinns  umzuwandeln, in ein Nachdenken über die eigentliche Situation im Land, also in der DdR. 

Ich mag Ihre 'Schreibe', bzw. Ihren Stil. Ein Stil, der verführt. Zum Lesen sowieso, zum Nachdenken und ein klein wenig zum Seufzen .... - lächelnden Auges.

An anderer Stelle schrieb ich: "ich kannte den 'freitag' bereits, als sich dieser noch 'sonntag' nannte; ein abo erkaufte/erschlich ich mir - damals, mit einem pfund westkaffee, was nur daher funktionieren konnte, weil die briefträgerin/postbotin beinah jedem briefkasten, den sie bestückte, ein gesicht zuordnen konnte - und nicht selten ein schicksal, und so bekam ich das abo von einem der 'weggemacht ist ...', das war im frühjahr 1989.

ja .. - das ist lange her, gefühlt sogar noch viel, viel länger."

 

Ja, er fehlt mir, der 'Sonntag'; gerade jetzt mehr denn je ...

 

Ihnen einen guten Rutsch ins neue Jahr - und viel Gesundheit! Das wünscht Ihnen - der max

Jan Peter 29.12.2012 | 22:14

Das ist ja Mythenbildung oder Frau Voigt war beim Matheunterricht immer krank. 1 Mio Sonntagleser - wo hätten die herkommen sollen? Kinder abgezogen, geteilt durch zwei gab es vielleicht geschätzte 5 Mio Haushalte in der DDR. Woher sollten da 1 Mio verkaufte Exemplare des Sonntags kommen, es sei denn er wäre Bestandteil des FDGB-Beitrags gewesen?! Kritisch war der Sonntag auch nur dort wo es niemandem wirklich weh tat. Der Sonntag war im großen und ganzen schon ok, kann mich aber nicht erinnern, dass es schwierig war ein Abo zu bekommen! Vielleicht in Berlin...!? Wir hatten jedenfalls ohne Probleme eins und niemand wollte den Sonntag nach uns noch lesen!

Aussie42 22.01.2013 | 08:48

Sehr verehrte Frau Voigt,

erst jetzt habe ich Ihren Beitrag entdeckt, habe mich darueber gefreut und moechte gleich mal was dazu schreiben.

Als westlicher DDRologe hatte ich ein Sonntag Abo und war von der Zeitung immer beeindruckt. Nicht nur die Texte auch die wunderbaren Bilder hatten es mir angetan.

89/90 hatte ich ein offizielles (deutsch/deutsches) Forschungsprojekt ueber Leserbriefe in DDR Medien und so tauchte ich in den "kritischen" Monaten Anfang 1990 in  der Redaktion am Hausvogteiplatz auf.

Eigentlich hatte niemand Zeit fuer mich und trotzdem haben viele mit mir geredet und Leserbriefe habe ich auch kopieren koennen.

Den materiellen Zustand der Redaktion haben Sie praezise geschildert. Ich fands sehr gemuetlich.

Es war die Zeit der grossen Unsicherheit im Januar Februar '90. Die Euphorie er ersten Wende-Monate war "laengst" vorbei, wie mir schien.

Wie lange wuerde es die DDR noch geben?

Der Name der Zeitung musste geaendert werden: Freitag statt Sonntag tauchte als Vorschlag auf.

Mit der Zeit zusammenzuarbeiten wurde versucht. 

Viele kreative Ideen. Der Sonntag hatte bereits vieles ueberstanden. Warum nicht auch eine Wende?

Manchmal denke ich, der (heutige) Freitag ist nicht nur der Nachfolger des Sonntag, sondern dessen Metamorphose. 

Man muss nur dran glauben.

Danke fuer Ihren Beitrag, Frau Voigt und alles Gute fuer Sie.

Reinhard Koch