ed2murrow
09.05.2013 | 12:22 46

Heute schon exorziert?

Medienschau Wenn die Presse die Rolle von Inquisitoren übernimmt, kennt sie keine halben Sachen

Heute schon exorziert?

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Als die Zeitschrift Brigitte für einen Presseplatz beim NSU-Prozess in München gelost wurde, war die Heiterkeit auf der Pressekonferenz groß. Not amused waren die, die sich als Vertreter von Qualitätsjournalismus verstehen. 

Kurt Kister als Chefredakteur hat das für die Süddeutsche Zeitung umgehend und unmissverständlich klar gemacht („Eine Liste wie eine Farce“): Selbst solche Medien seien zum Zuge gekommen, „die sich nie mit Rechtsterrorismus oder ernsthafter Gerichtsberichterstattung beschäftigt“ hätten.
Noch deutlicher wurde der politische Korrespondent der FAZ in München, Albert Schäffer („Sie haben es gewollt!“). In einem offenen Brief hat er sich direkt an den Vorsitzenden des 6. Senats Manfred Götzl gewandt und klar gemacht, wer den Widerhall des Prozesses bestimmt: „Aber wie der NSU-Prozess verläuft, wird auch und gerade jenseits der deutschen Grenzen beobachtet. Das Bild, das sich die Welt von Deutschland macht, wird durch die überregionalen Zeitungen bestimmt.“ 

Eine arrogante Sichtweise, die von einem selbstbewussten Paul-Josef Raue eindrucksvoll erwidert wurde. In seiner ebenso offenen Erwiderung an Schäffer („Offener Brief aus der Provinz an die hochmütige FAZ“) erinnert der Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen daran, wo die verhandelten Delikte ihren Ausgang genommen haben und wie die Frankfurter (Main) in der Vergangenheit aus der Region berichtet haben: „Wenn die FAZ über den Osten berichtet, dann reitet sie nicht selten auf den Vorurteilen durchs Land, die wir in der Provinz überwinden wollen und auch überwunden glaubten“. Und: „Mir graut davor, dass Ihr Bild vom Osten in der Welt verbreitet wird.“ 

Dass bislang von diesen Qualitätsmedien vom ersten Verhandlungstag inhaltlich kaum Unterscheidbares gekommen ist, lässt sich trocken zusammenfassen mit „Beate hat die Haare schön“ (danke, Christian Wolf). Denn egal ob stern und Brigitte in Kooperation, ob SZ oder FAZ – der Blick der BerichterstatterInnen war der überraschte, dass da eine Angeklagte aufgetreten war, der weder die 18 Monate U-Haft anzusehen gewesen sein sollen noch ein Funken Reue. Im Dress wie zum Termin in einer Geschäftsbank statt auf der der Anklage, so war der Tenor, ge- und beschrieben von ReporterInnen, die unter diesen Umständen ganz sicher mit einem untrüglichen Instinkt ausgestattet gewesen sind. 

Die Wirkung von Presse „jenseits der deutschen Grenzen“ 

Es sei denn, man ist eine der größten überregionalen Zeitungen, heißt BILD und lässt einen Reporter namens Kai Feldhaus auf die Menschheit los. Dann setzt man eine ganz eigene Duftmarke mit „Der Teufel hat sich schick gemacht“ und berichtet: „Als Beate Zschäpe (38) den Saal betritt, stehen wir Journalisten auf unseren Sitzen. Einen Blick erhaschen auf den Teufel, der kurz in unsere Richtung blickt. Was ist das, das da in ihren Augen blitzt? Reue? Angst?“ 

Das ist auch, und damit wären wir bei der Frage von der Wirkung „jenseits der deutschen Grenzen“, der Aufmacher im Magazin von Österreich Eins gestern um 19:45 Uhr gewesen. Allerdings nicht als lobende Erwähnung, sondern mit dem eigenen Statement von der „Vorverurteilung auf den ersten Blick“. In dem knapp 2 Minuten langen Feature wurden zwei weitere Beispiele angeführt: Das der in Wien im vergangenen Jahr verurteilten Mörderin Estabiliz-Carranza, die sich im Gerichtssaal mit einem „kleinen grauen Kleid“ präsentiert hatte. Und das der Amanda Knox, nach einem nicht rechtskräftigen Freispruch in Italien auf freien Fuß gesetzt, die mit „Engel mit den eiskalten Augen“ tituliert wurde.

Das Fazit des ORF: „Egal ob schuldig oder nicht, vorveruteilt wurden sie alle, ihre Beinamen werden sie nie wieder los.“

 BILD  ist neben anderen (darunter auch Focus und SZ) weit verbreiteten Medien in Deutschland in den letzten Jahren damit aufgefallen, dass sie direkt in die Rechte von am Strafprozess Beteiligten eingreift. Hiervon legt etwa die lange Liste Zeugnis ab, die die Anwälte von Jörg Kachelmann zusammen gestellt haben, um die unter anderem gegen BILD, bild.de und die Springer AG angestrengten Verfahren zu dokumentieren und die Stefan Niggemeier bei BILDblog auszugsweise veröffentlicht hat. Auch in dem bislang letzten Urteil (19. März 2013, Az: VI ZR 93/12) stellte der Bundesgerichtshof fest: „Wegen der aus dem Rechtsstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 3 Grundgesetz) folgenden und in Art. 6 Abs. 2 der europäischen Menschenrechtskonvention anerkannten Unschuldsvermutung und einer möglichen durch die Medienberichterstattung bewirkten Stigmatisierung war die Veröffentlichung im Juni 2010 wegen einer Verletzung des Persönlichkeitsrechts des Klägers rechtswidrig.“ 

Unschuldsvermutung ist keine Frage von Solidarität, sondern Prinzip einer zivilen Gesellschaft und seiner Verfahren 

Bei der jetzigen Wahl des Aufmachers zum NSU-Verfahren mag vielleicht die unausgesprochene Erwartung eine Rolle spielen, dass die so Beschriebene kaum die Gelegenheit haben wird, sich neben ihrer Verteidigung auch noch um die Postille zu kümmern. Oder dass ein gewisses Unbehagen Kommentatoren davon abhalten könnte, für Zschäpe die Unschuldsvermutung zu reklamieren. 

Und doch ist genau das eines der Grundprinzipien des modernen deutschen Strafprozesses: Nicht die beschuldigte Person hat sich zu exkulpieren, sondern „gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig“. Welchen Stellenwert kann also eine Gerichtsberichterstattung haben, die wissentlich (sie wurde oft genug auf Grenzen und Rechtswidrigkeit hingewiesen) eben dieses Prinzip außer Acht lässt und damit das Verfahren auf den Kopf stellt? 

Die mindeste Wirkung ist, das Gericht selbst unter Zugzwang zu setzen. Denn welche Erwartungshaltung sollte sonst bei einem „Teufel“ bedient werden als dessen Exorzierung durch Strafe. Einschneidender aber ist die Selbstvergewisserung, dass derartig Dämonenhaft-Mytologisches eigentlich nichts mit der deutschen Wirklichkeit zu tun habe, es also nicht darauf ankomme, sich mit der Genese von Taten und Tätern auseinander zu setzen. Es reichten der Blick und ein Gefühl, um das Urteil zu fällen, alles andere wäre lästige Formalität. 

Medien als Vertreter der Öffentlichkeit? 

BILD steht damit nicht alleine. Albert Schäffer war in dem offenen Brief, den er direkt an den Vorsitzenden des 6. Senats in München  gerichtet hat, mit seiner unverhohlenen Drohung deutlicher: „Wir werden sehen, ob Sie in einem so schwierigen Verfahren wie dem NSU-Prozess in der Hauptverhandlung besser zurechtkommen als bei seiner Vorbereitung “. Die FAZ hat damit bekannt gemacht, wer letztinstanzlich entscheidet: Sie selbst und sonst niemand.

Die Herstellung der Öffentlichkeit ist eine der grundlegenden Errungenschaften des modernen Strafprozesses. Die bisherige Berichterstattung zum NSU-Prozess legt es darauf an, sie kraft erwiesener Tendenz zur Kompetenzüberschreitung einzuschränken.

Das war im Kachelmann-Prozess so, da ernsthaft das Primat der von der Presse verletzten Persönlichkeitsrechte vs. Öffentlichkeit diskutiert wurde und letztere einer gesetzlichen Beschränkung unterworfen werden sollte. Wie wird es erst sein, wenn es um intime Kenntnisse und Anomalien bei V-Leuten und damit des Staatswesens gehen wird?

In seinen „Betrachtungen über die Öffentlichkeit und Mündlichkeit der Gerechtigkeitspflege“ legte Anselm von Feuerbach (1775 – 1833) in Abkehr vom Inquisitionsprozess, in dem auch viel von Teufeln und Hexen die Rede war, den Grundstein für eine Bezeugung gerichtlicher Handlungen durch die „volkstümliche Öffentlichkeit“. Und zog in Erwägung (Band I, S. 159 ff.), ob „es hinsichtlich der beglaubigenden Handlungen, und überhaupt räthlich sey, die Thüren blos einem auf Gerathewohl sich darbietenden Publikum zu öffnen, oder bestimmte, vom Volk zu erwählende Gerichtszeugen, in gesetzlicher Zahl, den Gerichten beizuziehen?

Auch dazu könnte man sich eine Meinung bilden, wenn es so weitergeht wie bisher. e2m

Kommentare (46)

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Ehemaliger Nutzer 09.05.2013 | 13:33

Man kann nur immer wieder an Heinrich Bölls Vorbermerkung zu seiner Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum erinnern:

„Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

Das traf und trifft eben nicht nur auf die Bild-Zeitung zu.

hardob 09.05.2013 | 13:55

Ihrem Blog kann ich schon folgen und zustimmen. Und eigentlch auch klar, dass die BILD seine Aufgabe darin sieht, ihre Leser und die damit gefühlte Kerngesellschaft durch Austreibungsrituale  zu exkulpieren.

Allerdings sehe ich in den letzten Jahren ein manchmal schon verwerfliches Verhalten von Vertretern von Gerichten und Staatsanwaltschaften, die ihrerseits Medien zur eigenen Propaganda (und "Stigmatisierung") nutzen und mssbrauchen wollen . 

Auch das Münchener Gericht zeigte sich bisher nicht frei von Dilettantismus im Umgang mit den Medien.  Die bayerische Rechthabermanier gerade bei der Justiz in Bayern wird da nichts Gutes bewirken und genau die Resonanz erzielen, die eigentlich zu befürchten ist.

Konfuzikuntz 09.05.2013 | 15:58

Lustig, dass Sie die publizistischen und intellektuellen Tiefpunkte einer bereits abklingenden, aber dennoch frechenen Wahnidee, welche darin besteht, den berechtigte Engagement gegen Neonazismus selbstrecht zum pauschal Kampf gegen den anderen Flügel der Demokratie, gegen "Rechts" (man schaue mal in die Paulskirche)  zu mißbrauchen und massenmedial so zu tun, als wären Unionswähler Menschenfresser - es überrascht, dass Sie die Tiefpunkte des Ungeistes dann ausgerechnet bei  bürgerlichen Medien wahrnehmen, die mitunter davon infiziert sind. Es ist bei den Pleitekandidaten auf der publizistischen Linken weitaus heftiger mit dem "Exorzismus".

miauxx 09.05.2013 | 20:09

Danke auch für diesen lesenswerten Artikel!

Es ist immer wieder interessant, wie die FAZ in eigener Sache Hochmut und einen Standesdünkel "wertvollen und fähigen" Journalismus' verbreitet. Der "Provinzler" Raue entlarvt das am Beispiel der Feststellungen Schäffers, wer eben wovon berichten sollte, sehr treffend.

Was mir auch beim Lesen Schäffers' auffiel: Dieses Einklagen der Bedeutung des Mediums "überregionale Zeitung", wobei "man" natürlich nicht in eigener Sache (FAZ) besorgt sei, nicht einmal des Berufsstandes (Journalisten) wegen, sondern allein um den Bestand "unserer Rechtskultur". Schäffer möchte dabei freilich keinen "Dünkel" gegenüber anderen und v.a. kleineren Medien bemühen - tut aber genau nichts anderes! Diesen Ton kennt man von Schreibern und Verantwortlichen der FAZ. So war er auch in ihrem vehementen Eintreten für das sogen. "Leistungsschutzrecht" zu vernehmen.

Raue antwortet nun zwar sehr richtig gegen die impliziten Kompetenzzweifel Schäffers gegenüber lokalen Medien, indem er deren journalistische Arbeitsfähigkeit unter Bedingungen einer direkteren Nähe zu dem Geschehen und Akteuren wie z.B. dem NSU herausstellt. Diese sei dabei authentischer (nicht allein aus dem "klimatisierten Büro" heraus). Aber Raue schlägt hier nun freilich auch zurück und provoziert mit der Tendenz einer Überbetonung des lokalen Bezugs (i.d.F. zudem ostdeutschen Bezugs) auch eine Gegenüberstellung: Wer ist denn nun geeigneter für einen NSU-Prozess? Wir oder die FAZ, SZ usw.? Damit lässt er sich vielleicht einen Tick zu weit auf die Argumentationsschiene Schäffers ein.

Was mich in diesem Zusammenhang nun aber auch mal interessieren würde: Es scheint ja ganz so, als gebe es allein das Gebot, dass bei solchen Prozessen auch mediale Öffentlichkeit hergestellt werden muss. Gerade wenn nun aber mit einem so großen Medieninteresse, also sehr vielen Berichterstattenden, zu rechnen ist, gibt es offenbar keine eindeutigen Regelungen, wie zu verfahren sei. D.h., wie teilnehmende Medien zu ihren Plätzen kommen, obliegt offenbar allein dem verhandelnden Gericht (bzw. der Kammer). Also kann immer wieder Knatsch geben. Oder ist es nicht so?

 

ed2murrow 09.05.2013 | 20:21

Gute Frage! Das Thema nicht zu vertiefen hat mE. damit zu tun, dass man sich derartige Prozesse nur alle Jubeljahre vorzustellen habe, was dann jeweils punktuell (und dem Zeitgeist entsprechend) wird lösen können.

Justizministerin Merk hat einen Vorstoß angekündigt, die Videoübertragung in einen anderen Saal per Gesetz zu regeln. Sie wolle, so die Mitteilung, das auf der entsprechenden Fachministerkonferenz forcieren. Ich lasse mich jenseits des Umstands, dass in Bayern Wahlkampf ist, überraschen.

In Zivilrechtsverfahren gibt es Videoübertragungen auch in Bezug auf verhandlungsrelevante Umstände bereits seit geraumer Zeit, vgl. § 128a Zivilprozessordnung

miauxx 09.05.2013 | 20:42

"Das Thema nicht zu vertiefen hat mE. damit zu tun, dass man sich derartige Prozesse nur alle Jubeljahre vorzustellen habe, was dann jeweils punktuell (und dem Zeitgeist entsprechend) wird lösen können."

Nun ja, so kann es sein. Vielleicht ist man da ja nun jetzt auf eine Gesetzeslücke gestoßen; hat einen Präzedenzfall. Aber auch wenn man mal von der Außerordentlichkeit solcher Fälle wie dem um den NSU absieht:  Eigentlich kann man ja nie wirklich wissen, wohin sich eine jeweilige Strafsache und ein Prozess auswachsen kann. Also wieviel Interesse sich plötzlich generieren kann. Wenn ich mal annehme, dass in einer Strafsache geringerer Dimensionen auch proportional weniger Presseplätze vorgesehen sind, kann es potentiell immer eng werden.

ed2murrow 09.05.2013 | 20:56

Wir sollten zurück gehen auf das, was ganz im Ursprung der Sache ist: Das OLG hat sich mit der hohen Zahl von NebenklägerInnen nebst deren Prozessvertretungen konfrontiert gesehen. Deren Anzahl ist bisher einmalig. Dass damit auch für die Zukunft nicht gerechnet wurde, zeigt sich am Neubau des Justizzentrums in München, das auch keinen grösseren Verhandlungsraum vorsieht.

Die vom Gesetz vorgesehenen Partizipationsmöglichkeiten sind nun buchstäblich räumlich fordernd geworden. Weswegen der gelegentlich anklingende Zungenschlag, Nebenkläger würden das ggfs. als Bühne benutzen, missfällt, weil es von denen, insb. der Presse lanciert wird, die selbst mehr Raum für sich beanspruchen.

h.yuren 09.05.2013 | 21:22

lieber ed2murrow,

ein heißes eisen fasst du cool an.

einen schöneren kontrast kann mensch sich kaum vorstellen als unschuldsvermutung und verteufelung. hat nicht das gericht die pflicht, solche entgleisungen zumindest zu rügen? ich könnte mir sogar vorstellen/wünschen, dass, wenn sich ein journalist nicht an die regeln hält, er vom prozess ausgeschlossen wird. die möglichkeiten im verfahren kenne ich nicht.

grüße, hy

 

 

 

anne mohnen 10.05.2013 | 10:13

Lieber Ed2,

danke für Ihren Kommentar, den ich vollumfänglich „unterschreibe.“

Man kann sich nach wie vor darüber streiten, warum das Gericht keine Videoübertragung zuließ. Ansonsten gackern FAZ und Springer  & Co entsprechend ihrer selbsternannten Hackordnung.

In dem Zusammenhang war und ist das Brigitte-Bashing lustig und ganz im Sinne von "Brigitte", hi, hi,  eigentlich nur mehr unter psychologischen Aspekten zu verstehen, nicht nur wiel  Brigitte wie weiland ihre Vorläuferin „Hausfrau“ von 1886, nichts anderes als aktuelle Frauenbilder. Da hinkt „Brigitte“ (mal abgesehen von Emma) keinem anderen deutschen Printmedium hinterher. Manchmal ist sie nur ein wenig mehr Dienstleister: "Wir haben den Frauen nie gesagt, wie sie leben sollen." Anne Volk, die Herausgeberin, wischt sich ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. "Aber wir haben sie informiert, was passiert, wenn sie heiraten oder Kinder bekommen. Und was zum Beispiel mit ihrer Alterssicherung ist."  Und könnte man hinzufügen, mit Männern, die wegen Frauen auf der Abwärtsspirale wähnen, oder es noch gar nicht mitbekommen;)))

Zum Fünfzigsten von „Brigitte“ gab Lebert, der Sohn dereinstigen Chefredakteurin und derzeitigen Herausgeberin, der SZ ein Interview: „Andreas Lebert sitzt ein wenig unruhig da und raucht eifrig Zigaretten. Er sei ständig auf Suche nach neuen Ideen, sagt der Mann von Brigitte. Er finde es spannend an Frauen, dass sie immer damit beschäftigt seien, sich zu verändern. Zehn Prozent männliche Mitleser hat das Heft auch, aber Lebert glaubt, dass die Lektüre mehr Männern gut täte. Ihm hat sie geholfen - "Sie verstehen das einfach nicht!", hat noch keine seiner Kolleginnen gesagt.“

Ganz ohne "Scheiß" - ich hab' die braunen Haare schön- das wäre doch nicht uninteressant zu lesen, was Leberts  Experten (immer wieder Psychologen u.a) aus der Analyse  in Bezug auf Zschäpe machten: “ (...) finde es spannend an Frauen, dass sie immer damit beschäftigt seien, sich zu verändern.“   (SZ, vom 11. Mai 2010)

Dora Horvath hat sich „Brigitte“ als Dissertationsthema vorgenommen und viel Aufsehen erregt. Dazu allerdings zu recht kritisch die FAZ!!  http://www.gbv.de/dms/faz-rez/FD1N20010707851494.pdf

Ich bin  keine Abonnementin der Zeitschrift, lese sie aber immer mal wieder. Und das, was die schreiben, ist ordentlicher, guter Journalismus. Damit meine ich nicht nur die „Kochrezepte“, sondern die Reportagen, Geschichten.

Ja, klar! Die Brigitte ist eine Frauenzeitschrift, reduziert Frauen jedoch nicht auf: „Ich hab‘ die Haare schön“. Sieht man(n) mal von "Emma" ab,   perpetuiert "Brigitte" allenfalls das gängige Frauenbild deutscher Printmedien incl. das von der FAZ, dem Spiegel etc.

LG am

 

 

ed2murrow 10.05.2013 | 12:11

In -> „Die dritte Gewalt“ hatte ich die Langzeitstudie des IKG zitiert (Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland). Dort heißt es auf S.2: „Klammheimlich kann hier auch die „Schuldumkehr“ einsetzen, die die Ursachen für Abwertungen – quasi als Entlastung für die Gesellschaft – einer abgewerteten Gruppe selbst zuschreibt“.

Vielleicht sollte das mit dem „klammheimlich“ gestrichen und stattdessen festgestellt werden: Wie das Beispiel der FAZ … vom … belegt ….“.

Danke für den Hinweis.

anne mohnen 10.05.2013 | 13:57

Lieber Ed2,

das Lamentieren von Bild, FAZ etc. ist ohnehin albern, denn eine öffentliche Berichterstattung ist ja gewährleistet.

Was Frau & den einen oder anderen Mann aufhorchen lassen sollte, ist wie u.a. Springer, FAZ & andere Einblick in ihre Haltung zu Frauenzeitschriften und deren Themen geben, insbesondere wegen des „Nebenaspekts“; dass Springer  mit BILDdFRAU eine auflagenstarke Frauenzeitschriften herausgibt

Ohne mich hier über die Qualität von „Brigitte“ (Gruner und Jahr!!) oder anderer Frauenzeitschriften zu verbreiten, kann "Zschäpe" nicht nur ein Thema für solche Zeitschriften sein, sondern sollte es auch sein. Das macht nämlich gerade unter dem kritischen Urteil Sinn, dass solche Frauenzeitschriften nichts anderes sind als Beförderung des Zeitgeistes, denn der Zeitgeist beschränkt sich schon lange nicht mehrauf „Gretchen“. Die RAF war seinerzeit Thema nicht nur im Forum von Brigitte: http://www.brigitte.de/suche?query=RAF

Mordende Polittäterin haben schon lange die heaterbühnen, Filme und  Bücher schreibender Historikerinnen verlassen und Einzug gefunden im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu der  (meinetwegen noch so trashinge) Frauenzeitschriften dazugehören, denen folglich Zschäpe ein Titelthema wert sein darf sogar  jenseits von "Bauch, Beine, Po und Haare". Auch deswegen sollten sich  BILD, FAZ den Schaum vorm Mund sparen und sportlich bleiben. 

Offenkundig sieht das Führungspersonal deutscher Leitmedien das anders. Das lässt zum einen tiefblicken, was ma(n) so von Frauenzeitschriften hält, insbesondere, wenn es die eigenen sind, zum anderen unterstreicht es nochmals, warum, Frauenzeitschriften eben die Leitthemen haben, die sie nun mal haben: Bauch, Beine, Busen gerne,  „Haare schön“ - auch tollllllll! Das ist die mitlaufende Message, lieber Ed2.

ed2murrow 10.05.2013 | 14:31

Und eignen sich deswegen so wunderbar zum Auseinanderdividieren am primärsten aller Unterscheidungsmerkmale, dem Geschlecht. Derzeit wird vom Mainstream die Lesart von Frau als Teufel präferiert. Worin da der Unterschied zum als finster erachteten Mittelalter liegen soll, entzieht sich meiner bescheidenen Kenntnis.

Btw: Vielleicht ist auch Ihnen aufgefallen, dass es nicht nur eine Verfilmung vom Herrn der Ringe gab, sondern darin auch auffallend wenige Frauen. Die waren dann aber immer feenhaft weise, gut und stest in weiß gekleidet. Nur ganz zum Schluß durften dann eine Mutter auftreten.

anne mohnen 10.05.2013 | 17:20

Ja, man kommt, wenn es um Frauen geht und dass es sich eben sowohl um intelligente, feinfühlige  als auch ganz dumme Wesen, schlimmstenfalls normale „Schweine“, „Verbrecherinnen“  handeln kann, nicht herum, an Otto Weininger zu erinnern, der das nicht nur leugnete, sondern auch zu Beginn des letzten Jahrhunderts in „Geschlecht und Charakter“ zu einer Philosophie ausarbeitete und  damit einen „Wahnsinnserfolg“ (Strindberg, Wittgenstein, Benn; Steiner etc.) feierte. Oberflächig betrachtet ein Frauenverächter, widerlicher Antisemit und von Homophobie Getriebener, nüchtern betrachtet jedoch beschreibt Weininger, als Freud die Wiener Bürgerfrau auf die Couch legt, die männliche Sexualität und das sexuelle Verhalten der Geschlechter als eine Unterdrückung der Frau, ohne daraus jedoch einen positiven Ausweg zu finden. Weininger sah in der Androgynität und, wie er schreibt, „in männlicher Keuschheit“ den Fluchtpunkt. Das klingt ziemlich schräg: „Freilich geht sie als Weib so unter: aber nur um aus der Asche neu, verjüngt, als der reine Mensch, sich emporzuheben.“ (468) Was geht unter, fragt man sich?  „Und fehlt Frauen das Ich, so können sie auch keinen freien Willen besitzen. Nur wer keinen eigenen Willen, keinen Charakter im höheren Sinne hat, bleibt, schon  durch die Gegenwart eines zweiten Menschen so leicht beeinflussbar, wie das Weib ist, in funktionaler Abhängigkeit (…)

Karl Kraus schreibt:  (…) Nur die brutale Männermoral unserer Tage –ich meine die Moral jener höchststehenden Männer, die tief unter der tiefstehenden Frau  stehen- kommen zu kurz, jene Weltanschauung, die der Frau die Pflicht der Sittlichkeit und dem Mann das Recht das Recht auf Geilheit zuteilt und deren deutsches Virgilitätsideal ich schon einmal mit dem Wunsche, zu devirginisieren, in erklärendem Zusammenhang brachte.“ Die Feen  von Tolkien, das überhöhte Ideal der Mutter (Weininger & Co) folgt diesem Einstellungstyp.

Nun, via negativa gibt es im Feminismus, der ja ein Kesselbuntes von Debatten ist, auch Positionen, die das einfach umkehren. Etwa wenn Frauenbewegte schreiben  „(…) heute könnte ich all die Attribute, die er mit dem weiblichen Charakter gleichgesetzt hat, auch für viele Männer nachweisen.“

Man wird sehen, ob Zschäpe öffentlich zur „Hexe“ mutiert, so als Entlastungsfigur frei nach Grimm „Nicht nur Kinder brauchen Märchen!“

anne mohnen 10.05.2013 | 18:00
Ne, tatsächlich "Virgilitätsideal"! Das ist ja das vordergründig Pathologische! Für Weininger existiert das Weib nur in Gestalt von "Mutter oder Hure" - "immer abhängig von". Natürlich hat sich das in dieser Reinform nicht fortgesetzt (Weininger hat sich die Kugel gegeben), sieht man mal von Strindberg, Wedekind, Schnitzler und ihrer Bühnenpräsenz ab, sondern ist in Spielformen übersetzt und varriert worden. Die ganze Nachkriegsfilme triefen nur so davon, incl. die Sünderin oder Amerikas singende Hausfrau, Doris Day, und ihr Dauergatte, der im wahren Leben schwule Rock Hudson, bis hin zu Pretty Woman(...), eine Prostituierte, die am Ende "Kreditkartenerlöste". Geradezu märchenhaft!! Und dann der aktuelle Brian di Palma Film- nur noch "Versaute", was der Dichotomie nicht widerspricht, da die Grundannahme schon daneben ist.
ed2murrow 11.05.2013 | 14:11

Ich sehe bei Augstein aber das Bemühen um die "Normalität des Bösen" im Sinne der Autorin Arendt, was in einer recht ähnlichen Formulierung zusammen kommt. Im Original:  Ein Gerichtshof  „der nur zu einem Zweck zusammentritt, nämlich dem, Recht zu sprechen“.

Das angesprochene Klischee ist das Spiel damit, um aus dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit das für ihn Wesentliche heraus zu destillieren. Das ist gut und schön, für unsere Zeit formuliert.

anne mohnen 12.05.2013 | 07:51

Nee, lieber Goedzak. Mal abgesehen davon, dass BILD resp. Elitz mit seiner "Hexenanspielung" Nazi-Täter wieder in die irrationale Ecke drücken will, was hierzulande durchaus Tradition hat und anderswo von Goldhagen aus der Mottenkisten heraus beflüglet wird, hebt Augstein auf die "Normalität" von Zschäpe ab. Das ist auch richtig.

Dass Frau Gorges von den Nachdenkseiten, die ich sonst sehr schätzte, sich  auf Facebook an Preisrankings  über  Zschäpes Kleidung beteiligt,  ist geschmacklos.

ed2murrow 12.05.2013 | 09:25

Nachklapp:

Gestern lese ich bei Paul-Josef-Raue ("NSU-Prozess: Wenn Zschäpe vom Teufel besessen ist,  geht sie uns nichts mehr an (Friedhof der Wörter"), dass BILD auf der Schiene weitermacht. Zitat: "Das Böse hat ein Gesicht. Beate Zschäpe”. Und diesmal ist Verfasser Ernst Elitz, der von BILD beständig als "Gründungsintendant des Deutschlandradios" bezeichnet wird. Ich will jetzt nicht generationell werden, der Mann hat ähnliche Geburtsdaten wie meine Eltern - aber die sind erstens nicht abergläubisch und zweites überzeugt, dass Verstand etwas zählt. Welche Phantasien den Hochschullehrer Elitz plagen, mag er mit sich ausmachen und sie nicht auf den Rest der Menschheit übertragen.

goedzak 12.05.2013 | 14:06

Um mal das angeführte Zitat aus dem genannten Artikel nochmal aufzugreifen: ICH bin nicht bildergläubig! ICH erwarte keinen Zusammenhang zw.  (äußerer) Erscheinung und Wesen einer Sache, sondern ich versuche, den jeweils besonderen Zusammenhang zu erkennen. Was JA da hinschreibt, ist banal - dafür wiedermal das allgemeine WIR in Anspruch zu nehmen, ist kein Qualitätsjournalismus (schon deshalb gibt es keinen Grund für Brigitte-Belächelung, das nur nebenbei). Und außerdem: Hätte Jakob Augstein einen Artikel über einen Beat (!) Tschäpe auch so angefangen?

Gold Star For Robot Boy 13.05.2013 | 19:26

NSU Trial Adjournment: Victims' Lawyers Should Stop Fanning Outrage (Gisela Friedrichsen SPON):

"Some lawyers, however, have convinced their clients that they can expect "maximum clarification" from the court -- knowing full well that this is impossible. They raise unrealistic hopes and expectations and pave the way for further disappointments. They are taking advantage of the victims, either to gain publicity at their expense or in a populist effort to cast the German legal system in a negative light. They have no qualms about using the media, which is interested in sensationalism and doesn't see through the game.

The criminal defense lawyers' association of the western German state of North Rhine-Westphalia has criticized the media's "focus on the victims" -- and with good reason. It appears that the defense lawyers should have a serious word or two with their colleagues on the victims' side."

 

Gold Star For Robot Boy 13.05.2013 | 19:48

Danke.Sehr aufschlussreich.Friedrichsen beruft sich übrigens auf die Strafverteidigervereinigung NRW e.V.:

 "Opferfokussierung gefährdet Wahrheitsfindung:Wir beobachten eine Berichterstattung und öffentliche Wahrnehmung, die aus­schließ­lich die Befindlichkeit der Angehörigen der Ge­tö­te­ten in den Mittelpunkt stellt und jede Bewertung prozessualen Ver­hal­tens allein hie­ran ori­en­tiert."

ed2murrow 13.05.2013 | 19:56

Auch dazu hatte ich bereits in -> "Dritte Gewalt" auf Stephan Barton, Strafrechtsprofessor an der Universität Bielefeld („Nebenklagevertretung im Strafverfahren“) verlinkt. Bei derzeit 55 AnwältInnen der Nebenklage (für 77 NebenklägerInnen) ist es nur selbstverständlich, dass unterschiedliche Auffassungen zum Ausdruck kommen; nicht umsonst heißt es 2 Juristen, 3 Meinungen. Das trifft übrigens auch auf JournalistInnen zu.