Jakob Augstein
19.11.2012 | 11:07 17

„Meine Mutter war ein Feger“

Freitag-Salon Harry Rowohlt ist sich gar nicht sicher, ob Herr Rowohlt sein Vater ist. Jakob Augstein rät zur Abstammungsprüfung. Ein Gespräch über Kindheit, Literatur und Politik

„Meine Mutter war ein Feger“

Harry Rowohlt, geboren 1945 in Hamburg, ist Schriftsteller, Kolumnist, Übersetzer, Rezitator und Schauspieler

Foto: Jennifer Osborne

Der Freitag: Sie sind ja in dritter Generation linker Uradel. Das müssen Sie uns einmal erklären!

Harry Rowohlt: Gern sogar. Mein Opa, Franz Pierenkämper, war Sitzredakteur beim Bochumer Volksblatt, also verantwortlich im Sinne des Presserechts. Das heißt, wenn in der Zeitung was stand, was der Obrigkeit missfiel, musste er in den Knast. Deshalb Sitzredakteur. Sein Sohn, Harry Pierenkämper, nach dem ich heiße, hatte eine Hasenscharte und stotterte, weshalb er, was ich sehr vernünftig finde, Pantomime wurde.

Als Pantomime hat er dann keine großen Reden gehalten, oder?

Nein, aber er wurde immer verhaftet, und ich habe Akten gesehen, in denen es hieß, er hätte die Aussage verweigert. Weil er eben nicht sprechen konnte.

Und Sie sind dann 1945 in Hamburg geboren worden. Damals hießen Sie noch Harry Rupp. Ihr Vater ist Ernst Rowohlt, ihre Mutter Maria Pierenkämper.

Nehme ich mal an, ja. Meine Mutter war ein ziemlicher Feger. Ich weiß das nicht so genau, aber ich muss mal mit der Pinzette ein Barthaar aus seiner Totenmaske entfernen und einen DNA-Test machen lassen.

Machen Sie das mal. Abstammungsprüfung kann nie schaden. Wie war Ihre Kindheit?

So, dass ich beschlossen habe, lieber keine Kinder zu haben, um ihnen das zu ersparen.

Haben Sie später mal Erfahrungen mit Kindern gemacht?

Auf dem Isemarkt in Hamburg hat mich mal eine wunderschöne junge Frau gefragt: „Entschuldigung, sind Sie das Lagunen-Monster?“ Ich fahre ja immer nach Griechenland. Und im Hochsommer waren da lauter Kinder, und ich stand bis zur Brust in der Ägäis. Es war viel zu heiß, und die Kinder haben mich gequält, und ich habe also versucht, die Kinder zu verjagen. Daher seien Sie vorsichtig, wenn Sie versuchen, Kinder zu verjagen. Die wachsen nämlich zu wunderschönen jungen Frauen heran und fragen Sie dann, ob Sie das Lagunen-Monster sind.

Aber dass Kinder bessere Menschen sind als Erwachsene, ist jetzt keine These, die Sie haben?

Doch, seit kurzem. Weil richtige Kinder ja noch kein Handy haben. Danach macht es dann keinen Unterschied mehr. Ich habe übrigens erfunden, was man gegen Handybenutzer unternehmen kann, die in öffentlichen Verkehrsmitteln unmittelbar neben einem sitzen. Man geht ganz nah ran und sagt: „Komm zurück ins Bett, mir ist kalt.“

Hatten Sie eigentlich immer einen Bart?

Mehr oder weniger.

Auch als Kind schon?

Ich habe mit vier angefangen, mir einen zu wünschen. Und sobald das ging, wäre ich ja schön blöd gewesen, wenn ich den abgemacht hätte. Ich musste mich einmal rasieren, weil ich eine Operation hatte. Dafür habe ich eine halbe Stunde gebraucht. Bei dieser Gelegenheit habe ich festgestellt, dass mein Kinngrübchen – ich hatte früher so eins wie Kirk Douglas – verschwunden war. Weil es nie jemand sehen konnte, ist es wohl verkümmert.

Ich springe jetzt mal vom Kinngrübchen zur Politik. Ich finde ja, dass Linke und Rechte viel besser miteinander klar kommen als Linke und Linke. Finden Sie das auch erstaunlich?

Ja, aber eigentlich logisch. Weil sie ja viel verschiedener sind. Vor Jahren hatte ich eine kleine Erleuchtung, mir ist plötzlich eingefallen, was der Unterschied zwischen Linken und Rechten ist: Den Linken sind die Rechten zu rechts, ganz normal. Und den Rechten sind die Linken nicht links genug. Toll, was?

Sie haben mal ein ausführliches Interview zum Begriff des Linken in der Politik gegeben. Ich würde das gerne vorlesen: „Was ist links? – Keine Ahnung. – Sind Sie links? – Ja.“ Wollen Sie dem noch etwas hinzufügen?

Nein, dazu stehe ich.

Sind Sie Kommunist?

Ich würde sagen, ja. Die verschiedensten Kommunisten weisen mir alle nach, dass es nicht stimmt. Und weil ich kein sehr analytisch denkender Mensch bin, neige ich dazu, jeweils meinem Vorredner recht zu geben.

Sie haben mit Gregor Gysi den Briefwechsel zwischen Marx und Engels für ein Hörbuch eingelesen. Hat man Sie gefragt, weil Sie ein Marx-Kenner sind?

Nein, wegen meiner Bart- und Haartracht. Aber ich hatte damals gesagt: Weil ein Hörbuch zum Hören ist, sollte man vielleicht Leute nehmen, die sich nicht so hamburgisch beziehungsweise berlinisch anhören. Und habe für Engels Eugen Egner vorgeschlagen, weil der aus Wuppertal ist, und für Marx Guildo Horn.

Das wollten die aber nicht?

Die haben so aufgejault, dass mir der Hörer vom Ohr fiel.

Die Stasi-Vorwürfe gegen Gysi, hat Sie das interessiert?

Ich war fast so lange Stasi-IM, wie ich auch studiert habe. Nämlich ungefähr 2,5 Stunden. Meine Frau und ich haben mal unsere Freundin Martha Engel in Ost-Berlin besucht. Mit einer Sonderaufenthaltsgenehmigung sind wir dann aufs Land gefahren. Horst und Manfred, so hießen die, sind ganz lange mit mir im Wald spazieren gegangen, weil man da nicht abgehört werden kann. Ich wusste zunächst nicht, was die von mir wollten. Als ich es dann geschnallt hatte, war ich so Feuer und Flamme, dass sie mich gleich wieder abgeschaltet haben. Ich bin der letzte, der Gysi einen Vorwurf machen könnte!

Sie haben fünf verschiedene Berufe. Das heißt, Sie sind ein Mann von Fleiß, Ehrgeiz und Disziplin.

Ja, vor-voriges Jahr, das ist besser erfasst als voriges Jahr, da hatte ich 97 Lesungen, 16 Drehtage Lindenstraße, habe sieben Hörbücher vollgequatscht und, jetzt kommt es: neun Bücher übersetzt. Das waren teils Krimis. Bei den Kinderbüchern brauchte man die Illustrationen nicht zu übersetzen, und es war trotzdem erschreckend viel. Seit ich nicht mehr saufe, habe ich viel Zeit, und weil ich überhaupt keine Erfahrung mit „Freizeitbeschäftigung“ habe, fällt mir nix anderes ein, als zu arbeiten.

Dann Sind Sie ungefähr so viel beschäftigt wie Steinbrück.

Nur dass ich meine Redehonorare nicht anteilig irgendwelchen wohltätigen Organisationen spende.

Das macht doch Herr Steinbrück auch nicht.

Doch, hat er jetzt gemacht.

Nachträglich!

Das ist der Nachteil, wenn man eine Wochenzeitung herausgibt. Ich habe das heute in einer Tageszeitung gelesen.

Aber nochmal, wie machen Sie das? Stehen Sie morgens um fünf Uhr auf?

Ich fange zwischen 4:30 Uhr und 5:30 Uhr an, solange der Pöbel noch nicht anruft. Ich bekomme jeden Tag vier Anfragen, manchmal nur drei – dann kriege ich einen Schreck: Ich komm aus der Mode! Aber am nächsten Tag wieder fünf, das will auch alles abgelehnt sein. Deshalb liebe ich die Frankfurter Buchmesse, da geht man von Stand zu Stand und lehnt Aufträge ab, was viel schneller geht als von zu Hause aus.

Interessieren Sie sich eigentlich für Politik?

Ja, aber hauptsächlich als Endverbraucher. Ich gehe begeistert wählen, dann stehe ich da schon eine halbe Stunde vor Öffnung.

Sie campen quasi schon nachts vor dem Wahllokal, um einen der ersten Wahlzettel zu ergattern?

Das machen offenbar viele von uns. Das merkt man dann an den ersten Hochrechnungen. Die ergeben immer ca. zwölf Prozent für die Linkspartei. Und im Laufe des Tages wird diese Zahl einstellig.

Die Eurokrise?

Die Griechen habe ich so bewundert, die hatten nun wirklich mit Abstand die älteste Währung, die Drachme, weit über zweieinhalb Jahrtausende. Und sie haben sich so leichten Herzens von ihr getrennt. Ob das gut ist? Es wäre natürlich schade, wenn auf dem Euroschein nicht mehr „Έγρο“ stünde. Für Leute, die kein Griechisch lesen, also „Eyro“. Außerdem ist Europa eine griechische Erfindung.

Und Angela?

Da habe ich habe mal auf eine Freitag-Umfrage geantwortet. Die Frage lautete: Warum geht Ihnen die deutsche Einheit am Arsch vorbei? Und daraufhin habe ich geantwortet ...

Das haben wir Sie so gefragt?

Ja.

Oje.

Sie lesen Ihr Blatt nicht!

Natürlich! Ich wusste nur nicht, dass die Frage wirklich so gestellt worden war.

Da habe ich innere Einkehr gehalten und festgestellt, dass ich mir bisher noch keinen einzigen zitierenswerten Gedanken über die Wiedervereinigung gemacht hatte, weshalb sie mir offenbar doch am Arsch vorbeigeht. Wenn ich jedenfalls das Wort Angela höre, ergänze ich immer noch blitzschnell Davis. Waren aber beide ’ne große Nummer in der FDJ.

Berlin als Hauptstadt finden Sie demnach nicht so gut?

Eine gern geäußerte Journalistinnen-Frage lautet: „Warum leben Sie in Hamburg?“ Und seit zwei Jahren habe ich endlich eine kurze, wahre Antwort darauf.

Muss man sich dafür rechtfertigen?

Offenbar.

Und was sagen Sie?

Das Leben ist ohne Heimweh schon schwer genug!

Wie wurden Sie denn eigentlich Übersetzer?

Das fing schon in der Schule an, da haben wir Pyramus und Thisbe aus dem Lateinischen übersetzt. Und wie es in der DDR hieß: „In Selbstverpflichtung“ habe ich die in deutsche Hexameter gebracht. Ich dachte: wenn schon, denn schon.

Aber von da ist es ja noch kein direkter Weg zu dem, was Sie später gemacht haben.

Als ich in New York damals auf dem Weg zur Arbeit war, sah ich im Schaufenster einer Buchhandlung The Last Man Alive von A. S. Neill. Ich hab dann meinem Bruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt geschrieben, ob es ihm entgangen sein sollte, dass sein Bestseller-Autor nicht nur Bücher über Gören, sondern auch eins für Gören geschrieben hat. Alle Titel von Neill wurden irgendwie mit dem Wort „antiautoritär“ versehen. Die gingen weg wie Briefmarken bei der Post. Mein Bruder schrieb zurück, das sei ihm keinesfalls entgangen, das Buch sei nur leider unübersetzbar, weil amerikanischer Vierziger-Jahre-Gangsterslang drin vorkomme. Und da habe ich gesagt, vielleicht kann ich es mal versuchen. Ich habe mir ein Wörterbuch des Rotwelschen besorgt und das Rotwelsche wieder ein bisschen belebt. Das war das erste Kinderbuch, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Und eine gewisse Generation von Deutschen sagt heute noch „verfatz dich“ statt „hau ab“. Das ist natürlich der Wunschtraum eines jeden Übersetzers, dass man „verfatz dich!“ zu ihm sagt.

Normalerweise ist der Übersetzer ja eher im Hintergrund und auch sehr schlecht bezahlt.

Das stimmt. Ich bin zwar ein sogenannter Star-Übersetzer, krieg aber auch nicht mehr pro Seite als eine Anglistik-Studentin im dritten Semester.

Sind Ihre Übersetzungen eigentlich autobiografisch?

Natürlich, weil man in seinem Leben einen gewissen Wortschatz angespart hat, mit dem man arbeiten muss. Ich habe gerade Padgett Powell übersetzt, das ist ein entsetzlicher amerikanischer Faselfritze, der abstoßend zeigt, was herauskommt, wenn man besoffen am Computer schreibt. Der schläft immer auf der nicht-existenten englischen Syntax ein und schreibt Sätze, die zweieinhalb Seiten lang sind. Als Übersetzer muss man dann despotisch entscheiden: Okay, das Wort 247 wird jetzt mal das Verb. Damit das hier mal weitergeht. Aber ich liebe ihn, davon abgesehen.

Es gibt ja Übersetzungen, über die man sagt, sie seien besser als die Originale.

Das liegt daran, dass Deutsch so eine tolle Sprache ist. Tucholsky hat mal gesagt: Englisch ist eine einfache, aber schwere Sprache. Sie besteht aus lauter Fremdwörtern, die falsch ausgesprochen werden. Außerdem kommt im Deutschen das Verb in komplizierten Sätzen immer am Schluss. Dadurch entsteht der sogenannte Krimi-Effekt: Man muss sich den ganzen Satz antun, sonst erfährt man nicht, worum es geht: Hat er sie geküsst? Hat er ihr 50 Euro geliehen? Hat er sie umgebracht?

Kommentare (17)

oranier 19.11.2012 | 18:38

Interessant: ein mündliches Interview, bei dem stellenweise in unterschiedlichen Schriften gesprochen wird:

"Es wäre natürlich schade, wenn auf dem Euroschein nicht mehr „Έγρο“ stünde."

- Dankenswerterweise wird die "Übersetzung", richtiger: die "Transkription" mitgeliefert:

"Für Leute, die kein Griechisch lesen also „Eyro“." 

 

Allerdings sollte man auch Leute berücksichtigen, die "Griechisch lesen" und daher die Fehler erkennen. Wer immer die griechische Schrift hier spricht, vielleicht ist es tatsächlich der begnadete Übersetzer Rowohlt, bemüht sich korrekt, uns das "ρ" ("rho") zu transkribieren und meint wohl, damit hätte es sich. Allein: der zweite Buchstabe in dem Wort „Έγρο“ ist kein Ypsilon, sondern ein Gamma. Das Wort heißt so also nicht "Euro", sondern "Egro", was es jedoch im Griechischen wohl nicht gibt. 

 

Damit aber nicht genug, kommt der Euro natürlich von "Europa", wie jeder weiß und im Interview auch angedeutet ist. "Europa" heißt aber im Griechischen "Ευρώπη", der Euro also folgerichtig "Εὐρω", am Schluss also nicht mit kurzem o (Omikron), sondern mit langem o (Omega). 

 

Jedoch müsste sich Rowohlt ohnehin keine Sorgen um die weniger Polyglotten machen.: Auf den Euro-Scheinen steht "EYPΩ" nämlich nicht nur in den leichter lesbaren Großbuchstaben (das große griechische "Rho" sieht aus wie das lateinische "P"), sondern es steht auch zugleich die lateinische Transkription darauf. 

 - Hier ersichtlich, wo Leute sich nochmal ganz andere Sorgen machen:

http://www.bild.de/geld/wirtschaft/griechenland-krise/was-wird-aus-den-griechen-euros-24370334.bild.html