Magda
20.02.2009 | 21:38 1

Kinderheime

 
Als meine Mutter – in den fünfziger Jahren – schwer krank wurde, kamen mein Bruder und ich  in ein katholisches Kinderheim in Leipzig-Engelsdorf.
 
Auch mein Bruder war für eine Weile mit mir zusammen in diesem Heim und später in einer anderen, ebenfalls kirchlichen Einrichtung untergebracht, weil man dort mehr auf die Erziehung von Jungen spezialisiert war. Auch als ich eine Weile wieder zu Hause war, blieb er in diesem Heim und verbrachte dort ungefähr ein Jahr. Als wir ihn besuchten, war er ausgeglichener und ruhiger und zugänglicher als er je zu Hause war. Später kam er trotzdem wieder nach Hause, wäre aber lieber in Wermsdorf geblieben. 
 
Auch mir ging es in Leipzig-Engelsdorf im wesentlichen gut, wenn man von den ganz normalen Kinderkümmernissen, dem Heimweh und Streitereien untereinander absieht. Es wurde auch Rücksicht genommen auf kindliche Einwände und Abneigungen. Ich zum Beispiel mochte keine Ziegenmilch und klagte, als ich diesen Ziegengeruch wahrnahm. Ab da bekam ich immer nur Kuhmilch. Man musste auch seinen Teller nicht leer essen und ähnliche Sitten. Ich erinnere mich auch noch, dass ich in der ersten Nacht andauernd mit der Nase schnüffelte, Da meldete sich die Schwester, die nachts bei blauem Licht da saß und fragte in strengem Ton, warum ich kein Taschentuch hätte. Am nächsten Morgen kam sie zu mir und drückte mir eins in die Hand. Das war aber auch alles.
Wir wurden sicherlich zu allgemeinem Gehorsam und Einhaltung von Regeln angehalten, aber es gab außer Ermahnungen keine gravierenden Strafen. Wir besuchten die örtliche Schule und waren dort natürlich auch im Einflussbereich des Staates.
 
 
Wie es in staatlichen Heimen der DDR aussah, weiß ich nur bedingt. Ich hatte eine Schulkameradin, die – weil sie Konflikte mir ihrer Mutter hatte - im Wohnheim lebte. Wir beneideten sie alle, wenn wir sie besuchten und hatten auch einmal ein Gespräch mit der Heimleiterin.
 
Kürzlich gab es u.a. auf Deutschlandradio Kultur ein Interview mit Antje Vollmer, die sich bereiterklärt hat, einen Runden Tisch zur Aufarbeitung des Schicksals von Heimkindern in der ehemaligen Bundesrepublik zu leiten.
 
Das ist schon merkwürdig, alle tun jetzt ganz entsetzt und erschüttert. Nie hätten sie gedacht, dass es einen so brutalen Umgang mit Heimkindern in der alten Bundesrepublik gegeben hat. Die ganze Geschichte ist aber eigentlich bekannt. Selbst ich habe den Film „Bambule“ im Fernsehen gesehen, das muss in den 70er Jahren gewesen sein.
Bei der Behandlung der Heimerziehung in der DDR wurde alles skandalisiert und verschiedene Arten der Heimerziehung – Jugendwerkhöfe, Kinderheime für Problemkinder und auch ganz normale Heime – in einen Topf geworfen, um den autoritären Charakter des ganzen DDR-Systems einmal mehr zu belegen.
 
 
Wenn man sich einmal in einigen Internetforen zu dem Thema umtut, stellt man fest, dass erst seit einigen Jahren auf die Verhältnisse in Westdeutschland verwiesen wird. Das Buch von Peter Wensierski „Schläge im Namen des Herrn“ hat sehr viel Aufsehen erregt, aber auch Unwillen, weil man bisher alle Unmenschlichkeit alle Ungerechtigkeit und Unrecht in der ehemaligen DDR verortete und in den dort Betroffenen nichts als Beweismittel gegen das vergangene  System zu sehen.
 
Die Zeit im Kinderheim war nicht die beste Zeit meines Lebens Ich war traurig, weil die Mutter mir fehlte. Ich erinnere mich noch, wie ich im dritten Stock auf der Bodentreppe saß, wo es ein ovales Fenster zur Straße gab und hoffte, dass meine Mutter diese Straße entlang käme und besuchte mich oder holte mich gar nach Hause. Aber sie kam lange gar nicht, weil sie im Krankenhaus lag. Später dann besuchte sie mich oft. Ich war traurig, aber eine Kindertraurigkeit ist eben kein Trauma.
 

Kommentare (1)

utc 21.02.2009 | 00:29

Danke, endlich mal ein ausgeglichenes Votum. Mir tut jedes Kind leid, dass unter autoritären Heimerziehern oder tyrannischen Eltern leiden musste. MIssbrauch in kirchlichen Heimen war aber nur so systematisch oder selten, wie er in den Privatwohnungen der 50er und 60er Jahre auch war.
Und wer weiß, wie sich in 50 Jahren unsere Kinder über unsere Entscheidungen heute aufregen werden: "Warum habt ihr damals nicht mehr gegen die Verschuldung und Klimaerwärmung getag?"