Maike Hank
14.02.2013 | 01:42 9

Love Zombie

63. Berlinale Von Nebenwirkungen im Leben, in Filmen und von Filmen, beispielsweise, wenn man schöne Musik wiederfindet

Love Zombie

Im Anschluss an viele Filme ist das Team anwesend und beantwortet Fragen aus dem Publikum. Hier Regisseur und Hauptdarsteller von "White Night" – und eigentlich sieht es immer gleich aus, weil man immer zu weit hinten sitzt

Foto: Maike Hank

Mit dem Satz Wer Filme hasst, zeigt sie im Friedrichstadtpalast checke ich mich auf Foursquare ein, während ich mich der ersten Reihe befinde und mir viel zu viele Menschen im Nacken sitzen. Immerhin habe ich genügend Platz für die Beine und kann meine Füße zwischendurch auch schon mal auf den Bühnenrand direkt vor mir stellen. Dennoch sind die Stühle unbequem, ist die Distanz zu denen, die neben mir sitzen, zu gering. In Side Effects geht es unter anderem um Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Diese bekommt Emily nach einem Selbstmordversuch gegen ihre Depressionen verschrieben, die sie hat, weil ihr Mann wegen Insidergeschäften vier Jahre lang im Gefängnis war und gerade erst wieder entlassen wurde. Ihr Psychiater, gespielt von Jude Law, arbeitet zudem mit der Pharmaindustrie zusammen, indem er Medikamente kostenlos vergibt, um sie zu testen. In den USA wird offenbar recht offensiv Werbung für Psychopharmaka gemacht. Es scheint tatsächlich jenes Bild darüber in der Öffentlichkeit zu entstehen, dass man eben nur ein paar Pillen einwerfen müsse und dann ist alles wieder gut. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dem nicht so ist. Im Film werden einige Medikamente genannt, die ich entweder selbst einmal nahm oder die Freunde von mir bereits genommen haben. Ich weiß jedoch, dass niemand sich damit leicht tat – und nachdem ich vor ein paar Jahren vier lange Monate benötigte, um einen dieser üblichen Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer wieder abzusetzen, habe ich mir geschworen, nie wieder ein Antidepressivum zu nehmen. Zum Glück bin ich davon mittlerweile sehr weit entfernt. Aber ich rede immer offen darüber, weil es nur so gelingen kann, dass Menschen, die solche Tabletten nehmen, weil es ihnen sehr schlecht geht, aufhören, sich dafür zu schämen und auch darüber sprechen können, wenn sie unter den Nebenwirkungen leiden, die eben zu Beginn oder beim Absetzen oft besonders schlimm sind. Es ist erstaunlich, wie viele davon betroffen sind, aber dies erfährt man immer erst, wenn man selbst einmal die Fakten auf den Tisch gepackt hat.

Eine Nebenwirkung des Medikaments, das Emily ausprobiert, ist das Schlafwandeln. In diesem Zustand bringt sie dann auch ohne es zu merken, ihren Mann um. Hier tut sich nun schnell die Frage auf, wer Schuld war an diesem Mord. Emily oder ihr Arzt? Die Pharmaindustrie? Darüber hinaus dreht sich noch ein paar Mal die Handlung der Geschichte um die eigene Achse, doch richtig spannend ist das alles nicht. Ich finde den Film nicht schlecht, aber mir bleiben die Figuren bis am Ende zu fremd. Hinzu kommt die belastende Situation im Friedrichstadtpalast. Ich will wieder in die kuscheligen Kinos am Potsdamer Platz.

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Dort am Ticketschalter schnappt mir ein Opi die letzte Karte für Tokyo Monotagari vor der Nase weg und auch der andere Film, den ich morgen sehen möchte, ist bereits voll. Am Donnerstag werde ich mich also durch das Programm treiben lassen und anstatt den Nachtzug nach Lissabon nehme ich nun erst einmal den 200er-Bus nach Hause. Ich habe ja auch noch ein paar Dinge zu erledigen. 

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Abends tauche ich in Cold von Ugur Yücel ein in die Welt von Balabey, der mit seiner Familie an der Grenze zu Georgien in der Türkei lebt, sich in eine russische Prostituierte verliebt und verhindern möchte, dass diese in ihre Heimat zurückkehrt. Mir gefällt die Welt von Balabey nicht. Ich mag es nicht, wie die Männer dort mit den Frauen umgehen, ich mag es nicht, wie sie sich untereinander verhalten, ich mag es nicht, dass die Prostituierten am Ende umgebracht werden. Ich möchte alle Frauen aus diesem Film retten. Sie sind unglücklich – und die Männer sind es auch. Einzig die Schneelandschaft gefällt mir. Der Film macht mich traurig, doch dieses Mal auf keine angenehme Weise.
Durch die linke Tür verlasse ich den Kinosaal, um mich sofort wieder in die Schlange vor der rechten Tür einzureihen. W
as man dort zu hören bekommt, ist nicht immer erträglich.

 

 *

In White Night von LeeSong Hee-il treffen zwei junge Männer in Seoul aufeinander, die sich übers Internet  kennenlernten, um Sex zu haben. Won-gyu ist Flugbegleiter und nur eine Nacht in der Stadt und Tae-jun arbeitet als Bote. Das mit dem Sex klappt erst einmal nicht und bald stellt sich heraus, dass Won-gyu seinerzeit als Opfer daran beteiligt war, als ein paar Schwule überfallen wurden. Zuvor sahen wir bereits eine Narbe an seinem Rücken. Die beiden Jungs kehren an den Ort es Geschehens zurück, verprügeln einen der Beteiligten, lassen sich durch die Nacht treiben und obwohl die zwei die meiste Zeit recht garstig miteinander kommunzieren, sich mal nahe kommen und dann wieder abstoßen, ist da etwas zwischen ihnen. Ich mag es, wie sie miteinander umgehen. Rau, aber dennoch mit unterschwelliger Zuneigung, wobei Wong-gyu der Ruhige, Distanzierte, in sich Gekehrte ist und Tae-jun der mit der Gestik, der  Coole. Als die beiden auf Tae-juns Motorrad durch die Nacht fahren erklingt das längst von mir vergessene Love Zombie von Chris Garneau.


Tae-jun bittet hier Wong-guy, sich an ihm festzuahlten, damit er nicht vom Motorrad fällt. Die Kamera zeigt nun auf Wong-guys Hand, die sich nicht regt. Auch nicht, als die beiden an Geschwindigkeit zulegen. Dieser Moment beschreibt sehr gut, wie die zwei miteinander umgehen. Gegen Ende haben sie endlich Sex in einer öffentlichen Toilette. Ich mochte die Szene sehr, weil sich ebendieser Moment ja den ganzen Film über langsam angekündigt hat. Nicht immer kann ich schwulen Sex- oder Liebesszenen etwas abgewinnen. Der Regisseur erzählt uns im Anschluss, dass in Ostasien hauptsächlich heterosexuelle Frauen in den Zwanzigern Schwulenfilme ansehen. Mit diesem amüsanten Gedanken und der Freude darüber, dass ich jetzt weiß, wie man in Korea Fuck You! mit den Fingern darstellt, fahre ich mit der U2 nach Hause.
Morgen früh um sieben Uhr wird der Gaswassermann vor der Türe stehen. Es wird ein langer, anstrengender Tag werden.

Kommentare (9)

beobachtermann 14.02.2013 | 11:15

Man kann einfach nur jede/n Menschen bewundern, der sich diesen Wichtigtuerauftrieb auch noch mit persönlicher Anwesenheit antut, das gilt btw auch für alle anderen Messen, die nicht gleich auf -ale sich reimen wollen.

OK, man sieht sich mal face to face - oder auch nicht, was auch nicht weiter schlimm ist.

Umso feiner, dass Frau Hank hier mit allerbester, sozusagen, "Frontberichterstattung" im Besten Sinne des Wortes aufwartet.

Und was den Schlaf anbelangt: irgendwann erreicht er uns "the big sleep", btw auch ohne Bogie^^.

Beste Grüße und vielen Dank für Ihre bestens formulierten Einsichten ins Geschehen.

Irgendwann ist Berlinale auch vorbei und dann setzt vlt auch so etwas wie ein erträglicherer Schlafrhythmus ein.

GL+best4u

mymind 14.02.2013 | 21:36

Nein es ist bestimmt nicht mehr wie früher, eben anders. Ob es sich dennoch lohnt, solltest Du mal checken...;-)

Schlaflos geht hier schon noch was, wenn man will. & Fun hat man doch eigentlich immer nur in ansprechender Gesellschaft.

Wie sagte noch die gute Lotti:

Für einen reizvollen Abend kommt es nicht so sehr darauf an, was sich auf den Tellern, sondern wer sich auf den Stühlen befindet...

poor on ruhr 15.02.2013 | 13:06

@Maike Hank

Langsam werde ich zum platonischen  Berlinale-Fan. Toller Bericht.

Bin Dir gerne auf Deinen Striefzügen durch die Film-Welt gefolgt.

Die ciniastischen Vorlieben der asiatischen Frauen in den 20ern haben mich amüsiert, stellen sie doch einen erfrischenden Gegenpol zur Schwäche vieler Männer für Lesebenfilme dar.

Liebe Grüße

por