Maike Hank
10.02.2013 | 22:32 7

Schlafes Schwester

63. Berlinale Es ist nichts gegen ein wenig Powernapping einzuwenden. Wenn man jedoch die meiste Zeit eines Films verschläft, sollte man sich zuliebe den Kinosaal verlassen

Schlafes Schwester

Regisseur Carter und Catherine Keener ♥ - James Franco haben sie leider nicht mitgebracht

Foto: Maike Hank

Nach nur fünf Stunden Nachtruhe wache ich dieses Mal dennoch sofort beim ersten Klingeln des Weckers auf und ahne bereits, wie anstrengend der Tag werden wird. Wie immer, wenn ich sehr müde bin, fange ich an, mit mir selbst zu reden, manövriere mich so durch die morgendlichen Erledigungen sowie die Fahrt bis zum Potsdamer Platz. Ich habe schreckliche Kopfschmerzen und noch schrecklichere Laune. Alle aus dem Weg und seid gefälligst still!

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Maladies von Künstler und Regisseur Carter, der offenbar eine James-Franco-Obsession (na gut, sie sind befreundet) hat, erzählt von James, Catherine und Patricia, die gemeinsam in einem Haus leben. Alle drei ecken mit ihrem Verhalten in der 'normalen' Gesellschaft an. James hörte wegen psychischer Störungen auf, als Soap-Darsteller zu arbeiten und hängt nun seinen Aufzeichnungen nach – angeblich schreibt er einen Roman. Catherine ist bildende Künstlerin, kleidet sich zwischendurch gerne mal als Mann und malt sich dann sogar einen Schnurrbart auf. James' Schwester Patricia ist die meiste Zeit mit sich selbst beschäftigt, schreibt ebenfalls und kämmt sich häufig das borstige Perückenhaar. Der Film hat keine wirklich bedeutsame Handlung und besteht vielmehr aus aneinandergereihten Momenten und Gesprächen und zeigt die Freundschaft zwischen den Dreien, wie sie füreinander da sind, trotz und gerade wegen ihres Andersseins. Wir lernen zudem James' innere Stimme kennen und tauchen so ein in seine Wahrnehmung ohne gleichzeitig die Außenwahrnemung zu verlieren. Das ist gut gemacht. Allerdings fällt es mir schwer, dran zu bleiben. Ich habe mich oft genug gefragt, wo der Film hin will, was er mir sagen möchte und da genügt es mir nicht, von einem poetischen Moment zum nächsten zu gehen.
In der später stattfindenden Pressekonferenz wird Catherine Keener sagen, dass der Film eigentlich viel länger war, dass es aber offenbar für die Menschen immer schwieriger wird, sitzen zu bleiben und sich auf etwas zu konzentrieren, sie selbst habe damit jedoch keine Probleme.  Dies sei ja auch vielmehr eine Sache ihrer Generation, wirft Fallon Goodson ein, die im Film die Rolle der introvertierten Patricia spielt.
Die Pressekonferenz ist sehr leer. Dies mag sicherlich der Tatsache geschuldet sein, dass James Franco leider(!) nicht anwesend ist, aber vielleicht auch ein wenig dem Film selbst. Cathrine Keener ist dennoch gut gelaunt, trinkt als Einzige auf dem Podium Sekt und ich nehme mir vor, den Film in ferner Zukunft einmal zuhause in Ruhe zu schauen.

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Den Film Ödland der Regisseurin Anne Kodura verschlafe ich zu mindestens zwei Dritteln. Dies liegt nicht am Film, sondern an mir. Ich bin körperlich in keiner guten Verfassung und habe noch schlechtere Laune als am Morgen. Wenn doch nur die Rückenlehnen der Kinosessel nicht so gerade wären. Ich verlasse vor Ende des Films den Saal.

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In Capturing Dad von Ryota Nakano machen sich zwei Schwestern auf den Weg zum Sterbebett ihres Vaters, der die Familie vor vielen Jahren für eine andere Frau verlassen hat. Die Mutter gibt ihnen eine Digitalkamera mit, damit die beiden ein Foto machen können, auf dass sie ihm triumphierend ein letztes Mal ins Gesicht würde lachen können. Als die beiden Mädchen beim Vater ankommen, ist dieser jedoch bereits gestorben und sie nehmen stattdessen an der Trauerfeier teil, wo sie auf zum Teil seltsame Familienmitglieder stoßen, darunter auch ihr Halbbruder, der gewiss der niedlichste kleine Junge der Welt ist. 
Der Film ist jedoch überhaupt nicht traurig. Ständig gibt es etwas zu lachen, schließen sich kleine inhaltliche Kreise, die zeigen, wie viel Mühe sich mit dem Drehbuch gemacht wurde, ist der Humor schwarz, ohne brutal zu sein. Es wird nie albern und nie wird sich lustig gemacht über die Figuren. Ich bin ziemlich erstaunt, mit welcher Leichtigkeit dies gelungen ist. Der Film ist sehr japanisch, ich würde ihn sehr gerne noch einmal sehen und ich bin zum ersten Mal versöhnt mit dem Tag. Arigatōgozaimasu!

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Ich bleibe in Japan und freue mich, dass ich Atsushi Funahashi, Regisseur des Films Cold Bloom, bereits vom letzten Jahr kenne, als mir seine Dokumentation Nuclear Nation so gut gefiel. Doch leider ist sein nun gezeigter Spielfilm sehr zäh, kommt nicht voran und ich schlafe ständig ein. Nach einer Stunde beschließe ich, das Kino zu verlassen und nach Hause zu fahren, denn der Film würde noch eine weitere schreckliche Stunde andauern. Als ich im Foyer des Kinos stehe, bemerke ich jedoch, dass ich meinen Schal im Saal liegen ließ. Also mache ich mich auf zu einem asiatischen Restaurant, um zum ersten Mal seit vier Tagen eine ordentliche Mahlzeit zu mir zu nehmen. Ich ahne, dass auch die klägliche Ernährung – hauptsächlich bestehend aus belegten Brötchen und Bagels, Schokolade, Donuts, Muffins, Kaffee und Tee – langsam ihre Spuren hinterlässt. Auf dem Weg ins Restaurant komme ich am Ritz Carlton Hotel vorbei, wo just in diesem Moment ein paar Darsteller vom gestrigen Film The Look of Love vor die Türe treten. Mein Miniglück im Miniunglück sozusagen, und dann esse ich mich satt, hole meinen Schal, fahre mit dem Bus nach Hause und merke, wie anstrengend es ist, zwar die ganze Zeit unter Menschen, aber dennoch völlig mit mir und den Filmen allein zu sein. Es wird Zeit, dass Karneval vorbei ist und der Lieblingsfreund wieder aus Köln zurückkommt. Alaaf!

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