Martin Calsow
02.01.2013 | 16:25

Apokalypse mit Amarone

Soziale Ungleichheit Manch ein Vermögender trickst nicht nur bei der Steuerzahlung. Es hat sich auch ein wahrer Hass auf sozial Schwache entwickelt.

In meinem Roman „Die Lilith Verheißung“ ist der Antagonist ein reicher Mann vom Tegernsee. Zwischen den Jahren nun wurde mir dies von Bekannten vorgehalten. Immer seien Reiche die Bösen. Dabei weise doch die Statistik aus, dass Kriminalität mehrheitlich eher in unteren Schichten zu finden sei. Und dieses von mir kreierte Klischee würde wieder einmal den Sozialneid fördern. Reich gleich fehlende Moral. Dieser Vorwurf wurde recht harsch vorgetragen. Ich konnte nur mit den Schultern zucken.

Wenig später nahm ich eher zufällig an einer Feier teil, die vornehmlich von betuchten Menschen besucht wurde. Ich hörte einem Gespräch zwischen einem Steuerberater und einem Lokalpolitiker zu. Und wunderte mich. Der Lokalpolitiker fragte, ob der Steuerberater nunmehr angesichts der CDs mit Namen von Steuerhinterziehern viel zu tun hätte. Das Gesicht des Zahlenmannes verfinsterte sich. Es folgte ein mitleidiger Refrain auf das mühevolle Leben der wohlhabenden Menschen dieses Landes. Eine Frechheit sei es, Leuten, die sowieso schon sechsstellige Beträge für den Staat hinblätterten, noch weiter zu verfolgen. Es sei eine Hexenjagd. Reiche Menschen seien „die Juden des 21. Jahrhunderts“. Und so lange „Politikerärsche Milliarden in Flughäfen und Formel-1-Strecken versenken, soll man nicht die wenigen Steueroptimierer (das Wort fiel exakt so) verfolgen.“ Es war die Wut eines zu Geld Gekommenen gegen all die bösen Mächte, die ihm den Reichtum nehmen wollen. Der Lokalpolitiker versuchte es noch mit Logik. Man könne doch noch nicht das eine Unrecht mit einem anderen entschuldigen. Aber das war dem Steuerfritzen zu viel Klarheit. Seine Klientel würde doch mit ihrer Arbeit den Laden am Laufen halten. Dann müsse man auch akzeptieren, dass sie „flexibel mit ihrem Reichtum umgeht.“ Und er hätte die Gesetze nicht gemacht, die solche Grauzonen, wie er es nannte, ermöglichen. Grauzonen, die es seinen Kunden erlauben, Geld zu verschieben, es der Gesellschaft vorzuenthalten. Eine Gesellschaft übrigens, die ihm nicht die Hütte abfackelt. Der Steuerberater redete sich in Rage, meinte, dass immer dieselben, eben jene, die nie selbst Reichtum generiert hätten, mit Forderungen wie der nach einer Vermögensabgabe kämen. Das sei Enteignung von Besitzlosen an Besitzenden. Meinen Einwand, wonach kaum jemand am Ast säge, auf dem er säße, tat er mit einer Handbewegung ab.

Dieser Lebensführungsfachmann empfindet sein Handeln als richtig. Und er ist kein Einzelfall. Nach Finanzkrise und Boni-Erregung scheut sich diese Gruppe zwar, offen zu reden. Man möchte nicht in einen Topf mit Bankern geworfen werden. Das ist insofern skurril, als das der freundlich-frisierte Herr von der Investmentbank klar und deutlich sagt, was er will: Rendite um jeden Preis. Das ist klar, das ist nicht verbrämt. Doch kehrt man ein in die Biotope der Betuchten, wird man schnell wieder mit der Gier-Ideologie begüterter Menschen konfrontiert. Statt still den eigenen, nicht immer selbst erworbenen Reichtum zu genießen, kippt man Vulgär-ökonomisches aus dem begrenzten Hirn. Verschmitzt-verschwörerisch werden die eigenen Volten gegen Staat und Steuer erklärt. Der Staat wird als gieriges Monster skizziert, das nur aus Schmarotzern und parasitären Elementen bestehe. Manchmal erinnert sich der ein oder andere an seine BWL-Studienzeit und wirft das Wort „Leviathan“ ein. Das Ganze mündet meist in einem mehrstimmigen Apokalypse-Sound vom Untergang der bürgerlichen Welt.

Der Ökonom Peter Bofinger erklärte es einst so: „Das fehlende Schuldbewusstsein bei der Steuerhinterziehung ist ein Symptom dafür, dass immer mehr Bürger ein gestörtes Verhältnis zu unserem Staat aufweisen. Er wird nicht als Interessengemeinschaft gesehen, die uns jene Ziele ermöglicht, die wir über den Markt nicht erreichen könnten – sondern als feindlich gesinnte Organisation, die die ihr zur Verfügung gestellten Mittel verprasst, ohne einen Nutzen zu entfalten“. Diese Staatsfeindlichkeit wird dann gerne mit Beispielen politischer Fehlhandlungen gerechtfertigt. Privatwirtschaftliches Versagen wird nicht erwähnt. Dieses Credo, entstanden in den 80ern Jahren in den USA und England, hat sich als Mantra in den Köpfen all jener scheinbaren Leistungseliten festgesetzt, die heute ihre eigene Mittelmäßigkeit unverfroren zur Schau tragen und über einen fehlenden „schlanken“ Staat jammern, auf hohe Sozialausgaben verweisen und ihr eigenes Tun mit puppigen Vokabeln wie „Schummeln“ oder „Optimieren“ farcieren.

Zwei Sätze fallen immer wieder und dokumentieren das intellektuell dünne Eis dieser Ausführungen: „Man muss sehen, wo man bleibt“ und „Das steht mir zu“. Ähnliche Gedanken müssen auch Peer Steinbrück umgetrieben haben, als er sich mit dem Verweis auf die Verantwortung, die man in dieser Position zu tragen hätte, über das vermeintlich zu schmale Gehalt des Bundeskanzlers mokierte. Es ist das Ergebnis einer weltweiten Sucht nach situativer Selbstoptimierung. Es geht darum, noch den letzten Cent zu erlangen, auch wenn Haltung und Prinzipien dabei über Bord gehen. Und es ist der tief verankerte Glaube, dass nur Erwerbsarbeit gleich Leistung sei und eben diese entsprechend der Funktion und Verantwortung nicht nur finanziell, sondern auch mit Privilegien entlohnt werden müsse.

Gab es einst den „wohlmeinenden Konservativen“, der soziale Ungleichheit aufgrund eines rudimentär vorhandenen christlichen Überbaus erkannte und abzuschwächen verstand, hat sich seit gut 20 Jahren eine Generation der asozialen Staatsrebellen etabliert. Und in diesem Milieu ist es nicht nur wichtig, dem Staat das Geld zu entziehen. Es hat sich auch ein wahrer Hass auf sozial Schwache entwickelt. War es früher wenigstens schmieriges Mitleid, so wird heute mit Furunkeln auf der Zunge unverhohlen auf eine steigende Sozialquote verwiesen, auf betrügerische Hartz-4-Empfänger. Es ist eine tiefsitzende Verachtung, die sich in diesen Gedankenghettos ausbildet, und man kann nur darüber spekulieren, ob es die eigenen Ängste und Unzufriedenheiten sind, die man durch die Erniedrigung anderer zu kompensieren versucht. Wortwahl und Gedankengut sind nahe an der Grenze zum Feudalen bis hin zum Faschistischen. Selbst schuld seien diese Menschen und faul dazu. Da müsse man mal richtig aufräumen.

Kurt Kister, postiert auf dem kuscheligen Chefredakteurssessel der liberalen SZ, sieht angesichts der Armutsdebatte in unserem Land Verschwörungstheoretiker am Werk und spricht – ungeachtet der immensen Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse – von einer Resistenz der Mittelschicht (SZ vom 29.12.2012). Was er nicht sieht (oder sehen mag), ist, dass die veränderte Ideologie der Reichen zu einem gesellschaftlichen Bruch führt. Der Vertrag zwischen den Gruppen, einst in den Siebzigern mit Mühe den Reichen abgerungen und als Status Quo etabliert, wird aufgehoben. Es geht nicht um Neukölln und Neue Vahr. Es geht um Starnberg und Sindelfingen. Der Hass der Vermögenden ist der Nährboden für eine egoistische und amoralische Gesellschaft. Und diesem Hass ist nicht mit wohlfeilen Worten zu begegnen. Nur die Wut eben jener, die den Teilhabe-Wollenden genommen worden ist, weil jahrelange Verächtlichmachung sie hat stumm werden lassen, kann diesen herablassenden Ton bekämpfen. Wir dürfen nicht länger die Konsens-Republik pflegen und den ausgewogenen Worten der Reichen-Vertretern glauben. Wir dürfen nicht mehr zulassen, dass die Stummgewordenen die Verachtung länger akzeptieren. Es ist am Ende eine Frage der Würde.