snow_in_june
14.01.2013 | 13:41 25

Einfach mal nichts tun

Probleme des Alltags Langeweile wird oft als Problem angesehen, dem man mit Fernseher oder Computer zu entrinnen sucht. Doch Langeweile ist viel mehr als bloß ein Problem

Einfach mal nichts tun

Foto: eisenbahner / Flickr (CC)

Die sogenannte Beschäftigungstherapie wird bei Behinderten, seelisch Kranken oder auch in der Altenpflege eingesetzt, um verloren gegangene körperliche und seelische Fähigkeiten wieder aufzubauen. Es geht hier meist um handwerkliche und gestalterische Arbeiten, wie das Töpfern oder das Erstellen von Kollagen oder Holzarbeiten.

 Außerhalb des therapeutischen Bereiches ist „Beschäftigungstherapie“ eine abfällige Bezeichnung. Sie wird  verwendet wenn der Eindruck besteht, eine Beschäftigung habe keinen über die Beschäftigung selbst hinausgehenden Sinn.

 Beobachtet man die Menschen etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, dann gewinnt man den Eindruck, „Beschäftigungstherapie“ in dem beschriebenen abfälligen Sinne ist weiter verbreitet als gedacht.
Nehmen wir das Beispiel Fernzug. Wenn man auf dem Weg zur Toilette oder in den Speisewagen (übrigens Orte guter Ablenkung von der langen Fahrtzeit) durch die Waggons geht, dann kann man feststellen, dass der Anteil derer, die weder Lesen, Musik-Hören, mit ihrem Notebook beschäftigt sind oder sich wenigstens Unterhalten, sehr gering ist. Oftmals sind die Beschäftigungslosen dann auch noch Kinder und die suchen sich dann alsbald die Beschäftigung des Herumquengelns.

 Apropos Kinder: Diese scheinen in unserer Gesellschaft die Langeweile ohnehin für sich gepachtet zu haben. Jedenfalls gehen Kinder offen mit dem Problem der Beschäftigungslosigkeit um, sie suchen dann die Nähe zu ihren Eltern, hängen sich an den Rock der Mutter, spielen den sterbenden Schwan. Und dann liegt es leider nahe, die Kinder einem Entertainment auszusetzen, mit welchem auch die Erwachsenen gerne der Langeweile entrinnen. Dabei steht in erster Reihe DAS Mittel der alltäglichen Beschäftigungstherapie: Der Fernseher.

 Eine Rentnerin erzählte mir mal, dass ihr Mann ja nun, nachdem er selbst auch in Rente wäre, eben schon ab Mittag (warum eigentlich nicht sofort nach dem Aufstehen?) vor dem Fernseher sitzen würde. Ein alleinstehender Bekannter berichtete mir mal, der Fernseher würde bei ihm eigentlich immer laufen, damit er nicht so allein ist.

 Langeweile wird gerne als Luxusproblem bezeichnet und da ist natürlich etwas dran. Aber: Langeweile ist nicht in Ansätzen vollständig durchdrungen, wenn man sie als ein Problem ansieht, Luxus hin oder her.

 Langeweile hat einen großen Erholungswert, sie kann weiterhin als Schlüssel von Kreativität angesehen werden.
Zunächst zurück zu den Kindern: Wenn bei Kindern die Langeweile lediglich als Problem angesehen wird, wenn dann mit Fernsehen oder Computerspielen abgeholfen wird, dann nimmt man den Kindern die Möglichkeit, die eigene Kreativität, die eigene Tatkraft zu entwickeln. Aber auch bei Erwachsenen können die schweifenden Gedanken, die sich nicht nur in Phasen der Langeweile, sondern auch etwa kurz vor dem Einschlafen einstellen, Anlass für gute Ideen sein. So heißt es in Goethes Faust, ganz am Anfang der Tragödie, in der sogenannten Zueignung:

 IHR naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch’ ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

 Hätten sich die schwankenden Gestalten Goethe auch dann genähert, wenn er vor dem Fernseher gesessen hätte?

Langeweile hat aber auch etwas mit Freiheit zu tun. Freiheit ist auch die Möglichkeit, sich gegen Dinge entscheiden zu können. Gegen das Rauchen, gegen den Verzehr einer im Schrank befindlichen Tafel Schokolade, gegen Alkohol oder sonstige Drogen. Freiheit ist aber auch die Möglichkeit, sich gegen immerwährende Beschäftigung entscheiden zu können. Es ist eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit, sich nach Feierabend einfach in den Sessel zu setzen und die Gedanken schweifen zu lassen (wer jetzt sagt, denken oder vielleicht auch sitzen sei auch eine Beschäftigung, hat nicht verstanden worum es geht). Wenn man sich anschaut, wie zwanghaft sich viele Menschen von Beschäftigung zu Beschäftigung hangeln, dann kann das an ein Hamsterrad erinnern, welches niemals zum Stillstand kommen darf.
Langweilen Sie sich mal wieder. Das Leben ist kurz genug.

Kommentare (25)

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Ehemaliger Nutzer 14.01.2013 | 13:59

Langeweile ist ja definiert als Zustand der Unlust (der man entrinnen will).

Insofern ist Ihre Empfehlung doch die der Muse der Besinnlichkeit, des bloßen Zuschauens, der Selbstbeobachtung, der Kramens in den Erinnerungen und, und  ... . Zug fahren ist da sehr ergiebig, weil man sich - obwohl man bewegt wird - sich nicht selbst bewegen kann, soll, muss ... ., Zugfahren kann auch ein Ort der intensiven Geselligkeit sein, aber das stirbt zur Zeit völlig ab, Kinder in einem Zug sind somit das Erfrischendste was einem so passieren kann, weil sie jedenfalls aus der Situation was machen.

rioges 14.01.2013 | 14:25

Langeweile ist nur denkbar mit dem Zwilling Kurzweil, beide gehören zusammen. In die Welt getreten sind sie wohl erst mit dem Entstehen der Freizeit, d.h. mit der Veränderung der Arbeitswelt im 19. Jahrhundert. Mit dem entstandenen Arbeitsethos wurde schnell alles zur Langeweile erklärt, was in Arbeit einerseits und Freizeit andererseits nicht einordenbar war und ist.

In der modernen Gesellschaft tritt nun die "Antilangeweile"-Industrie, sprich die Freizeitindustrie, hinzu. Mehr und mehr verlernt mensch den Umgang mit der freien Zeit. Im Hintergrund grinst immer noch das Arbeitsethos des vorletzten Jahrhunderts.

Dabei ist es in der Tat so, das man Freizeit auch mit eigenen Gedanken, eigenen Reflektieren und - Stillsitzen verbringen kann. Man sollte sich dann nur nicht einreden lassen, dass das Langeweile wäre.

Dazu gab es kürtlich eine Radiosendung, die ich leider nur teilweise hören konnte:

http://gffstream-6.vo.llnwd.net/c1/m/1356125411/radio/philosophischesradio/wdr5_das_philosophische_radio_20121221_2100.mp3

Eva 14.01.2013 | 17:18

Es sei der Begriff des Müßiggangs( bzw. der "Zeit für Muße") angefügt der sich heute meiner Erfahrung nach oft schlichtweg unbedacht durch "langweilen" ersetzt sieht; obwohl er einen durchaus positiveren Beiklang hat. (Man denke an Nietzsche.)

Im Gegensatz zu Lähmung und Unlust zeigt dieses Bewusstsein dann, wie erwähnt, eben auf einen überaus fruchtbaren Zustand bzw. "den fruchtbarsten".

h.yuren 14.01.2013 | 19:30

lieber snow,

dass kinder sich heute eher langweilen und quengeln als in früheren generationen, hängt mit den veränderten/verschlechterten umständen zusammen. denke an die steinwüsten der städte und die langen reisen.

zwei dinge assoziiere ich mit langeweile:

a) der deutschlehrer in der oberstufe sagte, ein gebildeter mensch empfinde niemals langeweile. eine definition des gebildeten wie der langeweile.

b) in der vorlesung hieß es über hemingway, der autor verstehe alle handlungen seiner figuren als flucht vor der langweile.

tschüs, hy

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Ehemaliger Nutzer 15.01.2013 | 00:20

werte/r H. YUREN,

ihr a) ...

und dann das b) obendrauf ... einfach nur wow ...;

kennen sie das, wenn man einen gepafft hat ... und 'du' plötzlich totalen bock auf was süßes hast ... - diese verlangende lust auf schokolade verspürst ...

......

da war tatsächlich noch schokolade, im altpapier - die reste der pappweihnachtteller, die im sammelkarton landeten, mit all der glitzer-deko ... - und dazwischen - was für ein unbegreifliches glück! - zwei meiner absoluten lieblingspralinen - nuss nougat ...

-------

und jetzt kommt ihr b) ins spiel.

ihr b) ... das fühlt sich so köstlich an ... beim darüber nachdenken ... beim erspüren wollen ... des kitzels ... beim zergehen lassen  ... auf der schmeckenden zunge ... welche ihre lust gerade mit dem gaumen zu teilen beginnt ... - feiner aufbau, ihr a) vor das b) zu stellen ... - danke für die feine unterhaltung - grüße vom max.

Anchesa 15.01.2013 | 00:38

Großartig, Snow !

"...Ein alleinstehender Bekannter berichtete mir mal, der Fernseher würde bei ihm eigentlich immer laufen, damit er nicht so allein ist...."

 

Ich denke, Dein Bekannter hat da den Kern recht gut getroffen.Das Fernsehen ist für viele leider nur noch der einzigste Ersatz für die Teilnahme an der Gesellschaft.

snow_in_june 15.01.2013 | 10:51

Hi,

ich habe im Internet folgende Definition gefunden, die dem Brockhaus entstammen soll:

"als unangenehm, lästig empfundenes Gefühl des Nichtausgefülltseins, der Eintönigkeit, Ödheit, das aus Mangel an Abwechslung, Anregung, Unterhaltung oder interessanter, reizvoller Beschäftigung entsteht."

Damit kann ich mich anfreunden.

Ich würde aber nicht sagen, dass ich direkt "die Muse der Besinnlichkeit" und das "Zuschauen" empfehle, sondern eher ein positives Verhältnis zur Langeweile (sprich: zu ihr stehen und ihr nicht, zum Beispiel durch fernsehen, entfliehen). Daraus kann sich dann so etwas ergeben wie "Muse der Besinnlichkeit" oder "Zuschauen" ergeben.

In meinem Beitrag beschäftige ich mich nur mit der Langeweile, die aus Beschäftigungslosigkeit entsteht. Du weißt aber sicher zu Recht darauf hin, dass Langeweile auch während einer Beschäftigung auftreten kann.

Zu Epikur: Ja. Es macht Sinn, dass er das so sieht. Allgemein ist Langeweile natürlich ein negativer Begriff. Vielleicht passt der Begriff "Müßiggang" besser, gerade wenn man sich der "Langeweile" gegenüber positiv einstellt. Auf diesen Begriff hat ein anderer Kommentar dankenswerter Weise hingewiesen.

 

snow_in_june 15.01.2013 | 10:54

"Dabei ist es in der Tat so, das man Freizeit auch mit eigenen Gedanken, eigenen Reflektieren und - Stillsitzen verbringen kann. Man sollte sich dann nur nicht einreden lassen, dass das Langeweile wäre."

Meines Erachtens wäre es keine Langeweile, wenn man sich z.B. das Stillsitzen bewusst als Beschäftigung ausgewählt hat. Wenn man aber still sitzt, weil man einfach nicht weiß, was man tun soll, dann wäre es schon langeweile m.E..

Danke für den Link, Snow

snow_in_june 15.01.2013 | 10:57

Hi Meyko,

freut mich zu hören.

Ja, die Karriereleiter ist sicher auch ein Hamsterrad (oder kann es sein). Allerdings unterscheidet sie sich von dem Hamsterrad, welches ich beschreibe, m.E. dadurch, dass es bei mir um Tätigkeiten geht, die lediglich den Zweck haben, beschäftigt zu sein. Derjenige auf der Karriereleiter, der verfolgt ja ganz deutlich ein bestimmtes, wenn auch ungewisses Ziel.

Gruß, Snow

ch.paffen 15.01.2013 | 12:45

DANKE !!!!! + *****

Sehr gerne gelesen. Die Überschrift hat mir persönlich besonders gut gefallen.

Aus einem Entschleunigungsaspekt, den ich gerne als beinchen baumeln lassen umschreibe, wobei ich damit körperlich nix tun und nicht Langeweile haben meine.

Das mag daran liegen, das ich nicht aktiv unter Langeweile leide, weil ich meist x – dinge habe die auf meiner perönlichen do do liste stehen und ich immer wieder froh bin, wenn ich es hinbekomme eben einfach mal nix zu tun (was für mich wie oben schon beschrieben körperlich nix tun heißt) * feine resttag noch cp

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Ehemaliger Nutzer 15.01.2013 | 13:02

lieber junischnee,

zunächst einmal auf die schnelle

ein kleines filmchen, damit sich ihre mundwinkel

wieder etwas entspannen können; zu ihrem beitrag

werde ich noch etwas schreiben - versprochen.

- grüße vom max

ps. im übrigen 'werte' ich ihre nach unten gezogenen mundwinkel als eine art 'lob' an meine adresse, denn warum sollten sie ausgerechnet von mir ein ''''urteil''''' erwarten/wünschen.

ohne ihren beitrag, ohne diesen grundstein, hätte ja gar keine 'diskussion' in gang gebracht werden können ...