Einfach mal nichts tun

Probleme des Alltags Langeweile wird oft als Problem angesehen, dem man mit Fernseher oder Computer zu entrinnen sucht. Doch Langeweile ist viel mehr als bloß ein Problem
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Einfach mal nichts tun
Foto: eisenbahner / Flickr (CC)

Die sogenannte Beschäftigungstherapie wird bei Behinderten, seelisch Kranken oder auch in der Altenpflege eingesetzt, um verloren gegangene körperliche und seelische Fähigkeiten wieder aufzubauen. Es geht hier meist um handwerkliche und gestalterische Arbeiten, wie das Töpfern oder das Erstellen von Kollagen oder Holzarbeiten.

Außerhalb des therapeutischen Bereiches ist „Beschäftigungstherapie“ eine abfällige Bezeichnung. Sie wird verwendet wenn der Eindruck besteht, eine Beschäftigung habe keinen über die Beschäftigung selbst hinausgehenden Sinn.

Beobachtet man die Menschen etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, dann gewinnt man den Eindruck, „Beschäftigungstherapie“ in dem beschriebenen abfälligen Sinne ist weiter verbreitet als gedacht.
Nehmen wir das Beispiel Fernzug. Wenn man auf dem Weg zur Toilette oder in den Speisewagen (übrigens Orte guter Ablenkung von der langen Fahrtzeit) durch die Waggons geht, dann kann man feststellen, dass der Anteil derer, die weder Lesen, Musik-Hören, mit ihrem Notebook beschäftigt sind oder sich wenigstens Unterhalten, sehr gering ist. Oftmals sind die Beschäftigungslosen dann auch noch Kinder und die suchen sich dann alsbald die Beschäftigung des Herumquengelns.

Apropos Kinder: Diese scheinen in unserer Gesellschaft die Langeweile ohnehin für sich gepachtet zu haben. Jedenfalls gehen Kinder offen mit dem Problem der Beschäftigungslosigkeit um, sie suchen dann die Nähe zu ihren Eltern, hängen sich an den Rock der Mutter, spielen den sterbenden Schwan. Und dann liegt es leider nahe, die Kinder einem Entertainment auszusetzen, mit welchem auch die Erwachsenen gerne der Langeweile entrinnen. Dabei steht in erster Reihe DAS Mittel der alltäglichen Beschäftigungstherapie: Der Fernseher.

Eine Rentnerin erzählte mir mal, dass ihr Mann ja nun, nachdem er selbst auch in Rente wäre, eben schon ab Mittag (warum eigentlich nicht sofort nach dem Aufstehen?) vor dem Fernseher sitzen würde. Ein alleinstehender Bekannter berichtete mir mal, der Fernseher würde bei ihm eigentlich immer laufen, damit er nicht so allein ist.

Langeweile wird gerne als Luxusproblem bezeichnet und da ist natürlich etwas dran. Aber: Langeweile ist nicht in Ansätzen vollständig durchdrungen, wenn man sie als ein Problem ansieht, Luxus hin oder her.

Langeweile hat einen großen Erholungswert, sie kann weiterhin als Schlüssel von Kreativität angesehen werden.
Zunächst zurück zu den Kindern: Wenn bei Kindern die Langeweile lediglich als Problem angesehen wird, wenn dann mit Fernsehen oder Computerspielen abgeholfen wird, dann nimmt man den Kindern die Möglichkeit, die eigene Kreativität, die eigene Tatkraft zu entwickeln. Aber auch bei Erwachsenen können die schweifenden Gedanken, die sich nicht nur in Phasen der Langeweile, sondern auch etwa kurz vor dem Einschlafen einstellen, Anlass für gute Ideen sein. So heißt es in Goethes Faust, ganz am Anfang der Tragödie, in der sogenannten Zueignung:

IHR naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch’ ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

Hätten sich die schwankenden Gestalten Goethe auch dann genähert, wenn er vor dem Fernseher gesessen hätte?

Langeweile hat aber auch etwas mit Freiheit zu tun. Freiheit ist auch die Möglichkeit, sich gegen Dinge entscheiden zu können. Gegen das Rauchen, gegen den Verzehr einer im Schrank befindlichen Tafel Schokolade, gegen Alkohol oder sonstige Drogen. Freiheit ist aber auch die Möglichkeit, sich gegen immerwährende Beschäftigung entscheiden zu können. Es ist eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit, sich nach Feierabend einfach in den Sessel zu setzen und die Gedanken schweifen zu lassen (wer jetzt sagt, denken oder vielleicht auch sitzen sei auch eine Beschäftigung, hat nicht verstanden worum es geht). Wenn man sich anschaut, wie zwanghaft sich viele Menschen von Beschäftigung zu Beschäftigung hangeln, dann kann das an ein Hamsterrad erinnern, welches niemals zum Stillstand kommen darf.
Langweilen Sie sich mal wieder. Das Leben ist kurz genug.

13:41 14.01.2013
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