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28.09.2010 | 00:49

Links, wider die verordnete Einseitigkeit der Welt

Links, wider die verordnete Einseitigkeit der Welt

„...We are stardust/Billion year old carbon/We are golden/Caught in the devil's bargain/And we've got to get ourselves/Back to the garden...( Joni Mitchell, „Woodstock“,1969 )“

"....Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntniß essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er; das ist das letzte Capitel von der Geschichte der Welt ( Heinrich von Kleist, Ueber das Marionettentheater, Berliner Abendblätter, 1810)

Links sein

Links sein, das heißt, die lustvolle Wiederaneignung eines unausgeschöpften Potentials froher Botschaften, die die Bürgerlichen und Konservativen als Bedrohung ihres Status empfinden, politische Ideologen missachten, weil es ihren Herrschaftsanspruch untergraben könnte und diejenigen, die sich wirtschaftend für besonders schlau halten, fürchten, weil die Linke ihnen die Spieltische entziehen könnte.

Was heißt Wiederaneignung und warum sollte sie als frohe Botschaft verstanden werden, wo das Letztere doch so verdammt nach Kanzel, Weihwasser und Taufbecken riecht? - Selbst rudimentäre Antwortversuche brauchen Zeit und Zeilen.

Die Lage

Die Chancen stehen gut, als Linke nicht mehr nur auf die menschenverachtende Praxis des zentralistischen Staatssozialismus und die doktrinäre Ideologie vom Primat einer aufgeklärten, unendlich überlegenen und mächtigen, linken Funktionsärselite festgenagelt zu werden, weil doch viele Bürger merken wie der Kapitalismus selbst zur Bürokratie und Ideologie erstarrt und den individuellen, wie den sozialen Lebenssinn regelrecht pulverisiert. Sie spüren, wie er sie, die Millionen Adressaten und eigentlichen Auftraggeber der Politik, nun nach und nach, über den Staat als Mittler, nun auch noch zu Großschuldnern bei jenen macht, die ihr Kapital und ihr Eigentum in einem nach Autonomie strebenden, monetären Spielsystem weiter ausbauen.

Die angehäuften Kapitalien wirken zweifach. Sie sichern die Machtausübung in ökonomischen und gesellschaftlichen Bereichen, die weit über das eigentliche Interesse von Investoren oder Aktionären ausgreift, - Kaum ein Aktionär oder Manager will heilsame pharmazeutische Produkte herstellen oder energetisch sparsame Autos bauen. -, und sie erzwingen das Weiterspielen, weil die Finanzmacht markttechnisch zu groß geworden ist. Beständig neue Kapital-Spieler müssen in der Konkurrenzsituation ihre Gewinnversprechen erhöhen und erwarten für sich selbst Renditen, die die nicht- monopolistisch organisierte Realwirtschaft selten erreichen kann.

Selbst Versicherungs- und Pensionsfonds zur Abdeckung von Lebensrisiken stecken mittlerweile im Finanzmarkt fest, weil längst die Anlagesummen den Wert realer Kapitalien weit überschreiten. - Das Geschäft ist so groß, selbst die wirtschaftlich stärksten Nationen können es nicht mehr, ohne eine allgemeine Krise auszulösen, eindämmen. Das Letztere ist jedenfalls die größte, uns hingeraunte Drohung. Also wird weiter spekuliert und Geld aus Steuereinnahmen, sowie das Staats- bzw. Gesellschaftsvermögen an Böden und Immobilien als Sicherheit eingesetzt, bzw. zur Geldbeschaffung an Privat verkauft. - Die demokratisch und kapitalistisch aufgestellten Staaten gaben jüngst dieser Kaste eine praktisch unendliche Garantie, indem sie ihre Staatsbürger zur Ausfallversicherungsanstalt machten, was auch immer ein sehr kleiner Teil der Weltbevölkerung finanziell unternehmen mag. - Wir bilden also ein seltsames Kollektiv, um den Fortgang des Spiels abzusichern, immer versehen mit dem väterlichen Hinweis, wir hätten doch sowieso über unsere Verhältnisse gelebt. Wer genau hinschaut, der sieht wer das sagt und seine Verhältnisse ausgerechnet nicht meint.

Der bisher einzige, gerade angedachte Preis,   wiederum, über Abschreibungen, Erhöhung der Zinsen für realwirtschaftliche Kredite und Produktverteuerungen deutlich reduzierbar, ist eine minimale Finanztransaktionssteuer und/oder Börsenumsatzsteuer. Nur die schlimmsten Falsch- und Taschenspielereien werden mit staatlicher Kontrolle bedroht.

Es überwiegt jedoch der Vorteil für das Finanz- und Anlagekapital, dem am Ende dieses Krisen-Zyklus weitere große, staatseigene oder kommunale Land- und Immobilientitel gehören werden, überall dort, wo diese Güter wirklich einen (Markt-)Wert darstellen.

Es muss an sie verkauft werden, um die Staatsschulden zu begrenzen. Das kleine private Eigentum (Ersparnisse, Immobilien) dient schon länger zur Absicherung und Bezahlung der Lebensrisiken. Es wird also am Ende des Zyklus mehr Eigentum, vor allem werthaltiges Eigentum (Anteile an Rohstofflagern, an Handelslizenzen, Immobilien, Land, Medienzugänge) in den Händen weniger bleiben, weil mehr Sachwerte als belastbare Sicherheiten erforderlich sind und dabei Lage und Ortsfaktoren eine große Rolle spielen. - Von diesem Mechanismus lebt z.B. (noch) das hypertrophe Wirtschaftsprojekt Stuttgart-21, weil aus der Verkehrsdienstleistung und der verbesserten Funktionalität der Bahn,  das eingesetzte öffentliche Kapital, einschließlich der Investorenrendite, nicht wieder erwirtschaftet werden kann. Daher bedarf es mehrfacher, verdeckter Umlagen von öffentlich zu privat, die Übereignung von Baugrund und Erschießungslizenzen an Privat, gegen eine Ablösesumme, die niemals die öffentlichen Kosten einspielen.

Ihre eigenen Risiken, sogar die schon fälligen Abschreibungen für Junkbonds und überzogene Kreditvergaben im Immoblienbereich, die man sich vorher selbst schön rechnete und bewertete, oder über abhängige Gutachter einschätzen ließ, konnte die Finanzwelt mittlerweile erfolgreich auf die Allgemeinheit abwälzen. - Ein Beispiel dafür liefert die HRE-Bank.

In den letzten beiden Dekaden war es bereits gelungen, den Wert der Arbeit zu drücken und eine voolständige globale Konkurrenz der Arbeit her zu stellen. Als sehr erfolgreich erwies sich die Strategie, die Lebensrisiken, Arbeitslosigkeit, Armut und Krankheit zunehmend zu individualisieren und die Hauptkosten, einschließlich der Infrastruktur-, Erhaltungs- und Abfall-Beseitigungskosten, sowie der Sozialkosten dem allgemeinen Steuerstaat auf zu bürden.

Die Linke bleibt trotzdem schwach

Warum ist die Linke noch nicht viel weiter, angesichts solcher günstiger Bedingungen? - Zu frisch ist wohl die einseitige Erinnerung an die ewige Selbstzerfleischung der Linken und zu aktuell ist eine gewisse Unfähigkeit, Bündnisse mit progressiven Kräften in anderen gesellschaftlichen Institutionen und in den großen Religionen zu schmieden. Das bremst die Linke aus.

Das gegenseitige Misstrauen ist groß und wuchs historisch, obwohl doch der Verständnisweg, weg von kollektiver Schuld, hin zu kollektiver Verantwortung ein gutes historisches Beispiel liefern müsste, um nicht erneut in die autoritäre Falle zu laufen. Linke, fortschritttliche Christen, Muslime und Juden, lehnen doch Sippenhaft und Kollektivschuld, die an Generationen klebt und so medial und politisch gerne genutzt wird, strikt ab.

I Aneignung, Wiederaneignung, Erinnerung und Kultur

Linke taten sich schon immer schwer mit Traditionen. Das lag vor allem daran, dass die ursprünglich einmal angenommene, orthodoxe marxistische Theorie von einer Art Stadienmodell ausging. Wenn Gesellschaftsformen ihren Gipfel an Effizienz, Ressourcennutzung und technologischer Entwicklung errreicht hatten, dann trugen sie für Linke den Keim der nächsten Vergesellschaftungsform in sich und es erstarb was davor lag. Diesen Lauf hielten Ochsen und Esel zwar beständig auf, jedoch, man blieb trotzdem bei der Teleologie, glaubte gar noch inbrünstiger, ergänzt durch eine seltsame und totalitäre Form der Avangardismus.

Revolutionen wurden nun von einer Elite immer schon Wissender, für ein Proletariat Unwissender, in deren Namen, gemacht. Ein weitgehendes Handeln ohne Auftrag, die absolute Selbstermächtigung, war das Fatum dieser Denkhaltung.

Die andere Linke

Die ganze Zeit aber, existiert auch eine andere Linke. Sie hat ähnliche Botschaften, aber keine Teleologie, keine unumstößliche Stoßrichtung, kein Elitebewusstsein mehr. Sie spricht nicht von einer gelenkten Wirtschaft und Gesellschaft, die de facto heute kapitalistisch existiert, jedoch fern des Staates und ausserhalb dessen Kontrolle, und auch nicht von der Herrschaft des Proletariats oder von einer, als neuer Klasse verewigten, Avantgarde-Elite .

Diese andere Linke hat aber starke Prinzipien und Ideale und verfügt über ein evolutionäres und prozesshaftes Verständnis von Gesellschaft. Linke, die sich auf diese Wurzeln beziehen, wurden in der Vergangenheit oft als Abweichler, Sektierer, Syndikalisten, oder als anarchische Individualisten beschimpft und verfolgt. Es wäre hier zwanglos möglich, eine schwarze Geschichte der immer wiederkehrenden, brutalen Eliminationsstrategien der einst herrschenden linken Eliten vorzustellen. Nicht wenige solcher Schwarzbücher sind bereits geschrieben.

Die dunkle Geschichte unterscheidet sich in praktisch keinem Feld von der Praxis des Marktkapitalismus, oder der Theorie der Kontrolle über den Ausnahmezustand, oder der Hobbesschen Lehre vom Leviathan, die den Menschen als des Menschen Wolf sieht, oder auch von christlichen Abendlandstheorien, bzw. deren islamistischen Gegenstücken, die eine bestimmte Kultur oder deren Kulturträger als machtvolle Gestalter, manchmal sogar, als unangreifbare Götter, einsetzen möchte.

II Die totalitäre Erfahrung als Wissen um die eigene Negativität

Die gescheiterten linken Geschichts- und Politikmodelle krankten alle an dem Zwang, ihre Effizienz durch Konkurrenz mit einem im Bezug auf den Reichtum weniger Privatpersonen deutlich überlegenen Wirtschaftsmodell herleiten zu wollen. Dabei liegen die Stärken des sozialistischen und kommunistischen Gesellschaftmodells gerade nicht darin, die Chancen weniger Einzelner maximal zu erhöhen.

Die Spekulation stellt eines der Spitzenfelder der kapitalistischen Gewinn- und Verlustmaximierung dar. Andere wären z.B. Monopole, Lizenzen für Ressourcen,- z.B. hybride Firmen-Nutzpflanzen in der Welternährung-, seltene Erden, Kupfer und Platin, einige Luxusgüter mit Preisen zur Distinktionssicherung und, doppelt wichtig Kommunikationskanäle. Der Gewinn aus Spekulation wird selten in produktive Ziele umgesetzt, sondern dient der fiktiven Wertsteigerung der spekulierten Güter in monetären Äquivalenten. Andererseits erzeugt so viel Finanzkapital einen Sog, der nur das Weiterspielen sicher erscheinen lässt. - Dieses System ist prinzipiell und kategorisch ebenfalls totalitär.

Die historische Erfahrung lehrt, dass Kommunisten, in Kenntnis der Zusammenhänge, nun das Solidaritätsprinzip mit Gewalt durchsetzen wollten. Schlimm genug, dass sie dies nicht nur hinsichtlich der Frage des Eigentums und Besitzes taten, sondern Menschenopfer forderten und dies Fortschritt nannten. Ihre Gegenspieler, tun dies, bewusst oder nicht, mit umgekehrtem Vorzeichen, geschickter, langfristiger angelegt und kontinuierlich, unter dem Aspekt der Gewinnverbesserung.

Das lag nun weder in den Texten der Begründer des kommunistischen Denkens, noch in den Gründungsorganisationen beschlossen. Der Leninismus-Stalinismus kam allerdings, es ist ein Scheinparadox, ohne gattungsmäßigen Bestimmungsgrund des individuellen Menschen, nämlich ohne einem Zweck desselben an und für sich aus, und begann, genau so zu selektieren, wie es die schlimmsten Erbtheoretiker und Eugeniker, die kalkulierenden Ökonomen, die den Wert eines Menschen letztlich an seiner Wertschöpfung, ausgedrückt in Kapitaläquivalenten oder Waren messen, ebenfalls tun möchten. - Diese Selektion findet heute unvermindert statt. Vermöge dieser stilleren Selektion wird derzeit bei uns weniger gestorben und in Brasilien mehr schönheitsoperiert, sowie in Afrika vorzüglich gehungert. Dazu braucht es das Gefälle der verlängerten Werkbank und den Wohlstandsabstand in den Gesellschaften, sowie eine völlig abhängige Landschaft an Klein-, Mittel- und Halbstaaten, failed states, die es erlauben die Ressourcen (vom Öl bis zur Droge) zu günstigen Einstandspreisen zu produzieren (z.B. Kongo, Nigeria, Aghanistan), um sie dann über Börsen zu handeln und die Provisionen und Gewinn-Aufschläge einzusammeln oder, wenn es nicht anders geht, kriminelle Akkumulationssysteme zu nutzen. An diesem Prozess, der gleichzeitig, unerbittlich und nicht kalkuliert, auf die Zerstörung der Lebensgrundlagen überhaupt hin arbeitet, -Nirgendwo ist auch nur der Ansatz und erste Erfolg einer substanziellen Umkehr sichtbar und spürbar. Wo der Schein des Erfolgs sich zeigt, wird er durch überlagernde Trends überholt (z.B., umweltfreundliche Pkw-Mobilität globalisiert, bedeutet keine Besserung!).-, halten die maßgeblichen Gesellschaften derzeit fest.

III Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Die revolutionäre Formel der bürgerlichen, französischen Revolution gewinnt unter einer linken Betrachtung ganz andere Züge, als es je dem Liberalismus oder dem Konservatismus, aber auch den insitutionellen Kirchen gelang.

Freiheit

Die Freiheit ist kein rein individueller Begriff, auch kein einseitig je passiver oder aktiver sozialer Vorgang, der z.B. darauf abzielte, dem Bürger, heute seiner Verkürzung, dem bürgerlichen Konsumenten, Anleger und abhängig Beschäftgten, als Teilnehmer an der sich frei deklarierenden Marktwirtschaft, Spielmöglichkeiten zu verschaffen. Der Liberalismus und der politische Konservatismus haben hingegen diesen Weg konsequent und  erfolgreich beschritten.

Sie kämpfen vor allem für das Recht des Einzelnen, sich wirtschaftlich so frei zu entfalten, wie er es nur irgendwie vermag. Wer hier zunächst nichts leisten kann, der ist nicht. Auf dem Gebiet der Inwertsetzung seiner Person, seiner Fähigkeiten, seines Eigentums, gilt zunehmend die Spielregel dieses Marktes. Die Zahl derer, die genau in dieser Lage sind, ist viel größer als allgemein angenommen und wächst weltweit. - Die Gesellschaft des vordergründigen, kapitalistischen Fleißes ist eine Zählgesellschaft. Sie liebt und schätzt, was real zählbar in einem Marktwert ausgedrückt werden kann. - In einem seltsamen Paradox gelten ihrer Elite jedoch fiktive (Buch-, Konten-, Vertrags-)Werte mehr, als sachliches Können und Wissen!

Die Freiheit der öffentlichen Meinung

Öffentliche Meinung und Öffentlichkeit ist in den Augen liberaler und konservativer Kräfte eine Angelegenheit von Können (im potenziellen, nicht im wissenden Sinne). Wer die wirtschaftlichen Ressourcen hat und über das Eigentum an Medien verfügt, der hat letztlich die einzige Chance, seine Meinung zu majorisieren

In dieser Sicht sind daher öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten als Medien öffentlicher Meinung nur in drei Bezügen relevant: Erstens, als nicht-private Konkurrenz, die es mit staatlicher Unterstützung, klein zu halten und zu bürokratisieren gilt (Medienrecht). Zweitens, als Instrument der politischen Herrschaft selbst, in der nur die medialisierte Meinung zählt und die vierte, die öffentlich-rechtliche Gewalt, als zu kontrollierender und zu steuernder Transmissionsriemen eingeschätzt wird. Dessen Lauf und Wirkung richten informelle und formelle Gremien aus. - Sehr anschaulich wird das z.B. an prominenten Journalistenäußerungen aus dem Bereich der Fernsehanstalten, die sich selbst so verstehen (Medientage) und dafür einen dosiert gesteuerten Zugang zur Entscheiderebene, verbunden mit einer öffentlichen Statuserhöhung erhalten. Drittens, als Kosteninstitution, die sich einem Pseudowert, der „Quote“, unterwirft, bei dem Qualität, wirkliche Neuerungen und breitere Beteiligung größerer gesellschaftlicher Kreise abgelehnt werden müssen, weil dies Zeit und ausreichende Chancen bräuchte, zu Zeiten, in denen das Publikum noch nicht dahin dämmert. - Ebenso kann in dieser bewusst gewählten Welt auf das Starsystem nicht verzichtet werden, was zur weiteren Verkrustung und Qualitätsminderung beiträgt.

Vereinzelung verkauft als Freiheit. Das Beispiel Krankheit

Wie viele Kranke können in welcher Zeit und mit welchem Gewinn, behandelt werden. Der Erfolg der Behandlung ist nicht mehr ganz so wichtig, wie die dauerhaft positive Bilanz, die vor allem bei Leuten zu Buche schlägt, die dort investieren. Also sind Geldgeber in Erwartung einer deutlich höheren Rendite als der des aus eigener Arbeit erzielbaren Lohnes, nicht die individuellen Interessenten an einer guten Gesundheitsversorgung, heute im Mittelpunkt und deutlich im Vorteil. - Das ist nur ein Beispiel für viele Spielwiesen, auf denen sich die ökonomische Freiheit nach liberalem und konservativem Selbstverständnis ausdrückt und auch ausdrücken soll.

Zumessung der Freiheitsgrade über Besitz und Vermögen

Gipfel des liberalen Denkens ist es, den ökonomischen Erfolg als die eigentliche Messlatte für den individuellen Grad der Freiheit an zu sehen. Wer nicht ökonomisch erfolgreich ist, der kann nicht frei sein, denn ihm fehlt die einzig zählbare Bestätigung seiner Existenz und es fehlen, praktisch sofort, Zugänge und Kontakte.

Die freien Gesellschaften des Liberalismus und Konservatismus bleiben, soziologisch abgebildet, Pyramiden-Gesellschaften, deren einzige Chance  darin besteht, beständig so viele Ressourcen zu mobilisieren und frei zu setzten, dass am Fuße der Pyramide die Lastträger und das wachsende Heer der eigentlich „Unnützen“, -sie werden im Sinne der Profitgenerierung nicht mehr unbedingt gebraucht-, noch etwas ab bekommen, um nicht Krawall zu schlagen. Am Kopf der Pyramide bleibt hingegen genügend übrig für Freiheiten, die sehr viel Geld und sehr viele Ressourcen kosten, weil sie in die Distinktionssicherung (Preise, Lizenzen) fließen müssen.

Der utopische Gegentraum

Die kommunistische Freiheit, eine Utopie derzeit, und immer schon utopisch in der historisch vergangenen Welt des Staatssozialismus, geht jedoch von einer gänzlich anderen Betrachtung aus. Dieser Freiheitsbegriff ist nicht effizient, er kennt nicht einmal eine Berechnungsformel dafür. - Das macht ihn natürlich extrem suspekt, und verführte in der Vergangenheit politische Linke dazu, lieber von effizienten Konkurrenzmodellen zum voll entwickelten Kapitalismus zu fantasieren (Einholen und Überholen), anstatt die Stärke des eigenen Freiheitsbegriffs da auszubauen, wo er gerade nicht auf die ökonomische Freiheit und das Konkurrenzmodell fixiert ist.

Das verlangte allerdings, sich konsequent um eine Beschreibung dieser Art anderer Freiheiten zu mühen und nicht der Versuchung zu erliegen, den Bürgern beständig vor zu gaukeln, es genüge die linke Übernahme der Macht und schon ginge es nicht nur freier, sondern gerechter und brüderlicher zu. - Das linke Gesellschaftsmodell wäre ein völlig anderes Modell, es ähnelte der frohen Botschaft. Schon das ist an sich revoulutionär!

Bisher rümpften Linke immer die Nase, wenn intelligente und kenntnisreiche Beobachter die Nähe dieser Vorstellungen zu bestimmten Aussagen der großen Glaubensgemeinschaften, bzw. zu bestimmten Passagen in den Kardinalschriften dieser Religionen fest stellten. Keine Frage, im neuen Testament, im Koran, in der Thora exisitieren manigfaltige Hinweise dazu, was den grundsätzlichen Unterschied des je neuen Bundes sozial ausmachen sollte. - Es ist gerade nicht ungewöhnlich, dass die frohen Botschaften Begriffe ins Spiel bringen, die sich nicht rechnen lassen. Jesus Christus fordert mehrfach die ökonomische Unberechenbarkeit geradezu ein, die Apostelevangelisten bezeugen es. Brüderlichkeit rechnet nicht, Liebe rechnet und berechnet nicht, die gegenseitige Gabe rechnet ebenfalls nicht, nicht einmal vor Gott.

Viele Linke glauben immer noch daran, es reiche im Grunde die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Wissensgesellschaft so voran zu treiben, dass das ein Grundversprechen, nämlich eine Verteilung des ökonomischen und technologischen Überflusses wahr würde. Im Grunde bilden diese Linken nur eine Analogie zur derzeit fast überall herrschenden Ökonomielehre. Sie behaupten nun, ihr Verteilungsmodus gelinge irgendwann besser und gerechter. - Wer so weiter denkt, der bleibt einem seit fünfhundert Jahren laufenden Muster verhaftet und ist, ganz praktisch, immer in der Gefahr, entweder politisch in eine Diktatur zu enden oder aber, angesichts der realen Machtverhältnisse, in der völlige politische  Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Tatsächlich stimmt Marx Deutung aus der Deutschen Ideologie von 1846: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein. Allerdings nur dann, wenn wesentliche Teile der realen Bewusstseinsträger, die Bürger, teilhaben an den wichtigen Entscheidungen in der Ökonomie, im Staat und in der Kultur. Wenn also nicht nur ein Glaube herrscht, der Bürger könne, unabhängig von seiner ökonomischen Leistungsfähigkeit, mit entscheiden. Entscheidung und Teilhabe erwächst heute allerdings wieder zu großen Teilen aus dem Abstecken von Claims, nicht aus einer speziellen intellektuellen oder handwerklichen Fähigkeit. Viele Bürger sehnen sich nach diesen archaischen Mustern des Kapitalismus und der Feudalherrschaft, weil das vordergründig Dauerhaftigkeit verspricht.

Das geheime Credo der meisten Liberalen und Konservativen lautet, die Bürger wollten weder aktive Beteiligung an den Entscheidungen, noch Einblicke in Sachzusammenhänge. Sie wünschten sich vor allem eine Regierung durch gewählte Vertretung und Experten, -seien es auch nur Experten des politischen Geschäfts-, die ihnen diese Dauerhaftigkeit als Sicherheit garantieren sollen.

Der Bürger wolle sich vor allem um sich selbst, und um sonst eigentlich recht wenig kümmern. Liberale und Konservative verstehen sich daher als Makler, Händler und Interessenwalter. Sie halten sich für mandatierte Anwälte und wollen dafür gewählt und entlohnt werden. Eine Verbreiterung der Mitsprache, die Freistellung zur Mitsprache, politische wie ökonomische Transparenz, sind gerade nicht ihre Zielvorgaben, so wenig wie ein Makler, der gut verdienen will, Transparenz liebt, weil dies ihm die beste Geschäftsgrundlage entzöge. So bleibt es beim Hinterzimmer.

In der ökonomischen Sphäre gehen Liberale und Konservative noch weiter. Hier ist das wirtschaftliche Handeln völlig individualisiert und privatisiert, Kontrolle und Einblick daher strikt tabuisiert. Schon die eher hilflosen Maßnahmen des Staates, sich bei den wirklich Reichen einen Einblick über die tatsächlichen Besitzverhältnisse und Gewinne zu verschaffen, gelten als Sakrileg gegen das Recht auf Privatheit und als größter ideologischer Sündenfall in der freien Wirtschaft.

In Wahrheit haben nämlich die Reichsten in den Industrie- und Schwellenländern in den letzten Dezennien weder einen gewinnproportionalen Steueranteil gezahlt, noch überhaupt zugelassen, dass staatliche, damit halbwegs öffentlich kontrollierte Organe Einblick bekommen konnten. In Schwellen- und Entwicklungsländern, dort wo heute die eigentlichen Gewinnzuwächse und ebenso neuer sagenhafter Reichtum innerhalb sehr kurzer Fristen erzielt wird, schreckte man auch nicht vor flächendeckender Korruption der Reste von Staatlichkeit zurück. Deren dünnschichtige Wirtschaftseliten sind nicht nur längst eingekauft, sie leben auch lange schon international. - Die Hauptdrohung: Wer uns zu nahe tritt, der löst die Flucht unserer Kapitalien in freundlicher gesinnte Länder aus. Auch wir persönlich könnten flüchten. Natürlich macht das kaum jemand aus dieser Gruppe wirklich, weil die Struktur der Gesellschaft und Politik ja gerade die Grundlage seines Geschäftsmodells ist.

Gleichheit

Liberale und Konservative definieren den bürgerlichen Gleichheit vor allem als eine Gleichheit vor dem Gesetz. - Jedoch, selbst dieser Anspruch läßt sich immer weniger durchsetzen. Heute ist klar, gerade Individuen haben es schwer, ihr Recht bei Institutionen, Firmen, dem Staat, und vor allem gegen ökonomisch deutlich besser gestellte Personen, durch zu setzen. -Der Staat hat sich mittlerweile dort positioniert, wo es real um die stille Absicherung dieser Überlegenheiten geht. So toleriert er verschachtelte und kaum allgemein verstehbare Verträge und Geschäftspraktiken, so toleriert er Urteile in seinen Gerichten und haufenweise Verträge zu fast jedem denkbaren Rechtsgut, die ohne einen juristischen Sachverständigen nur noch schwer lesbar sind. Er nennt das trotzdem Vertragsfreiheit. So, formuliert er auch Maßnahme- und Ermächtigungsgesetze, die schon durch ihre Komplexität das Machtgefälle absichern (Bsp., §129 StGB).

Eine konservative und liberale Weiterung des Gleichheitsbegriffs ist jene, die sich mit dem Begriff der Chancengleichheit verbindet. In der Theorie steht demnach jedem Bürger die gleiche Chance zu, Erfolg, vor allem wirtschaftlichen Erfolg, zu erreichen. Tatsächlich glauben Liberale und Konservative daran, dass die derzeitige Struktur in dieser Hinsicht noch weiter verbessert werden müsste. Sie halten durchaus die realen Zustände für noch nicht chancengerecht genug. Denn noch immer gelingt es eigentlich nicht Erfolgreichen, nicht durch Eigentum, Besitz, oder durch Abstammung zu Chancen Gekommenen, allzu zahlreich in die Phalanx einzubrechen und vom Kuchen zu essen. Es gab für diese Art Konservative und Liberale allzu lange eine Reformperiode, in der der Staat die Spielregeln des eigentlichen Marktes aufhielt und beschnitt. Nunmehr ist der Punkt erreicht, an dem sich die Eliten öffentlich Gesetze selbst schreiben und Politiker aussuchen, die das exekutieren. Für diese werden auch besondere mediale Anstrengungen unternommen. - Was also derzeit entsteht, das ist eine neue Konkurrenzgesellschaft, bei der ein Zwang zur Teilnahme nach ihren, relativ engen Spielregeln zur staatsbürgerlichen Pflicht erhoben und durchgesetzt wird.

Die Linke definiert Freiheit anders und sie fordert Gleichheit in einem umfassenderen Sinne, auch wenn Rechte und Konservative, aber auch viele Liberale, aus einer Position heraus, sich selbst als besonders begabt, besonders mächtig und besonders erfolgreich einzuschätzen, davon nicht viel halten.

Linke denken daran, dass die Verteilung der produktiven Mittel und der Zugang zu Wissen, Kultur und Bildung, oder der Zugang zu jeglichem Landschaftsort auf dieser Erde nicht ein besitzbares und damit ein Eigentumsgut sein kann. Ein kleines Beispiel: Das knappe Gut, betretbares und nutzbares Seeufer, gehört so wenig Privatleuten, wie die Chance zur Mobilität oder die Chance, eine umfassende Bildung und Teilhabe an Kultur zu erlangen. - Genau diese knappen und notwendigen Güter, werden aber zunehmend privatisiert und zu einer grundsätzlichen Frage des je individuellen Einkommens. Für das Betreten des Seeufers, falls überhaupt gestattet, muss dann gezahlt werden.

Kultur und Bildung als knappes Gut

Bildung und Kultur für Alle wird ersetzt durch Bildung und Kultur für Zahlende! Zur Kaschierung der Tatsache gibt es für einige Stipendien und für einige mehr, die nicht genügend verschreckt wurden, zinsgünstige Darlehen, für die ganz Armen ein paar Berechtigungskarten. - Das kann niemals eine Linke Position sein, denn Linke wissen, dass die übergroße Mehrheit der Menschen ein recht gleiches und hohes Potential an Intelligenz und geistigem Vermögen mitbringen, aber die Chancen nicht gleich verteilt werden. Chancengleichheit im linken Sinne schmälert daher eher die Chance, sich individuell, gegen die Interessen vieler anderer, große Stücke an Kultur, Bildung und vor allem Besitz anzueignen, dies zu monopolisieren, um dann Teile als Wirtschaftsgut teuer zu verkaufen.

Christoph Leusch

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 28.09.2010 um 03:04
@ Christoph Leusch

Machen wir doch einfach einmal eine Rochade und siehe da, den Kapitalisten ist nicht mehr die Gewinnmaximierung sondern die lokale und globale Staatsbildung auferlegt?
Endlich könnten die Kapitalisten die Linke nicht mehr staatstragend, staatsbildend für sich arbeiten lassen.
Wie viel an befreitem wie ungebundenem Potential hätte da die Linke in sich selber befreit als Gestaltungsmacht zur Verfügung, sich auf die Entfaltung, Entwicklung der Möglichkeiten menschlichen Kommunikation, Kulturbildung und –Präsenz, urbi et orbi, zu verlegen, ohne sich weiterhin, staatstheoretisch systemkritisch überfordert, zu verausgaben?
Siehe dazu:
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/ist-kultur-keine-hol---sondern-eine-bringschuld-der-medien?
28.09.2010 | 02:57
Ist Kultur keine Hol-, sondern eine Bringschuld der Medien?
medien & netzwerke
Ist Kultur und Bildung keine Hol- , sondern eine Bringschuld der Medien im Privaten wie im Öffentlichen Raum?

tschüss
JP
Columbus schrieb am 28.09.2010 um 20:38
Lieber Joachim Petrick,

Um de Rochade nachzuvollziehen, lese ich erst einmal ihren Text.

Tatsächlich ist sowohl Kultur als auch Bildung etwas, was der Staat, aber auch andere Insitutionen schuldig sind. Ich sehe das ganz banal so: Wenn in Berlin weit über 90% der Kinder aufgeweckt und für jedes bisschen kindgrechter Erziehung und Bildung dankbar, in den Kindergarten kommen, dann aber dieses Interesse mit jedem Jahr Erziehung geringer wird und am Ende wieder die "Pyramide" entsteht, dann hat das nichts mit den Kindern, viel aber mit der vorgegebenen Struktur und den fehlenden Mühe (materiell, emotional) zu tun, die auf der weiteren Strecke fällig wären, diese natürliche Bildungsgeneigtheit aufrecht zu erhalten und zu fördern.

Allerdings, im System der Pyramide gedacht, ist relativ bald klar, dass es für diese Neigung immer weniger Bestätigung und ganz banal, kaum Lohn gibt. - Denken Sie ´mal an das mittlerweile oft nur noch die Freizeit ausfüllende Vokshochschulwesen, oder das, was früher einmal Gewerkschaften auch ausmachte, nämlich die Arbeiter- und Angestelltenbildung.
- Man muss das nicht verklären, aber zumindest einmal zur Kenntnis nehmen, was da weg gebrochen ist.

Schönen Abend
Christoph Leusch
Joachim Petrick schrieb am 29.09.2010 um 01:35
Lieber Christoph Leusch,

„Denken Sie ´mal an das mittlerweile oft nur noch die Freizeit ausfüllende Vokshochschulwesen, oder das, was früher einmal Gewerkschaften auch ausmachte, nämlich die Arbeiter- und Angestelltenbildung.
- Man muss das nicht verklären, aber zumindest einmal zur Kenntnis nehmen, was da weg gebrochen ist.“
Klare Wrte. Danke!
Ganz zu schweigen bzw. zu sprechen von der Psychoanalyse, die einst nach dem Ersten Weltkrieg als Volksbewegung angedacht, hier und da praktiziert wurde,
oder die Volkshochschulen, die als Rest der angedacht, ebenfalls nach 1918 kurz praktiziert al allgemeines Hochschulwesen eingeführt werden wollte, sollte und dann durch eine Tendenz zur Allgemeinen Akademisierung, samt Fachidiotie von Professionen kläglich ausgebremst scheiterte.

Mit der Rochade meine ich etwas anderes, nämlich die Frage, ob die Linke dem Kapital die Bildung und Bestandssicherung von Staaten, lokaler und globaler Prägung, begleitend wie kontrollierend überlassen sollte, um ihr Potential nachhaltig für die Gründungen kommunaler Kirchen, ekonstruktion von Gemeindewesen einzusetzen.

Tschüss
Jochen Petrick
weinsztein schrieb am 28.09.2010 um 05:01
Lieber Christoph Leusch,

das war ne Menge Holz um 0 Uhr 49.
Mein Rat: editieren Sie Ihren Beitrag, bitte.

Als linken Denker schätze ich Sie und folge gern manchem Ihrer Streifzüge. Ihre Gelehrtheit imponiert mir, deren Universalität frappiert mich. Gelegentlich frage ich mich, aus welchen Quellen Sie schöpfen.

Darf ich sagen, dass meiner Meinung nach manche Ihrer Beiträge zu kurz greifen? Dass sie aus meiner Sicht überhastet verfasst wurden?

Ich schätze Ihr Engagement sehr.

Herzlichst
Henner Michels
weinsztein schrieb am 28.09.2010 um 05:01
Lieber Christoph Leusch,

das war ne Menge Holz um 0 Uhr 49.
Mein Rat: editieren Sie Ihren Beitrag, bitte.

Als linken Denker schätze ich Sie und folge gern manchem Ihrer Streifzüge. Ihre Gelehrtheit imponiert mir, deren Universalität frappiert mich. Gelegentlich frage ich mich, aus welchen Quellen Sie schöpfen.

Darf ich sagen, dass meiner Meinung nach manche Ihrer Beiträge zu kurz greifen? Dass sie aus meiner Sicht überhastet verfasst wurden?

Ich schätze Ihr Engagement sehr.

Herzlichst
Henner Michels
Columbus schrieb am 28.09.2010 um 20:16
Lieber Henner Michels,

Tja, um 0:49 Uhr, wann sonst, gibts Text-Holz. Am Tage ist das doch sehr schwer, es sei denn, man wird dafür irgendwie entlohnt, freigestellt, etc.... - Dann ja.

Das zu kurz Greifen kann ja nur abgestellt werden, wenn ich weiß wo und wie. Also, dazu braucht es Hinweise.

Die nächsten Texte hier, werden wieder besser formatiert, kürzer, bildreicher. Versprochen. Ab und an komme ich dann, ausgehend von diesem rudimentären Abriss, auf einige Themen zurück um sie etwas genauer auszuleuchten.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

PS: Quellen und Schöpfung: Eine Vorausetzung, wie ich finde, ist eine ganz gute, handhabbare Bibliothek und ein wenig Bildung, die mir noch gratis zuteil wurde. - Aber die persönliche Wahrnehmung ist ja immer auf dem gerade bearbeiteten Focus, der an einem Text sichtbar ist.
Das sieht dann immer aus wie.

Ich staune hier beim "dF" beständig, was z.B. Sie und viele andere hier wissen und auch freiwillig und ohne allzu viel Hintersinn (zu einem ganz anderen Zweck) kund tun. So mache ich es auch. - Denn eine Webadresse hier beim "dF", das ist mir klar, kann aus den verschiedensten Gründen, gar nicht mehr bieten und ist weder eine Einladung zu Größenwahn, noch der Ort einer realen, praktischen Veränderung. Das wäre die Überforderung der Bloggens und der Blogger. - Nur Mühe möchte ich mir geben, das ist schon alles.

Es gibt andere Foren, da staune ich nicht mehr, sondern mir steht der Mund offen vor Schrecken. Und die Augen weit aufgerissen, denke ich, so weit ist es also schon.
iDog schrieb am 28.09.2010 um 08:33
lieber christoph leusch, ihre betrachtungen sind bemerkenswert. eine ihrer kernaussagen :"Dieses System ist prinzipiell und kategorisch ebenfalls totalitär." nimmt jedoch nur einen relativ kleinen raum darin ein. sie beschreiben und begruenden uns kenntnisreich und logisch richtig den status quo einer im totalitarismus einer herrschenden oekonomie in geiselhaft genommenen (welt)gesellschaft.

das gegensatzpaar von macht und freiheit wird über die gewaehlten beispiele in einen zusammenhang gebracht. die betrachtungen zur linken "frohen botschaft" jenseits traditioneller verhaftungen allerdings spricht eine notwendige vakanz der macht nicht an, welche in meinem denken zur voraussetzung von z.b. chancengleichheit oder einer freiheit jenseits finanzieller moeglichkeiten wird.

vielleicht ist "vakanz" der macht nur ein vager, vorlaeufiger ausdruck dessen, was ich ansprechen moechte. ich denke ihn lediglich als ausgangspunkt einer reflektion bezüglich besagter "frohen botschaft" , welche entsprechend ihrer ausführungen und sich abgrenzend zum kern des kritisierten die beschreibung einer transparenten praxis sein sollte, im gegensatz zu einem heute akuten obskurierenden mythos, der kultische unterwerfung des einzelnen zur einzig moeglichen "kommunion" eines glaubens macht.

"unser" proprietaeres geldsystem mit seinen paradigmatischen handlungsmustern und den von ihnen beschriebenen folgen kann aber heute, wenn auch unter besonderer anstrengung, mit engagement umganganen werden. muesste sich nicht zumindest eine erklaerte absicht der "neuen" linken also auf die praktische unterwanderung des machtkonsolidierenden prinzips an sich beziehn, welches sich, wie sie ja beschrieben haben, als automatismus darstellt.

mir scheint es, als wuerde gerade dort der so gennaten linken noch einiges an radikalitaet im denken abgehen mit der gefahr sich eben auch wie deren erklaerte gegner in einer korrupten doppelmoral wiederzufinden.
iDog schrieb am 02.10.2010 um 17:21
... tja, dann werd ich mir mal selber antworten ... bzw. werde zumindest mal ein zitat von Slavoj Zizek einstellen, der darin wiederum Alain Badiou zu wort kommen laesst. vielleicht wird mit diesem hinweis dann klarer was ich meinte:

"Die libertäre Linke versteht Genießen als emanzipatorische Kraft. Jede Unterdrückungsmacht ist auf libidinöse Repression angewiesen, und der erste Schritt zur Befreiung ist die Freisetzung der Libido. Die puritanische Linke ist dagegen grundsätzlich skeptisch gegenüber dem Genießen. Für sie ist es ein Faktor des Verfalls und der Dekadenz, ein Instrument der Mächtigen, um die Kontrolle über uns zu behalten; der erste Schritt zur Befreiung besteht in diesem Fall darin, den Zauber zu zerstören, den das Genießen auf uns ausübt. Die dritte Position ist die Alain Badious: jouissance ist das namenlose »Unendliche«, eine neutrale Substanz, die auf viele Arten instrumentalisiert werden kann.

 In unserem Zeitalter der hedonistischen Permissivität als herrschender Ideologie ist es für die Linke an der Zeit, Disziplin und Opfergeist (wieder) für sich in Anspruch zu nehmen; diese Werte haben von sich aus nichts »Faschistisches« an sich - um Badiou zu zitieren: ,,Wir brauchen eine Disziplin des Volkes. Ich würde sogar sagen [...], daß diejenigen, die nichts haben, nur ihre Disziplin haben. Die Armen, die in finanzieller und militäricher Hinsicht Mittellosen, die Machtlosen - alles, was sie haben, ist ihre Disziplin, ihre Fähigkeit, gemeinsam zu handeln. Diese Disziplin ist bereits eine Form der Organisation.,, "

ende des zitats.
thinktankgirl schrieb am 02.10.2010 um 17:34
Hallo iDog,

freut mich, daß du hier schreibst!
goedzak schrieb am 28.09.2010 um 11:30
Bei ins maßlose steigenden Ansprüchen und Sendungsbewusstsein ab einer bestimmten Größe ist DRINGEND ein Lektor zu empfehlen, der als erstes die Frage stellen müsste: Sollte man manche Sachen nicht unveröffentlicht lassen?

Lieber Christoph Leusch, hat Dich das Bedürfnis nach einer weiteren Doppelseite im Print-Freitag leichtsinnig werden lassen?
Ich hoffe, die Redaktion bleibt diesmal nüchterner.
Columbus schrieb am 28.09.2010 um 19:46
Lieber Goedzak,

Amüsant. An diese Möglichkeit hatte ich gar nicht gedacht. Wäre der Text denn, so geschrieben, eine Empfehlung von der Sie fürchten, er könnte auch noch Holz vernichten?
- Die Redaktion haben Sie ja jetzt gewarnt. ( ;-)) )

Zunächst ist das ja ein Blog und ich suche nun, erst einmal ein paar Reaktionen zusammen.

Ansprüche fallen wohl aus. Sendungsbewusstsein, wo bitte ( bei "rudimentärem" (s.o.) Versuch?) - Es ist eher ein schon länger aufgestauter Ärger der sich ´mal Bahn brach, dass es Linke allenfalls fertig bringen untereinander die Kritik zu äußerster Feinheit und Findigkeit auszubauen (ständig wird irgendwo jemand gesucht, der irgendwie Anti- oder überhaupt nicht ist. Im "dF" stand jüngst so viel über die Wiedergeburt und die Suche nach den Inhalten des konservativen politischen Seins. Dabei ist das seit Dezennien an der Macht und schaffte eine erstaunliche Globlisierung.

Zudem wollte ich einmal ausprobieren, was mit zum Thema ganz persönlich einfällt, wenn die Bücher, Zettelkästen und Webseiten geschlossen bleiben, wenn die theoretischen Klassiker nicht abzuarbeiten sind und die Sprache mit den Zitaten aus wissenschaflichen Studien nicht den Text fluten. - Vor einer großen, weißen öden Bildschirmfläche, viele persönliche Worte um das was Links sein könnte und wo die Abgrenzung läuft zu dem was politische Liberale und Konservative hauptsächlich ideologisch motiviert. - Ich muss mich nun wirklich nicht beweisen.

Insofern steht hier, was so in meinen Gedanken ist, wenn ich nicht jede Zeile belegen und mit einem abwägenden einerseits- andererseits, hinschreiben muss.

Lektorat, Selbstlektorat und Ästhetik blieben (leider) auf der Strecke (man schrieb mir und hat damit völlig Recht). Die ist lang, vielleicht aber verständlich.

Gerne würde ich allerdings von Ihnen noch ein wenig mehr Argumentation (Kritik) lesen, als nur Wertung.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Querdenker schrieb am 28.09.2010 um 14:01
Wenn das etwa eine "linke" Antwort auf die Fragen der heutigen Welt sein soll, dann gute Nacht. Und wenn ich das richtig verstanden habe, will Christoph Leusch eine Art "linke Umma" gründen?!

Wie auch immer: In dem Beitrag manifestiert sich das übliche Dilemma vieler "Linker": Man weiß zwar, wogegen man ist, aber nicht so recht wofür. Und wofür man glaubt zu sein, ist unscharf, universal, ungefähr, unverständlich - hier mal ein paar Zitate des Heilsbringers:

"Diese andere Linke hat aber starke Prinzipien und Ideale und verfügt über ein evolutionäres und prozesshaftes Verständnis von Gesellschaft."

"Die Linke definiert Freiheit anders."

"Die Linke fordert Gleichheit in einem umfassenderen Sinne."
Columbus schrieb am 28.09.2010 um 21:21
Lieber Querdenker,

Gut erkannt und gerade mein Credo!

Die neue, alte Linke muss immer besser darin sein, genau zu beschreiben was im Gegensatz dazu politisch und kulturell abgelehnt wird.

Sie müssen sich das in Analogie zur Religion vorstellen. Wer dort z.B. den Zölibat oder andere lebenspraktische, bzw unpraktische Vorschriften als Glaubenskern ansieht, der tut sich selbst damit keinen Gefallen und hat die Religion wohl missverstanden.

So geht es auch dem Kommunismus und Sozialismus.

Das ist also kein Dilemma, sondern gerade die Voraussetzung für einen nicht-totalitären Neuanfang, bzw., die frohe Wiedererinnerung an den Kern der Botschaft.

Kapitalismus kennt keine frohe Botschaft, keine kulturelle oder menschliche Inhaltlichkeit. Er lebt von seiner ökonomischen Effektivität und einer absoluten Inwertsetzung von Menschen und Gütern nach Marktregeln. Da können Kommunisten und Sozialisten, da können Linke, nicht mithalten.

Sie sollten nur keine Träne mehr über das Faktum vergießen und ständig grübeln, wie sie die besseren Kapitalisten wären, oder zu Kanonikern werden könnten, um mit den Konservativen und Liberalen, die unbedingt wissen was sie wollen, mitzuhalten. - Diese Unbedingtheit ist nämlich hohl.

Das ist also genau der Punkt, der aber, wenn sie wirklich dem Argument folgen, nicht aufgehoben und geändert werden kann. Das haben frohe Botschaften, sofern sie nicht totalitär sind, so an sich.

Konservative und Liberale geben immer vor, sie wüssten, wie der kulturelle und soziale Kanon sein sollte, wer wann aufs Töpfchen gehört und irgendwann, sortiert, ins Kröpfchen. - Ein Tag Fernsehphilosophie genügt, um das zu vertehen.

Da gibt es die "natürlichen" Unterschiede zwischen den Menschen, als Schicht und Klassenunterschied, auch wieder biologistisch, mit Herkunft, Abstammung, Ethnie begründet, vor allem aber, als großen Einkommens- und Vermögensunterschied und den fest verankerten Wunsch, daran solle sich wenig ändern.

MfG
Christoph Leusch
Querdenker schrieb am 29.09.2010 um 13:06
Mainz muss ja ein ziemlich trister Flecken Erde sein, wenn Sie dort "keine kulturelle oder menschliche Inhaltlichkeit" finden.

Sie verdammen die "ökonomische Effektivität" des Kapitalismus (warum eigentlich?), haben selber aber noch keinerlei Aussagen zur "frohen Ökonomie" getroffen. Die Geschichte lehrt: Mit der Ökonomie steht und fällt das ganze System, mit "frohen Botschaften" kriegen sie die Leute nicht satt.

Apropos Menschen (die wird man einfach nicht los): Es wird eine Menge Leute geben, die ihre "frohe Botschaft" nicht hören wollen, die Sie für einen ausgemachten Spinner halten ("Sie müssen sich das in Analogie zur Religion vorstellen."). Wenn das eintritt, können Sie totalitär, assimiliert oder marginalisiert agieren. Wo ist da der Unterschied zur jetzigen Lage der "Linken"?
Columbus schrieb am 01.10.2010 um 13:33
Lieber Querdenker,

Zu Mainz und triste, fällt mir jetzt nichts ein. Auch nicht, wo ich dazu was gesagt hätte, oder wo das meine Meinung gewesen sein könnte. Mainz kommt im Text nicht vor. Mainz ein Flecken, da können Sie auch gleich sagen Berlin ein Weiler.

Verdammnis der ökonomischen Effektivität? Wo?

Eingeschätzt als Spinner. Das gebe ich jetzt einfach einmal als Gedanken zurück. Denn, dass Leute dazu neigen, alle möglichen anderen Personen als Spinner einzuschätzen und das laut zu sagen, passiert ja sogar in gepflegten Diskussionsforen und auch im realen Alltag.

Jemanden weg haben wollen, Menschen weg haben wollen, davon steht bei mir auch nichts.

Mfg
Christoph Leusch
wwalkie schrieb am 28.09.2010 um 14:10
Lieber Columbus,

Vielen Dank für die Überlegungen. Angesichts der offensichtlichen Antwortsarmut der Partei Die Linke inklusive der arg machtpolitischen Ambitionen des "Crossover-Instituts" und der ebenfalls offensichtlichen ideologischen "Offensive" von rechts (nicht nur Sarrazin und Sloterdijk, wie der neue Merkur zeigt) scheint mir wirklich eine durch nicht selbstzerfleischende Diskussion (also so herrschaftsfrei wie möglich) geschaffener Konsens (kein Oxymoron!) über "linke" oder "emanzipative" oder "freie" oder "humanistische" Ziele (der Name des Kindes ist egal, auf die Inhalte kommt es an) notwendig. Not-wendig im Sinne Marcuses.

Mich freut Ihr Anknüpfen an die überschüssige Kraft der Triade Freiheit, Gleichheit, Solidarität, deren Versprechen noch lange nicht eingelöst sind - im Gegenteil, wie Sie zeigen und wie wir am Beispiel von Hartz IV überdeutlich sehen. Sie ermöglicht ein "Aufbewahren" geschichtlicher Erfahrungen und damit ein Ertragen-Können von Widersprüchen, das vor einfachen "Lösungen" bewahrt.

Im Übrigen möchte ich es wie Cato der Ältere sagen: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir in der FC mehr Beiträge und Kommentare mit Niveau brauchen - Beiträge wie diesen.
Columbus schrieb am 28.09.2010 um 21:43
Ja, die Fernsehphilosophen und die medial drei-vier wichtigsten TV-Intellektuellen (m/w), die haben uns ganz schön im Griff.

Vielen Dank für die Blumen. Ich bin auch empfänglich dafür.

Bei Marcuse fand ich diesen Rekurs auf die frohe Botschaft auch. Es ist die mit Sinnlichkeit affizierte Vernunft. Die reicht also zurück bis zu einem bürgerlich gelobten Klassiker, Schiller, dessen Botschaft aber die Bürger, jene, denen der Mund überläuft an Klagen über den Mangel an Bildung, Wissen und Sitten unter den unteren Schichten, nicht auf sich selbst angewendet sehen wollen.

Die Rede wird nur aus Distinktionsgründen geführt, nicht aus einer Anerkenntnis, man müsse sich an den Klassikern orientieren.

Ein anderer Klassiker, bei dem genau das Thema, in seiner "Ästhetik des Widerstands", eine große Rolle spielt, ist Peter Weiss.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Deaktivierter Nutzer schrieb am 28.09.2010 um 23:05
"Die Chancen stehen gut, als Linke nicht mehr nur auf die menschenverachtende Praxis des zentralistischen Staatssozialismus und die doktrinäre Ideologie vom Primat einer aufgeklärten, unendlich überlegenen und mächtigen, linken Funktionsärselite festgenagelt zu werden, weil doch viele Bürger merken wie der Kapitalismus selbst zur Bürokratie und Ideologie erstarrt und den individuellen, wie den sozialen Lebenssinn regelrecht pulverisiert. "

Ich wiederhole das noch einmal:
Die Chancen stehen gut, als Linke nicht mehr nur auf die menschenverachtende Praxis des zentralistischen Staatssozialismus und die doktrinäre Ideologie vom Primat einer aufgeklärten, unendlich überlegenen und mächtigen, linken Funktionsärselite festgenagelt zu werden (...)

Nun könnte man (könnte ich) Ihnen in einem etwa viereinhalbstündigen Vortrag recht datailreich darlegen, warum die Chancen (Chancen) dafür schon immer gut standen, auch bevor die "menschenverachtende ..." usw. eintrat (Bsp.: 1946) Das wären die Illusionen, Programme, Visionen oder "unsere Vorstellung".

In nur wenigen Sekunden aber ließe sich beibringen, daß es 1.) kein praktisches Beispiel für die Vision gibt, die sich in Nichts von der einer Religion unterscheidet (man müsse sie glauben) und 2.) gerade jetzt DIE LINKE. nicht etwas zwangsläufig Linkes ist und 3.) ausgerechnet die gegenwärtige Linke sich von jener übermächtigen Funktionärselite führen läßt.

Ich bedaure, Links ist, wie eben in den Richtungen dieser Welt verortet, leider einseitig. Rechts ist grundlegende Scheiße und die Mitte belügt die Menschen. Und nur, weil Osten, Norden und Süden als Wanderwege nichts taugen, ersetzt der Westen nicht alle Himmelsrichtungen. Ihr Beitrag ist bereits falsch überschrieben.
denoc schrieb am 29.09.2010 um 02:44
@ Chistoph Leusch

Ihr Text besteht zu 90% aus Kritik an der Ökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche. Kritik ist zwar sehr wichtig, doch scheitern wir nicht meist daran, den Menschen die frohe Botschaft zu veranschaulichen, es greifbar für jedermann zu machen? Ich habe die wenigen Stellen, wo sie versuchen "Links sein" zu beschreiben, unten noch einmal zitiert:

"Links sein, das heißt, die lustvolle Wiederaneignung eines unausgeschöpften Potentials froher Botschaften"

"Die kommunistische Freiheit, eine Utopie derzeit,... geht jedoch von einer gänzlich anderen Betrachtung aus. Dieser Freiheitsbegriff ist nicht effizient, er kennt nicht einmal eine Berechnungsformel dafür"

"Brüderlichkeit rechnet nicht, Liebe rechnet und berechnet nicht, die gegenseitige Gabe rechnet ebenfalls nicht, nicht einmal vor Gott".

"Das verlangte allerdings, sich konsequent um eine Beschreibung dieser Art anderer Freiheiten zu mühen"

"Die Linke definiert Freiheit anders und sie fordert Gleichheit in einem umfassenderen Sinne"

"Linke denken daran, dass die Verteilung der produktiven Mittel und der Zugang zu Wissen, Kultur und Bildung, oder der Zugang zu jeglichem Landschaftsort auf dieser Erde nicht ein besitzbares und damit ein Eigentumsgut sein kann"

"Bildung und Kultur für Alle"

Das sind die wenigen, zum Teil sehr vage formulierten Stellen, wo Sie versuchen zu beschreiben, was die "frohe Boschaft" der "Linken" in der Substanz zu bedeuten hat.
Ich würde mir wünschen, dass Sie noch einen Text verfassen und dabei die ganze Kritik weglassen. Haben wir die von Ihnen formulierte Kritik nicht schon x mal gelesen? Es bringt leider keine neuen Erkenntnisse.
Stattdessen könnten Sie versuchen "sich konsequent um die Beschreibung dieser Art anderer Freiheiten zu mühen". Wie definieren Sie "die Freiheit" und "Gleichheit" in einem umfassenderen Sinne"?
Die Menschen sehnen sich nach "der frohen Botschaft". Sie muss nur mit Inhalt gefüllt werden und es muss klar aufgezeigt werden, wie wir es hier und jetzt verwirklichen können.
Schreiben Sie bitte deshalb doch einen Text ausschließlich über "die frohe Botschaft". Mich´würde es sehr freuen.

MfG
Denoc
Joachim Petrick schrieb am 29.09.2010 um 16:35
@ denoc

das nenne ich einmal ein chirurgisches Sezieren von Text, dessen Teile in Brocken zergliedert perplex erhellend, bis in die Lehre von der Leere ausgeräumt, erscheinen.

Vielleicht hilft es uns Menschen ja, die wir von dunkel dumpfen Geistern entgeistert begeistert, gerade mal so eben dem unheilschwangeren Klerikalismus der Gottesstaaten im Abendland entronnen, entkommen, noch immer das Traumata dieser Befreiung als Rucksack Packen mit uns tragen, uns in der Freiheit eines Christenmenschen wie Freiheit eines Ungläubig- Wissbegierigen der Bildung von Gemeinwesen zuzuwenden, statt auf der Gründung von Staaten im Sinne der reinen real- sozialistischen Kultur und Unkultur bestehend zu insistieren.

Tschüss
JP
Columbus schrieb am 29.09.2010 um 19:27
Lieber Denoc,

Ihre Aufforderung ist nicht nur angekommen, sondern es ist auch mein Ziel, hier im Blog, nach und nach, wie die Kräfte es eben zulassen, einige der angeschnittenen Themen abzuhandeln, eine positive Beschreibung linker Möglichkeiten zu versuchen.

Die Mahnung, Links nicht nur negativ, also in Abgrenzung zu dem was nicht sein soll oder kritikwürdig ist, zu definieren, sie ist wichtig, hat aber auch mindestens eine Fußangel.

Das neue linke Projekt, so meine Fantasie, ist ja das einer mehr umfassenden Beteiligung des Einzelnen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und eine Vermeidung von allzu zu vielen Festlegungen. Klar, politisch lautet der Ruf immer: "Wie wollt ihr das machen? Was ist euer Plan." - Ich bin kein Politiker und nicht einmal im
Ansatz ein Weltenbeglücker. - Allerdings fiel schon, wie wenig wundert es in diesen Zeiten, das Wort, ich wünschte mir eine "linke Umma". Das amüsiert, geht aber etwas am Thema vorbei.

Ich schreibe, aus Zeitnot, nun noch bei Ihnen rein, dass die "frohe Botschaft" leicht missverstanden werden könnte, als Glaubensformel. Das ist sie aber nicht.

Mir geht es weniger um diese transzendentale Beziehung zu jenem höheren Wesen, das wir verehren, oder eben nicht, sondern um die Heilsbotschaft auf Erden, diese nicht ganz zufällige Ähnlichkeit zwischen Glaube, Liebe, Hoffnung und Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Das ist ein Wissen unter Menschen und eine große unausgeschöpfte Möglichkeit, kein Glaube. Aber, offensichtlich wussten das religiöse Menschen schon vor zweitausend, gar vor fünftausend Jahren. Nur, seither kämpfen die ja auch damit, dass einige aufteten und sagen wollen, was der richtige Glaube ist und dafür erzeugen sie einen elitären Abstand, Hierarchien,
Dogmen und eine Geneigtheit zu denjenigen, die wirklich Macht ausüben und daran selbstverständlich nichts ändern wollen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
montaigne schrieb am 30.09.2010 um 20:07
Zunächst mal

bedaure ich , daß Sie nicht mehr im zeitforum schreiben, aber ich freue mich, daß Sie überhaupt noch schreiben, Columbus; ich hatte Ihre Artikel und Kommentare oft gern gelesen, als Sie noch im zeitforum schrieben, und oft den Scharfsinn und die breit gestreuten Interessen, Ihre breite Belesenheit od. Bildung bewundert.

An dem Artikel und Ihren weiteren Kommentaren dazu fällt mir jedoch eine gewisse Wolkigkeit in dem Begriff "Linke", ja ein eschatologischer Freiheitsbegriff (etwa in dem Rückgriff auf die heiligen Schriften der drei großen Religionen) und dementsprechend eine gewisse politische Orientierungslosigkeit auf. Ich will es mal so sagen: Sie halten sich im Reich der "reinen" Ideen auf, für praktische linke Politik taugt jedoch der Ansatz, den Sie in Ihrem Artikel vertreten, nicht.
Nicht, daß ich Ihnen nicht beipflichten könnte, wenn Sie zur Begründung eines neuen linken Freiheitsbegriffs (um den scheint es Ihnen hier im Wesentlichen zu gehen scheint) Beispiele aus der Geschichte oder Ökonomie anführen!
Schon daß Sie nicht zwischen Leninismus und Stalinismus unterscheiden, finde ich aber sträflich gegenüber den historischen Tatsachen und arrogant gegenüber sowohl Lenin, seinen Schriften (die Sie wohl nicht gelesen haben) und seiner konkreten Politik in den frühen 20er Jahren (die kann Sie nicht kennen), als auch gegenüber den Opfern, die Stalin zu verantworten hat (damit meine ich alles um die rücksichtslos machtopportunistische Beseitigung möglichst aller seiner politischen Konkurrenten - welch ein unwiederbringlicher Aderlaß an der gesamten linken politischen Kreativität!), als auch arrogant gegenüber der Tatsache, daß es Stalin nicht vermocht hat, diese Kräfte für die Linke fruchtbar werden zu lassen, und besonders arrogant gegenüber den menschlichen, den materiellen, politischen und ethisch-moralischen Opfern, die die dritte Internationale ihm ihrerseits aus vermeintlich erforderlicher linker Staatsräson in ihrer unkrischen Betrachtung Stalins darüber hinaus auch ihrerseits "freiwillig" gebracht hat, womit die ganze linke politische Kultur, ja ihr zuvor als selbstverständlich begriffenes Selbstbild als Fortsetzung und Aktualisierung der besten Teile der Aufklärung auf den Tod geschädigt und nachhaltig vergiftet wurde.

Über diese innerhalb der Linken noch immer notwendige, weil bisher lediglich mit den Mitteln der Sozialdemokratie (i.w.S.) geführte Auseinandersetzung der Linken mit ihrer eigenen Geschichte gehen Sie, Herr Leusch, mir zu summarisch mit dem Hinweis auf ihre "Zerstrittenheit" hinweg. Ich gebe Ihnen recht, wenn Sie die ungenügende Auseinandersetzung bedauern. Genau an dieser Krankheit des Noli me tangere krankt aber der Stalinismus, wo es ihn noch gibt, und darunter leidet doch die gesamte Linke mit! Oder um es mit Begriffen der Psychopathologie (ein gedanklicher Bezug zu iDogs Artikel) zu sagen: Die Krankheit der Linken äußerst sich in all ihren Schattierungen vom zynischen außen- und innenpolitischen Opportunismus Schröders, über die Realpolitik der Gewerkschaften und der Grünen, bis hin zu den Defiziten der Linken (Partei) in ihrer Tagespolitik da, wo sie sie qua Wählervotum heute mitgestalten kann. Herr Leusch, Sie verschütten damit ohne Not die Chance, eben diese Kräfte mit dem Ziel zu besichtigen, sie in einen kritischen Bezug zueinander zu setzen, sowie sie durch Beschreibung ihres jeweiligen Bezuges zu einer wohlverstandenen linken Aufklärung zu kritischer Selbstbetrachtung zu führen, um wieder den Geist der Aufklärung ins Leben zu rufen, der die Linke wieder in die Tradition der Aufklärung und politisch an ihre Seite führen könnte. Im Effekt wäre das sehr wohl eine ethische Reinigung und eine moralische Festigung ihrer Prinzipien, die Sie, Herr Leusch, obwohl Sie sie fordern, etwa wo Sie Kants kategorischen Imperativ für sie einfordern, oder wo Sie § 129 StGB (kriminelle Vereinigungen) ansprechen, die Sie gedanklich aber nicht zu Wort kommen lassen oder genauer ausführen, was Sie unter diesem Blickwinkel mit der linken Freiheit meinen, die Sie fordern! Oder meinten Sie das nur polemisch? Man muß Rätsel raten.
Sie machen allerdings viele Worte, ohne uns je zu sagen, wo der Freiheitsbegriff der Linken herkommt und wo sie ethisch-moralisch und politisch prinzipiell vor Stalin und dem Stalinismus ganz selbstverständlich - auch in den Augen der Öffentlichkeit! - vordem ihren kulturellen Ort gehabt hat.

Zupackender finde ich Ihren Beitrag jedoch in der Beschreibung der neoliberalen und neokonservativen Protagonisten. Das aber sind mittlerweile doch linke Gemeinplätze! Und den Bogen zu der angedachten linken Freiheit vermögen Sie nicht zu finden. Das schwebt bei Ihnen berührungslos nebeneinander her.

Im Kern, aber nur im Kern, beipflichten könnte ich Ihnen noch, erstens, wenn Sie als die spezifisch linken Aspekte der Freiheit im Wesentlichen deren eigene Gedankenfreiheit im Umgang miteinander beschreiben (Konjunktiv!) - diese Zuordnung und Erläuterung als linke Phantasie, ja Utopie fehlt jedoch, zweitens, weitgehend in Ihrem Artikel, es gibt dazu lediglich einige verstreute, dunkle Andeutungen von Ihnen; zustimmen kann ich, wenn Sie sie, drittens, als Forderung nach freiem Zugang zu Bildung und als das Bestreben beschreiben, also die Forderung, daß in diesem politischen System auch aufgrund von Bildung und Ausbildung jemand eine politische Größe zu sein hat; viertens wenn Sie das als Ruf nach Chancengleichheit auch jenseits von ererbtem Besitz, wie auch immer erworbenem Reichtum oder Verfügung über politische Macht einfordern. Aber wie soll das gehen? Das ganze bürgerliche Recht ist derzeit nach diesem Muster gestickt.

Sehr kritisch betrachte ich dabei nicht nur, daß diese vier - besonders im konkret politischen Raum! - sehr unterschiedlichen linken Utopien weder vollständig (Sie übersehen zwei davon fast ganz) noch die, die Sie sehen, so tief ausgeleuchtet werden, daß sie als Elemente einer und derselben Politik sowohl auf der einen als auch auf der andern Seite erkennbar sind, noch jede für sich betrachtet, jede auf ihrem Feld, als Ergebnisse einer konsequent neoliberalen Staatsführung erkennbar werden, noch wird eine linke Opposition dagegen als in der besten Tradition der Aufklärung stehend eingefordert, etwa wenn Sie die ideologische Rolle des Bertelsmann-Konzerns als Politikberatung (einschl Bildungspolitik) völlig außer Acht lassen, noch unter dem Blickwinkel der Betrachtung ihres So-Seins als Ergebnis neoliberaler Staatsführung, als auch unter dem Blickwinkel ihrer Betrachtung als ideologische Konterrevolution gegen einen aufgeklärten, freiheitlich-republikanischen, humanistischen Bildungsbegriff. Noch beschreiben Sie, etwa eingedenk Ihrer Einleitung, dies als möglich und notwendig aufgrund gleicher Interessen aller linken gesellschaftlichen Kräfte in den verschiedenen Strömungen von den Kirchen bis zur Linken (Partei) an einer anderen Politik.

Kurz: Trotz seiner epischen Überlänge schwächelt Ihr Artikel in fast jeder Hinsicht, die er zu verfolgen vorgibt, und versagt angesichts der schieren Fülle von Material, daraus für Ihre Vorstellung von einem neuen linken Freiheitsbegriff für eine einigermaßen verständliche, für die Entwicklung eines je konkreten linken Standpunkts maßgebliche Gestalt zu erarbeiten. Sie bleiben überall mit dem Kopf in den Wolken, ohne jemandem weh zu tun, ja ohne mit den Füßen noch Bodenberührung zu haben.
Warum ist das so? Ich will es jedenfalls nicht darauf schieben, daß Mainz gar nicht weit von Oggersheim liegt. ;-)
Das liegt mMn schon allein an Ihrer spezifischen Art, sich zu dem großen Ziel, uns eine neue linke Orientierung, ja einen neuen linken Freiheitsbegiff zu geben, selbst orientierungslos, unstruktriert, ohne Umsicht und Besonnenheit und ohne jeden Plan oder Landkarte auf den Weg gemacht haben.

Freundlichen Gruß,
montaigne
Columbus schrieb am 30.09.2010 um 23:07
Lieber Montaigne,

I
Ich habe hier ganz bewusst nicht Marxismus-Leninismus hingeschrieben, sondern Leninismus-Stalinismus.

Die Einwendungen gegen Lenin und seine Avantgarde-Theorie hat schon Rosa Luxemburg gut formuliert. Die Luxemburg hatte auch massive Bedenken dagegen, dass die Leninisten eben überhaupt keinen Eigenwert des Individuums formulierten. Dadurch bekommt Marx-Lehre eine amputierte und gewiss auch brutale Form. Sehr treffend hat das Karl Korsch in seiner Einführung in den Marxismus (ab der 2. Auflage) abgehandelt. - Gut, ihm waren die Frühschriften Marx schon bekannt. Aber auch in der formidablen Marx-Anthologie von Landshut, sowie bei Marcuse finden Sie die entsprechenden Hinweise.
Dann natürlich bei Brecht. - Aber der ist ja nur Künstler und die sollten, auch heute wieder, nach dem doch sehr beschränkten Selbstverständnis des bürgerlichen Joachim Gauck, der das gerade der SZ ins Diktafon sprach, politisch die Klappe halten und nur Kunst machen. - So jemanden erwählten sich SPD und Grüne zum Präsidentschaftskandidaten. Ein hoffnungsloser Fall von bräsigem Konservatismus, dem eigentlich alles gut erscheint, so lange er persönlich die Fleißkärtchen und Sternchen verteilen darf, dazu hochmütig und bezüglich der eigenen Rolle und Bedeutung völlig unkritisch. - Das ist nun ein leicht wütender Exkurs, weil schon wieder Rosarote und Grün-Restlinke sich einen konservativen Gaul sattelten, aus lauter Machtgeilheit.

Die reine Theorie wäre noch nicht so schlimm, da haben Sie schon Recht. Die Praxis kann aber nicht einfach vergessen werden. Hier zählt das unbedingte Menschenopfer, das Leninisten-Stalinisten, sie bezeichneten sich ja selbst so, bedingungslos einforderten. - Daher kommt also der Background zu dem was ich schrieb.

Ich denke aber, dass die SDS-Leute um Dutschke 1968 schon weiter waren, selbst wenn die heute bei jeder Gelegenheit als Krawallmacher und Deppen der Geschichte herhalten müssen. Sie kannten das o.Genannte und verfügten zudem über sehr gute Lehrer, Bloch, Fromm, Marcuse, Mandel, Alfred Sohn-Rethel,.... die diese Einsicht, der Kommunismus brauche ein Menschenbild, sogar eines für den einzelnen Menschen, einforderten.

II
Ja, der kommune Rheinländer, ob vom Niederrhein oder aus Oggersheim (Mainz liegt schon ein wenig weg davon), hat eine Neigung zur Pathetik. Er hat auch immer ein bisschen in der Nähe des Schmunzel- oder Trauerwassers gebaut und liebt kräftige Speisen.
Dazu bekenne ich mich. - Der linke Freiheitsbegriff (aber auch Gl. und Brüderlichkeit, heute Humanitiät, nicht Humanitas, was nur eine Art Haltung zur philosophischen Antike spiegelt), hat seinen Urkern, aus dem Umfeld der französischen Revolution. - Na, ein paar Mal gab es vorher Anläufe, bei den Bauernkiegern, bei der Mehldorfer Bauernrepublik, etc. - Den wollte ich bildhaft analog zu Glaube, Liebe, Hoffnung und dem Gedanken daran, dass der Antrieb für mehr Engagement, für eine positive Änderung der Verhältnisse aus der Utopie der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit kommt.

Das heißt, es muss eine positive und freie Botschaft sein.

III
Ich ziehe mir den Schuh an, es war zu wenig konkret. Aber das kommt noch.

IV
Mit den Paragraphen ist gemeint, dass wesentliche Gesetze, zum Notstand, zur Strafverfolgung, aber auch zum Arbeits- und Mietrecht, zur Sozialgesetzgebung, Steuergesetzgebung, Energiewirtschaft, so sein müssen, dass erstens, die meisten nicht auf den Kopf gefallenen Bürger sie selbst und ohne Hilfe verstehen können und zeitens, diese Gesetze da, wo sie das Gewaltmonopol direkt berühren, so abgefasst werden müssen, dass für den Staat kein Raum bleibt für Willkür und wenig Raum für Auslegung. Kommunisten erkennen ja den Staat als Träger des Gewaltmonopols an, mit den Anarchisten, einer Gruppe der je anderen Linken, müsste man sich einigen, ob den ein so kontrollierter Staat, nicht doch erträglich wäre.

Aber diese Gewalt kann und darf eben nicht nur durch die generelle salvatorische Formel, das Volk (Proletariat) habe beschlossen, in seinem Auftrag werde nun von der Führung gehandelt, legitimiert sein, sondern der Einzelne muss die Chance haben das Gesetz zu verstehen und er muss vom Gesetz vor der Mehrheit, dem Willen der Mehrheit, auch ausreichend geschützt werden.

Heute geben sich die Bürger dieses Landes mit politischen Anwälten zufrieden, die wichtige Gesetze verfassen, die keiner verstehen kann, es sei denn er ist bei einer privaten Anwaltskanzlei und erhält Aufträge sie zu verstehen.

Der Paragraph 129 StGB z.B. ist ein aufgeblähtes Monster, das CDU,CSU,SPD, Grüne und FDP mit je unterschiedlichen Anteilen, aber mit ähnlicher Absicht, nach und nach so konstruierten.

Die Grünen, das sei zur Seite gesagt, tun derzeit so unschuldig, als hätten sie mit den verheerenden Schröder Jahren nichts zu tun. Das werfe ich ihnen vor. Angekleidet und sprachlich unterscheiden sie sich schon nicht mehr von der CDU und inhaltlich, ja inhaltlich, das würde Volker Beck sogar einräumen, ist alles politische Verhandlungssache, also beliebig.

V
Am Ende unterstellen Sie mit etwas, was ich nicht kann, nicht will und auch nicht sagte. Ich schwinge mich nicht dazu auf, der Theoretiker oder Praktiker eines neuen linken Selbstverständnisses zu sein, dafür esse ich tatsächlich zu gerne Saumagen. Selbst für eine kleine Rolle dabei, ich gebe ja zu, es würde mich reizen, fehlte mir die finanzielle und zeitliche Ungebundenheit und es fehlte das Netzwerk.

Mein Hauptziel ist hier nur, darauf zu verweisen, dass, auch wenn die meisten Konservativen und Liberalen den Kapitalismus als Teil ihrer Gesellschaftsvorstellung begreifen und eingemeinden (die mit starken religiösen Wurzeln z.B. nicht so), auch eine linke Form des Kapitalismus eben Kapitalismus bliebe und die Attraktivität der Linken leidet, weil die Menschen die wählen oder nicht wählen gehen wissen, wer den Kapitalismus effizient in Gang hält und wer nicht. - Wenn Sie so wollen, ist das analog der Bananenfrage am Tag der letzten und einzigen freien Volkskammerwahl.

Christoph Leusch
montaigne schrieb am 03.10.2010 um 13:32
Lieber Christoph Leusch,

zunächst kann ich Ihnen versichern, daß ich nicht nur nichts dagegen habe, wenn Sie ein freiheitliches Menschenbild einfordern, sondern genau darin mit Ihnen einig bin. Mit dieser Frage berühren Sie doch den Kern des Selbstverständnisses bei einem jeden, dem es um ein Mehr an Gerechtigkeit und ein Zuwachs an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geht. Selbstveständlich muß dieser Frage sich jeder selbst stellen, und wenn nicht, muß er sie sich stellen lassen, ob sein Handeln die Freiheit Anderer beeinträchtigt. Allerdings sehe ich da heute weniger die Linke in ihrer Gesamtheit in Frage gestellt. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit werden vielmehr seit den 80er Jahren durch neoliberale Regelwerke wie den Washington Consensus, das MAI (Multilateral Agreement on Investment oder Multilaterales Investitionsabkommen, wie es ganz unschuldig bezeichnet wurde) und den Lissabon-Vertrag bedroht, die uns ungeniert von jeder politischen Rücksicht in zwei Irakkriege und einen Afghanistankrieg, sowie in eine von außer Rand und Band geratenen Zockern herbeigeführte weltweite Finanzkrise geführt haben, die die Gewinne in die eigenen Taschen gesteckt haben, um ihre Verluste nun auch noch von der Allgemeinheit tragen zu lassen.
Insofern trägt der Rekurs auf den Leninismus, auf Karl Korsch, auf auf Rosa Luxemburg heute eher Züge von einem akademischen Seminar. Aber Sie haben, wie gesagt, recht, es ist gut, bei seinen Forderungen immer die Frage nach der Freiheit der anders Denkenden zu stellen - so es sich bei deren Handeln denn überhaupt um die Resultate eines sozialen Denkens handelt. Ob sich die Börsenzocker und diejenigen, die ihe Verluste nun sozialisiert haben, auch solche Fragen gestellt haben, möchte ich jedoch, mit Verlaub, bezweifeln. Da wird zwar viel von der Freiheit des Marktes geredet, es erinnert mich immer an eine Predigt, dieser Freiheit geht jedoch das Wohl unserer Kinder sowas von am A**** vorbei, daß selbst 5 Euro mehr für Bedürftige da offensichtlich ein großes finanzielles Problem darstellen, und Westerwelle, Merkel und von der Leyen bei dem Gedanken an "das schöne Geld" plötzlich ihr Herz für die Gerechtigkeit entdecken, ihre Mienen in sorgenvolle Falten legen und ihre Befürchtung zu bedenken geben, daß der Hartz-5-er sich womöglich von "ihrem" Geld ein paar Zigaretten kaufen könnte. Da finde ich ein seltsames Menschenbild vor und eine mehr als schiefe Vorstellung vom Menschenrecht.
Nur zum Beispiel.
Ihnen als einem aufmerksamen Beobachter der gegenwärtigen Schieflage der menschlichen Gemeinschaft fallen ganz bestimmt noch mehr Beispiele dafür ein, daß der Mehrheit unserer Volksvertreter manches aus dem Lot geraten ist.
Zum Schluß veraten Sie mir doch, lieber Herr Leusch, inwiefern Ihre Vorliebe für Saumagen nicht zuläßt, daß Sie sich öffentlich Gedanken über politische Theorie und Praxis machen? Ich habe das Gericht noch nie gegessen - ist es eine allgemeine Unverträglichkeit? Was sagt der Arzt dazu?

Freundliche Grüße,
montaigne
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.10.2010 um 14:15
Es war das erste Mal das die "bookmarkfunktion" hilfreich war, weil die Uni meiner späteren Jahre, das Internet, einfach zuviele Einsichten auf einmal enthüllt. Das Ding zwischen meinen Ohren ist dann überlastet und ich "bookmarke". Heute ist Samstag und der "Elvolution"-Kalender erinnerte. Ganz einfach.

Ja, "montaigne" und "idog" haben zwar schon das meiste gesagt. Vielleicht nicht wie ich es pragmatisch als Handwerker täte, aber die haben es besser formuliert als ich es jetzt hier wünschen würde tun zu können.. (haha, dies deutsch sprach).

Die "frohen Botschaften" können ja schnell in der Beschreibung von "blühenden Landschaften enden", und wie die enden wissen wir aus dem was die Massenmedien aus jemandem machen, dem sie vorwerfen Forellen-Mousse in der Toskana zu geniessen, aber "Zölibat" @ home zu predigen.

Keine Angst, ich will jetzt nicht wie "montaigne" auf die Vor- oder Nachteile von Saumagen eingehen, aber es liegt mir schon sehr daran klarzustellen das eben eine ganz pragmatische Linke, nämlich die in NRW, eigentlich recht klare Vorschläge gemacht hatte. Deren Botschaften wurden aber von dieser unserer Bevölkerung nicht nur ignoriert, sondern diese unsere Bevölkerung opferte sich im wahrsten Sinn, einer nicht mehr so ganz "Grünen" Gesinnungs-Clique.

Die Nebelschwaden der medialen Verblödung sind seit 2005 so sehr in Wallung das jeder Unterwanderung aller Tarifverträge schon gleich von Arbeitnehmerseite vorgesorgt wird. So wird von vornherein jeder "frohen Botschaft" jegliche Hoffnung ausgesaugt.

Als einfacher Handwerker kann ich nur feststellen das mir ganz schlecht wird angesichts der Umfrage-Ergebnisse die ein paar scholl-sandalen-träger einheimsen, während sich ein medial total unterbelichteter Linker bei der "Bunten" aus partei-interen Gründen verquatscht und damit Chancen für einen Konsens zerstört habt.

Das Problem ist wie mit den Mönchen die glauben sie können ihr Dogma in die Menschheit prügeln und dabei nicht erkennen das sie selbst im Kloster sitzen.
Columbus
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