15.07.2010 | 12:05

Dancing Auschwitz

Gestern Abend habe ich im Fernsehen Ausschnitte aus einem kleinen Film gesehen. I will survive – Dancing Auschwitz. Er sei umstritten, sagte die Nachrichtensprecherin der ZIB3 im österreichischen Fernsehen. Heute früh‘ habe ich nachgeschaut.

Den Film darf ich nicht sehen, weder auf youtube direkt, noch auf der Hompage von Jane Korman, die das Stück ins Netz gestellt hat. „Dieses Video ist aufgrund des Urheberanspruchs von APRA nicht mehr verfügbar“. An anderer Stelle heißt es, es sind die von SONY. Ich lese auf der englischen Seite der in Australien lebenden Tochter eines polnischen Juden, der ein deutsches KZ überlebt hat, in deutscher Sprache von in Deutschland geltenden Urheberrechten einer australischen Behörde und eines japanischen Konzerns, darunter ein Zitat:

Those who cannot remember the past are condemned to repeat it – George Santayana

Ich erinnere mich dunkel an das Lied von Gloria Gaynor, es hat mir nie gefallen. Hier ist es nicht deplatziert.

Gleichzeitig finde ich das Video, ohne irgendwelche Urheberrechtsansprüche beschnitten, von Menschen übernommen, die mit ihrer Sprache Alter und/oder Einstellung verraten: „jaja wolfsohn sowas ist abartig ger aber wenn kinder in palestina sterben dann ist es ok ausserdem kommt es mir so vor als ob die zionisten sich freuen würden das der holocaust passierte nur damit sie jerusalem kriegen und die länder von denn arabern klauen können der video ist der beweis sie tanzen ja schon mittlerweile vor auschwitz ist ja der hit in israel“ als Reaktion auf ein Interview mit Prof. Michael Wolffsohn: „Ich finde das Video geschmacklos. Die sogenannte Künstlerin kann den Verdacht nicht ausräumen, dass sie mit dem Video in Wahrheit nur Eigenwerbung betreiben will. So etwas tut man nicht auf Kosten von Ermordeten.“ Wer will, findet im Netz speziell in den Kommentarsträngen weitaus eindeutigere Interpretationen, in alle Richtungen.

Der Film wurde vor rund vier Wochen ins Netz gestellt, stelle ich fest. Das ist also die Vorlaufzeit dafür, dass ein weltweite Plattform für Plattitüden geschaffen wird, die sich vom Terror nährt. Terror an Adolek Kohn, der schlicht über sich und seine Tochter und seine Enkel sagt: „We are affirming our existence“ oder in einem anderen Video: „Du hast nicht wegen Deiner Cleverness oder Deiner Naivität überlebt, sondern aus Glück. Das ist alles. Nur aus Glück.“

Vor vielen Jahren führte Dario Fo seine Groteske „Gli imbianchini non hanno ricordi“ (Anstreicher haben keiner Erinnerungen) auf, in der eine Witwe vor der Renovierung ihrer Wohnung sagt: „…. Die Erinnerungen sind die einzige Freude, die uns an das Leben bindet ……. zumindest für mich ….. ich kann wirklich sagen, dass ich von Erinnerungen lebe …. Manchmal habe ich sogar Angst, die Fenster zu öffnen ..... ich habe Angst, dass etwas, das hier im Zimmer noch lebt, davon fliegt … für immer davon….. Deswegen öffne ich sie so wenig wie möglich.“

Ich glaube, Adolek Kohn und seine Familie, die es gibt, weil er überlebte, haben kräftig gelüftet. Die Frage stelle ich mir: Stirbt Goliardie mit den sog. Nachgeborenen aus?

 

Nachtrag am 13.09.2010:

In der heutigen Ausgabe widmet die SZ ihre Seite Drei Adolek Kohn, seiner Frau Marysia, deren Kindern, Enkeln, Urenkeln. Nicht nur Blickfang, sondern wie der befreiende Film „das Überleben mit Händen greifen“ ist das Titelphoto. Drei Generationen, die nicht, wie man hierzulande zu sagen pflegt, ein gemeinsames Kreuz tragen, sondern einen Stern; alt und jung, die gleichermaßen und jeder für sich wissend in die Welt schauen, dass ein Huhn, das Ei den Unterschied ausmacht; genauso den Unterschied wie das Winken an einer Rampe nach recht oder links; wissend, weil zwei überlebt haben und ihr Leben mitnehmen konnten, es weiterzugeben. Ein Bild der Menschlichkeit.

Die SZ sollte sich und uns allen einen Gefallen tun, den Artikel online zu stellen. Gratis, so  wie „Dancing Auschwitz“ gratis zu sehen ist.

 

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.07.2010 um 12:54
Ich habe das abspielbare Video mit dem angesprochenen Kommentarstrang auch gefunden. Nur bei zwei ebenfalls recherchierten, ausgerechnet sog. 'eingebetteten' Videos waren die 4:20 nicht verfügbar, jedoch allein wegen Urheberrechtsansprüchen.
Magda schrieb am 15.07.2010 um 13:00
Ich habe nur einen kleinen Teil des Video gesehen. Ich finde es gut, wenn das Gedenken und der Gedanke, überlebt zu haben, tanzend ausgedrückt werden. Was ist daran anstößig. Die erstarrten Rituale sind ja auch nicht hilfreich.

Filme gabs ja auch schon, die da etwas aufbrechen wollten: Benignis "Das Leben ist schön".

Dazu kommt ja noch: Es sind Überlebende. Die schlagen sich, so sagt man, oft mit einem Schuldbewusstsein herum: Warum bin ich davongekommen und andere nicht. Das Tanzen ist dann auch ein Zeichen für die Wiederkunft der Freude und des Triumphs und der Anerkennung von Schicksal und Leben. (Wie sie selbst es nach Deinem Bericht ausdrücken: "Glück, es war reines Glück." Keine Nichtswürdigkeit aber auch keine Auserwähltheit). Gefällt mir sehr, der Tanzgedanke.

Was ist denn Goliardie?

Gibt es nicht auch Tanz-Inszenierungen, die vom Holocaust handeln?

.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.07.2010 um 13:16
Deine Hinweise kann ich einzeln alle akzeptieren, und neben Lanzmanns "Shoah" ist mir Benignis "Das Leben ist schön" der Film, den ich immer wieder bei Gelegenheit nochmals sehe.
Damit ist aber auch die Fallhöhe für alles artig Mediale gesetzt.
Magda schrieb am 15.07.2010 um 13:32
"Damit ist aber auch die Fallhöhe für alles artig Mediale gesetzt."

Meinst Du mit Fallhöhe, mit dem Aufbrechen von Ritualen und Tabus werden auch Geschmacklosigkeiten mit transportiert? Oder so?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.07.2010 um 14:58
Ich rechne Lanzmanns und Benignis Arbeiten nicht zu den 'Ritualen der Aufarbeitung'. Die Dokumentation und die künstlerische Bearbeitung beider haben Maßstäbe gesetzt für eine 'angemessene Begegnung' mit dem Thema.
Tabu und Rituale um die Vernichtungspolitik 'aufbrechen' meint ja die 'Aufarbeitungsformen', die 'Sprachregelungen', die 'fiktiven Bilder' aufzuklären. Und darüber läßt sich nur wenig streiten, weil es viel zu wissen gibt. Gerne eben auch mit Lanzmann und Benigni, und ich meine vor allem die angemessene Form der Nähe zum Tabuisierten und Ritualisierten.
ed2murrow schrieb am 15.07.2010 um 15:16
Liebe Magda,
Sie müssen entschuldigen, dass ich das einfach so benutzt habe, aber goliardisch ist etwas, was im Zusammenhang mit Fo in Italien neben Commedia dell’Arte oder Groteske immer wieder auftritt. Zurückgehend vermutlich auf Petrus Abaelardus, dessen Spitzname Goliard im Mittelalter einen dämonischen Beiklang hatte, geht die These, dass dessen Anhänger Goliards genannt wurden. Man könnte ihn als mittelalterlichen Aufklärer bezeichnen, der darüber hinaus wegen der lebenslangen Verbindung mit Heloise ähnlich wie Romeo und Julia, allerdings historisch verbürgt, im französischen Gedächtnis bleibt.
Er hatte, bevor er von dem Vater von Heloise entmannt wurde, ein steile Karriere als Lehrer und seine Studenten himmelten ihn an, aber eben nur kurz. Die Kürze dieses Erfolges, das sich in die Kürze des (studentischen) Lebens im Studentenlied gaudeamus igitur niederschlägt, kann man als die Wiege des Goliardischen, aber italienischer Prägung sehen. Denn dort gab es seit jeher Studentenverbindungen, allerdings eher das Gegenteil von dem, was hierzulande als schlagend bekannt war oder ist. Denn solche Verbindungen nannten sich etwa im 17. Jahrhundert die der Aufgeweckten, der Uneinigen, der Haltlosen oder der Mondsüchtigen, ihr Anliegen die Leichtigkeit und reichlich anarchischer Humor; ketzerisch würde man zu der Zeit gesagt haben. Nach dem WK II gehörten sie zu den ersten Gruppen, die das universitäre Leben wieder in Gang brachten, mit wenig Mitteln, aber viel Optimismus im Bewusstsein, wie schnell das Leben wirklich vorbei sein kann. Das drückt sich auch in der Sprache aus, die von der der Osteria gekennzeichnet ist, direkt und herzhaft. Dabei ist Lachen ein Gebot, insbesondere das Verlachen.
ed2murrow schrieb am 15.07.2010 um 15:24
@ walter ter linde
Benigni rechne ich wie Sie nicht zu den Ritualisierern, ganz im Gegenteil. Und das ist der Anspruch, an dem sich Späteres wird messen lassen müssen, in der Tat hoch gesteckt worden. La vita è bella konnte ich mir bisher kein zweites Mal ansehen.
Dancing Auschwitz ist sicher kein Kunstwerk, es muss sich aber auch nicht messen lassen, denn es ist das Dokument eines und zu einem Zeitzeugen. Der hat das verdammte Recht, mit seiner eigenen Geschichte zu tun, was er will: Nämlich auch da tanzen, wo 70 Jahre vorher seine Mitmenschen aus der Baracke verreckt sind oder er sich in einem Diarrhoeanfall einfach hingehockt hat.
ed2murrow schrieb am 15.07.2010 um 15:25
corrige: ersetze Kunstwerk mit Meisterwerk
Magda schrieb am 15.07.2010 um 15:34
@ walter terlinde -"und ich meine vor allem die angemessene Form der Nähe zum Tabuisierten und Ritualisierten."

Ja, ich denke, das habe ich verstanden.

@ ed2murrow - "La vita è bella konnte ich mir bisher kein zweites Mal ansehen."

Ich habs mir noch gar nicht angesehen. Ich könnte es auch nicht, weiß nicht warum. Aber ich sehe ein, dass es andere Arten des künstlerischen Umgangs und auch Experimente geben soll.

Und in der Tat finde ich auch, dass Betroffene, Davongekommene anders erzählen können und das auch in deren Ermessen gestellt ist. Ich würde mir nicht erlauben, darüber zu befinden. Genau so wie Du sagst.

Achja und danke für die Begriffserklärung mit der Goliardie.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.07.2010 um 19:44
Bei aller ja mehrfachen Ausnahmestellung von Überlebenden aus den Vernichtungslagern, auch wenn wir alle 'nach Weltuntergang', nach der 'Katastrophe' leben, so bedeutet das doch nicht Narrenfreiheit, auch nicht für Angehörige und Betroffene. Insofern ziehe ich hier sogar mein Wort der 'Fallhöhe' zurück, das in nachher tatsächlich vorzeitlich ist. - Wenn aber alle Kategorien gefallen sind, so will ich aber doch einige weiter neu hochhalten, z.B. hier: die Fallhöhe, und ich warte nicht auf Kunstgewerbe darunter.
ed2murrow schrieb am 16.07.2010 um 08:17
@ ter linde

Was ist nicht handwerklich? Und erlaubt es einen bisher unbekannten Blick, der aufklärerisch wirkt?

Wenn man wollte, ja. Es zeigt nicht Leichenberge oder die gefühlt 100.000ste Kommemoration, sondern weist uns den Weg zu einem einzigen Menschen, ja? In Fleisch und Blut und noch mit allen Sinnen beisammen, trotz dem, was er erlebt/überlebt hat. Die Anonymität (die wievielte eigentlich) bekommt ein ganz konkretes Gesicht verpaßt. Wann tanzt man? Nur bei Freude? Sicher auch bei Riten, etwa Vermählungen. Einen Bund Für Das Leben schließen, das wird betanzt.

Es gibt ja noch andere Teile des Films, die zeigen wie öffentlich/privat die ganze Reise ist. Die Provokation, dort hin einzusteigen, geht da in Ordnung. Wie oft habe ich gelesen, dass Kreigsheimkehrer und erst recht, KZ-Überlebende hätten nicht sprechen können über das, was ihnen auf der Seele lastet. Kohn tut es, und das scheint ihm eine ganze Welt übel zu nehmen.

In dem Zusammenhang fühlt sich vielleicht jemand animiert, zu lesen. Luce d'Eramo, Deviazione, deutscher Titel: Der Umweg, Rohwolt, so um 1980.
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