Magda

Mal sehen

06.09.2010 | 23:12

Abbrüche

Seit fünfzig Jahren gibt es die Antibabypille – damals eine Erleichterung und heute für manche Frauen zu teuer.

Als man in der DDR die Antibabypille einführte, war ich unendlich froh. Ich ließ sie mir sofort verschreiben. Man bekam sie - wie wohl heute auch – für jeweils drei Monate, dann musste man sich wieder vorstellen. Damals wurden auch alle drei Monate glaube ich, die Leberwerte überprüft und alle sechs Monate musste man einen Monat lang die Basaltemperatur messen und eine entsprechende Kurve zeichnen, um nachzuweisen, dass noch ein Eisprung stattfindet. Sehr fürsorglich war das. Meine Kurve war so schön, dass der Arzt begeistert meinte, die würde er sich jetzt an die Wand hängen. 

Sorgen von Monat
zu Monat
 

 Kaum jemand weiß noch, wie das vor der Pille und vor dem legalisierten Schwangerschaftsabbruch war. Wie viel Sorgen eine Frau plagten, die keine Verhütungsmittel zur Verfügung hatte. Wenn zum Beispiel der Mann, mit dem sie zusammen war, nichts vom Kondom hielt, einen Coitus Interruptus gerade ausreichend fand.

Junge Paare, wenn sie nicht gleich ein Kind wollten, sorgten sich von Monat zu Monat. Viele junge Ehen in der DDR waren von unangemeldetem Nachwuchs „gestiftet“. Mit 18 Jahren heiratete mein älterer Bruder aus diesem Grund. Die Ehe ging nicht lange gut.

Viele Hausmittelchen waren im Umlauf, um eine eventuelle Schwangerschaft doch noch zu verhindern. Ich zum Beispiel nahm ein oder zweimal ein pflanzliches Mittel namens „Pulsatilla“ ein. Keine wusste, wie es wirkte, aber alle empfahlen es.

Oder ich trank Kümmeltee bis zum Geht nicht mehr. In einem DDR-Film, hockt sich die Heldin ins kochendheiße Wasser und trinkt Rotwein. Das waren die „Harmlosen“. Sehr Rigorose griffen zu höchst riskanten privaten Abbruchmethoden.

 Am Rande der
Selbstverstümmelung

Vor kurzem - bei einem Besuch in meiner Heimatstadt -  erinnerte sich eine alte Freundin an diesen Teil ihrer Vergangenheit.

Diese Eingriffe waren manchmal fast eine Selbstverstümmelung und, wenn eine andere Person dabei „half“ oder „nachhalf“, am Rande des Zuchthauses.

Man führte einen dünnen Schlauch, die berüchtigte Stricknadel oder einen ähnlichen Fremdkörper in den Uterus und wartete ab. Bald setzte eine Abstoßungsreaktion ein und die Blutungen begannen. Dann ging man ins Krankenhaus mit der Diagnose „Fehlgeburt“. Und dann hing es von den Ärzten und Schwestern ab, wie sie reagierten. Die meisten schüttelten den Kopf, aber fragten nicht nach. Es war ja völlig klar, was da passiert war, und es galt, auf Nachfragen eisern zu schweigen.  Mit der Stricknadel war es nicht ganz ungefährlich.

Einmal hat meine Freundin, erzählte sie mir, so laut gebrüllt, dass sie das Radio laut aufgedreht haben. Als sie nicht aufhörte zu bluten, hat die „Assistentin" trotz ihres Widerstandes dann doch den Notarztwagen gerufen. Es war beinahe zu spät.

Ich habe die beiden damals auch einmal um Hilfe gebeten. Aber sie haben mich abgewiesen mit der Begründung, ich sei nicht hart genug für solche Sachen. Es war dann Gott sei dank auch nicht nötig.

Abtreibungstourismus
nach Polen

Einige Jahre später wurde eine Kommilitonin mit der ich zusammen wohnte, ungewollt schwanger. Sie löste das Problem mit einer Reise nach Polen. In Poznan aber auch in anderen Städten gab es Ärzte, die sich mit solch einem Angebot etwas hinzuverdienten. In Polen – nebenher auch in Ungarn - war damals der Schwangerschaftsabbruch erlaubt. Ihr Freund hat sie begleitet und beide kamen blass und übermüdet am nächsten Tag zurück. Sie klagte, dass die Betäubung nicht richtig gewirkt hätte und das ganze viehisch wehgetan hätte.

In Berlin gab es einen Arzt, der bekannt war für eine gewisse Hilfsbereitschaft. Allerdings half der nur mit Spritzen in der ersten Zeit nach dem Ausbleiben der Regelblutung. Zuverlässig war er nicht. Eine Freundin warnte mich, dass der manchmal auch übergriffig wurde, als ich die Absicht verkündete, ihn aufzusuchen. Und – sie hatte Recht.

Das Quälende an der ganzen Situation waren immer die Ungewissheiten. Eine sich verzögernde Regelblutung konnte viele Gründe haben und eine noch normale Regelblutung bedeutete keineswegs, dass keine Schwangerschaft bestand. Ich entdeckte meine Schwangerschaft, als ich schon fast im dritten Monat war, erst da blieb die Regel aus.

 DDR liberalisierte 1972
den Schwangerschaftsabbruch

Das war 1973 und der Schwangerschaftsabbruch war nicht länger verboten. Ich ging ins Krankenhaus Friedrichshain. Zuvor gab es ein ausführliches Beratungsgespräch gleich bei der Ärztin selbst, die die Schwangerschaft festgestellt hatte, aber sie insistierte nicht, als ich die Frage, ob ich mir das gut überlegt hätte, mit Ja beantwortetet.

Der Vater des Kindes hatte mir damals gemütlich auf den Bauch geklopft und fand sich und seine Potenz gut, aber wie es sonst so weitergehen sollte, wusste niemand von uns, denn er war verheiratet. Natürlich hätte er gezahlt, wie das auch üblich war in der DDR. 80 Mark pro Monat, aber viel gekümmert hätte er sich nicht, ich kannte ihn gut. 

 Der Rest des Ganzen war meine Sache, ganz allein. Auf der entsprechend eingerichteten Station in Krankenhaus war es sehr voll. Ich lag im Zimmer mit sieben weiteren Patientinnen. Am Tag des Eingriffs hatte der Arzt verschlafen und dadurch verzögerte sich alles. Mindestens acht „Abbrüche“ lagen auf Tragen im Vorraum, als der Operateur erschien uns alle halb missmutig und halb angewidert musterte und verdrossen meinte: „Na, da woll’n wir mal anfangen“. Kein Arzt machte gern Abbrüche, aber ich hatte wenig Zeit, mich seinem Seelenleben zu widmen, ich hatte – wie die anderen – mit mir zu tun.

Abtreibung war dennoch
kein Mittel zur Familienplanung

Ein Mittel zur Familienplanung war die Abtreibung nicht, wie kürzlich mal ein ostdeutscher Ministerpräsident räsonierte. Aber es gab und gibt immer Frauen, die leichtsinnig sind, die die Pille – wie es mir passiert war – vergessen hatten. Oder die sie auch nicht vertrugen.

Wenn man nachliest, was für Hormonbomben diese ersten Ovosiston-Pillen waren, wundert einen das nicht. Dennoch war die Pille eine unendliche Befreiung. Die Dosierungen sind reduzierter und es gibt Möglichkeiten, Verträglichkeiten zu testen und zu wechseln.

Aktueller Nachtrag: Die Schweriner Volkszeitung berichtet, dass es für Frauen, die Hartz IV-Empfängerinnen sind, schwierig ist, die Antibabypille zu finanzieren. Sie kostet im Vierteljahr 30 Euro, wozu dann noch die entsprechende Praxisgebühr kommt. Schwangerschaftsabbrüche hingegen werden von der Krankenkasse bezahlt. Es bestünden die Gefahr, dass Frauen dann zum Hasard neigen und es auf eine Schwangerschaft eher ankommen ließen, als die Pille zu nehmen. Und – die Nachrichten machen es auch deutlich -  nach wie vor gibt es junge Frauen, die mit der Verhütung, mit der Schwangerschaft, mit dem Konflikt, mit der ganzen Situation so unendlich allein bleiben, dass es zu diesen heimlichen Geburten kommt, dass eine Babyklappe helfen soll oder ein Kind verleugnet und dann getötet wird.

In manchem Umfeld und Milieu geht es weiter erschreckend unaufgeklärt zu. 

 

 

 

 
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Kommentare
lausemädchen schrieb am 06.09.2010 um 23:23
du machst es dir nicht leicht.
bleib so,
wenn du magst.
ich mag dich so.

gutgrüße lm
Magda schrieb am 06.09.2010 um 23:28
Vielen Dank. Es hängt auch mit dem Alter zusammen, wenn man Dinge nicht oder nicht mehr zum Tabu macht.

Freut mich, wenn ich gemocht werde. Gute Grüße zurück
goedzak schrieb am 06.09.2010 um 23:27
Die Pille wurde verfügbar in der DDR 8 Jahre nachdem meine damals 17jährige Mutter ihr erstes Kind bekam. Als die Dinger dann auch ihr zur Verfügung standen, hatte sie schon 4 Söhne.
lausemädchen schrieb am 07.09.2010 um 00:42
lieber goedzak,
"Als die Dinger dann auch ihr zur Verfügung standen, hatte sie schon 4 Söhne."
lieber goedzak. was soll mir wohl eine diese-deine-aussage sagen?.
lm
goedzak schrieb am 07.09.2010 um 10:36
Die meisten meiner Äußerungen hier sind Texte, die gar nichts sagen SOLLEN. Das wird anscheinend gelegentlich missverstanden. Manchmal auch mit Absicht.

Nimm es als spontan und ohne Hintergedanken hingeschriebene 'Sachinformation'.
archinaut schrieb am 07.09.2010 um 00:20
Uff, ganz schwerer Stoff.....
Hochachtungsvoll daher
archinaut
Magda schrieb am 07.09.2010 um 09:16
Hallo,
ich weiß gar nicht, ob das - wie archinaut schreibt - so ein schwerer Stoff ist. Es ist nur ein Thema, das von Frauen anders behandelt wird als von Männern.
@ goedzak - Ja, was Du genau sagen willst, ist mir auch nicht ganz klar, aber es hat schon sowas von: Ein Glück, sonst gäbe es mich nicht. Es hat mit diesen allgemeinen "Seins oder Nichtseins-Ängsten" zu tun, dass dieses Thema Abneigung oder mindestens Unbehagen hervorruft. Vielleicht hängt es auch - huhu Sarrazin - mit der allgemeine Angst vorm Aussterben zusammen.

Bei der Gelegenheit erinnere ich daran, dass das Gesetz über den Schwangerschaftsabbruch in der DDR das einzige war, das mit Stimmenthaltungen der CDU in der Volkskammer verabschiedet wurde. Auch so eine Konzession an religiöse Widerstände.

Ich denke, wenn Frauen so etwas entscheiden, sind sie meist sowas von allein, das kann einem auch niemand abnehmen. Und man muss schon wissen, was man will oder warum man sich so entscheidet, sonst hängt es einem nach.
Männer treten eigentlich in diesem Zusammenhang immer nur als "Lebensschützer" auf. Die vielen Fälle, in denen Männer ihre Freundinnen/Frauen zum Abbruch gedrängt haben, werden selten thematisiert. Ich denke, dass die immer wieder heraufbeschworenen Depressionen nach so einer Geschichte entstehen, wenn das schlechte Gewissen genährt wird, wenn die Gesellschaft oder das gesellschaftliche Klima es immer und immer wieder wecken.

Meine Mutter hat mir mal erzählt, dass sie mich eigentlich auch abtreiben wollte. Es gab nach dem Kriege ja diese kurzfristige Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruches in allen vier Besatzungszonen. Sie hatte gute Gründe, sie war sehr krank, der Vater wollte von mir nichts wissen. Aber sie hat sich - in letzter Minute - anders entschlossen. Ich konnte ihr das nie übelnehmen. Außerdem: Ich war ja schließlich da.
Das Leben ist ein Geschenk, ein Zufall. Und sie meinte immer: gerade ich hätte ihr soviel Freude gemacht.

Sicherlich denke ich - vor diesem Hintergrund - auch oft über die Zufälle nach, die das Sein bestimmen. Aber das tun ja andere Menschen auch.
goedzak schrieb am 07.09.2010 um 13:08
"Ja, was Du genau sagen willst, ist mir auch nicht ganz klar, aber es hat schon sowas von: Ein Glück, sonst gäbe es mich nicht. Es hat mit diesen allgemeinen 'Seins oder Nichtseins-Ängsten' zu tun" - Ich hatte mir ja vor kurzem vorgenommen, bei bestimmten Gelegenheiten meine Worte vor dem posten auf die Goldwaage zu legen, dachte aber nicht, dass das hier so eine Gelegenheit sei.

Also, ich wollte gar nichts sagen! Ich habe nur laut an meine Mama gedacht. Mehr nicht. Entschuldigung!!

Allerdings, wenn sie damals als 16jährige wie ihre Enkelinnen später die Pille zur Verfügung gehabt hätte, gäbe es mich tatsächlich nicht. Allerdings heißt das auch, ich hätte nie erfahren, dass es mich hätte geben können. Keine Möglichkeit also, diesbezügliche Ängste zu haben. Meine 'Nichtseins'-Ängste beziehen sich nur auf Dinge, die nach meiner Geburt passiert sind (und später final passieren werden). Wenn ich denke, dies und das an Mist hätte nicht passieren dürfen, fällt mir gleich immer ein, dass dann jenes und anderes, was ich niemals missen möchte, auch nicht auf mich gekommen wäre.
archinaut schrieb am 07.09.2010 um 23:07
"Das Leben ist ein Geschenk, ein Zufall."
Ja, da kann ich nur folgen,
soweit das als Mann eben geht.
Jedes Leben ist ein Geschenk der Frau.
Magda schrieb am 08.09.2010 um 09:05
Lieber archinaut.
Das kann man doch so auch nicht sagen. Die Männer sind ja auch beteiligt. Aber in letzter Zeit ist es schon so, dass Männer in der Selbstbestimmung von Frauen - auch was eine Schwangerschaft betrifft - eine Art von "Kränkung" sehen.
Nicklos Luhmann schrieb am 07.09.2010 um 00:49
Frau Magda schrieb: "Wenn man nachliest, was für Hormonbomben diese ersten Ovosiston-Pillen waren, wundert einen das nicht. Dennoch war die Pille eine unendliche Befreiung. Die Dosierungen sind reduzierter und es gibt Möglichkeiten, Verträglichkeiten zu testen und zu wechseln."
Sie sind es zum Teil noch heute bei einigen Frauen. Und einige Männer riechen es, wenn Frauen "Pillen" nehmen oder auch nicht.
Magda schrieb am 07.09.2010 um 09:25
@ Nicklos Luhmann - Das mit dem Riechen habe ich noch nie gehört. Ich weiß nur, dass es viele Frauen gab, die die Pille wegen der hohen Dosierungen nicht vertrugen.
Maike Hank schrieb am 07.09.2010 um 12:34
Es gibt das Gerücht, die Pille verändere den Geruchssinn der Frauen und ließe sie andere Männer als zuvor attraktiv finden.
Hierzu habe ich einen Science-Blog-Artikel gefunden: bit.ly/cAdwLy
Magda schrieb am 07.09.2010 um 13:01
Das habe ich noch nicht gelesen. Aber es ist wohl auch nicht ganz sicher.

Und überhaupt. Hormonelle Veränderungen - auch außerhalb der Pille - können ähnliche Wirkungen haben. Und die sind bei Frauen immer mal gegeben.

Zum Beispiel werden Frauen über die Wechseljahre ein bisschen homoerotischer gestimmt. Geht vielen so, dass das eigene Geschlecht erotisch anziehend wird ohne dass man gleich denken muss, man habe das ganze Leben lang sexuell falsch gelegen.
h.yuren schrieb am 07.09.2010 um 09:09
das viehisch wehtuende leiden, wie du es beschreibst, liebe magda, traf frauen doppelt, die männlichen triebtäter nur einfach, nämlich psychisch bis zu alpträumen. das passiert jungen männern noch heute. so weiß ich von einem, dem die freundin gesimst oder was weiß ich wie erklärt hatte, sie habe ein geschenk für ihn, das aber leider erst in neun monaten fertig werde. der ist durch das erlebnis ein sehr guter verhüter geworden, wenn sich dann auch herausstellte, dass sie was anderes harmloses gemeint hatte.

hier im tiefen westen reisten frauen auch ins benachbarte ausland. meist nach holland. ist doch bezeichnend für die gesamtdeutsche frauenfreundlichkeit...
Magda schrieb am 07.09.2010 um 09:26
@ h.yuren- Dass Männer auch betroffen sind von diesen ganzen Geschichten, unbedingt richtig.

Kleine Geschichte: Ich hatte eine Freundin, die ein Kind mit einem verheirateten Mann hat. Sie hat ihn mit diesem Kinde regelrecht erpresst, emotional. Nur, sie hat nicht mit der Ehefrau des Betroffenen gerechnet. Die wurde eingeweiht, machte kein Theater, sondern schickte sich in das Kind, das dann auch in der Familie des Vaters seinen Platz hatte. Der Junge "wusste" anscheinend lange nicht, warum er da immer zu Gast war.
An einem Geburtstag wollten sie ihm das nun erklären und haben eine feierliche Rede gehalten: Er bekäme was Schönes, was Lebendiges oder ähnliches Brimborium. Und als sie ihm sagten, dass der bisherige Onkel der Vater sei, meinte er ärgerlich: "Mann, das weiß ich doch, das habe ich mir schon gedacht. Mensch, was Lebendiges, ich dachte, ich kriege endlich einen Hund."
Pandora schrieb am 05.03.2011 um 00:21
Bei der Bemerkung über die Schmerzen bei einer Abtreibung fiel mir ein, wie einmal in "Sex And The City" behauptet wurde, eine Abtreibung sei nicht schmerzhaft, sondern lediglich unangenehm - ungefähr so wie Bauchkrämpfe ...
Ich komme aus dem Rheinland und kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass Frauen nach Holland fahren mussten, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen.
Im Jahre 1989 verbrachte ich einige Tage auf einem Reiterhof und wurde im zarten Alter von 12 Jahren mit diesem Thema konfrontiert, als eine verzweifelte Betreuerin überlegte, wie sie genug Geld für eine Abtreibung in Holland zusammenbekommen solle. Diese Szene verfolgt mich bis heute.
Rahab schrieb am 07.09.2010 um 09:30
Eva Ricarda Lautsch schrieb am 07.09.2010 um 10:57
schockierende Abgründe von vor 30 Jahren - und ein paar, die es heute noch gibt. Interessant fand ich vor allem den Nachtrag zum aktuellen Stand der Aufklärung und die angerissene Problematik zum Thema Pille und Hartz IV.

Ich finde wichtig, dass jede Frau, die das möchte Zugang zu der Verhütungsmethode ihrer Wahl hat. Aber nicht nur hier hat Deutschland Nachholbedarf: in Österreich gibt es seit September die "Pille danach" rezeptfrei. Das wäre auch hier ein weiterer Schritt in Richtung Selbstbestimmtheit und offener Umgang mit dem Thema.

diestandard.at/1259282226410/Nachlese-Pille-danach-ab-sofort-rezeptfrei
Pandora schrieb am 05.03.2011 um 00:04
Ich finde auch, dass die "Pille danach" rezeptfrei erhältlich sein sollte. Viele Frauen scheuen sich aus Angst vor unangenehmen Fragen oder moralischen Belehrungen seitens des Arztes davor, sie sich verschreiben zu lassen und gehen das Risiko einer Schwangerschaft ein. Im übrigen gibt es trotz Zwangsversicherung noch immer Frauen, die nicht krankenversichert sind und sich weder die "Pille danach" noch andere Verhütungsmittel verschreiben lassen können, da viele Ärzte sich weigern, sie auch nur in die Nähe ihres Sprechzimmers zu lassen.
Columbus schrieb am 07.09.2010 um 22:07
Liebe Magda,

Kürzer und prägnanter, dazu kurzweilig und informativ zu lesen, kann Mann es nicht auf den Punkt bringen. Allerdings sollte der M., auch für den ganz unwahrscheinlichen Fall der Fälle, ein Kondom zu Verfügung haben. Natürlich weder in der Brieftasche, noch am Gesäß, noch im Handschuhfach der Karre. Da geht es zu schnell futsch, auch wenn ´s noch ganz gut aussieht.

Nicht nur dieser Artikel aus ihrer Feder hat mir in letzter Zeit besondes gefallen, auch Ihre ganz persönliche Geschichte zu Wilhelm Löper, Thomas Mann und den Zeitläuften des Fremden- und des Judenhasses, vielleicht ist es recht eigentlich eher ein Selbsthass, beeindruckten mich. Hoffentlich wird der Text einmal so rund und vollständig, daraus ein Buch zu machen.

Nur weiter so. Bleiben Sie starrsinnig und frei.

Herzliche Grüße

Christoph Leusch

PS: Das Hormon, das es wirklich schafft einen Menschen innerhalb von wenigen Tagen und Wochen völlig umzudrehen und auszuwechseln, dem aber relativ wenig Beachtung geschenkt wird, übrigens besonders häufig von und bei Männern die sich schlapp fühlen oder wie Sarkozy, ständig "pressiert" sind, ist das Schilddrüsenhormon.
Magda schrieb am 08.09.2010 um 08:59
Lieber Christoph Leusch,

"Kürzer und prägnanter, dazu kurzweilig und informativ zu lesen," - ich zitiere das noch einmal. Nicht aus Selbstlob, sondern weil genau das die Arbeit ist, die ich gern bewertet sehe. Alles andere habe ich parat. :-))

Auch vielen Dank für das Lob für die anderen Texte. Wenn Ihnen dieser Abschnitt gefallen hat, bin ich schon ganz gut gediehen.

Das mit dem Schilddrüsenhormon habe ich so noch nicht gelesen. Ich habe nämlich eine Radiumjodtherapie hinter mir wegen eines kalten Knotens, aber eine Überfunktion hatte ich wohl nicht.
Ich erinnere mich aber, dass ich immer den Verdacht hatte bei bestimmten Erscheinungen, dass die Schilddrüse da zumindest mitspielt.

Herzlicher Gruß
Magda
Columbus schrieb am 08.09.2010 um 16:13
Liebe Magda,

Wie bei Verhütung und Schutz vor HIV, denken immer noch viele Männer, Schilddrüse, das sei so eine Sache für die Frau und den "Frauenarzt von Bischofsbrück".

Vielleicht, das ist nur eine Vermutung, wissen Millionen auch gar nicht, wo ihre Schilddrüse zu finden wäre, wenn man sie denn suchte, und allenfalls Wellensittiche werden penibel beobachtet, ob denn auch die richtigen, jodhaltigen Körnchen im Futterschälchen liegen.

Wieder andere greifen, ohne allzu viel Nachdenkens, im Super-Hyper-Markt nach Salz mit Anreicherung (jodiert), obwohl das, außer bei nachgewiesenem Jodmangel, völliger Quatsch und in manchen Fällen sogar gefährlich ist.

Das Mittelalter des Aberglaubens kehrt derzeit wieder.

Sie haben die Unaufgeklärtheit über die wirklichen Fakten bei Schwangerschaft und Verhürtung, auch das soziale Gefälle das da zutage tritt beschrieben, das sich heute allerdings aus einer gefährlich breiteren und noch vielfältiger angereicherten Waren-Ebene speist und aus Gründen des ökonomischen Profits in ganz Europa die Selbstmedikation und selbst den freien Verkauf von Medikamenten in Drogerien und im Internethandel voran treibt.

Es ist also hohe Zeit für verbraucherberatende und politische Quacksalber und Wunderheiler, wie sie in einigen unserer Nachbarländer schon unterwegs sind. - Böse Ahnungen beschleichen mich derzeit.

Bis bald
Christoph Leusch
Pandora schrieb am 04.03.2011 um 23:48
Ich finde es mutig, dass Du über Deine Abtreibung sprichst. Wenn mehr Frauen offen über ihre Abtreibungen sprächen, würden vielleicht auch endlich einmal die sogenannten "Lebensschützer" erkennen, dass nicht nur Huren Abtreibungen vornehmen lassen, sondern dass auch die brave Hausfrau von nebenan eine "Kindsmörderin" sein könnte. Vor einiger Zeit sah ich in der ARD eine Sendung, in der ein Gynäkologe behauptete, viele Frauen in Deutschland hielten es nicht für nötig, zu verhüten, da sie ja abtreiben könnten. Es ist unfassbar, dass ausgerechnet ein Mann, der es eigentlich besser wissen sollte, eine solche Äusserung von sich gibt.
Da verwundert es auch nicht, wenn Männer, die von diesem Thema ungefähr soviel Ahnung haben wie der Papst, zu militanten Abtreibungsgegnern werden.
Wie sonst ist es zu erklären, dass der "progressive" Norman Mailer sich ausdrücklich gegen die Legalisierung der Abtreibung aussprach?
Heimatloser schrieb am 04.03.2011 um 23:57
Ich kenne kaum einen Berufsstand der so abwertend über Frauen spricht, wie Gynäkologen und auch -innen.
Pandora schrieb am 05.03.2011 um 00:24
@ Heimatloser Das schockiert mich.
Heimatloser schrieb am 05.03.2011 um 00:36
Aus dem Nähkörbchen: Während meines Studiums machte ich ein Praktikum in der operativen Gynäkologie, d.h. dritter Hakenhalter. Operiert haben Oberärztin und Assistentin. Die Sprüche, die ich damals anhören mußte, haben sogar mich als damals (70er) ortsüblichen Macho entsetzt. Die Assistentin war dann später in der Frauenszene recht beliebt, weil Schwangerschaftsunterbrechungswillig.
(Nichts gegen Schwangerschaftsunterbrechung, aber bei der Vorgeschichte war das halt eher ein 'Geschäftsmodell')
Pandora schrieb am 05.03.2011 um 00:58
@ Heimatloser Damals Macho und heute strickender Feminist? :-)

Abtreibungen waren damals für viele Ärzte eine "beliebte" Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen. Die betroffenen Frauen wurden zwar wie Dreck behandelt (daran hat sich heute nicht viel geändert), aber sie waren eine willkommene Einnahmequelle.

Es gibt nach wie vor immer wieder Fälle, in denen Abtreibungen nur vorgetäuscht werden und die Frauen dann zuhause eine Fehlgeburt erleiden, oder bei einer Zwillingsschwangerschaft ein Fötus "übersehen" wird. Deshalb halte ich es für sinnvoll, Abtreibungskliniken nach amerikanischem Vorbild zu eröffnen, in denen Ärzte nicht gezwungenermaßen, sondern aus freien Stücken arbeiten. Allerdings werden diese Kliniken von Abtreibungsgegnern gern als Anschlagsziele missbraucht. Ganz zu schweigen von den realitätsfremden Idioten, die vor diesen Kliniken protestieren.
Pandora schrieb am 05.03.2011 um 00:36
Ich wurde Ende der 80er/Anfang der 90er von einer 60jährigen Katholikin "aufgeklärt". Sie schaffte es, uns zu erklären, wie eine Befruchtung vonstatten geht, ohne auch nur ein einziges Wort über Sex zu verlieren. Über Verhütung oder darüber, wie man sich vor einer HIV - Infektion schützen kann, wurde nicht gesprochen. Ich hoffe, dass das heute anders ist (obwohl ich es nicht glaube).
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