Sebastian Dalkowski

Blog von Sebastian Dalkowski

12.03.2010 | 08:08

Der Tag, an dem ich Schumi ersetzte

Ich erhalte einen Anruf von Mercedes. Anstelle von Michael Schumacher soll ich beim Großen Preis von Bahrain fahren.

Mercedes rief mich an.
„Wir brauchen einen Ersatz für Michael Schumacher.“
„Ist etwas mit ihm passiert?“
„Wenn er noch ein Rennen fährt, ist er hinüber“, sagte Mercedes.
„Aber die Leute freuen sich doch auf ihn.“
„Das sollen sie ja auch.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Die Leute sollen weiter denken, dass er fährt, aber in Wirklichkeit fährt ein anderer für ihn.“ „Wie soll das funktionieren?“
„Michael Schumacher steigt in den Wagen, vorm Start tauscht er dann mit einem anderen Fahrer, der für ihn das Rennen fährt. Wir decken das einfach mit ein paar Regenschirmen ab. Und nach dem Rennen wird wieder getauscht.“
„Achso. Und warum rufen Sie mich an?“
„Sie sollen ihn ersetzen.“
„Aber ich bin ein miserabler Autofahrer.“
„Sie haben doch einen Führerschein, oder?“
„Ja.“
„Na also. Nehmen Sie bitte den nächsten Flieger nach Bahrain, wir haben bereits für Sie gebucht. Das Rennen ist übermorgen. Und keine Sorge, Sie werden viel Geld verdienen.“
„Das ist ein Argument. Was hält denn Herr Schumacher von der Sache?“
„Er wird es gleich erfahren.“

Einen Tag später lag ich zusammen mit Michael Schumacher auf einem Zimmer und versuchte einzuschlafen. Mercedes hatte mich ein paar Runden im Formel-1-Wagen fahren lassen und danach gemeint, es sei das Beste, ich würde mit Michael Schumacher in einem Zimmer übernachten. „Sie werden ja schließlich viel miteinander zu tun haben.“ Michael Schumacher sah sehr geknickt aus, als Mercedes ihn mir vorstellte.

Ich war kurz davor einzuschlafen, als er flüsterte: „Sebastian, bist du noch wach?“
„Ja, jetzt schon.“
„Sorry, aber ich muss noch mal kurz mit dir reden.“
„Was gibt es denn?“
„Warum lässt du mich nicht morgen das Rennen fahren?“
„Mercedes sagt, dass dein Körper dazu nicht mehr in der Lage ist.“
„Unsinn, ich bin topfit.“
„Ich folge nur den Befehlen anderer.“
„Aber das ist doch total schwachsinnig. Ich bin der erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten. Wenn jemand Weltmeister wird, dann ich. Ich muss morgen dieses Rennen fahren, ich muss. Sonst sterbe ich.“
„Du übertreibst.“
„Sebastian, Formel 1, das ist mein Leben. Verstehst du das denn nicht?“
„Ja schon, aber wenn du nicht fit bist, dann bist du nicht fit.“
„Ich bin fit, ich habe täglich acht Stunden trainiert, ich will in dieses Auto und ich komme in dieses Auto. Und dann fahre ich dieses Rennen und gewinne.“
„Das glaube ich dir gerne, aber Mercedes bezahlt mich dafür, dass ich dieses Rennen fahre.“
„Sebastian, ich flehe dich an. Bitte verzichte auf den Job. Ich zahle dir auch das Doppelte.“
„Nein, Vertrag ist Vertrag.“
„Du bist so gefühllos. Du weißt nicht, was du mir da antust.“

„Ich muss noch mal kurz auf Toilette“, sagte ich, schnappte mir mein Handy und ging auf den Flur. Ich wählte die Nummer von Mercedes.
„Ich habe ein schlechtes Gewissen“, sagte ich, „Michael Schumacher will unbedingt fahren. Er sagt, er sei topfit.“
„Das erzählt er schon seit Wochen, aber das ist Blödsinn.“
„Aber er will doch so sehr.“
„Lassen Sie sich nicht von ihm an der Nase herumführen. Der Kerl ist nicht dumm. Er tut alles, um ins Cockpit zu kommen.“
„Sie sind herzlos.“
„Das ist mir egal. Ich will Ihnen mal was verraten. Denken Sie wirklich, wir haben uns von Michael Schumacher einen Titel erhofft, als wir ihn verpflichtet haben?“
„Haben Sie nicht?“
„Sie sind naiv. Wir brauchen Schumacher als Zugpferd für Sponsoren und Aufmerksamkeit, aber doch nicht als Fahrer. Der Kerl ist 41, sein Körper knirscht, er hat Trainingsfahren hinter sich, da wäre ich zu Fuß schneller gewesen.“
„Das ist aber nicht sehr nett von Ihnen.“
„Halten Sie sich da raus. Bitte gehen Sie jetzt schlafen, morgen wird ein anstrengender Tag.“

Ich kehrte zurück ins Schlafzimmer.
„Michael, aufwachen“, sagte ich, „Michael, ich muss mit dir sprechen.“
Nach einer Minute war er wach genug, um mir zuzuhören.

Am nächsten Tag schaute die ganze Welt darauf, wie sich ein Mann in einen Mercedes-Rennwagen setzte. Er schob das Visier nach oben und die Menschen sahen das Gesicht von Michael Schumacher. Was niemand sah, war, dass dieser Mann kurz vorm Start das Cockpit verließ und ein anderer Mann sich auf seinen Platz setzte. Er hatte das Visier heruntergeklappt.

Schnurstracks verließ ich die Rennbahn, lief einige hundert Meter, zog meine Michael-Schumacher-Gummimaske ab, setzte mich auf die Tribüne und sah mir das Rennen an. Michael Schumacher kam als 15. ins Ziel. Als er aus dem Wagen stieg, pfefferte er seinen Helm auf den Boden.

Abends im Bett erzählte er mir, dass er schon lange nicht mehr so glücklich war.

Dieser Text ist Teil meiner Kolumne "About a Boy", die jeden Freitag bei RP Online erscheint. Mehr Folgen gibt es hier.

 
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Kommentare
misterl schrieb am 12.03.2010 um 11:02
Ach Basti wirklich glücklich machen solche frischen Sachen. Lust auf eine coole Runde als Mitfahrer? Ein Platz wäre frei. ;-)
Sebastian Dalkowski
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S. Steinebach hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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