Der Entscheid eines irakischen Gerichts, welches den Guardian aufgrund einer Kritik an Premierminister Nouri Al-Maliki am vergangenen Dienstag zu einer Bußgeldstrafe von 100 Millionen Dinar (umgerechnet etwa 60.000 Euro) verurteilt hatte, ist von Kommentatoren aus aller Welt verurteilt worden. Journalisten, Irak-Experten, Bürgerrechtsaktivisten und Beamte, die am Wiederaufbau des Iraks nach dem Krieg beteiligt gewesen waren, erklärten, das Urteil und die Strafe seien ein Indiz des Niedergangs der Pressefreiheit im Irak. Der Artikel hatte Mitarbeiter des Geheimdienstes zitiert, die aussagten, Maliki werde zunehmend autoritär. Den Artikel hatte der Irak-Korrespondent des Guardian, Ghaith Abdul-Ahad, geschrieben, dessen Arbeit bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden ist.
Bill Keller, Chefredakteur der New York Times, sagte: „Bei diesem Urteil muss jedem, der auf einen wirklich demokratischen Irak hofft, ein kalter Schauer den Rücken hinunterjagen. Was das Gericht als Ehrverletzung bezeichnet, wird in den meisten Ländern Journalismus genannt. Wenn ein angesehener Journalist wie Ghaith Abdul-Ahad verurteilt werden kann, weil er darüber berichtet, dass es Grund zu Sorge gibt, die Regierung sei dabei, sich in eine autoritäre Richtung zu entwickeln, dann wird diese Sorge durch das Urteil doch bestätigt.“
Malikis Dawa-Partei veröffentlichte eine Stellungnahme, in der sie abstritt, dass der Premierminister das Gerichtsurteil über den im April veröffentlichten Artikel veranlasst habe und behauptete, der Fall sei vom irakische Geheimdienst (INIS) ohne jedes Dazutun der politischen Führung vor Gericht gebracht worden. Die Stellungnahme beharrte außerdem auf der Unabhängigkeit der irakischen Justiz. Jedoch bezeichneten viele Kommentatoren den Gedanken, dass der INIS ohne die Zustimmung des Premierministers gehandelt haben könnte, als lächerlich und wiesen darauf hin, dass das Gericht die Entschädigungssumme Maliki zugesprochen hatte.
Seymour Hersh, ein Autor des Magazins New Yorker, sagte: „Der Gedanke, dass die eben erst aufgebaute Regierung im Irak die wesentlichen Grundsätze der Pressefreiheit nicht zu verstehen scheint, verhöhnt das Opfer der Soldaten und Journalisten, die während ihres Einsatzes dort ihr Leben verloren haben oder vewundet wurden.“
Der ehemalige amerikanische Botschafter Peter Galbraith, der ein Berater der Führung der irakischen Kurden war, beschrieb Abdul-Ahads Artikel als „eine wichtige Geschichte über Malikis Bestrebungen, einen ihm persönlich ergebenen Geheimdienst aufzubauen und die Staatsgewalt auf Kosten seiner Partner im Parlament und in der Regierung in seiner Hand zu konzentrieren. In Wirklichkeit bestätigt die Stellungnahme der irakischen Regierung die meisten Punkte der Geschichte und gibt Grund zur Sorge über den Zustand der Pressefreiheit im Irak, sechs Jahre nachdem die USA und Großbritannien mit dem Ziel in das Land einmarschiert sind, eine Demokratie zu errichten.“
Das Gericht in Bagdad hat das Urteil bereits am vergangenen Dienstag gefällt. Die Gutachten dreier hochrangiger Mitglieder des irakischen Schriftstellerverbands, die aussagten, der Artikel sei nicht beleidigend, war dabei unberücksichtigt geblieben. Der Guardian hat angekündigt, dass er in Berufung gehen wird.
Der Urheber des Textes, Ghaith Abdul-Ahad, gehört zu den renommiertesten Berichterstattern aus dem Irak und Afghanistan. In seiner erst kurzen Karriere hat er bereits eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten. Der 34-Jährigehatte sich selbst am Radio Englisch beigebracht und begann 2004 für den Guardian zu schreiben, nachdem er zufällig James Meek getroffen hatte, der für die Zeitung über die von den USA angeführte Invasion im Irak berichtete. „Ich traf ihn zufällig, als ich Saddams Paläste durchstreifte “, sagt Meek. „Zwischen all der Zerstörung, dem Rauch und den Leichen erblickte ich plötzlich diese bärtige Gestalt, die uns bat, ihr zu helfen, durch einen Kontrollposten zu kommen. Er sagte, der Guardian sei seine Lieblingszeitung, und ich fragte ihn, ob er nicht mit uns kommen wolle."
Abdul-Ahad war einer der letzten Journalisten, die aus Faludscha berichteten, bevor die Amerikaner die Stadt im April 2004 bombardierten und arbeitete während des amerikanischen Angriffs auf Nadschaf im August 2004 hinter der Front der Mahidi-Milizen. Seitdem hat er über die Konflikte im Libanon, in Somalia und zuletzt aus Afghanistan berichtet. 2006 erhielt er den Martha-Gelhorn-Preis für Journalismus, der nach der berühmten Kriegsberichterstatterin benannt ist. „Hier wurde lebendig, menschlich, unabhängig und tapfer aus einer irakischen Perspektive heraus berichtet“, lautete die Begründung der Jury. Als er 2007 den nach dem berühmten Guardian-Reporter benannten James-Cameron-Preis für seine Berichterstattung aus Libanon und Afghanistan erhielt, lobten die Juroren Abdul-Ahad für seine „extreme Tapferkeit, sein bemerkenswertes Gehör für Dialoge“ sowie seine Bereitschaft, sich aufzureiben, um einer Geschichte auf den Grund zu gehen.
Im vergangenen Jahr wurde er bei den British Press Awards zum Reporter des Jahres ernannt. Bereits zweimal wurde er verwundet – 2004 verletzte ihn ein Granatsplitter am Kopf, als ein US-Hubschrauber Raketen in eine Gruppe von Zivilisten auf Bagdads Haifa-Straße abfeuerte und mindestens zwei Menschen tötete, 2007 wurde er, ebenfalls durch einen Granatsplitter, am Bein verwundet. Neben dem Guardian erschienen seine Texte auch in der New York Times und der Washington Post. 2006 wurde eines seiner Bilder, das er während des Libanon-Krieges gemacht hatte, von Time zu einem der Bilder des Jahres gewählt.