Politik : Auge um Auge

Vor einem Jahr wollte Russland den Gang ins weltpolitische ­Niemandsland aufhalten und ließ sich zu einem Waffengang gegen Georgien hinreißen

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Der Vorgang in der Nacht vom 7. zum 8. August 2008 ist dieser: Der georgische Präsident lässt Elitetruppen zu einem Angriff auf Zchinwali ausrücken. Die sorgen in der Hauptstadt Südossetiens – das sich bereits 1990, noch zu Sow­jetzeiten, zur selbständigen Republik erklärt hatte – für ein Blutbad. Die Rede ist von mehr als 1.000 Toten. Was und wer Michail Saakaschwili auch immer zu diesem Coup getrieben hat, bleibt bis heute rätselhaft. Angesichts des russischen Truppenkontingents rings um Zchinwali scheint er um den Gegenschlag förmlich zu betteln. Der kommt prompt und trifft georgisches Kernland, das für einige Wochen von russischen Soldaten besetzt wird – Tiflis bleibt davon unberührt.

Nasser und Saakaschwili

Dass die in Georgien seit 2006 platzierten US-Militärberater Saakaschwili ermuntert haben, über seine Verhältnisse zu leben und einen Waffengang zu riskieren, bei dem er nur straucheln kann, scheint schwer vorstellbar. Was bei dieser US-Präsenz über Waffenhilfe und Manöver hinausgeht, beschwört eine Konfrontation mit der Russischen Föderation herauf. Bei allem Hang zum Draufgängertum kann der Bush-Regierung soviel rationales Kalkül zugetraut werden, dass sie dies zu vermeiden sucht. Die Amerikaner eröffnen zwar ein agitatorisches Trommelfeuer, aber die russischen Panzer, die auf Städte wie Gori und Senaki zurollen, hält das nicht auf.

Monate zuvor ist George Bush auf dem Bukarester NATO-Gipfel damit gescheitert, der Ukraine und Georgien eine sichere Kandidatur für die Allianz zu verschaffen. Der amerikanische Präsident stößt auf deutsches Unbehagen und französischen Unwillen. Nicolas Sarkozy macht Moskauer Empfindlichkeiten geltend und die Aufstockung seines Afghanistan-Korps davon abhängig, mit dem Wunsch erhört zu werden: Die Amerikaner sollten bei ihrer beharrlichen Pfadfinderei im Kaukasus nicht die NATO vorschieben und auf Tempo setzen, wo Geduld vonnöten sei.

Vielleicht hat Michail Saakaschwili am 7. August 2008 keine Geduld mehr, tritt die Flucht nach vorn an und handelt in dem Glauben: Wer als designierter Verlierer in einen Krieg zieht, kehrt als politischer Gewinner heim, dem die NATO nicht länger verwehrt bleibt, so schutzbedürftig, wie dieses Rumpf-Georgien nun einmal ist.

Vor dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 hoffte die israelische Generalität inständig, Gamal Abdel Nasser möge im Konfliktfall seine Eliteeinheiten auf der Sinai-Halbinsel gegen ihre Soldaten ins Feld schicken. Ägyptens Präsident tat ihnen den Gefallen, führte den Untergang seiner Armee herbei und verlor mehr als eine Schlacht. Ob Saakaschwili im August 2008 aus nationalistischem Übermut in die südossetische Falle tappt, bleibt bis heute Spekulation – wer sie ihm gestellt haben könnte, mehr oder weniger auch.

Blick in den Spiegel

Fast zwei Jahrzehnte lang, seit der Selbstauslöschung der Sowjetunion, hat Russland den Marsch ins weltpolitische Niemandsland antreten und mit ansehen müssen, wie die Verbündeten von einst zur NATO abwandern. Entgegen den 1990 mit dem 2+4-Vertrag getroffenen Zusagen robbt die Allianz immer weiter an Russlands Westgrenzen heran. Zwar ist es dank der Demission Jelzins und der Präsidentschaft Putins Ende 1999 mit der servilen Hinnahme dieses Vorgangs vorbei, doch ändert dies nichts daran, dass Russland mehr als Mündel denn als Partner der geltenden Weltordnung geschätzt wird. Man schwadroniert im Westen gern über den Phantomschmerz, der beim Verlust imperialer Bedeutung wohl unausweichlich sei, und palavert ahnungs- und kenntnislos darüber hinweg, dass es um ein reales Leiden geht.

Mit dem Georgien-Krieg wird die entsprechende Erfahrung nachgereicht. Präsident Medwedjew und Premier Putin kann nichts Besseres passieren, als die Hybris des Präsidenten in Tiflis zu zügeln, der sich regionalmächtig wähnt, aber ohnmächtig ist. Der im Westen ankommen will, aber im Kaukasus regiert. Sie können tun, was sie nicht länger lassen wollen, und gönnen dem Westen das Vergnügen eines Blicks in den eigenen Spiegel. Russlands Armee besetzt Teile Georgiens wie neun Jahre zuvor die NATO den gesamten Kosovo, hat es aber nicht nötig, den Gegner kapitulationsreif zu bomben, wie das Clinton, Schröder und Blair im Frühjahr 1999 bei Serbien für angebracht hielten. Fazit: Moskau lässt nicht länger gelten, was man fast 20 Jahre lang bis zum Erbrechen auskosten durfte. Das Verdikt nämlich: Quod licet Jovi, non licet bovi – was Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh nicht erlaubt. Medwedjew und Putin machen sich sich die kalte Moral der Macht zueigen und kommen damit durch. Saakaschwili ist wie einst Nasser geschlagen, und es passiert nichts. Abgesehen von der Tatsache, dass sich der EU-Ratspräsident Sarkozy als Pendeldiplomat bewährt und erreicht, was ohnehin klar war: den Rückzug der russischen Truppen aus georgischem Kernland.

Drei Wochen nach dem Waffengang erkennt Russland Südossetien und Abchasien als selbstständige Republiken an. Die Unabhängigkeit des Kosovo im gleichen Jahr findet gewissermaßen ihre Abrundung. Vielfacher westlicher Wortbruch gegenüber Russland wird mit einem russischen Rechtsbruch quittiert – eine Bestätigung dafür, wie wenig Normen des Völkerrechts, wie wenig vor allem Grenzen im Osten und Süden Europas (man denke an die Balkan-Kriege) seit dem Ende des einstigen Ost-West-Konflikts noch wert sind. Im Abstand eines Jahres betrachtet, wirkt der Geogien-Krieg deshalb wie eine Revanche, die irgendwann fällig war, weil von Washington bis Berlin die Sucht grassierte, der Epochenwende von 1990 stets mit neuen Trophäen zu huldigen – einem NATO-Land Georgien zum Beispiel.