Politik

Israel | 21.06.2010 12:20 | Lutz Herden

Dirk Niebel ausgesperrt

Eintrübungen am ansonsten wolkenlosen Himmel der deutsch-israelischen Beziehungen. Der Entwicklungsminister wollte die Gaza-Blockade durchbrechen und scheiterte

Die Regierung Netanyahu scheint um keinen Affront verlegen. Selbst „strategische Verbündete“ werden nicht geschont. Kaum vorstellbar, dass Außenminister Avigdor Lieberman bei der Einreisesperre für den deutschen Entwicklungshilfeminister einen Alleingang riskiert hat. Es riecht nach Revanche des Kabinetts in Jerusalem für die alles in allem eher schüchterne Kritik aus dem Berliner Kanzleramt am Angriff israelischer Soldaten auf die Gaza-Hilfsflotte in internationalen Gewässern am 30. Mai. Natürlich hat Dirk Niebel gewusst, dass israelische Autoritäten wie im Affekt und damit erwartungsgemäß handeln, wenn jemand an der über Hamas und Gaza verhängten Blockade rüttelt. Sie legen Wert auf autarke Entscheidungen, die auch den willigsten Alliierten keine Privilegien bescheren.

Der Minister legte es dennoch und mehr als nur eine Spur zu bewusst darauf an, sich vorführen zu lassen. Er sollte alle Entrüstung zügeln. Wir haben verstanden, Deutschland oder auch nur Dirk Niebel verfolgt eine eigene, keine israelische Außenpolitik. Bedurfte es des Nachweises? Offenbar schon, auch wenn der FDP-Minister nur erntet, was seine Kanzlerin gesät hat.

Gewiss leidet das Einvernehmen zwischen Berlin und Jerusalem darunter, seit sich US-Präsident Obama an der israelischen Bockigkeit wund scheuert, endlich mehr für den Friedensprozess zu tun, als ihn ständig zu sabotieren. Man gibt sich reservierter, seit Benjamin Netanyahu mit dem Siedlungsbau in der Westbank wie an der Peripherie von Ost-Jerusalem die Zwei-Staaten-Lösung wie das Hirngespinst fremder Mächte behandelt. Doch hat es bisher an Ergebenheit und einseitiger Parteinahme besonders von Angela Merkel nicht gefehlt. Ihre 2008 in der Knesset gehaltene Rede strotzte von kitschigem Lob für Israel. Sie zeigte erstaunlich viel Demut gegenüber einem Staat, der seit über 40 Jahren gegen jedes internationales Recht fremdes Land besetzt. Bei ähnlichen Vorkommnissen, aber anderen Akteuren pflegt die Bundesrepublik Deutschland andere Töne anzuschlagen. Russland wird heftig wegen seiner Tschetschenien-Politik gerügt, obwohl dessen Armee die Kaukasus-Republik nicht besetzt hält, sondern sich dort auf eigenem Staatsgebiet befindet. Oder könnte sich irgendjemand vorstellen, Saddam Hussein wäre im August 1990 vorsichtig und verständnisvoll gebeten worden, doch einen Abzug aus dem von seiner Armee besetzten Kuwait zu erwägen?

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Die deutsche Nahostpolitik hatte bisher so gut wie nichts daran auszusetzen, dass der Gaza-Streifen durch einen israelischen Pressverband zur Isolierstation für anderthalb Millionen Menschen verkam. Unter Bruch demokratischer Normen wurde die Legitimität einer von Hamas gebildeten Regierung nicht anerkannt. Und das, obwohl diese Partei bei den Wahlen von Anfang 2006 mit einem Stimmenanteil von mehr als 60 Prozent im Gaza-Streifen und in der Westbank alles andere als einen knappen Sieg über die Fatah feierte. Was regnet es sonst Ermahnungen aus Berlin an die Adressen Moskaus oder Pekings bitteschön der Demokratie den Respekt zu zollen, den sie verdient.

In der EU gehörte Merkel stattdessen zu den Wortführern, die nach dem Januar 2006 ein Gaza-Embargo durchsetzten, das ganz im Sinne Israels ausfiel. Es ist nur gut, dass ein randständiger Minister des Kabinetts Merkel dieses Jonglieren mit doppelten Standards offenbart, indem er sich als Opfer israelischer Reglementierung inszeniert.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.06.2010 um 15:12
Ein sehr schöner Beitrag über doppelte Standards ein- und derselben Interessenpolitik. Geht man noch weiter zurück in der Zeitgeschichte, könnte man sogar sagen, daß die UdSSR einen ganzen Block als Osten besetzt hatte und darüber alle Parteien in West nur noch eine kannten.
mustermann schrieb am 21.06.2010 um 15:12
Israel hat den Gazastreifen als Reaktion auf den anhaltenden Raketenbeschuss durch militante Palästinenser abgeriegelt. Und ohne Raketenbeschuss gibt auch keine Blockade mehr. Herden in seiner üblichen tumben antiisraelischen Meinungsmache schafft es mal wieder, diesen Umstand nicht zu nennen. Für die Hamas sind die Herdens und Paechs nur nützliche Idioten. Uns der Wichtigtuer Niebel hätte auch ganz einfach über Ägypten einreisen können.
Zachor! schrieb am 21.06.2010 um 15:36
Danke, Mustermann, stimme voll zu.
Es ist aber hier, in diesem Forum, leider überflüssig und sinnlos, dafür Verständnis wecken zu wollen, dass Israel seit Jahrzehnten einen Existenzkampf auf Leben und Tod führt und unter diesen Umständen zu Überreaktionen neigt - wie jeder andere Staat das auch tun würde. Selbst die elementarsten Regeln und Normen einer Kontexteinbettung und Empathiefähigkeit sucht man vergebens.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.06.2010 um 15:50
Genau, so ist das, und jeder kleinsten Kritik an Israels Politik fehlte schon das wesentliche, wenn solcher Hintergrund nicht mitbenannt wird.
Lutz Herden schrieb am 21.06.2010 um 17:16
Sie scheinen weder über Kausalitäten und Ereignisse im Bilde zu seien. Der Gazastreifen war bereits abgeriegelt, als die Hamas 2006 die Wahlen gewann und keine Raketen flogen. Israels Stern sinkt, falls Ihnen das noch nicht aufgefallen sein sollte. Selbst die brave und ergebene deutsche Regierung scheint - nach den Amerikanern - spät, aber immerhin begriffen zu haben, dass die Regierung Netanyahu einen derart destruktiven Kurs steuert, dass es selbst den "gemäßigten" Palästinensern unmöglich ist, auch nur indirekte Gespräche zu führen.
gweberbv schrieb am 21.06.2010 um 20:56
@Mustermann

Ohne "Meinungsmache" wäre die Gaza-Blockade jetzt nicht ins Wanken geraten. Symbolische Handlungen gehören selbstverständlich zur Politik, insbesondere dort, wo Vernunftagrumente auf keinen fruchtbaren Boden fallen.

Ohne diesen Druck wäre die israelische Führung wohl noch in zehn Jahren davon überzeugt gewesen, dass man die Bevölkerung Gazas nur noch ein bißchen länger zu knebeln bräuchte, um die Herrschaft der Hamas zu brechen.
mustermann schrieb am 21.06.2010 um 20:59
"Die ersten Qassam-Flugkörper wurden im Januar 2001 abgefeuert, am 16. April 2001 wurde der erste Einschlag auf israelischem Territorium verzeichnet...Am 28. Juni 2003 gab es die ersten zwei israelischen Todesopfer, bis Mai 2008 stieg die Zahl der durch Qassam-Raketen getöteten Israelis auf 15.[4] Bis November 2008 trafen über 3.700 Raketen israelisches Territorium". Quelle Wikpedia oder vielleicht mal googeln: Quassam und Israel... andere Quellen sprechen von bis zu 12000 Raketen auf Israel.
Rahab schrieb am 21.06.2010 um 21:10
dann, mustermann, gehört wohl dieses
www.mfa.gov.il/MFA/Terrorism-+Obstacle+to+Peace/Palestinian+terror+since+2000/Victims+of+Palestinian+Violence+and+Terrorism+sinc.htm
etwas genauer durchgearbeitet, um begründen zu können, dass die blockade von Gaza notwendig war/ist, um weitere opfer (verletzte und tote) zu verhindern.
thinktankgirl schrieb am 21.06.2010 um 21:21
@mustermann

Am 28. Juni 2003 gab es die ersten zwei israelischen Todesopfer, bis Mai 2008 stieg die Zahl der durch Qassam-Raketen getöteten Israelis auf 15.[4]

Von 2000 - 2008 starben rund 3000 Palistänser durch Israelis im Gaza-Streifen:

www.btselem.org/english/statistics/Casualties_Data.asp?Category=1®ion=GAZA&sD=29&sM=09&sY=2000&eD=26&eM=12&eY=2008&filterby=event&oferet_stat=before

Die ganze Statistik:

www.btselem.org/english/statistics/casualties.asp?sD=29&sM=09&sY=2000&eD=26&eM=12&eY=2008&filterby=event&oferet_stat=before
mustermann schrieb am 21.06.2010 um 23:06
Sehr geehrte Fr. Thinktankgirl, sehr geehrter Herr Prof. Herden,
Seit dem Jahr 2000 starben auch mehr als 1200 Israelis durch Palästinener. Und wo auch immer sie Netanjahus Stern im Sinkflug sehen, in Israel sicher nicht. Unter Netanjahu und den Rechten fühlen sich die Israelis sehr viel sich sicherer. Fakten: Z. B. sank die Zahl der Verwundeten durch palä. Terroranschläge von 2500 im Jahr 2001 auf unter 300 im Jahr 2007. Und die Israelis können gut rechnen...
Ich will mir diese nervtötende, ideologisch einseitige, Meinungsmache des Freitag (Und ich sehr hier auffallende Parallelen zur neoliberalen journalistischen Sekte der Blödzeitung) zum Nahost-Konflikt nicht mehr zumuten, habe inzwischen sogar ansatzweise Verständnis für die SPD-Sicht zur Linken. Eine paar ausgewogene Fakten in einer Zeitung finde ich im Übrigen wünschenswert.
Somit ist es ihnen gelungen, Mustermann aus dem Freitag ins Nirvana zu treten. Zum Glück sind wir Mustermänner (und Elvis) unsterblich.
MfG
Mustermann (R.I.P 21.6.2010)
Rahab schrieb am 21.06.2010 um 23:18
wertes nirwana
teilen Sie mustermann doch bitte mit, dass er es war, der mit dem idiotischen body-count angefangen hat.
da darf er sich nicht wundern, wenn der etwas vervollständigt wird, aus israelischen quellen.

und das mit dem sicherheitsgefühl - das ist ungefähr so wie mit der abschußerlaubnis nach 14 luftfahrtG oder auch der datenvorratsspeicherung...
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.06.2010 um 23:21
Und ist ein "Argument" ihnen schwer,
kommen sie mit "Links" daher.

In Soli4Mustermann gereimt.
Rahab schrieb am 22.06.2010 um 07:13
was war das "Argument"?
Dass in einem zwischen-ethnischem konflikt mit kolonialem charakter die als anders zurecht-ethnisierte seite die böse sei?

um das zu entfalten braucht es mehr als einen schüttelreim!

ps: ich würde mich sehr freuen, bekäme ich dazu hier mal mehr zu lesen als eine 'analyse' de winter'scher art und güte!
Lutz Herden schrieb am 22.06.2010 um 07:16
Offenbar scheint das alles nicht mehr zu zählen, wenn nun die Blokade doch - ich glaube allerdings nur temporär - gelockert wird. Ich glaube schon, dass es sich hier um ein Manöver handelt, das aber unter dem Eindruck der Reaktionen auf das Entern der Schiffe der Gaza-Hilfsflotte zustande kommt. Es kann auch einer Regierung Netanyahu niucht gleichgültig sein, wenn sich durch das Abdriften der Türkei etwa in die Nähe Syriens im Nahen Osten ganz andere regionale und Bündniskonstellationen ergeben. Wenn die Amerikanber wirklich 2011 aus dem Irak abziehen und dabei bleiben wollen, brauchen sie die Türken als Stabilitätsanker im grenzüberschreitenden Kurdengebiet, sprich: Nordirak - Hader mit Israel kommt da höchst ungelegen.
Alien59 schrieb am 22.06.2010 um 07:27
Die sogenannte Lockerung der Blockade aufgrund der erhöhten medialen Aufmerksamkeit ist eher eine Farce. Es werden mehr Lebensmittel, hoffentlich auch medizinische Hilfsmittel durchgelassen. Schön. Aber das meiste Baumaterial wird weiter als angeblich "dual-use-item" zurückgehalten, also weiter keine Häuser, Krankenhaus- und Schulbauten bzw. Reparaturen, keine Kläranlage, kein E-Werk wird gebaut oder repariert.
Das heißt aber auch, keine Arbeit für die Menschen. Bislang findet ebenfalls noch kein Export der landwirtschaftlichen Erzeugnisse statt, da habe ich von Lockerung nichts gehört.
Ohne Arbeit aber können die Menschen die Waren, die auf den heuchlerischen Bildern, die seit einigen Tagen im net kursieren, nicht bezahlen.
Lutz Herden schrieb am 22.06.2010 um 10:34
Das ist höchst bedauerlich, ich werde Sie sehr vermissen.
Ludwig Haugk schrieb am 23.06.2010 um 15:05
"Israels Stern sinkt" - würden Sie die Metapher bitte erläutern? Wie sieht der "konstruktive" Kurs der Hamas aus?
Technixer schrieb am 21.06.2010 um 17:26
Ich bin kein Nahostexperte und auch sonst über den derzeitigen und den geschichtlichen Verlauf dieser beiden Länder nur am Rande unterrichtet. Laut der Medienforschung beziehen Deutschlands Medien (allen voran die Ö.R.) eine klar pro-palästinensische Stellung und die Berichterstattung ist wohl einseitig. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Beiträge über den Nahostkonflikt über einen längeren Zeitraum bis 2001. Leider weiß ich nur noch, dass ich die Studie im Zuge meiner Hausarbeit über das ZDF kurz überflogen habe.

Interessanterweise erinnerte mich ein Freund an folgende Faktenlage, Yassir Arafat und somit jetzt seine Familie sind Milliardäre und besitzen Konten in der Schweiz, seine Frauen wohnen in Europäischen Luxushotels. Etliche Hamas Oberen haben sich Villen bauen lassen und es wurde auch ein Luxusrestaurant gebaut. Desweiteren haben die Vereinigten Saudischen Königreiche ca. 1Mrd Dollar gespendet für ein angebliches Massaker in einer palästinischen Stadt, was sich hinterher als falsch rausstellte. In der Stadt (mir fällt der Name nicht mehr an) sind wohl bis heute nicht die Hilfsgelder angekommen.

Palästina bekommt sehr viel Geld, aber bei der Bevölkerung kommt nichts an, warum wohl? Geld für Waffen haben sie ja, bspw. die RPG-7.
Fast alle Bewohner haben dort Flüchtlingsstatus der es ihnen ermöglichen würde zu fliehen. Wollen sie aber nicht.

Mir scheint bei diesem ganzen unsäglichen Konflikt nur ein einziger Faktor verantwortlich zu sein. Religion.
Diese wird genutzt um Machtverhältnisse auf skurilste Art und Weise zu verändern. Sie wird hemmungslos durch die Politik vor allem Palästinas instrumentalisiert.
Religiöser Fanatismus fällt natürlich in sozial schwachen Gebieten mit Menschen die eine schlechte bis keine Bildung haben, auf sehr fruchtbaren Boden. Es lassen sich sehr leicht Feindbilder generieren.

Warum wird eigentlich die Kläranlage nicht gebaut? Die Israelis finden es bestimmt nicht schön, dass auf Grund der Strömung die Fäkalien zu ihnen an die Strände schwappen...
Technixer schrieb am 21.06.2010 um 17:52
PS: Die Studie war zu den Fernsehmedien. Ich habe eben nochmals kurz gegoogelt und es fällt mir eine große Vielfalt an "Studien" auf. Je nachdem von wem diese bezahlt wurden, fallen die Ergebnisse aus. Eine (meiner Meinung nach) neutrale Studie, sagt, dass die Berichterstattung insgesamt, die Situationen und Ereignisse stark negativieren, vor allem die gezeigten Bilder verzerren die Wirklichkeit sowohl von Palästina als auch Israel.
Rahab schrieb am 22.06.2010 um 07:15
noch ein ps:
Arafat war mit einer frau verheiratet und hatte mit dieser eine tochter. sind das Arafats frauen?
Technixer schrieb am 22.06.2010 um 09:26
Rahab ich werd mich nicht in Erbsenzählerei ergeben und mich verfransen.
Der wichtige Fakt ist, dass Arafat ein Terrorist mit Friedensnobelpreis war und ein schwer reicher Mann. Wie er in einem angeblich armen Land wie Palästina soviel Geld anhäufen konnte ist wichtig, warum er damit nicht den infrastrukturellen Aufbau stärker vorangetrieben hat. Genauso wie die Verwendung der finanziellen Hilfsgüter...

Solange solche Fragen nicht geklärt sind läuft hier gar nichts über irgendwelche Schuldzuweisungen (ob Israel an allem Schuld ist oder Palästina oder vielleicht doch die internationale Staatengemeinschaft und die Waffenlieferanten bspw. Deutschland)
Rahab schrieb am 22.06.2010 um 10:25
na ja, Technixer, dann hättest du die mehreren frauen Arafats ja auch einfach weglassen können...
wie jetzt auch den terroristen mit friedensnobelpreis ... da finden wir nämlich ganz schnell noch ein paar weitere....

was allerdings das verständnis der angelegenheit "Israel läßt Niebel nicht nach Gaza" auch nicht weiter befördert.

die frage, woran nun eigentlich der aufbau der infrastruktur in westbank wie 'Aza scheitert, ob an zu viel oder zu wenig oder zu viel geld an die falschen oder woran sonst nicht - die finde ich wesentlich interessanter.

und da wüßte ich dann schon wieder ganz gern, warum nun eigentlich der Niebel als entwicklungshilfeminister deutschlands nicht direkt gucken darf, wie der aufbau einer kläranlage so vorankommt oder auch nicht.
hätte hamas ihn nicht gucken gehen lassen, hätten wir sagen können: aha! die haben was zu verbergen!
aber wenn Israel ihn nicht gucken gehen läßt, was sagen wir dann?

soll ich jetzt annehmen, dass Niebel nicht nur mit UNWRA direkt vor ort reden wollte und die im bau befindliche kläranlage besichtigen - sondern heimlich auch noch hamas treffen wollte? soll ich Niebel für so meschugge halten?
Rahab schrieb am 22.06.2010 um 10:27
ups!
hier
"die frage, woran nun eigentlich der aufbau der infrastruktur in westbank wie 'Aza scheitert, ob an zu viel oder zu wenig oder zu viel geld an die falschen oder woran sonst nicht - die finde ich wesentlich interessanter. "
gehört das 'nicht' weg und vielleicht durch 'noch' ersetzt.
Technixer schrieb am 22.06.2010 um 10:41
Gegenfrage, warum lässt Israel den Bau der Kläranlage seit fünf Jahren nicht zu, obwohl die Fäkalien (lt. Tagesschau) auf Grund der Strömungsverhältnisse im Mittelmeer direkt vor ihrer eigenen Haustür landen?

Es gibt die Ansicht, dass eine Kläranlage nicht sonderlich viel nützt, wenn die Haushalte nicht angeschlossen sind.

Da die Blockade von Gaza auch noch relativ neu ist, kann es wohl kaum an den fehlenden Baustofflieferungen liegen. Es ist also von immanenter Wichtigkeit, genau zu wissen WER, WELCHE Hilfsgüter (in Form von Geld) von den Fatah und Hamas bekommen hat und warum diese nicht in den Aufbau des Landes gesteckt wurden. Es gibt noch ein lustiges Video von Extra 3 dazu. Hinter deren Zynismus stecken auch Informationen die allerdings ein unangenehmes Licht auf die palästinischen Regierungsoberen werfen. Soweit ich weiß hing die Spaltung der Fatah auch mit der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit ihrer Regierung zusammen.

Es bleibt die unangenehme Frage, WO fließen (auch EU Gelder) die Hilfsgelder hin? Ganz offensichtlich nicht in den Aufbau des Landes Palästina.

Und zu Evil Niebel sei gesagt, der war im Ausland bisher so bekannt wie Berliner Buletten, nämlich kaum. Auf Nachdenkseiten gibt es einen interessanten Kommentar diesbezüglich. Hauptmann der Reserve Niebel soll dies als vorhersehbaren politischen Winkelzug getan haben, um sich politisch zu positionieren neun Monate nach seiner Einführung.
Rahab schrieb am 22.06.2010 um 11:20
und dann gibt es auch noch die ansicht, dass es zu den aufgaben einer besatzungsmacht gehört, infrastruktur nicht zu schädigen sondern ggf. auszubauen. wozu auch eine kläranlage inklusive anschluß der haushalte an eben diese gehören täte.

nu frag ich dich, was Israel bis zum drôle de abzug im Gaza-streifen gemacht hat!
wie ich dich auch frage, weshalb von mir erwartet wird, zu glauben, die verbesserung einer infrastruktur sei erst nach abzug einer besatzungsmacht möglich bis überhaupt zulässig.

womit wir uns dem bereich nähern, wie die aufgaben in den besetzten gebieten zwischen PA und Israel verteilt waren (und wie es dies vor der existenz der PA geregelt war). und ob diese aufgabenverteilung so gut war. und warum die nicht besser war/sein konnte.

ps: dass die wahl von hamas ein denkzettel an fatah war ist ein alter hut!

ps2: micht interessiert auch überhaupt nicht, wer an was schuld ist/war - sondern wie sich die tatsächlichen verhältnisse gestaltet haben/gestalten und aus welchen gründen und aus welchen dahinterliegenden motiven gespeist.
Technixer schrieb am 22.06.2010 um 11:52
"wie sich die tatsächlichen verhältnisse gestaltet haben/gestalten und aus welchen gründen und aus welchen dahinterliegenden motiven gespeist."

Versuch das mal bitte herauszufinden. Wenn man nicht selbst dorthin reist und ein paar Jahre dort lebt und die Politik vor Ort mitbekommt, hat man ja nur die Möglichkeit sich auf Quellen zu berufen. Gerade im Zuge der oftmals religiösen Verklärung von Nahost-Blogs sind neutrale Betrachtung von Tagesgeschehen nahezu unmöglich. Auch weil der Konflikt schon so lange existiert, werfen alle mit irgendwelchen Bodycounts um sich nur um die "Schuld" demjenigen der mehr Menschen getötet hat, zuweisen zu können.

Wie obig bemerkt haben Nachrichtenagenturen den Druck ihre Nachrichten verkaufen zu müssen, was zu einer Negativierung von Ereignissen führt und deren Berichterstattung nur als eingeschränkt neutral zu bezeichnen ist. Das in den Nachrichten insgesamt die Negativierung zugenommen hat, lässt sich in Mediaperspektiven und den AVM Programmberichten nachlesen.
Lutz Herden schrieb am 22.06.2010 um 16:01
Dank seines Bonus und seines Disputs mit der israelischen Regierung kann sich Minister Niebel doch jetzt um gewisse Korrekturen der deutschen Nahost-Politik verdient machen.
SchmidtH. schrieb am 22.06.2010 um 17:21
Kann er? Glauben Sie allen Ernstes unserem Reservehauptmann Niebel ging es tatsächlich um die Situation im Gaza oder gar um eine Korrektur der deutschen - zur Staatsräson erklärten - Nahost-Politik? Auch wenn der Außenminister Westerwelle scheinbar auf diesen Zug aufzuspringen gedenkt oder gedachte.

Könnte nicht das Umfragetief, das "Standing" der FDP in der öffentlichen Meinung, eine der wesentlichen Triebfedern gewesen sein, was hier Niebel (mit Wissen von WW und ?) zum Fischen in trüben Gewässern veranlasst haben könnte?

Ich bin mir sicher, wenn Dirk Niebel im Vorfeld nur ihre hier veröffentlichten Beiträge zu diesem Thema "GAZA" gelesen und zu bewerten hätte, sie würden sich wundern oder auch nicht, wo er sie, lieber Lutz Herden hätte wohl eingeordnet.

Genau hier aber lässt sich meiner Ansicht nach das Bedauerliche an der (inhaltlich richtigen!!) Aktion des Dirk Niebel festmachen.
Brücke schrieb am 21.06.2010 um 18:04
Isreals Politik gegenüber den Palästinensern ,
speziell gegen die Bewohner von Gaza ,
ist die Politik eines rechtsradikalen Regims .
Und es ist eine fatale Fehldeutung geschichtlicher Verantwortung durch Deutschland ,
einen Schutzschirm über diese Politik zu spannen .
Thukydides schrieb am 23.06.2010 um 10:19
Genau, Lutz Herden hat mit seiner Analyse des Sogenannten "Nahostkonflikt" völlig recht.
Ohne zynisch zu sein, kann man sagen:Die jetzige Regierung Israels führt gegenwärtig eine Politik durch, welche in der Welt zu sehr starken Vergleichen mit faschistischen Diktatoren animiert.
Das schadet allen Menschen auf dieser Welt,aber am meisten den Menschen in Israel.
Technixer schrieb am 21.06.2010 um 20:48
misterl schrieb am 21.06.2010 um 23:45
Was gackern da die Pros. und Contras wieder über das Zählen von Toten? Rituelle "Taten" ebenfalls ohne jede wahre Relevant und zudem ebenso tendentiell eher ein innerdeutscher Reflex.

Das Thema an sich ist doch "Dirk Niebel".

Zum ersten mal ist er glaube ich als Minister seit nunmehr 9 Monaten mit vielleicht - auf der englischen Webseite von AlJazerra findet man unter Niebel nichts - weltweitem "aha" zur Kenntnis genommen worden und er gebar am Ende eher Häme. Übrigens, auch die Washington Post oder das Time Magazine kennt Dirk Niebel offensichtlich nicht. Also offensichtlich doch eher ein Innenpolitisches Thema ohne wahre Relevanz - und das kurz vorm Sommerloch.

Ich denke, man kann diese Akte schliessen und unter Frühgeburtliches Sommerloch 2010 abheften.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 21.06.2010 um 23:46
Die Leute da waren ja sogar so weitsichtig selbst jemand wie Noam Chromsky nicht in die besetzten Gebiete reisen zu lassen. So wie diese kleine Marine-Posse dem Typen in Teheran geholfen hat, dachte wohl auch Herr Niebel es könnte dienlich sein. Selbst der Toni bekommt nun ab und zu mal wieder ein Interview. Israel bietet eben immer für jeden gute Möglichkeiten...
Lutz Herden schrieb am 22.06.2010 um 07:20
Nicht nur für Dirk Niebel, auch für die Kanzlerin war das eine Vorlage, die sie ohne Zaudern angenommen hat.
PreussenMichel schrieb am 22.06.2010 um 16:56
Respekt für den guten Beitrag.

Es ist höchste Zeit, das in Deutschland eine kontroversere Diskussionskultur mit Israel begonnen wird.

Ihr Artikel ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Kleiner Gedankensprung :
Die Berichterstattung am gestrigen Tage über Niebels Aktionen habe ich konsequent weggeschaltet. Als ich Ihren Bericht gelesen habe, ist mir wieder "Oberst Sanftleben" (Figur von Kabarettist Georg Schramm)
eingefallen.

Während Merkel und von Guttenberg Ihr mieses Image an den Särgen gefallener Landsleute aus Afghanistan aufpolieren,

versucht sich unser Entwicklungsminister daran,

sein mieses Image am Elend der Palästineser aufzupolieren.

Wer ist zurzeit eigentlich Außenminister oder anders gesagt, wer nimmt eigentlich zur Zeit außenpolitische Funktionen wahr :

Ist es Herr Assmussen, Herr Niebel oder doch unser Reiseminister Westerwelle ?
Lutz Herden schrieb am 23.06.2010 um 10:51
Das ist die Frage, es gab seit Jahrzehnten keine so blasse Außenpolitik, wie nach der Übernahme des Amtes durch Westerwelle. Gerade jetzt, da sich ein verändertes mehr partnerschaftliches Verhältnis zwischen der Türkei, Syrien, Iran und Libanon abzeichnet, sollte man mit einer eigenständigen "Nahost-Politik" darauf reagieren.
Ludwig Haugk schrieb am 23.06.2010 um 13:36
"Israels Stern sinkt" - können Sie diese Metapher mal erläutern? Ist das direkt von Heinrich Himmler oder von seinen iranischen "Erben". Es ist schon erstaunlich, wie die "Friedensflotten"-Propaganda in Deutschland funktioniert. Ein "partnerschaftliches Verhältnis" zwischen Iran, Syrien, Libanon und der Türkei [= eine hochgerüstete Hisbollah und Hamas]: ein Alptraum wie eine "nicht-blasse" deutsche Außenpolitik. Dass es diese "Partner" fertigbringen, Palästina mit Waffen zu versorgen, haben sie bewiesen. Dass es in Gaza keine Abwasserversorgung, keine Schulen [außer Koranschulen und denen vom UNHCR], keine Lebensmittel gibt, obwohl sich doch seit Jahrzehnten die "Partner" so irre für das Schicksal der Palästinenser interessieren, ist natürlich verständlich: Freiheitskämpfer gegen "untergehende Sterne" müssen hungrig sein.
Bevor Deutsche eine "kontroverse Diskussionskultur" mit Israel anfangen, sollten sie zunächst mal überlegen, ob es angesichts von 50000000 Opfern des Zweiten Weltkriegs und einer beispiellosen Exportquote von Rüstungsindustrie nicht besser wäre erstmal Inventur der eigenen Verbrechen zu machen, bevor man sich mit Krimischriftstellern auf hohe moralische See begibt. Vielleicht sollte ja erstmal der deutsche Stern ein bisschen auf Augenhöhe sinken.


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