Politik

Griechenland | 09.02.2012 11:43 | Lutz Herden

Bankrott in Eigenregie

Bevor der letzte Rest an Souveränität gekappt wird, sollte das Land in eine selbstverwaltete Insolvenz gehen und dem Stigma des fremdbestimmten Protektorats entkommen

Wie Leichenbeschauer beugen sich Unterhändler aus der Troika von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) über Griechenland. Es scheint wie der Torso eines Landes, das dennoch beansprucht, ein souveräner Staat zu sein. Der Troika sekundieren die deutsche Kanzlerin und der Präsident Frankreichs, die ihrem griechischen Partner Loukas Papadimos die Große Kapitulation oder den Großen Knall nahelegen: auf Finanzhoheit verzichten oder dem Bankrott verfallen.

Der Regierung in Athen soll nicht nur der Rauswurf von weiteren 15.000 Staatsbediensteten und damit ein erneuter sozialer Aderlass oktroyiert werden. Ihr soll auch der Zugriff auf Staatseinnahmen verwehrt sein, die künftig einem Sonderkonto gutgeschrieben und allein zum Schuldenabbau genutzt werden. Da ist er wieder – Angela Merkels Sparkommissar, mit dem die Kanzlerin beim jüngsten EU-Gipfel noch durchfiel. Nun also als externer Zwang für eine Exekutive, die so gut wie nichts mehr zu exekutieren hat.

Wenn ein Land mit seiner Entscheidungsfreiheit langsam auch das ökonomische Existenzminimum verliert, ist da eine geordnete Staatsinsolvenz nicht das kleinere Übel? Warum nicht Verfahren in Betracht ziehen, wie sie ansonsten bei Unternehmensinsolvenzen üblich sind? Heute spricht viel dafür, dass vom griechischen Staat für ein Jahrzehnt oder länger nicht mehr bleibt als ein von außen gelenktes, alimentiertes EU-Protektorat. Gerade deshalb könnte eine geordnete Insolvenz zum Souveränitätsanker werden.

Genau genommen ist ein solches Verfahren bereits im Gange, denkt man an die Preisgabe von staatlichen Besitzständen und Vermögenswerten. Wird Griechenland durch die Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds und einen Schuldenschnitt seiner Gläubiger gestützt, sind Gegenleistungen fällig: etwa die Privatisierung von öffentlichen Unternehmen und von öffentlicher Infrastruktur. Hier wird Konkursmasse ausgeschlachtet, um Gläubiger­interessen zu bedienen – egal, ob dabei Ressourcen abhanden kommen, die für eine öffentliche Daseinsvorsorge und für staatliche Einnahmen unverzichtbar sind.

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Damit solcher Ausverkauf nicht zur Auszehrung gerät, ließe sich auf eine Praxis zurückgreifen, wie sie eine in Deutschland seit gut zehn Jahren geltende Insolvenzordnung anbietet. Sie umfasst unter anderem das „Schutzschirmverfahren“. Danach dürfen sich insolvente Unternehmen selbst verwalten. Das bedeutet, statt des „Insolvenzverwalters“ bestellt das zuständige Insolvenzgericht einen „Sachwalter“, der ein fortgesetzt tätiges Management berät und überwacht. Auf eine griechische Staatsinsolvenz übertragen hieße das, die Regierung in Athen wäre autorisiert, allein mit ihren Gläubigern zu verhandeln. Sie hätte sich mit „einem unabhängigen Sachwalter“ abzustimmen, der das Insolvenzverfahren nicht führt, sondern begleitet, und in Griechenland vermutlich anders wahrgenommen würde als die Troika aus EU, IWF und EZB.

Nicht zu spät kommen

Warum sollte ein Staat seinen Bankrott nicht auf diese Weise selbst managen? Er ist dafür prädestiniert, er weiß am besten, wo seine Schmerzgrenze oder sein Existenzminimum liegt. Autobahnen und Hafenanlagen mag man privatisieren, nicht aber das Gesundheitswesen, die Armee und Polizei oder Griechenlands Kulturdenkmäler und die Ägäis-Inseln. Schließlich verfügt der insolvente Staat selbst über die größte Kompetenz, wenn es gilt, einen Insolvenzplan aufzustellen, der entscheidet, wann und wie Gläubigerforderungen bedacht werden. Natürlich gilt nicht das Prinzip: Alles für den Schuldner, der Gläubiger soll sehen, wo er bleibt. Sondern es gilt, alles zu tun, damit der Großschuldner Staat überlebt, weil er überleben muss. Wer wollte Griechenland ersetzen? Etwa die Europäische Union, indem sie sich an ihrer Peripherie eine subventionierte Filiale wie einen kolonialen Außenposten hält, den sie sich nicht leisten kann, geschweige denn will? Sicher wird mit einer geordneten Staatsinsolvenz Neuland betreten, das rechtlicher Kodifizierung bedarf. Doch könnte es – angesichts der desolaten Finanzlage mancher Mitgliedstaaten – ohnehin für die EU unerlässlich werden, eine eigene Insolvenz­ordnung zu begründen. Sie würde ausnahmsweise einmal schneller sein als das reale Wirtschaftsleben, das bekanntlich den bestraft, der zu spät kommt.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
antares56 schrieb am 09.02.2012 um 15:02
Ich sehe das auch so. Griechenland sollte selbst entscheiden können, wer wann was bekommt. Kaputtsparen bringt niemanden etwas - am wenigsten den Griechen.
Also am besten erst mal raus aus dem Euro! Und weg von der Einflussnahme der Kanzlerin und des französischen Präsidenten.
Mochinho schrieb am 09.02.2012 um 23:06
Wieso steckt Griechenland eigentlich in einer Finanzkrise, schließlich wurden dort doch die FDP-Patentrezepte wenig Staat, wenig Bürokratie und wenig Steuern umgesetzt?
karanda schrieb am 10.02.2012 um 08:48
Warum braucht Griechenland eine Armee von über 160.000 Soldaten? (Quelle Wikipedia 2008) Bei knapp 12.000.000 Einwohnern müsste D im Vergleich ca. 1.1 Mio. Soldaten unter Waffen halten.Die deutsche Rüstungsindustrie hat gut an diesem Wahn verdient, aber ist dieser Anachronismus zeitgemäss? Bislang habe ich noch kein Wort davon gehört, dass die Troika dieses Relikt beschneiden will ...
antares56 schrieb am 10.02.2012 um 11:25
Armeen spielen komischerweise weltweit beim Sparen kaum eine Rolle. Die leistet sich jedes Land einfach - da wird lieber bei Rentnern und den Armen gespart!
Und die Rüstungslobby würde sich auch mit Händen und Füssen dagegen wehren. Vor allen Dingen in Deutschland, den USA, Frankreich, China und Russland will man seine perversen Produkte doch an den Mann bzw. an den Staat bringen.
Varona schrieb am 10.02.2012 um 12:23
Genau zu diesem Thema gibt es einen recht guten Artikel unter:

www.derwesten.de/politik/griechenlands-militaer-bleibt-vom-sparen-verschont-id6326734.html
Lutz Herden schrieb am 12.02.2012 um 14:27
Die Armee wird aber von den Sparauflagen nicht unberührt bleiben, wie man liest.


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