Wochenthema

Die Angst vor dem Islam wird zum Testfall für die abendländische Toleranz

Feindbild | 10.12.2009 10:00 | Christoph Butterwegge

Der Minarett-Streit

Mit Hetze gegen den Islam und die Muslime gewinnen Rechtspopulisten nun, was Rechtsextreme lange vergeblich suchten: Unterstützung von politisch Unverdächtigen

Man muss kein Prophet sein um voraussagen zu können, dass der Kampf gegen Moscheebauten, „Ehrenmorde“ und die „Islamisierung“ Deutschlands bzw. Europas künftig ein Hauptagitationsfeld für rechtsextreme beziehungsweise -populistische Gruppierungen bilden wird. Dafür dürfte die Schweizer Volksentscheidung über eine Verbot von Minarettbauten gesorgt haben. Es beweist, dass der Rechtsextremismus sich modernisiert hat. Er hat sich programmatisch erneuert und vom Nationalsozialismus mehr oder weniger überzeugend distanziert. Dazu kommt eine zunehmende Ausdifferenzierung, denn die rechtspopulistischen Strömungen besetzten immer mehr Handlungsfelder des öffentlichen Lebens.

Als rechtspopulistisch sollten jene Parteien und Organisationen bezeichnet werden, die den Dualismus von „Volk“, „Bevölkerung“ respektive „mündigen Bürgern“ und „Elite“, „Staatsbürokratie“ respektive „politischer Klasse“ zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Agitation und Propaganda machen, ohne militante Züge aufzuweisen und Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anzuwenden oder anzudrohen.

Charakteristisch für den Rechtspopulismus ist, dass er die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten – oft ethnischer Minderheiten – nicht etwa als Konsequenz von Diskriminierung und einer ungerechten Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen ansieht, sondern als das Resultat der zu großen Durchlässigkeit der Grenzen für Migranten. Er thematisiert die Angst vor einer „Überflutung“ beziehungsweise „Überfremdung“ – und schürt diese überwiegend mit dem Verweis auf Muslime.

Trotzdem ist „Antiislamismus“ ein irreführender Begriff. Er suggeriert, seinen Trägern ginge es nur um den Fundamentalismus und den daraus resultierenden Terrorismus mancher Muslime. Doch auch der Terminus „Islamophobie“ trifft die Sache nicht, weil er so tut, als hätten Rechtspopulisten tatsächlich Furcht vor den Muslimen. Hier gilt analog ein Diktum von Jean-Paul Sartre. Sartre stellte fest, dass Antisemiten vor allem Möglichen Angst haben – aber nicht vor Juden.

Der neue Rassismus

Die angeblich kulturell bedingte Fremdheit zwischen Ethnien ersetzt heute das herkömmliche Paradigma der Höher- und Minderwertigkeit bestimmter „Rassen“. Das sehen offenbar selbst manche Rechtsextremisten nicht mehr als zeitgemäß an.

Dass sich die Erscheinungsformen des Rassismus verändert haben, beruht auf einem Wandel seiner Hauptfunktion: Rassismus legitimiert heute nicht mehr eine kolonialistische Politik der Expansion von Großmächten. Heute richtet er sich gegen Arbeitsmigranten und Ökoflüchtlinge aus der so genannten Dritten Welt. Um diese abzuwehren fordert der Rechtspopulismus verschärfte Asylgesetze, technisch perfektionierte Grenzkontrollen und Abschottung der „Wohlstandsfestung“ (West-)Europa.

Der differenzialistische Neo- bzw. Kulturrassismus erleichtert es, zwischen Migranten nach dem Grad ihrer volkswirtschaftlichen Nützlichkeit zu differenzieren. Einer der Hauptvorwürfe gegenüber den zuwandernden Muslimen besteht aus dieser Sicht denn auch in ihrer mangelhaften (Aus-)Bildung und ihrer angeblich rückständigen Kultur, die sie als der abendländischen Hochindustrie nicht gewachsen erscheinen lässt.

Terrorhysterie

Im Gefolge der Terroranschläge vom 11. September 2001 wurde die Deutung der Weltpolitik als „Kampf der Kulturen“ (Samuel P. Huntington) bzw. „Krieg der Zivilisationen“ (Bassam Tibi) beinahe zum Gemeingut. Noch lange nach den Attentaten dominierten in deutschen Massenmedien die Bilder der brennenden Zwillingstürme, militärische Metaphern und eine martialische Sprache.

In diesem Klima rückten auch die Symbole des Islam ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man konzentrierte sich zunächst auf den Schleier, die Scharia und das Kopftuch als Symbole für den Islamismus und seine Unterdrückung der Frau. Später traten repräsentative Moscheebauten, Minarette und Muezzinrufe als Beispiele hinzu, die die Fremdheit und die Feindlichkeit des Islam gegenüber der westlichen Zivilisation markieren sollten.

Als der islamistische Bombenterror mit den Anschlägen auf Vorortzüge in Madrid am 11. März 2004 sowie auf die U-Bahn und einen Bus in London am 7. Juli 2005 auch Europa traf, wurde das politische und mediale Klima hierzulande rauer. Nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh am 2. November 2004 avancierte „Parallelgesellschaft“ zu einem Modebegriff, der eine umfassende Drohkulisse aufbaut und düstere Entwicklungsperspektiven ahnen lässt. Für die Mainstream-Medien war das Konzept der multikulturellen Gesellschaft nunmehr endgültig gescheitert.

Die umfangreiche Berichterstattung über „Zwangsverheiratungen“ von Mädchen und Frauen sowie „Ehrenmorde“ war von (kultur)rassistischen Untertönen gleichfalls nicht frei. Im so genannten Karikaturenstreit wurde eine von wenigen Fundamentalisten, rechten Scharfmachern und religiösen Fanatikern inszenierte Konfrontation, die letztlich nur der Provokation von Andersdenkenden bzw. -gläubigen dient und zur (militärischen) Eskalation drängt, als unausweichliche, der ganzen islamischen Religion/Kultur zugeschriebene Auseinandersetzung von wahrhaft historischer Tragweite interpretiert. Ein solches Paradigma reduziert, wenn es sich in den Köpfen festsetzt, die Möglichkeiten für das friedliche Zusammenleben und Integrationsbemühungen auf ein Minimum. Nunmehr werden Migranten noch stärker mit (Gewalt-)Kriminalität, Emotionalität und Irrationalität, wenn nicht gar religiösem Fundamentalismus und politisch-ideologischem Fanatismus in Verbindung gebracht.

Das Thema „Moscheebau, Minarette als Machtsymbole und Islamierung“ besetzen Rechtsaußengruppierungen gleichermaßen: von „Pro Köln“, „Pro NRW“ und „Pro Deutschland“ über die Republikaner, die DVU und die NPD bis zu den Neonazi-Kameradschaften. Allerdings sind nur rechtspopulistische Kräfte in der Lage, bürgerlich-seriös aufzutreten und Verbündete in etablierten Kreisen zu finden. Im Unterschied zur Schweiz, zu Belgien, zu Frankreich, zu den Niederlanden und zu Österreich gibt es in Deutschland allerdings (noch) keine Partei, die rechtspopulistische und antimuslimische Inhalte mit Erfolg bei überregionalen Wahlen vertritt. Aber es gibt Personen wie den Publizisten Henryk M. Broder, den SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln Heinz Buschkowsky und Bundesbanker Thilo Sarrazin, die damit große öffentliche Resonanz haben.

Muslime, die zugewandert sind, Migrationshintergrund haben oder konvertiert sind, werden in den meisten europäischen Ländern eher diskriminiert als toleriert. Sie verkörpern kulturelle Rückständigkeit und den Widerstand gegen die westliche Moderne, was sie als gemeinsames Feindbild für christliche Eiferer, Marktradikale und neoliberale Modernisierer geradezu prädestiniert. Dass der Rechtspopulismus gute Chancen hat, daraus Kapital zu schlagen und die westlichen Demokratien mittels muslimfeindlicher Propaganda herauszufordern, hat das Referendum über die Aufnahme eines Minarettbauverbots in die Schweizerische Bundesverfassung gezeigt.

Dabei ist nicht jeder Einwand gegen Moscheenbauten gleich rassistisch. In den Diskussionen über vor Ort geplante Gotteshäuser spielen fehlende Parkplätze, die Höhe der Minarette und die Größe der Kuppel eine Schlüsselrolle. Nicht immer handelt es sich dabei um vorgeschobene oder Scheinargumente eingefleischter Feinde des Islams und der Muslime.

Auch gilt es Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus ernst zu nehmen. Es gibt Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiosität, die den meisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist. Diese dürfen aber nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen.

Kulturelle und religiöse Gegensätze basieren meist auf tieferliegenden Konflikten, für die man die Mehrheitsgesellschaft sensibilisieren muss. Die globale Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise dürfte in nächster Zeit zu größeren sozialen Verwerfungen führen. Für eine Jagd nach Sündenböcken bieten sich die Muslime geradezu an. Deshalb muss vermittelt werden, dass Zuwanderung wie auch – daraus resultierend – die Koexistenz von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, religiöser Bekenntnisse und kultureller Prägungen im Zeichen der Globalisierung zur Normalität westlicher Industriegesellschaften gehören. Schuld an der zunehmenden Spaltung in Arm und Reich sind aber nicht im Niedriglohnbereich konzentrierte Zuwanderer, sondern Eliten, die ihrerseits eine Parallelgesellschaft herausbilden, wenn sie in Luxusquartieren wohnen, die private Sicherheitsdienste bewachen, und sich gegenüber den Mittel- und Unterschichten auch räumlich immer deutlicher abschotten.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Baszlo schrieb am 10.12.2009 um 11:58
Abendländische Toleranz? Das heisst ja wohl nicht, dass wir jede Rückständigkeit und jeden Aberglauben tolerieren müssen!
In Europa haben wir Jahrhunderte und etliche Kriege gebraucht, um die Pest des Christentums mittels der Aufklärung, einigermaßen unter Kontrolle zu bekommen. Und das soll jetzt wieder von vorne losgehen?
Nein, Danke! Ob Christentum, Islam, Judentum, jede der Abrahamitischen Religionen ist im Kern antidemokratisch, rassistisch, sexistisch, homophob und kaum mit modernem Menschenrecht in Einklang zu bringen.
Das schlimme ist ja, dass durch den Islam, mit seiner "tiefen Religiosität", wie der Artikelautor Fanatismus zu nennen beliebt, auch die Extremisten anderer Religionen wieder Morgenluft wittern, wie ja u.a. die Ausfälle der christlichen Piusbrüder zeigen.
Darum plädiere ich - als irgendwie Linker - für ein Verbot dieser letztlich verfassungsfeindlichen Religionen! Religionsfreiheit war nur das, was man der Staatsreligion Christentum abzwingen konnte, es war nie eine wirkliche Lösung.
Ach so, es ist wirklich keine schlechte Idee Religionen zu fürchten, denn sie haben in der Geschichte mehr Blut vergossen, als jede andere Institution und wenn die jemals wieder an politischer Macht gewinnen, geht alles wieder von vorne los.
Also, fürchtet euch doch!
Rahab schrieb am 10.12.2009 um 13:49
doch! jede rückständigkeit und jeden aberglauben! sogar den, mit verboten ließe sich den menschen spiritualität austreiben und religion sei das, was der pfarrer im konfirmandenunterricht lehrt!
Baszlo schrieb am 10.12.2009 um 15:08
Hm, ich meinte eher den organisierten Aberglauben. Ob sie privat glauben, dass der Mond ein großer gelber Käse ist (...oder machche Menschen aufgrund ihres Glaubens minderwertig sind, Homosexualität "Böse" ist, Frauen dem Manne untertan sind, usw.), ist mir egal.
Ich würde aber nach Möglichkeit verbieten, dass sie sowas ernsthaft an Kinder unterrichten! Darum geht es mir. Übrigens verbietet unsere Verfassung solche Dinge und ich hoffe doch nicht, dass es ein Aberglaube ist, dass wir dem damit beikommen können. Eine Mischung aus Aufklärung UND Verboten könnten dabei hilfreich sein.
Rahab schrieb am 10.12.2009 um 15:49
ach - und was machen wir mit der abteilung für exorzismus im vatikan? beispielsweise. womit ich mich jetzt nicht auf römisch-katholisch einschießen will, bewahre ... sondern die frage ansteuern, was denn dann am ende im wie auch immer definierten öffentlichen raum noch erlaubt wäre.
marioz schrieb am 11.12.2009 um 22:52
"Irgendwie links"? - Der Schreiber des obigen Beitrages erscheint mir vielmehr "irgendwie fanatisch" zu sein. Im Namen der Menschenrechte spricht er diese dem größten Teil der Menschheit gleich wieder ab und stellt damit genau jenen Fanatismus zur Schau, von dem er sich - ganz aufgeklärt - ja gerade abzugrenzen versucht.
Baszlo schrieb am 12.12.2009 um 00:37
Ach wo, so fanatisch bin ich nicht. Ich möchte nur keine Menschen aufgrund ihres Glaubens verfolgen, möchte keine Frauen unterdrücken, will auch keine Schwulen als "krank" und "Böse" diffamieren und ich halte kein Volk für Gottes auserwähltes Volk und halte auch keine "Ungläubigen" für minderwertig.
Das mag für sie ungewohnt und fanatisch klingen, sagt aber letztlich nur über ihre eigene menschenverachtende Haltung was aus. Offenbar sind sie religiös. Schade!
Querdenker schrieb am 10.12.2009 um 12:58
Warum besetzen denn "rechtspopulistische Strömungen immer mehr Handlungsfelder des öffentlichen Lebens"? Doch nur, weil diese Handlungsfelder von einer bequem gewordenen politischen Elite nicht besetzt werden - obwohl sie dringend besetzt werden müssten. Politiker wie Merkel & Co. scheuen die Konfrontation wie der Teufel das Weihwasser. Wissenschaftler sind oftmals mit der Realität nicht vertraut. Und die bürgerliche Mitte (auch die Linke) ist mehr mit sich selbst und internen Personalien als mit Themen beschäftigt, die dem Souverän tatsächlich unter dem Nagel brennen. Übrigens würden sich viele emanzipierte Einwanderer aus islamisch geprägten Ländern wünschen, daß der Islam keinen weitere Ausbreitung in Europa erfährt. Ist dieser Wunsch jetzt etwa rechtspopulistisch?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.12.2009 um 13:41
Wenn Sie schon fragen: ja, Ihre Ausführungen klingen – wo sie nicht völlig wolkig bleiben - rechtspopulistisch. Und nun?
frankenabo schrieb am 10.12.2009 um 15:37
Wenn das obige schon rechtspopulistisch ist, dann ist ihr Kommentar islamistisch!! und nun?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.12.2009 um 16:19
Nun können Sie sehen, dass das Interpretieren von Bildern in die Irre führen kann. Obwohl ich als Baby eine kukluxklanartige Kopfbedeckung trug, meine ich
a) dass die Formulierung »einer bequem gewordenen politischen Elite« aus der gleichen rechten Ecke kommt wie »morsche Demokratie« etc.;
b) wer von Handlungsfeldern nur diffus raunt, statt sie zu benennen, macht nur Stimmung. Es gibt in der Tat Handlungsfelder, die nicht besetzt wurden: das der anständigen Einwanderungspolitik, das des anständigen Umgangs mit Migranten - zum Beispiel.
c) das Merkel & Co. die »Konfrontation wie der Teufel das Weihwasser« scheuen sollen, erzählen Sie mal den Afghanen in Kundus, den Hartz IV-Empfängern, den gemobbten Steuerfahndern in Hessen, Frau Ypsilanti, Flüchtlingen hierzulande … Gemeint war hier wohl doch: dem Islam müsste mal gezeigt werden, wo der Hammer (oder das Kreuzritterkreuz?) hängt.
d) »Wissenschaftler sind oftmals mit der Realität nicht vertraut.« Was will uns das bloß sagen?
e) »Emanzipierte Einwanderer aus islamisch geprägten Ländern« wünschen sich keine »weitere Ausbreitung« des Islam in Europa: so, tun sie das? Sagen das die zahlreichen Stimmen aus dem gemäßigt muslimischen Lager? Und wie weit ist der Islam denn in Europa schon ausgebreitet? Echte 5 Prozent oder gefühlte 55 Prozent?
Genau dieses Herumgeschwurbel mit diffusen Andeutungen nenne ich rechtspopulistisch. Im besten Fall.
Querdenker schrieb am 10.12.2009 um 18:49
a) Sie stellen also auch Christoph Butterwegge in die rechte Ecke, der da oben von "Eliten, die ihrerseits eine Parallelgesellschaft herausbilden" schrieb? Passen Sie auf, daß am Ende nicht ihr ganzer Wortschatz in der rechten Ecke verschwindet und man Sie sprachlos zurücklässt.

b) Der Autor raunte: "denn die rechtspopulistischen Strömungen besetzten immer mehr Handlungsfelder des öffentlichen Lebens.", ich raunte zurück. Wenn Ihnen nur ein Handlungsfeld einfällt, scheint der Autor ja unnötig alarmiert zu haben.

c) Religionen gehören alle in den Giftschrank, ja und? Gemeint war aber was anderes. Lesen Sie doch mal den Freitag.

d) In der Theorie funktioniert sogar der Sozialismus.

e) Ok, vielleicht noch ein paar konkrete Anmerkungen:

Der Autor machte in dem Artikel keinerlei Versuche, sich auf den "Handlungsfeldern" des Rechtspopulismus inhaltlich konkret damit auseinanderzusetzen.

Das Thema Rassismus beleuchtet der Autor fast schon erwartungsgemäß einseitig. Denn Europa erlebt nicht nur einen "neuen Rassismus" gegen Einwanderer (in meinen Augen ist es der "alte"), sondern einen "neuen Rassismus" gegen Einheimische und andere Migrantengruppen. Die so genannten "Importbräute" sind dabei vielleicht noch der harmloseste Ausdruck einer tendenziell völkischen Geisteshaltung.

Als einen der Hauptvorwürfe des Rechtspopulismus gegenüber zuwandernden Muslimen identifiziert der Autor "mangelhafte (Aus-)Bildung". Das überrascht: Wird nicht über das ganze politische Spektrum hinweg eben genau die schlechte oder nicht vorhandene Ausbildung als Ursache für Arbeitslosigkeit und Kriminalität bei Muslimen verantwortlich gemacht, und hier mehr Engagement des Staates gefordert?

Etwas befremdlich wirkt, dass der Autor in einem weiteren Abschnitt "(kultur)rassistische" Untertöne (konkret wird er hier nicht) bei der Berichterstattung über „Zwangsverheiratungen“ und „Ehrenmorde“ kritisiert, nicht aber "Zwangsverheiratungen“ und „Ehrenmorde“ selbst an den Pranger stellt.

Den vorletzten Abschnitt kann man als Drohung verstehen: Wer sich gegen die Unterdrückung der muslimischen Frau ausspricht oder wem Religionen im Allgemeinen suspekt sind, dem wird hier schon mal mit der rechtspopulistischen Strafecke gedroht.

Es ist genau dieses Tolerieren, Relativieren und Ignorieren von archaischen, patriarchalischen, rassistischen, nationalistischen, erzreligiösen und chauvinistischen Verhaltensweisen bei Einwanderern, mit welchem liberale Bürger immer wieder ungewollt den Boden für rechtes Gedankengut bereiten. Man tut weder den Einwanderern, noch der Einwanderungsgesellschaft einen Gefallen, wenn man hier unterschiedliche Maßstäbe ansetzt.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 10.12.2009 um 21:04
Ich greife nur mal eine Aussage heraus: »Den vorletzten Abschnitt kann man als Drohung verstehen: Wer sich gegen die Unterdrückung der muslimischen Frau ausspricht oder wem Religionen im Allgemeinen suspekt sind, dem wird hier schon mal mit der rechtspopulistischen Strafecke gedroht.«

Der Absatz lautet bei Butterwegge: »Auch gilt es Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus ernst zu nehmen. Es gibt Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiosität, die den meisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist. Diese dürfen aber nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen.«

Es gehört einiges dazu, dies so zu verstehen, wie Sie das tun, scheint aber, im Lichte Ihrer anderen Ausführungen, Methode zu sein. Da kann man dann nichts mehr machen.
Querdenker schrieb am 10.12.2009 um 22:10
Was gibt es da nicht zu verstehen? Wenn jemand "Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiosität" hat, sieht der Autor diejenigen akut anfällig für rechtspopulistische Aktionen. Damit werden doch unterschwellig Atheisten und Menschen diskreditiert, die sich für Frauenrechte einsetzen.

An wen richtet sich eigentlich der Aufruf "Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus ... dürfen nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen"? An die Rechtspopulisten? Und wie soll mit diesen Ängsten denn umgegangen werden?

Im übrigen wirkt obige Textstelle etwas befremdlich, wenn es gilt "Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus ernst zu nehmen.", nicht aber "Islamismus und religiösem Fanatismus".
Rahab schrieb am 10.12.2009 um 22:13
na, wollen wir doch mal lieber komplett zitieren:
"Auch gilt es Ängste vor dem Islamismus und religiösem Fanatismus ernst zu nehmen. Es gibt Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiosität, die den meisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist. Diese dürfen aber nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen."
HerrBrand schrieb am 10.12.2009 um 16:36
Mir fällt bei diesem Beitrag, sowie auch bei allen andern die ich inletzter Zeit gelesen, gehört und gesehen habe, das immer nur dargestellt wird.
es wird nur aufgezeigt was falsch ist und was nicht. Was andere falsch amche und was daraus resultieren wird. Doch nie nimmt jemand Stellung und nennt das eigentlcih Problem mal beim Namen.
Wie im ersten Kommentar hier geschrieben steht, Religionen zu verbieten, das grenzt für mich schon an Unwissenheit. Doch das ist ein anderes Thema.
Es muß mal ganz klar getrennt werden zwischen Religion und Gesetzt!
Und darin liegt das eigentliche Problem begraben.
Ich habe nichts gegen den Islam oder eine andere Religion, solange sie sich in den Grenzen der Gesetze des Landes bewegt in dem sie gelebt wird.
Religion ist kein Gesetzt!
Und dann muß noch ganz klar getrennt werden Kultur und Gesetzt.
Zwangsehen und Beschneidungen werden nicht von der Religion vorgeschrieben. Dies sind alte eingefahrene kulturelle Riten. Hier muss Aufklärung betrieben werden.
Und hier weiß ich von was ich rede, denn ich habe lange genug in dem Bereich gearbeitet.
Integration heißt für alle Beteiligten sehr viel Arbeit und Energie. Aber auch Konsequenzen und manchmal auch unspektakuläre Entscheidung.
Es geht nur miteinander und nicht im Alleingang!!!!
Was den angesprochenen Terrorrismus betrifft.
Jedwede Art von politischer, religiöser oder anderweitiger Gruppierung kann Terrorrismus hervorrufen und ist somit kein "Islamproblem".
@Baszlo
Zitat:"...Abendländische Toleranz? Das heisst ja wohl nicht, dass wir jede Rückständigkeit und jeden Aberglauben tolerieren müssen!...."
Diese Haltung ist meiner Meinung nach arrogant und ignorant!
Denn Sie sagen damit nur, daß man einen Menschen der aus Unwissenheit etwas tut nicht tolleriert werden darf und verboten werden muss.
Das klingt nicht sehr gut.
Egal wie wir es drehen und wenden, wir alle Leben auf diesem Planeten und keiner von uns ist besser oder schlechter.
Und wer das von sich behauptet, der hat nicht verstanden was ein Leben Wert ist!
Columbus schrieb am 10.12.2009 um 23:43
Lieber Herr Butterwege,

Sie haben die Sache auf den Punkt gebracht. Deshalb erübrigt sich der Senf zu Ehren Ihres Beitrags. Es ist genau so.

Mir fallen noch zwei Sachen ein:

1
In Köln-Ehrenfeld waren von Anfang an die christlichen Kirchen, die Dombaumeisterin und eine Schar von weiteren Stellen einbezogen. Sogar ein außergewöhnliches Architekturprojekt entstand, mit Hilfe des Büros Böhm.- Trotzdem gab es eine massive Abwehr.

Sie wird sich,so hoffe ich, nach Fertigstellung und unter der Nutzung auflösen. Schließlich ist die Moschee in Ehrenfeld architektonisch ein Meilenstein, verglichen mit der eher traditionellen Bauform in Duisburg.

Ein wenig mit Baurecht, Bauordnungen und Bauordnungsrecht vertraut, kann ich nur sagen, dass es wohl kaum treuere Anhänger des Baurechtes gibt, als die muslimisschen Gemeinden, die aus den Hinterhöfen nun in repräsentative und für die Gemeindearbeit geeignetere Gebäude ziehen wollen. - In den Augen der Rot-Schwarz-Blockschriftler, der Stopp-Schild-Maler und Plakatierer, Sie nannten ja einige "Adressen", hilft das trotzdem wenig, denn die Anpassung an die Norm, wird den Muslimen als Verschleierung, Täuschung und als Schein ausgelegt.

2
Es gibt bei einer großen Deutschen Wochenzeitung ein Blog des Journalisten Jörg Lau, das mittlerweile unendlich viele Einträge enthält, die kennzeichnen, was in den konservativen und rechtpopulären Kreisen so gedacht wird. Herr Lau lässt dort viel zu und delektiert sich z.B. an dem Thema "Minarette und Moschee", in dem er beispielhaft eine Moschee zeigt, die eben nicht wie eine Moschee aussieht (Penzberg). - So wie moderne Synagogen nicht mehr dem ursprünglich an christlichen, muslimischen oder byzantinischen Vorbildern oder am Synagogenbau des Mittelalter orientiert gebaut werden. - Die Antworten und Kommentare dort sind auf jeden Fall ebenso interessant für die Frage, warum wir nicht nur unter dem Gesichtspunkt arm-reich, soziale Minderheiten gegeneinander gestellt diskutieren müssen, sondern auch über einen mittlerweile weit verbreiteten Rechtspopulismus unter den intellektuellen Eliten nachzudenken haben.

Da gibt es höchste evangelische Geistliche, die die "Wahrheit" ihres Bekenntnisses wieder betonen wollen und dazu, wie zum Gedanken der aktiven Mission, Bücher schreiben.

Da gibt es Kommunikations- und Medienwissenschaftler, Feuilletonisten und politische Meinungspublizisten, aber auch Philosophen, die sich über unterschiedliche Leistungsbegriffe, die plattesten sind die Einkommenshöhe oder die die Reichweite des Publikationsmediums für eine Art natürliche Elite halten und dann, wie die Erwähnten, eher schlichter gestrickten Politiker und Banker, daraus ableiten, die neuen Normen setzen zu dürfen.

Norbert Bolz und Thilo Sarrazin sind an einem Ende der Schichtung, an einem Teil der Bevölkerung überhaupt nicht mehr interessiert. Der eine, weil es diese Gruppen für notorisch unproduktiv hält, der andere, weil nur bei einer Masse an "Fußvolk" genügend Dienstleister zur Verfügung stehen, die den Kreativen und Produktiven die Alltagsarbeiten zu geringen Kosten fern halten.

Grüße
Christoph Leusch
Fro schrieb am 10.12.2009 um 23:51
Wenn heute ein Wort wie Islam, Moschee oder Minarett fällt, wird alles im Zuhörer anvibriert, was an Bildern, Erfahrungen und Hörensagen mit diesen Begriffen verknüpft ist. Und die ersten Assoziationen derjenigen, die keine persönlichen Erfahrungen mit Muslimen haben, werden wahrscheinlich: der islamistische Terror, der islamistische Fanatismus und die angebliche Rückständigkeit des Islam, sein. Alles was uns die letzten Jahre so emotionsberührend nahe gebracht wurde.
Hingegen wird jemand, der persönliche Erfahrungen mit Muslime gemacht hat, seinen Erfahrungen Vorrang vor Informationen aus zweiter Hand geben..
Dort wo Schweizer mit Muslime zusammenleben hat das Minarettverbot überwiegend keine Zustimmung gefunden.
Wir leben in einer Welt der Täuschung. Die Islamisierungsangst wird von Meinungs-und Stimmungsdesignern produziert und sie knüpfen an bekannte Vorurteile und reale Verunsicherungen an – wie z.B. die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder der Auflösung der sozialen Ordnung.
Christoph Butterwegges Warnung und Konsequenz am Ende seines Artikels kann ich nur unterstützen.

Es gibt die brennenden lokalen Probleme der Gemeinden mit großem Anteil von Einwanderern. Das ist ein politisches Problem, das skandalöserweise immer noch nicht mit der ausreichenden Intensität angegangen wurde - obwohl es schon so lange existiert. Einwanderer brauchen angemessene Einwanderungshilfe.
Und es ist Aufgabe der betroffenen Gemeinden, gemeinsam mit den Einwanderern zu einem angenehmen Zusammenleben zu finden.
Dabei auftretende Probleme sind nur vor Ort lösbar.
Kein Thema für die „Volkseele“.

....das Bild zum Artikel ist wirklich klasse – sollte man flächendeckend plakatieren.
Giuseppe Navetta schrieb am 11.12.2009 um 00:19
Hervorragender Artikel von Christoph Butterwegge! Er gehört zu den wahrhaftig nicht zahlreich vorhandenen Wissenschaftler, die die Dinge beim Namen nennen und das Verschwinden der sozialen Kohäsionskräfte nicht beschönigend umschreiben oder die Bürger ihrem habitualisierten Fatalismus überlassen! Oder ganz einfach: Kein Kollaborateur eben!
goch schrieb am 11.12.2009 um 19:04
Die angeblich kulturell bedingte Fremdheit zwischen Ethnien ersetzt heute das herkömmliche Paradigma der Höher- und Minderwertigkeit bestimmter „Rassen“. Das sehen offenbar selbst manche Rechtsextremisten nicht mehr als zeitgemäß an.

Dass sich die Erscheinungsformen des Rassismus verändert haben, beruht auf einem Wandel seiner Hauptfunktion: Rassismus legitimiert heute nicht mehr eine kolonialistische Politik der Expansion von Großmächten. Heute richtet er sich gegen Arbeitsmigranten und Ökoflüchtlinge aus der so genannten Dritten Welt. Um diese abzuwehren fordert der Rechtspopulismus verschärfte Asylgesetze, technisch perfektionierte Grenzkontrollen und Abschottung der „Wohlstandsfestung“ (West-)Europa.

Dies scheint mir wohl die wesentliche Aussage ihres Artikels zu sein.
Das Rassismus heute sich kulturell bedingter Fremdheit bedient. Obwohl, auch der alte Rassismus ( gegen Juden) bediente sich der Fremdheit und Andersartigkeit als Grundlage seiner Propaganda.
Auch die heutigen rassistischen Feindbilder von Islamischen-Terrorismusverdächtigen-Vormodernen-Migranten argumentieren mit der geringen Bildung und Bildungsbereitschaft oder mit Bildungsverweigerung. Dies impliziert auch ein Stück Minderwertigkeit.
Was ist heute also wirklich anders?
Auch die Juden waren in Europa lange vor dem Holocoust als Paria stigmatisiert, mal mehr mal weniger, aber es war immer präsent. Der Damm war also irgendwann gebrochen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.12.2009 um 19:43
Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden: wer kulturelle Differenzen beim Namen nennt, ist ein Rassist. Sollte unter diesen Umständen nicht das Studienfach Ethnologie verboten werden? Ethnologen beschäftigen sich ja vorwiegend damit, kulturelle Eigenheiten zu untersuchen, zu beschreiben und zu erklären.
Mal ernsthaft: Mann kann natürlich wertfrei feststellen, dass es ganz ok ist, wenn jemand Bildung ablehnt und lieber dumm bleibt. Leider nimmt unser Wirtschaftssystem darauf aber wenig Rücksicht. Und ich kann mir in meiner Phantasielosigkeit auch kein anderes System vorstellen, in dem eine solche Haltung keine Probleme verursachen würde. Wer dumm bleiben will, bleibt leider auch arm.
Umgekehrt verursachte die Bildungsbeflissenheit der Juden nur für diejenigen Probleme, die neidisch auf deren Erfolge waren. Ihr Vergleich hinkt daher gewaltig.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.12.2009 um 20:26
»Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden: wer kulturelle Differenzen beim Namen nennt, ist ein Rassist.«
Nein, denn da steht, »dass Rassismus heute sich kulturell bedingter Fremdheit bedient«.

Und es wimmelt in unserem Land nur so von Angehörigen der deutschen Ethnie, die lieber dumm bleiben. So wie es Juden gibt, die gebildet sind und arm.
Columbus schrieb am 11.12.2009 um 21:27
Sie verstehen das sicher nicht richtig, lieber "der Donnerstag", denn die Beschreibung kultureller Differenzen ist eine andere Sache als die Bewertung. Die Ethnologie als Wissenschaft könnte z.B. mit der Aussage "Stoppt Minarette" intern und theoretisch nichts anfangen. Aber als Gegenstand der Betrachtung und Forschung ist dieser "Schilderwald" und die Abstimmung in der Schweiz oder in Köln etwas sehr, sehr Wichtiges, um Einsichten zu gewinnen.

Sehr häufig wird ja mittlerweile der Vergleich mit dem Judentum vor der Hitlerei gezogen. Da sei eine bildungsbeflissene Elite und vor allem assimilierte deutsche Juden vertrieben und gemordet worden, aus welchen Motiven auch immer. Oder es werden die wenigen asiatischen Einwanderer mit den Türken und Kurden verglichen.

All´ diese kruden Vergleiche entstehen aus großer Unwissenheit und weil man das Vorurteil braucht, bestimmten Populationen, Ethnien oder Glaubensgmeienschaften per se unterstellen zu können, weniger an Bildung interessiert zu sein. Manche versteigen sich sogar dazu, genetische Blödheit zu attestieren. Meist wird das von Leuten vorgebracht, die selbst weder etwas von Genetik und Biologie, noch etwas von Sozialwissenschaften wissen, noch Kulturen zunächst einfach akzeptieren können (ethnologisches Credo!).

Vertrieben und ermordet wurden "die Juden", "die Zigeuner" (Sinti und Roma), "die Erbkranken", an und für sich. Die Merkmale waren rein phänotypische, von der krummen Nase, den Hüten und Gesichtszügen, Namen, bis zu angeblichen Charaktereigenschaften (Lügenhaftigkeit und Täuschung wurden massenhaft unterstellt und geglaubt!)

Ohne die Situation der muslimischen Migranten auch nur annähernd damit vergleichen zu wollen, so sind doch manche medial verbreiteten Stereotype aus dem gleichen Holze geschnitten.
So hielt Ralph Giordano in einem denkwürdigen Diskussions-Interview beim Kölner Stadtanzeiger, seinem türkischen Gsprächspartner vor, dieser könne einfach nicht "kritisch" denken, weil nun einmal die Aufklärung an den Muslimen vorbei gegangen sei.

Abgesehen von dem Faktum, dass ihm ein satisfaktionsfähiger Muslim gegenüber saß, hatte er, aus Ressentiment und "ästhetischem Schrecken", -in Köln sieht man auf der Straße schon einmal eine vollverschleierte Muslima-, kurz vergessen, dass im Deutschen Volk, das vor dem Hitlerismus als eines der aufgeklärtesten galt, mit dem Brustton der aufgeklärten Überzeugung ganz viele hinter Rassisten und Vorurteilern her liefen.

Unser Wirtschaftssystem, so wie es jetzt funktioniert, braucht vor allem zwei Klassen von Menschen. Führungs- und Leitungsfiguren und Dienstleister.
Von dem Einen, bezogen auf die Gesamtzahl der Bürger wenige, von dem Anderen schon deutlich mehr. Ein Sonderfall ist die immer noch starke Gruppe (Deutschland im Vergleich zu anderen starken westlichen Wirtschaften) der Industrieproduktion. Aber auch da werden zunehmend wenige Hochqualifizierte und eben eine Masse Handlanger gebraucht oder entlassen und dann zu günstigeren Konditionen wieder eingestellt. - Ich schätze diese Art der Wirtschaft und des Wirtschaftens nicht, weil am Ende tatsächlich, rein ökonomisch betrachtet, Menschen unter dem Gesichtspunkt der "Produktivität" in Kapitaläquivalenten für "nutzlos", "unproduktiv" und "überflüssig" erklärt werden. - Ihnen fallen bstimmt "Promis" ein, die jüngst mit diesen Thesen glänzten und sogar erhebliche Popularität errangen.

Dieses "Gefühl" der vorgeblichen Leistungselite gipfelt übrigens in ihrer ganz spezifischen Vorstellung von einem "Basiseinkommen" und von den Aufgaben des Staates diesbezüglich. Kurz angezeigt, wie die Argumentation läuft:
Zu diesem Lohn kann ich unmöglich Arbeit x erhalten. Also Kurzarbeit (Staatsanteil), also Teilzeit- und Niedriglohn mit möglichst niedrigem pauschalem Steueranteil auf meiner Unternehmerseite, und das ist das schönste Weihnachtsgeschenk, mit einem Zuschuss des Staates um die Mindestlohngrenze,im härteren Fall die Armutsgrenze, nicht zu unterschreiten und zumindest die relativ "wertlose" Arbeit zu reproduzieren und im Massenkonsum zu halten.

Im Prinzip gibt es schon einen absoluten, verschämt versteckten Niedriglohn-Sektor, das sind die 1-Euro-Jobber und Leiharbeiter, die dann 1-Euro Shopper werden und wiederum kaufen, was findige Händler in Asien zusammenramschten und produzieren ließen.

Dazu kommen Arbeitsplätze, die ebenfalls vom Staat und der Allgemeinheit, -nicht vom Kapital-, schon lange über Zuschüsse und Subventionen getragen werden, Arbeitsplätze für Behinderte und Kranke,z.B. pschisch Kranke, billige verlängerte Werkbänke an Strafanstalten, etc.pp.

Die Arbeitgeber können aber in der betriebswirtschaftlichen Denkweise immer ein gutes Argument finden, mit dem die Öffentlichkeit zufrieden ist: "Ihr könnt doch froh sein, dass wir Leute mit Handikaps oder mangelnder globaler Konkurrenzfähigkeit überhaupt noch beschäftigen, denn die Kosten uns täglich Produktivität."

Festzuhalten bleibt aber, dass Sie und ich, "Goch" und andere, nicht auf der Kapitalseite und der Ebene "Führungsfiguren" konkurrieren, sondern sehr geschickt der Versuch gestartet wurde, uns untereinander und global zum Vorteil des Kapitals konkurrieren zu lassen.

Da wo das an einstmals geltende bürgerliche Besitzstände der "Arbeiter" und "Angestellten" nagt, wird schnell der nächste Feind ausgemacht. Das ist dann die größte, auch an äußeren Stigmata leicht erkennbare Migrantengruppe, die der Türken und Kurden.

Zur Dummheit und Bildung:

Derzeit hat uns die OECD sehr deutlich gesagt, dass Türkenkinder und türkischstämmige Deutsche Kinder- und Jugendliche nicht wegen IQ-Mängeln zurück bleiben, sondern wegen ihrer verhältnismäßig großen Zahl und ihrer örtlichen Konzentration schon von den schulischen und kulturellen Angeboten her benachteiligt und isoliert werden. Die Integrationsbemühungen bleiben hinter dem OECD-Schnitt zurück. Das wirkt sich aus und ärgert mich, weil auch mir nicht passt, dass ein 14- oder 16 jähriger Deutscher mit Migrationshintergrund kein flüssiges Deutsch spricht und schreibt. - Übrigens sind ausgerechnet die muslimischen Glaubensgmeeinschaften und Gemeinden jene Insitutionen, die auf solche Jugendliche und deren Eltern die geringste Einwirkmöglichkeit entfalten. Das trifft genau da zu, wo in der Öffentlichkeit Berlins z.B. immer wieder über so genannte "Intensivtäter" oder über das Problem der so genannten "Schulversager" und deren Eltern nachgedacht wird.

Ins Fleisch schneiden sich aber, aufgrund dieser allgemeinen teutonischen
Dämlichkeit, sich mit Vorurteilen und Obrigkeitsgläubigkeit (Staat und Wirtschaft) abspeisen zu lassen, sowohl die reinen Kapitalisten, als auch uns, denn so viel geburtenstarke Jahrgänge kommen nicht mehr. Und selbst die Migrantencommunities nähern sich langsam den bei uns herrschenden Familienverhältnissen.

Grüße

Christoph Leusch
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.12.2009 um 22:27
Da steht auch: "Auch die heutigen rassistischen Feindbilder von Islamischen-Terrorismusverdächtigen-Vormodernen-Migranten argumentieren mit der geringen Bildung und Bildungsbereitschaft oder mit Bildungsverweigerung. Dies impliziert auch ein Stück Minderwertigkeit."

Dem widerspreche ich. Es ist ein Faktum, dass türkischstämmige Schüler im Durchschnitt besonders schlechte Abschlüsse erzielen. Wenn ich dieses Faktum beim Namen nenne, impliziert das noch lange keine Minderwertigkeit. Das wäre höchstens dann der Fall, wenn ich das schlechte Abschneiden in der Schule genetisch erklären würde. Wenn man es anders erklären möchte, dann sollte man vielleicht auch die Bildungsbereitschaft in Erwägung ziehen. Man kann es natürlich auch lassen, wenn man meint, dann als Rassist zu gelten. Dann bleibt eben alles so wie es ist.
Dass es auch viele eingeborene Deutsche gibt, die lieber dumm bleiben und auch viele türkische, die lieber schlau werden, ändert an dieser Aussage gar nichts. Es zeigt nur, dass es nichts mit Rassismus zu tun hat, auf solche Dinge hinzuweisen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.12.2009 um 22:49
Der vorige Beitrag ging an elbeo.

@Columbus
Vielleicht sollte ich vorwegschicken, dass ich den Beitrag von Christoph Butterwegge, den ich sehr schätze, ganz ok fand. Was mich an dem Artikel stört, ist allerdings, dass er die heikle Frage ausspart, ob es den Rechten schadet oder in die Hände spielt, wenn Integrationsprobleme mit einem Tabu belegt werden. Das ist für mich nämlich die entscheidende Frage, die das Abstimmungsergebnis aufwirft.
Vieles was Sie sagen, hat ja durchaus Hand und Fuß. Ich streite aber ab, dass Juden, Erbkranke, Sinti und Roma "an und für sich" ermordet wurden. Natürlich kann man argumentieren, sie wurden ermordet, weil die Nazi-Regierung das so beschlossen hatte. Der Holocaust wäre aber kaum so reibungslos über die Bühne gegangen, wenn es nicht einen tief verwurzelten Antisemitismus gegeben hätte. Und zu den gängigsten Stereotypen gehörte ja wohl, dass Juden schlau, gerissen, gierig und allzu erfolgreich seien.
Ich würde übrigens nicht "dem Islam" und auch nicht "den Türken" per se unterstellen, nicht an Bildung interessiert zu sein. Ich würde allerdings behaupten, dass unter den bei uns lebenden Migranten aus der Türkei viele sind, die sich aufgrund kultureller Prägungen mit Bildung schwer tun. Wenn etwa das Gebot, sich als Junge von einer Frau (Lehrerin) nichts sagen zu lassen, als bedeutsamer erachtet wird.
Ihr Argument, dass es nur an der "großen Zahl" und der Konzentration, sprich: Gettobildung, liegt, kann mich so nicht überzeugen. Es ergibt Sinn, wenn man annimmt, dass vorher schon eine ablehnende Haltung zur Bildung oder zu unseren Bildungseinrichtungen vorhanden war, die dann in der Gruppe verstärkt wird. Sonst ergibt es wenig Sinn oder Sie müssten mir das etwas näher erläutern.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 11.12.2009 um 23:47
Den Rechten spielt in die Hände, wenn man Tabus konstruiert und völkisches Gedeutel über Bildungsbereitschaft absondert.

Nach sicher gibt es unter Migranten Menschen, die sich mit Bildung schwer tun. Das haben sie bekanntlich mit manchen Ureinwohnern gemein. Möchten Sie als Deutscher sich nach der am Ballermann 6 aktiven Auslese beurteilen lassen? In welcher Hinsicht waren denn die Landsleute, die in Solingen und anderswo Türken verbrannten oder dunkelhäutige Menschen erschlugen, kulturell distinguiert?
Auf der politischen Ebene barmen genau jene Kreise von angeblichen Tabus, über Integrationsprobleme zu reden, die jahrelang leugneten, dass Einwanderung stattfindet und die daher jahrelang Integrationsmaßnahmen ablehnten, ihnen den finanziellen Hahn zudrehten (Deutschkurse!) oder sonstwie obstuierten, von der Blockade einer emanzipatorischen Bildungspoliktik für benachteiligte Schichten ganz zu schweigen. Und plötzlich sind die Türken aber so was von schlecht integriert, wo wir ihnen doch alle Türen geöffnet haben, nicht? Blanker Sarrazynismus.
Columbus schrieb am 12.12.2009 um 00:49
Also, Donnerstag.

Einer der größten Fehler "irgendwie Linker", ich weiß auch nicht warum mir dieses Wort von Herrn Augstein so gut gefällt, war, die Integrationsprobleme zu einem Zeitpunkt, als es eine stategische Mehrheit gab, nicht konsequent angegangen zu sein. - Das hat aber mit dem unbeweglichsten Tanker, dem SPD Schiff, und der ganzen "Schröderiana" zu tun. -Letztlich lautete die Masche, wenn die Wirtschaft brummt wird das mit Migranten und mit den vielen geburtenstarken Jahrgängen in der Bildung was. Das war ein etwas anders gefärbter Kohl/Weigel, und Merkel/Westerwelle reden nun auch wieder so.

Und die "Grünen"? Wie Sie sehen konnten, haben da auch eher die "Verbraucherberater", Vorkocher und Talkeloquenten geherrscht und Fischer war so eine Art, mal faltiger, mal runder, verjüngter "Ersatzgenscher".
Der große Kommunikator, ich sage, der größte Schummler, hat sich ja mit Schröders Ende ebenfalls privatisiert.

Nun aber zum Thema:

In Berlin machen praktisch alle Kinder einen Spracheignungstest vor der Aufnahme in die Grundschule. Vorgeschrieben ist auch, dass die Kinder mit Problemen Anspruch auf Förderung bis zum Minimalziel "Schuleignung" haben und mittlerweile auch in den ersten beiden Grundschulklassen kräftig nachgeholfen wird.

Wenn aber Grundschulen, die ja immer Kieze oder Viertel auf Fußläufigkeitsentfernung zusammenfassen, nur noch 5%.10%-20% native, deutsch sprechende Mitschüler haben, sinkt die Ausdrucksfähigkeit und auch das Differenzierungsvermögen. Die Sprache ist eine Vorform auch logische Muster zu erkennen und Voraussetzung z.B. die Textaufgaben in Mathematik zu verstehen.
Wer zu viel Zeit mit der reinen Wortbedeutung und Grammatik verbringen muss, dem fehlt die Muße für die Lösung.
- Textaufgaben und sprachliche Transferleistungen werden aber nach den Lehrplänen fast aller Bundesländer verstärkt gefordert! In allen Fächern.

Wenn Sie eine solche Grundschulklasse unterrrichten brauchen Sie ein Mehrlehrer-Konzept. Die Lehrer müssen das aber auch können. Viele haben das nicht gelernt, sind ausgepowert, daher, trotz vieler Fortbildungen, nicht allzu motiviert. Dann brauchen Sie ein Schulgesetz, das schon in der Grundschule für diese Kinder den Tag nach dem offiziellen Unterricht stark anreichert. Nicht mit noch mehr Bildung und Wissen, sondern mit Kommunikation,Spiel,Freizeitangebot in der Gruppe, Kontakt zu Vereinen, außerhalb des Kiezs, des Viertels, nicht in den ursprünglichen Peer-groups und nicht zu Hause, oder auf der Straße.

Kostet das die Eltern was, wird es wiederum schwer, weil z.B. sozial schwache türkische und kurdische Eltern bei den Familieneinkommen noch um ein Fünftel-ein Drittel unter den schon schwachen Einkommen der Deutschen sozialschwachen Familien bleiben. Dafür unterstützen z.B. ältere Türken mit doch sehr niedrigen Renten, aus sehr anstrengender Berufsarbeit, sie liegen ebenfalls am unteren Ende der Skala (Ungelernte,Schwerarbeiter, Risikoarbeiter), ihre Großfamilie und sogar Anghörige in der Türkei. Das ist erstaunlich!- Wenn Sie mir nicht glauben, dann fragen Sie mal bei den Rentenversicherungsträgern oder bei der IHK-Berlin, die hat dazu nachforschen lassen.

Dann müssen Sie das Sprachgebot, grundsätzlich Deutsch in allen schulischen sozialen Situationen, beharrlich, aber ohne Zwang durchsetzen.

Bei den paar Modellen, die bundesweit diskutiert und nach einem "Schock" eingerichtet wurden, läuft es plötzlich.

Das Schlimme ist, dass die Bildungsaufgabe zwar sonntäglich Thema ist, auch da wo Kameras surren und Reporter böse Fragen stellen, aber dann in Berlin doch wieder Autobahn, U-Bahn, Flughäfen und Sonstiges wichtiger wird. Die Stadt leidet natürlich auch unter der auf Jahrzehnte zerütteten Finanzlage, die mit dem gewachsenen Sozialetat wenig, mit Bankenpleite und Wohnbauskandal viel zu tun hat. Allein wird sie nicht entschieden vorwärts kommen (Obwohl alle schreien, die Berliner hätten Vorteile. Aber die Mehrzahl der Migranten-Klassen sind eben dort und in Köln und in Duisburg oder Dortmund). -Geschrien und gehetzt wird jedoch da, wo es kaum Migranten gibt und geben kann, rund um den Elbsandstein, in Sachsen, oder an der Küste.

Ich schreibe das, ohne noch viel mehr über die Hauptschule, die "Schulreform" mit der bald eingeführten Zwei-Klassen-Schule, etc. durch zu hecheln.

Was aber massiv aufällt und das ist durch die Schulleistungstests belegt, dreigliedrig wurde im Schulsystem schon massiv gesiebt und fehlentschieden. Ein sehr hoher Prozentsatz von Hauptschülern und Realschülern wäre vom IQ und der Arbeitsleistung gymnasialtauglich.
Für Gymnasiasten gilt, dass häufig der Elternstatus wett macht, was an Entwicklung fehlt. Auffällig auch, dass Deutschland trotz diffuser und sehr differenzierte Bildungsangebote, so viele Menschen eines Jahrgangs ohne Abschluss lässt, wie kaum ein anderes westliches Land. - Hier gab es ´mal gute Ansätze, die Schulen und Schulbehörden und damit letztlich die Budgetverteiler, unter Druck zu setzten, indem Schulen Schüler nicht mehr weiter reichen können, bis zur Häufung der Problemfälle, dass Erfolgsquoten festgesetzt werden, z.B. max. 5% ohne Abschluss. Dass der Abschluss die Schulpflicht beendet oder eine pädagogisch-psychologische Feststellung (Gutachten), und nicht wie bisher nur das Alter und die Schuljahre, dann kommt die Sense der Freiwilligkeit!- Das ist doch gerade für die Migranten fatal.

Sie sehen aber, die Politik, aber auch die Medien, sind an so viel "Feinschliff" und "genau hingucken", nicht interessiert, obwohl das auch ökonomisch billiger wäre, als hinterher mit Strafe, Justiz, Ghettoisierung und beständigen urbanen und sozialen Konflikten umgehen zu müssen.

Noch etwas zu den Muslimen. Wenn Sie z.B. Vorsteher der DITIB-Moscheegmeinden und deren Imame befragen, dann sagen die Ihnen mit Sicherheit, wir haben kein Gespräch und keinen Kontakt mit den "Gangs" an den Schulen, die sich übrigens in >80% der Straftaten gegenseitig abziehen, schlagen, verletzen. Sie sind ja auch weitgehend unter sich und höchstens der Nachbarkiez murrt, wenn sie da an Gymnasien oder auf den anderen Schulwegen auffallen.

Das ist so ein weites Feld, ich könnte Tage schreiben und mache das hier auch nur zur Illustration, sich die Dinge nicht zu einfach auf soziale und gewollte Bildungsferne und Unlust der Migranten hin zu biegen.

Ein Kindergartenkind mit anatolischem Hintergrund ist statistisch genau so klug oder so dumm, wie eine Berliner "Göre" gleichen Alters. - Wie schafft man es nur, aus beiden, mit gleichen Chancen, vernünftige und glückliche Berliner zu machen?

Grüße
Christoph Leusch
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.12.2009 um 00:55
@Elbeo
Muss ich mich da angesprochen fühlen? Ich glaube nicht. Ich fand es schon immer armselig, wie die CDU geleugnet hat, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Der Unterschied zwischen uns ist wohl eher, dass ich es auch für armselig halte, wenn Linke Integrationsprobleme leugnen. Wenn es gar keine Integrationsprobleme gibt, dann hat Kohl doch offenbar alles richtig gemacht, oder?
Ok, nicht wirklich. Schon klar, worauf Sie hinaus wollen. Die Gesellschaft ist schuld, wenn bestimmte Gruppen sich nicht integrieren wollen. Sehe ich anders: zum Teil, aber eben auch nur zum Teil.
Natürlich möchte ich mich als Deutscher nicht mit der Ballermann-Fraktion in einen Topf werfen lassen. Ich mache das auch umgekehrt mit Türken nicht.
Ich möchte das mal an einem Beispiel illustrieren: Seit ca. 2 Jahren bessere ich mein Einkommen mit Nachhilfe auf. Der Schüler, den ich in dieser Zeit von allen mit Abstand als den motiviertesten wahrgenommen habe, hatte türkische Eltern. Ich habe ihn mal gefragt, ob er nun eigentlich die türkische oder die deutsche Staatsangehörigkeit habe. Er wusste es nicht und es war ihm egal.
Einmal fragte er mich, wo ich wohne. Als ich den Stadtteil erwähnte, fiel ihm sofort die Straße in diesem Viertel ein, in der fast ausschließlich Türken und Kurden leben und in der sich eine Dönerbude an den nächsten Hochzeitsausstatter reiht, - daneben auch ein paar wirklich gute türkische Restaurants.
Da würde er auf keinen Fall wohnen wollen, sagte er mir.
Ist dieser junge Türke/Deutsche (?) nun ein Rassist? Oder könnte es vielleicht sein, dass er meint, sein eigenes Ding drehen zu müssen, wenn er hier vorankommen will und dass ihm das vordergründig bequeme Getto dabei nur im Wege steht? Und könnte es vielleicht sein, dass er genauso wenig Bock darauf hat, sich mit seinen zurückgebliebenen Landsleuten auf eine Stufe stellen zu lassen wie ich mit den Ballermann-Deutschen?
Ehemaliger Nutzer schrieb am 12.12.2009 um 01:36
@Columbus
Vielen Dank für die sehr ausführliche und sachliche Stellungnahme. Ist ja leider nicht selbstverständlich, dass man sich bemüht, auf Argumente und Fragen einzugehen.
Im Großen und Ganzen kann ich Ihnen voll zustimmen. Nur was schlagen Sie vor? Wie wäre es mit "Busing"? Immerhin könnten sich dann nicht diejenigen aus der Verantwortung stehlen, die uns diese Probleme eingebrockt haben und es wären alle gleich betroffen. Auch wenn die Herumkurverei sicher für die Schüler nicht sehr angenehm wäre. Aber eine schmerzfreie Patentlösung gibt es wohl eh nicht. Oder sehen Sie eine?
Columbus schrieb am 12.12.2009 um 19:14
Guten Abend,

Das "Busing", würde offen legen, was versäumt wurde. Da spielen die in den feineren Straßen nicht mit. Da sitzen nämlich viele, die z.B. auf Elternabenden in der Grundschule und über die Schuldirektion massiv dafür kämpfen, dass verhaltensauffällige und vorgeblich lernschwache Kinder, so lange es nicht die eigenen sind, sondern nur die, die vorgeblich deren "Karrieren" behindern, auf die Sonderschule abgeschoben werden, das Migranten ohne Förderung, am Besten auch da hin gehören (Das sind eigene Erlebnisse aus dem im Vorschul-und Schulbereich doch schon fortschrittlichen Rheinland-Pfalz).

Der einzige wirklich große Schmerz wäre eine Haushaltsumschichtung und ein wenig mehr Steuer von allen, das muss unterstrichen werden, hohen Einkommen und Einkommensarten.

Die anderen Dinge laufen eher auf der Ebene gegenseitiger Verpflichtungen: Die
Schule sagt, wir lassen nach Möglichkeit, es gibt immer Ausnahmen, keinen Schüler zurück. Die Politik sagt, gut, wenn ihr dann Probleme habt, helfen wir bei dem konkreten Problem und nicht
flächendeckend, für jeden und für Alle ein paar Brotkrumen. Die muslimischen Gemeinden sagen, ab einem gewissen Zeitpunkt beten und sprechen wir in unseren Gemeinden Deutsch, bilden unsere Geistlichen an Hochschulen hier im Lande aus, was nicht heißt, das nicht weiter arabisch, türkisch,kurdisch....geredet wird.

Es wäre doch geradezu blöd, die Spracherfahrung und Kulturkenntnisse bei den Deutschen mit "Migrationshintergrund" zu vernichten und zu leugnen. Das ist eines der besten Pfänder, in diesen Welten kulturell und vor allem auch wirtschaftlich gehört zu werden. - Leider gilt das ja auch für die durchaus vorhandene Sprachwelt des Ostens. - Selbst wenn Russisch oder Polnisch aus ganz unterschiedlichen Gründen keine Sprachen waren, die in Deutschland-Ost, vom Westen nicht zu reden, "gerne" gesprochen wurden, so liegt doch die Chance unseres Landes genau darin, die Wurzeln nicht zu kappen und solche Kenntnisse nicht verrotten zu lassen.

Wenn wir nicht jedes Mal zucken, wenn hinter uns eine fremde Sprache gesprochen wird, dann geht das auch umgekehrt, wenn die, die nun deutliche und klare Zeichen (Wer ein Haus baut) gesendet haben, wir wollen bleiben, Deutsch lernen.

Die soziale Segregation ist leider ein Thema nicht nur der Migranten, sondern auch in der Gesamtgesellschaft. Da entstanden, durch eine lange Abfolge von Einzelentscheidungen, vorwiegend in den Großstädten, Quartiere, die einerseits nichts mehr mit der Stadt, allenfalls noch mit einem Büro, einigen Kultureinrichtungen und höherwertiger Nahrungsversorgung zu tun haben wollen, andererseits solche Viertel, die jeden Bürger der dort lebt, allein durch den Wohnort in seinen Chancen reduziert. - Da kehrt Zille „Man kann einen Menschen mit einer Axt erschlagen, aber man kann ihn auch mit einer Wohnung erschlagen.", auf einem anderen Niveau, dem des Kiezes und des Quartiers zurück.

Was mir auffällt (lange im Umweltschutz, in der freiwilligen Agenda21, Bau- Denkmalpflegebeirat tätig).
Viele Leute sind sehr ungeduldig und unduldsam geworden. Grundsätzlich treten immer häufiger massive Eigeninteressen in den Vordergrund und massive Vorwürfe, die anderen meinten es nicht ernst und ehrlich. Das ist heikel und wird immer heikel bleiben, nennt sich eben Demokratie.

Da fehlt es den eigentlichen Mediatoren, das sind die gewählten Politiker, oftmals an Mut und auch an Fähigkeiten, diese Vermittler-Rolle auszuüben, denn, sie werden von den Gedanken an ihre Wählerklientel beherrscht und in Fragen des Städtebau durchaus auch von mächtigen Investoren.

Wenn ich in Berlin wohnen würde, dann bekäme im Stadtbezirk und auf Stadtebene der(die)jenige, oder die Partei meine Stimme, die ganz konkret vor Ort sagt, was sie machen will. Z.B. An allen Schule, an denen die Zahl der Migrantenkinder einen Prozentsatz übersteigt, ab der Grundschule Doppellehrer, für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Lernschwäche, für solche ohne ausreichende Sprachkenntnisse, trotz allgemeiner Förderung, ein "Assessment", d.h. woran liegt es (Elternhaus,Clique, psychische Krankheit,...) und dann Einzelförderung bis zum durchschnitlichen Leistungsstand. Nachmittagsprogramm und Hausaufgabenbetreuung in der Schule.

Ich habe mich sehr intensiv mit dem Berlin der 20er und 30er Jahre beschäftigt und kann Ihnen versichern, die Probleme der Großstadt waren damals ähnlich und noch viel größer. Es gab, von den ersten Ansätzen in der Arbeiterhilfe und in der Jugendbewegung, bis zu den sexualtherapeutischen Beratungstellen, von der Freizeitgestaltung, bis zur Initiative der Volks- und Volkshochschulbildung Alles. Viele Dinge in diesem Bereich sind einst in Deutschland erfunden und vorbildlich entwickelt worden. Deutsche und gerade viele Linke waren daran maßgeblich beteiligt. Wir könnten auch einmal darauf stolz sein.

Irgendwie hoffe ich, dass wir nicht die Nerven verlieren und dann wieder zu Scheinlösungen greifen.

Auf Berlin setze ich Hoffnungen,den da schaut die Welt hin, obwohl dieses Berlin, verglichen mit den anderen Metropolen, eher klein, ein wenig zu alt in der Bevölkerungsstruktur, und mit dem ganzen Politikbetrieb ein wenig zu medial-oberflächlich geworden ist.

Aber, die Berliner beherrschen doch die Fähigkeit, aus Nichts oder Wenig,ein Etwas zu machen.

Liebe Grüße
C. Leusch
Angelia schrieb am 11.12.2009 um 22:29
Wesentlich an diesem Artikel finde ich das Fazit, das Herr Butterwegge zieht:
“Kulturelle und religiöse Gegensätze basieren meist auf tieferliegenden Konflikten, für die man die Mehrheitsgesellschaft sensibilisieren muss. Die globale Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise dürfte in nächster Zeit zu größeren sozialen Verwerfungen führen.[...]“

Man muss sich doch nichts vormachen, in jeder monotheistischen Religion findet man Fundamentalismen, offen oder subtil ausgelebt, vor. Hier gibt es nur einen signifikanten Unterschied zwischen Judentum, Christentum und Islam - seit GW Bush´s Kreation der Achse des Bösen, sind Muslime in den Fokus der Betrachtung gerückt worden. Und letztendlich basieren Konflikte nicht nur mit Muslimen, auf den Grundlagen der westlichen, insbesondere us- amerikanischen Politik und Wirtschaftsstrategien der letzten Jahre.

Nicht nur Muslime wenden sich, wegen der zunehmend unwirtlich ( um nicht unmenschlich schreiben zu müssen) gewordenen Wirklichkeit, stärker, ja sogar “radikaler” der Religion zu. Man traut Politkern und anderen Entscheidungsträgern kaum noch Lösungskompetenzen zu. Das universal geltende Wertesystem wurde zu Gunsten des Monetarismus und imperialistischer Größenwahngedanken nicht nur ausgehebelt, sondern im weltpolitischen Tagesgeschäft ad absurdum geführt. Vorbilder, die universale Werte vermitteln und Richtung geben können, findet man kaum noch vor. Was liegt da näher, als sich an imaginäre höhere Wesen und deren Platzhalter, die von jeher den Anspruch auf das absolute Wissen und die absolute Wahrheit für sich verbuchten, auf Erden zu zuwenden?
Insofern ist eine radikale Zuwendung zu Religionen genauso ein erhebliches Risiko für eine z.Z geschwächte säkulare und demokratische Grundordnung, wie die radikale Ideologie der freien Märkte.

Und ist das Futter bedroht ( der Wohlstand bei uns) ist sich jeder selbst der Nächste. Einen besseren Nährboden für Rassismus haben wir zuletzt nach der ersten Weltwirtschaftskrise gehabt, die sich witzigerweise in ihrer Genese, kaum von der jetzigen unterscheidet.

Wir müssen in der Tat aufpassen, dass wir uns nicht ausschließlich mit Symptomen befassen und gar nicht mehr mit Ursachen. Oder hat hier jemand schon mal erlebt, dass man mit einer Kopfschmerztablette einen Hirntumor geheilt hat?

Es wird eine immense Kraftanstrengung der Vernunft erfordern, um:
a) Symptome nicht mit Ursachen zu verwechseln
b) Ursachen klar zu benennen und in das gesellschaftliche Bewusstsein zu bringen
c) von der Ursachenseite aus Argumentationsstränge klar, sachlich und deutlich auszuarbeiten
d) sich zu überlegen, wie wir zukünftig leben wollen
e) aktiv Druck auf Entscheidungsträger auszuüben, z.B medial und öffentlich per Demonstrationen

Es kann jedenfalls nicht sein, dass wir uns auf Nebenschauplätzen komplett verausgaben. Es kann nicht sein, dass wir uns vom Wesentlichen ablenken lassen. Es kann nicht sein, dass universelle Werte komplett ausgehebelt werden und es statt dessen zu einem erneuten Kampf der Kulturen und Religionen kommt, nur weil Wirtschaftsideologen und einige wenige dumme Machtbesessene keinen Bock auf Kurskorrekturen haben.

Amen ;-)))
Magda schrieb am 11.12.2009 um 22:56
Halleluja - :-)))

War gut resümiert.
Angelia schrieb am 12.12.2009 um 10:06
:-))) Danke Klara
j-ap schrieb am 11.12.2009 um 23:46
Nach zweimaliger Lektüre des Artikels stelle ich fest, daß er zur Hälfte korrekt und zutreffend auf den Punkt bringt, worum es geht, zur anderen Hälfte allerdings das Feld, auf das er ein Licht werfen will, unter einem verkehrten Vorzeichen betritt und letztlich das Problem auf einer unvollständigen Ebene entfaltet, die der Sache nicht abschließend gerecht wird.

Durchaus richtig und erklärlich ist der gewählte Ansatzpunkt, um die Frage zu klären, wie es eigentlich zu jenen bisweilen verwunderlichen Allianzen zwischen tatsächlich unbescholtenen Kommentatoren des aktuellen Geschehens einerseits und andererseits beinharten Populisten vom politischen Rand kommen konnte. — Man hätte diese Befunde, dieses ganz erstaunliche weil mäandernde „Bündnis zwischen Mob und Elite“ freilich auch mit Arendt entfalten können oder, wer es aktueller mag, mit Ryklin, der zwar in anderen Zusammenhängen, aber auf der Höhe der Zeit genau dazu Erhellendes ausführt (M. K. Ryklin: Kommunismus als Religion, Suhrkamp, Frankfurt a. Main 2008).

Nach diesen Präliminarien folgt ein Satz, der sehr präzise trifft:
»Um diese abzuwehren fordert der Rechtspopulismus verschärfte Asylgesetze, technisch perfektionierte Grenzkontrollen und Abschottung der „Wohlstandsfestung“ (West-) Europa.«

Und exakt hier beginnt die Sache, diffizil zu werden, weshalb es nötig ist, genau zu bleiben: Es sind nämlich nicht nur die waschechten Rechtspopulisten, die den Ruf nach geschlossenen und streng überwachten EU-Außengrenzen hören lassen. Sie teilen sich diesen Imperativ der Exklusion nämlich mit den tatsächlichen oder vermeintlichen Konservativen namentlich der Law&Order-Fraktion (Koch, Schäuble, seinerzeit noch Beckstein). Damit ist die Angelegenheit aber eben noch nicht zu den Akten zu legen, ein wesentliches Erkenntnisstück fehlt nämlich noch bei den Asservaten: Auch weite Teile des linken Lagers teilen diese Neigung zur Exklusion. Während der rechte politische Rand nicht müde wird, von kulturellen, ethnischen, zivilisatorischen Differenzen zu phantasieren, greifen die Linken sowohl als auch die (nicht primär religiös argumentierenden) Konservativen in trauter Gemeinsamkeit auf eine andere Vokabel aus der Rumpelkammer zurück: Auf die sog. „Einwanderung in die Sozialsysteme“.

Da wird die Kontaktfläche einsehbar, auf der sich all diejenigen versammeln, die in diesen aufgeregten Diskurs verstrickt sind, und es ist dies wie erwähnt ein sehr bunter Haufen, der sich aus allen Ecken und Enden des parlamentarischen Farbenspektrums rekrutiert. Woher kommt der? Wie ist derlei möglich? Darüber schweigt sich Butterwegge aus, vertagt das ganze auf eine recht dünne Figur aus der Schichtensoziologie (dazu später noch ein Wort), deshalb will ich mich kurz um eine Skizze bemühen.

Wie der Artikel beiläufig selbst erwähnt, ist der derzeitige psychopolitische Zustand der Europäer verfaßt als Bewußtsein einer echten und tiefgehenden Krise, deren Fernwirkungen derzeit niemals so recht absehen kann. Es handelt sich hier nicht nur um eine Krise der Bankbilanzen, der Derivatpositionen in den Portfolios diverser Zweckgesellschaften und auch nicht nur um eine Krise der Staatshaushalte, also nicht um eine Krise, die lediglich an der Oberfläche verbliebe. Auch dort, wo man es noch ganz luxemburgistisch ernst meint mit der Alternative zwischen „Emanzipation und Barbarei“, wurde noch nicht begriffen, daß diese Entscheidung in Wahrheit längstgegen die Emanzipation gefallen ist.

Das hat zu tun mit der spezifisch europäischen Krisenlösungsstrategie, die seit jeher und im glatten Gegensatz zu den „amerikanischen Verhältnissen“ auf Krisenprävention setzt und deshalb ständig nach dem berühmten „sozialpolitisch aktiven Staat“ rufen muß. Dieser sozial aktive und aktivierende Staat — gedacht wohl als ein überparteilicher Agent des Gemeinwohls, tatsächlich aber dessen ärgster Feind — muß zur Aufhebung der Krise zu starken Mitteln greifen, also notwendig früher oder später tief autoritäre und panische Züge annehmen und damit das, was er als Emanzipation verkaufen will, in noch schlimmere Barbarei ausarten lassen, deren mittelbare Ergebnisse nun zu Buche schlagen.

Die Sehnsucht, die diese Krise evoziert, ist bei genauer Betrachtung nämlich nicht ein Wunsch nach Veränderung, sondern im Gegenteil eine Sucht danach, daß alles tunlichst so bleiben möge, wie es jetzt ist: Die sozialen „Sicherungs“systeme sollen nicht angetastet werden, die Ausgaben sollen nicht gesenkt werden (im Gegenteil, die keynesianische Betriebslogik legt nahe, sie noch zu erhöhen) usw. usf. Statt den Mut zur Änderung aufzubringen, die ja immer mit prekären Zumutungen verbunden ist, statt einmal nicht das Hohelied der Staatsintervention zu singen und einmal nicht auf die Heuschrecken zu schimpfen, herrscht allüberall das Bedürfnis nach sozialer Harmonisierung, nach klarer Struktur und klarer Ordnung, nach Entflechtung des allzu Komplizierten. In anderen Worten: Nach Verstaatlichung der Krise.

Während zu früheren Zeiten die zyklisch und periodisch auftretende Krise der Ökonomie noch insofern Spuren beim Individuum hinterließ, als es sich selbst verstört wußte, läßt das permanente Versagen des Krisenpräventionsstaates das Kollektiv der Staatsanbeter sofort nach den Störern fahnden — und damit sind wir beim Kern der Sache: Diese Störer werden, je nach weltanschaulicher Disposition, mal als Imperialisten, Kapitalisten, Heuschrecken, Spekulanten, Ausländer oder eben: als Muslime identifiziert.

Es wäre also wirklich höchste Zeit, sich einer profunden Kritik der Suche nach dem Störer anzunehmen. Es ist dies ein weites Feld, es wurde hier im Rahmen des Möglichen nur angedeutet.

Beste Grüße und einen geruhsamen Abend,

Josef Allensteyn-Puch
j-ap schrieb am 12.12.2009 um 00:04
Huch...?

Hm. Ich rede zwar schon länger nicht mehr mit dem allmächtigen Baumeister aller Welten, würde aber glatt wieder in Form eines einschließenden Nachgebetes damit anfangen, wenn sich irgendeine unsichtbare Redaktionshand dazu entschließen könnte, einen von mir sauber verpfuschten kursiv-Tag zu korrigieren (vermutlich den nach "zwischen Mob und Elite" <-- /em).

Ergebensten Dank!
Angelia schrieb am 12.12.2009 um 10:41
Tja, der Haken an Analysen kommt immer dann zum Vorschein, wenn Ursachen aus beiden Denkrichtungen (pauschal rechts - links) zu verorten sind.
Eine kalte Analyse kann m.E. nur dann mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffend sein, wenn man sich möglichst ideologiefrei auf eine Metaebene begeben und wenn man neutraler Beobachter sein kann. Das fällt wohl allen ziemlich schwer. ;-) Insbesondere, wenn knallharte Interessen im Spiel sind.

M.E. war die „Verstaatlichung der Krise“ bereits im Kern angelegt, als es, frei nach dem angloamerikanischen Konzept zur Abschöpfung globaler wirtschaftlicher Möglichkeiten, um die Neuverteilung der Chancen und Risiken sowie der Kosten und des Nutzens ging. M.E. geht es nun aktuell weniger um soziale Harmonierung, sondern viel mehr um einen Ausgleich der Kräfteverhältnisse.

Ich denke, das menschliche Streben nach Überschaubarkeit, Ordnung und Struktur ist bereits im Umgang mit Komplexität angelegt. Für das Überleben ist diese Strategie genauso schlicht notwendig, wie eine Anpassung an neue Gegebenheiten. Und hier schließt sich unser Kreis - analysieren wir nicht neutral sondern interessengeleitet und ideologisch, wird uns eine Anpassung nicht besonders gut gelingen, weil wir wahrscheinlich schlicht falsche Ziele setzen werden.

Ein geruhsames Wochenende
Giuseppe Navetta schrieb am 12.12.2009 um 19:20
"...analysieren wir nicht neutral sondern interessengeleitet und ideologisch, wird uns eine Anpassung nicht besonders gut gelingen, weil wir wahrscheinlich schlicht falsche Ziele setzen werden."

Es ist nicht notwendig, die oft auch nur vermeintliche Werteneutralität gewisser wissenschaftlicher sozioökonomischer Debatten innerhalb der politischen Auseinandersetzung weiterführen zu wollen, denn gerade dort ist wertebesetzte Position das letzendlich entscheidende Moment. In der Wissenschaft ist die intersubjektive Überprüfbarkeit eine Funktionalität oder wenn sie so wollen, Arbeitsrichtlinie innerhalb verschiedener erkenntnistheoretischer Instrumente, aber mehr auch nicht. Sie können sie für allerlei verwenden, für das Gute wie für das ethisch Verwerfliche. Eine Direktive für das politische Denken und Handeln daraus machen zu wollen, führt in eine Sackgasse, die "unserem" Land schon einschlägig bekannt ist. Man ist nicht ein bisschen demokratisch, so wenig wie man ein nur wenig schwanger ist.
Angelia schrieb am 13.12.2009 um 11:29
“Es ist nicht notwendig, die oft auch nur vermeintliche Werteneutralität gewisser wissenschaftlicher sozioökonomischer Debatten innerhalb der politischen Auseinandersetzung weiterführen zu wollen, denn gerade dort ist wertebesetzte Position das letztendlich entscheidende Moment.“

Das wird wohl so sein, aber ist nicht genau diese Erkenntnis schon ein Schritt nach vorn? Wen mich meine Logik gerade nicht im Stich lässt, impliziert diese Erkenntnis immerhin worum es wirklich geht, um Interessen und Interessenkonflikte. Keinesfalls um irgendwelche Wahrheiten. Sind wir in diesem Sinn einer Wahrheit nicht sogar einen Schritt näher gekommen? Was diskutieren wir hier also, wenn nicht knallharte Interessen?
h.yuren schrieb am 12.12.2009 um 19:50
mit dem artikel bin ich weitestgehend einverstanden. aber mir missfällt vor allem die wortwahl, wo vom "neuen Rassismus" die rede ist.
es ist ein graus, dass in der verfassung der brd noch immer das wort "Rasse" vorkommt. den verfassern kann man nachsehen, dass sie es nicht besser wussten und durch die umstände wie gewohnt sprachen. politisch verantwortliche hätten mit sprachbewusstsein längst das unwort streichen müssen (nicht etwa ersetzen dürfen durch "Menschentypus" gemäß dudenvorgabe).

von einem angesehenen sozialwissenschaftler erwarte ich heute, dass er die vokabel nur in dem kontext gebraucht, in den sie historisch gehört.
heute darf mensch allgemein wissen, dass das gerede von "Rassen" in bezug auf menschen ein überholter biologismus ist. die biologen haben den begriff für obsolet erklärt, weil er keinem realen sachverhalt entspricht.
"menschenrasse" ist ein unbewiesener und unbeweisbarer ausdruck aus der vergangenheit. es gibt keine "menschenrassen".
unabhängig von den forschungsbefunden der biologen verrät die veraltete redeweise ein menschenbild, das nicht den menschen im menschen sieht, sondern ihn von beäugt wie ein sklavenhalter.
h.yuren schrieb am 12.12.2009 um 19:55
sorry, es muss heißen:
" ..., sondern ihn von außen beäugt wie ein sklavenhalter."
Columbus schrieb am 13.12.2009 um 01:52
Absolut treffend, Herr Yuren,

Menschen-Rassen gibt es wirklich nicht (Cavalli-Sforza).

Und Alles was bisher über Zucht und Züchtung bei Tieren bekannt ist, verweist auf die Tatsache, dass "Vermischung" möglichst unterschiedlicher Genpools die größte allgemeine biologische Fitness mit sich bringt. Daher sind auch hochphilosophische, manchmal gar religiöse und ethnische Motive als Anregungen zu "Zuchtwahl" oder "Veredelung", dunkelstes Hinterzimmer.

Leider sind auch Naturwissenschaftler, vor allem wenn sie auf der Anwenderseite arbeiten, also Patentfähiges und Verkäufliches herstellen, leicht geneigt, von der Petrischale über die Nutztiere alles Mögliche auf den Menschen zu übertragen.

Die "Züchtung" ist im Bereich der Tierwelt und der Agrarpflanzen, sowie bei Zierpflanzen weit fortgeschritten. Das verführt übermütig zu werden, ohne die negativen Auswirkungen zu bedenken.

Z.B. Schweine auf Fleischmasse und Standfestigkeit im Stall hin gezüchtet, brauchen eine stressfreie Kunstumgebung, vertragen keine Wetterwechsel, keinen Freilauf, müssen zwangsläufig medizinisch rundum betreut werden und brauchen mittlerweile erheblich angereicherte Futtermittel, ohne die schnelles Wachstum und hoher Grundumsatz, daher sollen sich die Tiere auch möglichst nicht viel bewegen, unmöglich sind. Gleiches gilt z.B. für die Milchkuh-Züchtung der berüchtigten HF-Kühe(Holstein Frisian) mit weit über 10.000 kg Milchleistung. Das ist eine in den Vereingten Staaten hoch gezüchtete und deshalb reimportierte Milchviehrasse mit höchster Milchleistung, die aber enorme Mengen an Kraft-Futter (Import, Verdrängung menschenwichtiger Nahrungspflanzen) braucht und eine geradezu klinische Stallführung. Das macht man im Münsterland mit bis zu 2000 Kühen in einem Betrieb, Melkrobotern, Mistrobotern, computergesteuertem Stallklima, Futtergabe nach täglicher, vollautomatischer Gewichtsmessung, etc.pp. Der Clou. Die wenigen Hochleistungsstammbäume sind mittlerweile so verzüchtet, dass die Gebährfähigkeit der Milchkühe rapide abnimmt und man nun über Klone nachdenkt, die dann patentiert, von 2-3 großen Frierspermaanbietern, später völlig aus dem Labor, auf den Markt kommen. Heute dreht sich alles um das konkurrenzfähige HF-Sperma und die Mutterkühe. In Zukunft wird es patentierte Kuhklonlinien geben. - Diese Biologie ist extrem anfällig. Der Klon muss nur einen virulenten Erreger fangen und 60-90% der Milchviehpopulation sind dann über die Wupper.

Selbst Naturwissenschaftler nehmen Darwin und die Evolutionbiologie nicht ernst, die zwar die Mechansimen der Evolution gut kennen, aber eindeutig warnen, dem Evolutionsprozess eine Richtung geben zu wollen. - Das geschieht heute aber in einem immer umfangreicheren Maß.

Grüße

Christoph Leusch
Giuseppe Navetta schrieb am 13.12.2009 um 05:10
Guter Hinweis, was das biologistische Weltbild angeht, aber Christoph Butterwegge zeichnet hier doch,ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen, die Zusammenhänge zwischen Sozialdarwinismus, Neoliberalismus und der Rolle rassistscher Stigmatisierung auf, daran ist doch wohl nichts auszusetzen!
weinsztein schrieb am 13.12.2009 um 05:29
so ist es, Giuseppe
Angelia schrieb am 13.12.2009 um 11:35
Ja aber wie soll man denn verstehen, dass Darwins Survival of the Fittest und Sozialdarwinismus womöglich gar nicht ein und das Selbe meint? Ich meine, ist das Recht des Stärkeren auch gleichzeitig das Recht auf Eigenkreationen auf dem Boden beliebiger Interpretationen wissenschaftlicher Ergebnisse? Wobei der Stärkere ja nicht zwangsläufig der an Umstände Bestangepasste sein muss. Eigentlich dürfte es gar nicht Sozial-Darwinismus heißen, sondern Sozial-Kreatonismus, dann wüsste wenigstens jeder, dass das Eine mit dem Anderen nix zu tun hat. Unter diesen geklärten Vorzeichen stünden die Gesetze der freien sich selbst regulierenden Märkte ja vielleicht auch Disposition. Zumal diese Gesetze dann gar keine natürlichen, sondern menschlich kreierte wären. Und überhaupt, gab es da nicht mal so eine Art Gesellschaftsvertragsidee, die genau das Recht des Stärkeren ( der Mensch ist dem Mensch ein Wolf usw.) außer Kraft setzen sollte? Haben Menschen nicht bereits erkannt, dass das Recht des Stärkeren irgendwie kontraproduktiv für das Überleben der Spezies Mensch ist? Also ich fühle mich irgendwie für dumm verkauft. hmm...
h.yuren schrieb am 13.12.2009 um 11:39
wenn die sache obsolet ist, sollte die sprache nicht so tun, als wäre dem nicht so.
ich habe ausdrücklich nur den sprachgebrauch kritisiert. der ist nicht auf der höhe der zeit.
Columbus schrieb am 13.12.2009 um 17:54
ad Angelia schrieb am 13.12.2009 um 11:35

Liebe Angelika,

Es gibt diese Gründe, warum Geistes- und Sozialwissenschaften so danach gieren, und manches Mal sogar Zeitungsartikel und Politikerstatments damit "eingefärbt" werden, naturwissenschaftliche oder biologistische Begriffe zu verwenden.

1. Glauben die Leute die das tun, dass damit ein Erkenntniswert verbunden ist.

2. Glauben sie sich dann frei von den, einem Naturwissenschaftler eher fremden Gedanken und Hemmnissen für Theorien und Thesen, dass eine Erkenntnis
immer situativ, interessenunterfüttert und politisch ist. Die Leser/ Nutzer des Vokabulars soll glauben, es handele sich um "Naturgesetze"

3. Diese "Wissenschaftler" glauben, ihre soziale Wissenschaft entgehe damit der Tendenz zur Stigmatisierung.

Herr Butterwege, da bin ich mir sehr sicher, ist kein Forscher und kein Schreiber, der so etwas unterstützt, ganz im Gegenteil. Die Begriffe sind ihm aus der alltäglichen Diskussion in seinen Artikel geraten, weil sie mittlerweile so populäre Verbreitung fanden.- Sie werden ja auch verstanden.

Sie dürfen sich tatsächlich auf den Arm genommen fühlen, wenn Ihnen wieder einmal jemand erzählt, die Intelligenzpotentiale eines Kindes mit anatolischen Wurzeln oder italienischen Eltern (dazu gibt es, es klingt lachhaft, tatsächlich auch Studien!) seien schlechter als die deutscher Kinder. Sie dürfen den Kopf schütteln, wenn wieder jemand behauptet, Muslime, und besonders Türken und Araber, könnten schlechter denken.

Dann kommt noch das Prinzip "Leistung". Wenn es populistisch gelingt, den Leistungsbegriff biologistisch auszukleiden (Sarrazin hat das ja versucht, Heinsohn macht das, manche Elitechristen aus der evangelischen Welt neigen dazu) glauben viele einfach gestrickte Leute, die durschnittlich deutlich niedrigere Bildung der türkischen und kurdischen Migranten in Deutschland sei angeboren und genetisch.

Mit einem solchen "Repertoire" lässt sich dann leicht behaupten, wie das z.B. in den rechten "Pro-Foren", die derzeit so viel Zulauf haben, beständig gemacht wird, "Türken", "Kurden" und "Muslime" seien nicht integrierbar, es sei denn, man suche sich unter Ihnen jene aus, die man für "zivilisierbar" (assimilierbar) halte.

Auf der sichtbaren Ebene lautet das dann, baut Moscheen, die wir als solche nicht erkennen (jedenfalls nicht im Fernsehen, nicht im Straßenbild), baut wie in Penzberg. Ein Teil der Rechten (5-10%) ist aber "schon weiter". Die sagen, wir wollen keine Muslime in Deutschland und in Europa. So sieht es derzeit, nach meiner Anschauung, aus.

Ich glaube, wir können Christoph Butterwege verstehen, wenn er strikt sozialwissenschaftlich argumentiert und den "Populismus" in diesen Fragen, als dienstbare Magd zur Absicherung elitärer Interessen entlarvt. - Giuseppe Navetta hat das, viel knapper und präziser als ich es kann, schon gesagt.

Grüße
Christoph Leusch
Querdenker schrieb am 14.12.2009 um 11:05
Sie dürfen sich vor allem auch auf den Arm genommen fühlen, wenn Ihnen wieder einmal jemand erzählt, die Anfälligkeit für Rechtspopulismus sei bei Kindern mit deutschen Wurzeln oder Schweizer Eltern größer als bei türkischen oder arabischen Migrantenkindern.

Das Problem war nie, DASS "Türken", "Kurden" und "Muslime" nach Europa kommen, sondern WELCHE "Türken", "Kurden", "Muslime" genau. Man hat da einfach nicht hingeschaut, es waren ja schließlich nur "Gastarbeiter".

Schicken Sie mal eine Mischung aus - die folgende Auswahl ist rein zufällig und soll nicht diskriminierend wirken - bayrischen Dorfkatholiken, ostdeutschen Wendeverlierern und Großstadtalkoholikern in die Türkei oder nach Nordafrika - was glauben Sie, wie schnell man dort an der "PRO-ISLAM"-Front zu der Erkenntnis gelangt, dass "Deutsche" oder "Christen" nicht integrierbar sind?

Interkulturelles Zusammenleben erfordert immer auch eine gewisse Intelligenz, Bildung, Neugier, Erfahrung - auf beiden Seiten. Je größer der kulturelle Unterschied ist, um so mehr wird von diesen Eigenschaften bei den Menschen erforderlich sein. Nur die wenigstens sind dazu wirklich im Alltag in der Lage (im Urlaub schon eher). Arbeitsmigration und der damit erzwungene dauerhafte Verlust von Heimat und Freunden sind aber meistens schon schlechte Vorraussetzungen für das mentale Gleichgewicht, das funktioniert bei vielen schon innerhalb Deutschlands nicht.

Menschen sollten ungehindert Grenzen überschreiten können, wer wünscht sich das nicht. Es wäre aber naiv zu glauben, dass dies in jeder Form immer gut und richtig für die Stabilität einer Gesellschaft und zum Wohle von Menschheit und Natur ist.
Columbus schrieb am 14.12.2009 um 13:43
ad Querdenker 14,12.2009

>>Das Problem war nie, DASS "Türken", "Kurden" und "Muslime" nach Europa kommen, sondern WELCHE "Türken", "Kurden", "Muslime" genau. Man hat da einfach nicht hingeschaut, es waren ja schließlich nur "Gastarbeiter".<<

Sie unterliegen einem Irrtum, wenn sie glauben, der Umkehrschluss enthalte eine grundwahre Botschaft. Der "Import" von sozial Schwachen (eben nicht dummen oder weniger intelligenten Menschen, -Sie ziehen ja den Schluss, wer nicht vorwärts kommt in dem hießigen Leben, der sei wohl entweder "dumm" oder "depraviert", oder "krank". Sie schließen,- vielleicht von sich, auf andere, "die müssten es doch nur so machen wie ich". Sie folgern, es läge an der Auswahl, ...) ist der Regelfall für Einwanderungsländer. Die machen das aus ganz schnöden materiellen Gründen. Übrigens Alle, weltweit!

Die USA leisten sich sogar ein zweigeteiltes System: Legal, Auswahl und Quote; Illegal, viel mehr (!), "durchlässige" Grenze mit, oder ohne Zaun und Mauer und den ganzen Folgen an Kriminalität, der Sicherheitshysterie, des Steuerbetrugs und der Ausbeutung von illegaler, weil "schwarzer" und extrem abhängiger Arbeit.

Die Einwanderung von "Experten", "Spezialisten" oder gerade benötigten "Fachkräften" (IT, Krankenschwestern, Finanzmanagern) war doch noch nie ein Problem für Gesellschaften, sehen wir einmal davon ab, dass wegen der inhärenten Feindlichkeit gegen sichtbare Andersartigkeit in Europa, Pakistani, Inder, Araber und Afrikaner mit Bildungs- und vor allem Geldhintergrund doch noch lieber nach den USA, oder in die Metropolis London, an die Hauptorte der Geschäfte, ziehen.

Hier bei uns leben, je nach Schätzung 3- 3,5 Millionen Muslime. -Ich will mit ihnen auskommen, will dass sie in ihrem Verständnis Bürger in dieser Gesellschaft sind und bleiben, will, dass ihre Kinder aus der sozialen Benachteiligung heraus kommen. Sie sind meine Nachbarn, in der Stadt meine Mitbürger, häufig aber ohne Wahlrecht. Sie leben da, seit Jahrzehnten.
- Klar, auch da haben sich zu Viele in Kiezen und Quartieren abgekapselt, und die Kiezjugend hört weder auf den Imam, noch auf die Eltern.

Bitte "Querdenker",denken Sie einmal so "quer", dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, die zweifellos vorhandenen Integrationsprobleme pragmatisch an zu gehen. Keine politischen Symbolhandlungen abzufeieren und auch nicht mehr den Eindruck zu erwecken, die Zuwanderung sei das Problem. Jeden Tag werden "Deutsche Jungs- und Mädchen" geboren, die ein wenig anders aussehen, als vermutlich Sie oder ich, sie werden anders, aber meist nicht schlechter oder besser, erzogen, und haben andere Namen und zumindest nach dem Namenseintrag bei den Standesämtern, die Realität ist auch unter "stämmigen" Deutschen eine ganz andere Sache, eine andere Religion.

Daher geht es hier einzig und allein darum, aus dem Potential unserer Gesellschaft etwas zum machen. Wir brauchen Jeden und können Probleme, die unsere Probleme sind, nicht wegschieben.

Das können wir, ohne immer mit dem erhobenen Finger "Auswahl" zu fordern.

"Auswahl" bestimmt ja auch unser Schulsystem, das eher ein politisches Inertialsystem ist und OECD-attestiert, ständig riesige "Fehlbelegungen und Nicht-Belegungen" tätigt. Das Gleiche gilt für eine trennende Stadtpolitik, die ganz darauf ausgerichtet ist, den "Besseren" im Speckgürtel eine sündhaft teure Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur aufrecht zu erhalten. Schlimmer noch, das gilt als Prinzip der städtischen Entwicklung und Profiterzielung. - Kein Wunder, dass genau dieser Sektor auch ein bevorzugtes Interesse bei Investoren, Spekulanten und Immoblienhändlern genießt und die Korruption im Baubereich zum Himmel stinkt.

Auf der einen Seite sagt man, dies sei "geplant", auf der anderen Seite heißt es, dies entspräche dem "freien Willen der Bürger".

Was in fernen Ländern vermutlich passieren würde, das kann mich in diesem Sinne und zu dieser Frage, der wichtigen Integrationsfrage, kaum interessieren.

Mahlzeit und Grüße
Christoph Leusch
Querdenker schrieb am 14.12.2009 um 14:50
Man könnte die Probleme ganz anders lösen, wenn man endlich mal ehrlich wäre und nicht immer wieder behaupten würde, die Gesellschaft braucht jeden. Das stimmt einfach nicht - weder volkswirtschaftlich, noch aus einem soziokulturellen Blickwinkel betrachtet.

Mit dem Märchen von der "Vollbeschäftigung" fängt z.B. die Stigmatisierung von "Arbeitslosen" und "Sozialhilfeempfängern" durch Politiker erst an. Es wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit niemals mehr eine Vollbeschäftigung in Deutschland oder Europa geben. Warum auch? Brauchen wir gar nicht bei der heutigen hohen Produktivität. Vielleicht noch Teilbeschäftigung für einen Großteil der Menschen, ansonsten geht es nur noch um gerechte Verteilung und - sagen wir mal: sinnvolle Freizeitbeschäftigung.

Machen Sie aber nicht den Fehler, von der "Ersten Welt" in die "Dritte Welt" umverteilen zu wollen. Das funktioniert nicht. Sie müssen das mit dem Wissen und der Produktivität global vor Ort hinkriegen. Das funktioniert aber nur, wenn die in der "Dritten Welt" benötigten Fachkräfte nicht in die "Erste Welt" abwandern, wo sie - man ahnt es bereits - eigentlich gar nicht benötigt werden.
Columbus schrieb am 14.12.2009 um 18:50
Querdenker schrieb am 14.12.2009 um 14:50

"Man könnte die Probleme ganz anders lösen, wenn man endlich mal ehrlich wäre und nicht immer wieder behaupten würde, die Gesellschaft braucht jeden. Das stimmt einfach nicht - weder volkswirtschaftlich, noch aus einem soziokulturellen Blickwinkel betrachtet."

Also Herr Querdenker,jetzt müssen Sie aber schon sagen wer da "soziokulturell" und "volkswirtschaftlich" nicht gebraucht wird. Sie meinen jetzt sich selbst, "Fro" oder mich? - Es war so allgemein gesagt! Da können Sie vielleicht einmal genauer erklären, was Sie meinen und vor allem, wer das dann definieren darf. Wollen Sie abstimmen, oder sollen die Volkswirte-, Betriebswirte- und Kapitalbesitzer, im Falle des "Soziokuturellen", z.B. Herr Gottschalk oder Peter Sloterdijk entscheiden? Dürfen die Migranten noch mitstimmen?

Wie geht es, ginge es Ihnen, wenn man Sie zu jemandem stempelte der "soziokuluturell" und "wirtschaftlich" nicht gebraucht wird? - Einmal abgesehen davon, ob diese These überhaupt stimmt. Sie wissen doch der Herr Sarrazin glaubt auch zu wissen, wer nicht gebraucht wird. Das Thread dreht sich ja um die Frage des neuen Rechtspopulismus.

Gehören solche Fragen zur gesellschaftlichen "Brauchbarkeit" unbedingt dazu, oder ist das ein eigenes Feld?

Liebe Grüße

Christoph Leusch
Angelia schrieb am 14.12.2009 um 20:51
Hallo Columbus

Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.
Wissenschaft:
Mir jedenfalls wäre an einem seriöseren Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Wissenschaft sehr gelegen. Nichtsdestotrotz gilt wohl: “glaube keiner Studie die du nicht selbst verstanden hast und deren Auftraggeber du nicht kennst” ;-)

Populisten/Förderung von Fremden- und anderen Hass:
Solche Leute wie Sarazzin und was noch viel schlimmer ist, dessen neuster Protege Safranski, sind für mich indiskutabel. Wer prüft schon regelmäßig Aussagen auf ihre Richtigkeit, insbesondere wenn man nicht vom Fach ist. Hinzu kommt natürlich, dass man in den von Ihnen erwähnten einschlägigen Foren derartige Sarrazin´sche Argumente gern aufgreift und man dort auf Lern- und Betratungsresistenz stößt.

Und aus diesen Gründen muss man immer noch diskutieren, dass Vorurteile, Radikalismus und Rassismus weder national bedingt, noch Integration primär eine Frage der Intelligenz ist. Wohl aber eher eine Frage der Sozialisation. Ich könnte niemals in einen Beduinen- oder Paschtunen - Stamm integriert werden. Und fern ab jeder Sozialromantik müsste ich mich berechtigterweise Fragen lassen, was ich denn für ihre Gesellschaft tun und zu deren Überleben beizutragen gedenke.

Bildung:
Sicher, Sprachförderung, Bildung und Förderung von Basiswissen und -können, Talenten und Begabungen haben eine Schlüsselfunktion. Nicht nur beim Thema Integration und Ausschöpfung von Potentialen. Und es muss auch nicht jeder, will jeder und es kann auch nicht jeder Akademiker werden. Doch Bildung kann nicht mehr als ein verpflichtendes Angebot sein. Eine Chance. Nutzen muss es schon jeder selbst. Eine Garantie, dass geförderte Potentiale auch im Ausbildungsland bleiben, die gibt es in einer durch Technologie klein gewordenen Welt nicht. Doch es kann nicht sein, dass muslimische Mädchen nicht am Sportunterricht oder Klassenfahrten teilnehmen. Muslimische Mädchen haben genauso das Recht sich aus Bevormundung und von Abhängigkeiten zu emanzipieren, wenn sie es wollen.
Immerhin sollte mir zumindest im Ansatz klar sein, in welche Form von Kultur ich einwandern will. Ich werde mir einen Gottesstaat sicher auch nicht nach meinem Geschmack zurechtformen können.

Städtebau:
Sie werden kaum in Meerbusch/Büderich Sozialwohnungen bauen und vorfinden. Es ist eine Frage der Gestaltung von Sozialwohnraum, Siedlungen und der Infrastruktur. Wenn man diese aber an ausländische Investoren verhökert, die diese Siedlungen statt zu pflegen und attraktiv zu gestalten erst ausplündern und dann verrotten lassen, dann haben wirklich ein Problem.

schöne Grüße Angelia
Fro schrieb am 14.12.2009 um 22:53
Hallo Columbus
Ihre Beiträge gefallen mir und ich verstehe Ihr Misstrauen,aber können wir jeden Interessierten bedingungslos einwandern lassen? Ich wünsche mir auch eine Welt der offenen Grenzen...Aber die Zeit ist m.E. noch nicht reif – wie soll das aussehen?
Gibt es eine natürliche Selbstregulierung?

Wie könnte eine sinnvolle Einwanderungspolitik aussehen, die für die Mehrheit der Bürger – so sie allein ihren Verstand einsetzen – akzeptabel ist?
Ich denke schon, dass das eine wichtige Frage ist. Eine verstehbare und akzeptable Regelung löst ein Problem – und jedes gelöste Problem verkleinert das Arbeitsfeld der Rechtspopulisten.
Das Wirtschafts-Flüchtlingsthema wird wahrscheinlich immer drängender zumindest für Europa – ich habe da keine sicher Position und würde eine pragmatische Lösung nicht unbedingt mir Rassismus in Verbindung bringen – wobei für mich der Respekt vor dem Leben immer gewahrt bleiben muss.
Querdenker schrieb am 15.12.2009 um 11:13
Columbus schrieb am 14.12.2009 um 18:50

"Also Herr Querdenker,jetzt müssen Sie aber schon sagen wer da "soziokulturell" und "volkswirtschaftlich" nicht gebraucht wird. Sie meinen jetzt sich selbst, "Fro" oder mich? - Es war so allgemein gesagt! Da können Sie vielleicht einmal genauer erklären, was Sie meinen und vor allem, wer das dann definieren darf."

Volkswirtschaftlich ist das in der Arbeitslosenstatistik relativ genau definiert: Es gibt derzeit etwa 3,215 Millionen Menschen (+verdeckte und versteckte Arbeitslose), welche in der Wirtschaft nicht benötigt werden. Das ist nicht "Columbus", "Querdenker" oder "Herr Müller" welche nicht benötigt werden, sondern eine namentlich nicht weiter bestimmbare Anzahl Menschen in unserer Gesellschaft. Ganz kalt, ganz nackt. Die Probleme fangen ja immer erst dann an, wenn man "Columbus", "Querdenker" oder "Herr Müller" erzählt, DU bist arbeitslos, weil DU dich nicht angestrengt hast, weil DU dich nicht weitergebildet hast, weil DU ständig krank bist, weil DU zu alt bist. Das ist aber Schwachsinn, es wird bei so einer hohen Produktivität immer zwangsläufig irgendwen geben, der "arbeitslos" ist. Man muss den Menschen und der Gesellschaft erklären, daß es überhaupt nicht schlimm ist, wenn man selbst oder andere keine Lohnarbeit haben. Es ist sogar überaus erfreulich, wenn nicht mehr alle wie im Mittelalter von früh bis spät malochen müssen.

Gestern erst kam wieder eine Reportage (ARD oder ZDF), wo kurzarbeitende und ehemalige Quelle-Mitarbeiter sich wegen der bereits eingetretenen Arbeitslosigkeit und der Kurzarbeit mit "drohender" Arbeitslosigkeit unnütz und von der Gesellschaft ausgestoßen fühlen. Es war aber letztlich gar nicht der Verlust des Arbeitsplatzes an sich, der sie bedrückte, sondern es waren die üblichen finanziellen Sorgen (wie bezahle ich mein kreditfinanziertes Haus ab, den Besuch von Freunden in der Schweiz kann ich mir nicht mehr leisten etc.) und die Sorge vor dem Verlust von Ansehen. Genau DAS ist das Problem für Arbeitslose: Geld + Ansehen = sozialer Status. Es dürfte Sie jetzt wenig überraschen, daß ich überzeugter Anhänger eines bedingungslosen Grundeinkommens bin. Oh je, die kontroverse Diskussion dazu im Freitag ist ja auch schon wieder ein paar Jahre her.

Mit "soziokulturell" meinte ich, daß es viele Leute gibt, die einfach nichts in ihrem Leben gebacken kriegen, und denen auch nicht zu helfen ist, die mehr Schaden anrichten wenn sie etwas machen, z.B. Banker und Steuerberater :-)

www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,666917,00.html

Das ist aber auch ok, jeder Mensch ist irgendwie ersetzbar.
Fro schrieb am 14.12.2009 um 17:19
Das Anliegen von Querdenker finde ich ok – natürlich müssen wir eine gesteuerte Einwanderungspolitik haben – aber m.E. haben wir die auch.
Das kann kein großes Thema sein. Die Frage ist, wie gehen wir mit den Einwanderern um - die hier sind und wohl auch hier bleiben wollen – wieviel Respekt und Gastfreundschaft bringen wir ihnen entgegen – wie können wir (die Politik) helfen damit sie hier klar kommen und was verlangen wir (Sprache, Einhaltung von Gesetzen und Sitten ). Da muss man wirklich kein Emotionsthema draus machen – da könnte man mal die Betroffenen und die Sozialarbeiter vor Ort fragen – die wissen wahrscheinlich was zu tun ist...

Es sollte sich eigentlich allmählich herumgesprochen haben, dass so gut wie jedes Kind auf diesem Planeten bei entsprechender Förderung einen ordnungsgemäßen Professorentitel erlangen kann.
Es scheint aber immer noch das Bedürfnis vieler Menschen im Land zu sein, sich auf einem Platz einer eingebildeten „gesellschaftlichen Rangordung“ zu sehen (oder da gesehen zu werden), der einen weiten Blick nach „unten“ erlaubt.
Zur Zeit gibt es ja ein reichhaltige Angebot an möglichen Underdogs.
So gibt es Ausländer, HartzIV-Empfänger, Linke, Kapitalisten, Banker, Politiker, Abweichler, Karrieristen, Autoren, Kommentatoren....Da wird für jeden das Passende dabei sein.

Die neoliberale Ideologie vom Einzelkampf um Lebensunterhalt und Karriere, der Auflösung der gemeinschaftlichen Solidarität, von der „natürlichen“ Macht der Wirtschaft und der Gleichsetzung von Leistung mit Vermögen und Einkommen – all das begünstigt und fördert die Spaltung unserer Gesellschaft in viele „feindliche“ und „gute“ Gruppen. Und die Meinungs-und Stimmungsdesigner spielen bei Bedarf ihr Lied auf der Klaviatur, der im Volk verbreiteten Vorurteile....

Es ist das alte Lied – wenn das Volk mit einem „inneren Feind“ (und sei es nur im Kopf) beschäftigt ist, lässt sich trefflich regieren.

Und so ein Rangordnungsdenken hat ja auch noch eine andere Seite – es gibt ein „Oben“.
Wir erleben zur Zeit ein großes Misstrauen und einen regelrechten Hass von „Unten“ nach „Oben“.
Das entspricht aber eigentlich nicht wirklich dem Bedürfnis eines Rangordnungsdenkers – er will schon sehen, dass „oben“ jemand ist, der es auch verdient hat da „oben“ zu sein – der ähnliche Ansichten hat, der es ehrlich meint, mal aufräumt im Lande usw.

Die allgemeine Zustimmung zu Guttenberg macht mir da etwas Sorge – ich glaube wir müssen zur Zeit weniger Angst vor Rechtspopulisten als vor fremdbestimmten neoliberalen Populisten haben...

Gemeinschaftliches Denken muss her – wir sind ein Volk und respektieren einfach mal jeden Bewohner als gleichberechtigten Mitbürger. Wir haben so viele gemeinsame Interessen – die sollten wir mal in den Vordergrund rücken – da kommt einiges zusammen und wenn es untereinander Probleme gibt, dann sehen wir zu, dass die gelöst werden..... Die Alternative wäre Selbstzerfleischung – und was sollte das bringen?
Fro schrieb am 14.12.2009 um 17:26
In der ersten Zeile war natürlich eine "steuernde Einwanderungspolitik" gemeint.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.12.2009 um 18:40
@Fro
Was die neoliberale Ideologie, das gegenseitige Ausspielen von Gesellschaftsgruppen etc. betrifft, volle Zustimmung.

"Es sollte sich eigentlich allmählich herumgesprochen haben, dass so gut wie jedes Kind auf diesem Planeten bei entsprechender Förderung einen ordnungsgemäßen Professorentitel erlangen kann."

Nee, das hat sich noch nicht herumgesprochen. Dürfte eine Außenseitermeinung sein. Und Wunschdenken.
Bestmögliche Förderung ist aber natürlich anzustreben.

Dass die Einwanderung schon weitgehend gesteuert ist, dürfte hier ebenfalls kaum jemand bestreiten. Ich finde nur, wir müssen aufpassen, in wessen Sinne. Auch wenn ich mich wiederhole: Für den einzelnen Unternehmer mag es super sein, wenn billige Arbeitskräfte aus dem Ausland teure aus dem Inland ersetzen, die ihrerseits von Stütze (d.h. von der Allgemeinheit) leben oder selbst ins Ausland abwandern. Für eben jene Allgemeinheit, die die einheimischen arbeitslosen "Fachkräfte" finanziert und die Arbeitnehmer, die niedrig entlohnt werden, ist es weniger super.
Woran man sieht, dass auch Einwanderung Partikularinteressen bedienen kann, wenn Sie lediglich nach den Wünschen der Wirtschaft gesteuert wird. Ausspielen von Bevölkerungsgruppen inklusive.
j-ap schrieb am 14.12.2009 um 19:30
Liebe/r "Fro",

Sie schrieben: »(...) natürlich müssen wir eine gesteuerte Einwanderungspolitik haben – aber m.E. haben wir die auch.«

Ich frage:
1. Wer ist "wir"?
2. Warum muß die Einwanderung unbedingt "gesteuert" sein?
3. Wer darf die steuern und wie?
Rahab schrieb am 14.12.2009 um 19:56
einwanderungspolitik im sinne von steuern=auslesen, wer kommt und wer nicht, kann es gar nicht geben. was es geben kann und gibt, das ist eine aufnahmepolitik. da gibt es unterschiedliche politiken. also solche, die ankommen und aufgenommen-werden leichter machen. und solche, die ankommen und aufgenommen-werden erschweren.
wer dagegen von einer gesteuerten oder auch steuernden einwanderungspolitik reden will, der möchte in aller regel verdecken, dass er eine 'schlechte', also erschwerende aufnahmepolitik betreibt.
Fro schrieb am 14.12.2009 um 20:53
Hallo j-ap

1.Es geht um die Bürgergemeinschaft in Deutschland.
2.Ich denke, wenn wir heute die Grenze für alle bedingungslos öffnen würden, bekämen wir noch heftigere wirtschaftliche und soziale Probleme. Wenn ich nach Australien auswandern will, muss ich bestimmte Bedingungen erfüllen – es wird eine Auswahl getroffen. Das finde ich vollkommen ok – das ist Einwanderungspolitik.
Asylanten oder Familien, die nachgeholt werden, soll das nicht betreffen.
3.Das soll eine Einwanderungsbehörde regeln - nach einem sinnvollen Schlüssel, der in der Bevölkerung mehrheitliche Zustimmung findet. Wie sie das nun machen? Auf jeden Fall respektvoll.

Das würde auch Donnerstags Befürchtung gegenstandslos machen, dass mit Einwanderung Lohndumping betrieben wird.
j-ap schrieb am 15.12.2009 um 00:09
Liebe Rahab, liebe/r Fro,

ich hatte nur deshalb gefragt, weil ich bis auf den heutigen Tag keinen wirklich haltbaren Grund für Migrationsbeschränkungen ausmachen konnte(*).

Wenn Person A aus Land B Person c in Land d besucht, um zu einer Geburtstagsfeier anzureisen, Geschäfte zu machen, einen Krankenbesuch abzustatten, ein Arbeitsverhältnis aufzunehmen oder, oder, oder ... (wen geht das überhaupt etwas an?), was um Himmels willen soll dann die Regierung dabei zu regeln haben, vielleicht gar dergestalt, daß sie dem Besucher A die Einreise und den Aufenthalt in Land d untersagt?

Migrationsbeschränkungen in jeder Form sind unmoralisch, genauso wie gesetzlich verpflichtende Ausweispapiere, Grenzkontrollen oder Staatsbürgerschaften.

* Natürlich ist mir sehr wohl bewußt, welche Interessen begünstigt werden, indem die Migration beschränkt wird. Dazu kann ich, falls Bedarf besteht, morgen noch ausführlicher werden.
Rahab schrieb am 15.12.2009 um 11:23
na dann mach mal! bin schon gespannt!
j-ap schrieb am 15.12.2009 um 12:17
Nun, die Hauptprofiteure der merkantilistischen Protektionsmechanismen sind im weiteren Sinn die Mitglieder der „Arbeitsfront“ — pardon, mittlerweile nennt man sie ja „Tarifparteien“: Während nämlich allüberall Freizügigkeit für Konsumgüter herrscht, wird beim Faktor Arbeit sowohl als auch bei den Kapitalgütern gerne beschränkt.

Während Unternehmen alle Maßnahmen begrüßen, die den Zutritt neuer Konkurrenten möglichst verhindern (beispielsweise mit Verweis auf „unlauteren Wettbewerb“), betreiben die Arbeitnehmervertretungen dasselbe Geschäft wegen des befürchteten „Lohndumpings“.

Im Großen und Ganzen hat die Migrationsbeschränkung also zu tun mit der Art und Weise, wie unsere staatlichen Sozialsysteme organisiert sind.
zelotti schrieb am 21.12.2009 um 22:29
Genau das ist der Trick. Das "wir" ist kaputt. Ohne "wir", ohne Brüderlichkeit gibt es keine Solidargemeinschaft, und auch keinen Sozialismus.

Viele Migranten wurden aus Gründen der Industrie von der Industrie in das Land geholt. Die langfristige Sozialbilanz ist aber in vielen Bereichen negativ. Diese Kosten werden sozialisiert, private Gewinne aber eingestrichen. Andere Migranten konnten kommen, weil die Grenzen aus neoliberalen Gründen aufgemacht wurden.
finn schrieb am 14.12.2009 um 20:14
Alles sehr gut und sehr richtig. Ein Punkt fehlt mir aber: Denkverbote. Die Debatte ist bereits dermaßen aufgeladen, dass Diskussionen über die wahren Probleme nicht stattfinden. Eine wirkliche inhaltliche Debatte z.B. über den Karikaturenstreit, Kopftuchverbote für Lehrerinnen, Ehrenmorde... wird somit versperrt. Wir, und das gilt gerade fürs linke Milieu, müssen endlich aufhören zu denken, dass Integration durch politisch korrekte Ausdrucksweise und nette Worte funktioniert (wobei ständig über "die" Muslime geredet wird aber kaum mit ihnen). Integration ist für beide Seiten ein manchmal schmerzhafter Prozess, der nur mit viel Kraft und Ausdauer im Dialog und im Handeln gelingt. Konfrontationen gehören dazu und sind dringend notwendig.
Fro schrieb am 14.12.2009 um 21:10
Hallo finn,

ich finde auch, dass viele Linke geradezu konservativ reagieren – aber das muss nicht in jedem Fall schlecht sein – das Thema ist brisant - und lieber zuviel Rassismuskontrolle als zu wenig. Aber es wird auch oft übertrieben...
Ausserdem erfordert das Einsteigen in eine Kopftuchdebatte m.E. Sachkenntnis und ein gewisses Einfühlungsvermögen – hat ja auch nicht jeder.
Angelia schrieb am 14.12.2009 um 21:19
finde ich auch finn

ein Dialog auf Augenhöhe setzt m.E. voraus, dass man den Einen nicht in die "Opferrolle" und den Anderen in die "Täterrolle" steckt. Man darf sehr wohl von Muslimen eine Beteiligung am Diskurs erwarten und nicht nur von deren Verbänden.
Fro schrieb am 14.12.2009 um 21:38
Genau Angelia, nur so geht es.
Rahab schrieb am 14.12.2009 um 21:18
wenn wir schon über 'denkverbote' sprechen, dann vielleicht auch mal über dieses: die wenigsten flüchtlinge wollen nach deutschland. die wenigsten arbeitsmigranten wollen nach deutschland. manche wollen nicht mal nach europa.
die "Ströme", von denen immer wieder die rede ist, bewegen sich ganz woanders!
wer sich informieren will, wo, die/der kann bei unhcr nachgucken und bei ilo.

das erste, worüber zu reden sein wird, ist also, dass nur deutsche glauben, alle welt wolle nach deutschland. das ist ein irrtum. ein irr-glauben.
allerdings ein ziemlich zäher irrglauben. einer, an den manche so fest glauben, dass sie zu seiner aufrechterhaltung sich selbst und andere gern an der nase herumführen (milde gesagt).
Fro schrieb am 14.12.2009 um 21:50
Ja Rahab, man sollte es einmal klar sagen: Wir brauchen Einwanderer, weil unsere Politik und die Unternehmen die Bildung aus purem Eigennutz vernachlässigt haben.
Und weil viele Fachkräfte die allgemeine Lebensqualität und das Lohnniveau in Deutschland als vollkommen inakzeptabel empfinden und auswandern.
Und jeder potenzielle Einwanderer wird da zu ähnlichen Einschätzungen kommen – und die mangelnde Gastfreundschaft kommt noch dazu...
Rahab schrieb am 14.12.2009 um 22:16
@finn
wer, meinen Sie, glaubt eigentlich dieses
"dass Integration durch politisch korrekte Ausdrucksweise und nette Worte funktioniert"?
und vor allem: wer, glauben Sie, praktiziert das?
Eisenmann schrieb am 16.12.2009 um 17:13
Welch eine abenteuerliche Sichtweise der Integrationsdebatte. Ich bin fast vom Stuhl gefallen! Der Mann ist Professor!

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Dann eben nur einen zufällig ausgewählten Hammer:

"Es gibt Vorbehalte gegenüber Muslimen im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau oder eine tiefe Religiosität, die den meisten Christen hierzulande mittlerweile fremd ist. Diese dürfen aber nicht missbraucht werden, um Menschen für rechtspopulistische Aktionen zu gewinnen."

Wie ist das denn zu verstehen?

Man darf also die Unterdrückung der Frauen nicht kritisieren, weil das rechtspopulistisch ist, oder wie? Ich hab' eine viel einfachere Idee: Ich kritisiere die Unterdrückung der Frauen, um der Kritisierung der Unterdrückung der Frauen willen - ganz ohne Rechtspopulismus.

Ich empfehle als Begleitmaterial das Politische Feuilleton auf SWR2 von heute.

www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1088303/

Ich kann's immer noch nicht fassen, was der Herr Butterwegge da verzapft hat. Einfach nur unfassbar.
zelotti schrieb am 21.12.2009 um 22:51
"rechtspopulistisch" ist ein Stil. Populismus ist so eine Art politisches Strohfeuer, das nicht führt sondern Vorverständnisse bedient. Eine Verzerrung, die das Politische dem dafürhaltenden Einzelnen unterordnet und zynisch auf seine Welt anpasst.
zelotti schrieb am 21.12.2009 um 22:23
Zunächst mal herrscht Religionsfreiheit. Religion ist Privatsache. Der Islam bleibt weitgehend unter sich. Hat uns bislang auch noch nicht bedroht in irgend einer Weise.

"...sondern als das Resultat der zu großen Durchlässigkeit der Grenzen für Migranten."

Die Migrantenkuscheltour dient ja ganz bewusst den Industrieverbänden dazu die Solidargemeinschaft in Deutschland zu sprengen. Siehe zum Beispiel die Inderkampagne. Das hat aber nichts mit Religion zu tun, sondern mit dem sozialen Druck im eigenen Millieu. Am Starnberger See bleiben die Herren natürlich sowieso unter sich. Sie erzeugen sozialen Druck mit allen Mitteln, andere erfahren sozialen Druck. Dabei ist natürlich die Migration nicht das einzige Mittel der neoliberalen Ideologie.
Katzenberger schrieb am 31.01.2010 um 22:40
el greco schrieb am 26.02.2010 um 22:02
zum karikaturenstreit:
eine karikatur überzieht, überzeichnet bewusst personen, gegebenheiten, usw. aus gesellschaftlichen, politischen, sportiven, kulturellen...bereichen, sie ist zunächst ein
künstlerisches mittel um zu kritisieren, aufmerksamkeit zu erregen, auf unebenheiten, unstimmigkeiten, ungleichheiten, usw. hinzuweisen, ob nun aus tatsächlich politischer motivation oder künstlerischer verspieltheit heraus, die ergebnisse sind
schlussendlich eine form freitheitlicher meinungsäusserung.

über die jahrhunderte hinweg entstanden und entstehen allerlei beispiele grotesker, unsachgemäßer, wiederlicher, unangebrachter, aber auch amüsanter, treffsicherer und unterhaltsamer überzeichnungen.

wo setzen bei den betrachtern das stilverständnis und die schmerzgrenzen der toleranz an?
ab wann fühlen sich rezpienten persönlich angegriffen.
überall und nirgends, weil stets eruierbar die menschen, individuen, gruppierungen, gleichgesinnte, interessenvertreter...ebensolchen divergierenden meinungs- und genuinen geschmacksbildern unterliegen und ihnen ausgesetzt sind.
präsentiert ein künstler pornographische fotografien, plastiken oder dergleichen, wird es mit sicherheit gegensätzliche auffassungen von unterschiedlichen menschengruppen geben.
die einen empfinden es als widerlich, geschmacklos, einfallslos, andere wiederum als kunstvoll-einfallsreich, sehenswert.

wird ein bombentragender, humpelnder, mit einer gasmaske gekreuzigter religionsgründer
überzogen dargestellt beginnt sich bei den gruppierungen nichts anderes als obengenanntes abzuspielen.

natürlich tummeln sich "schmierer" herum, denen es weniger um eine persönliche meinungsbildung sondern vielmehr um reine und plumpe provokationen geht, aber warum sollte man ihnen deswegen eine der ältesten menschlichen ausdrucksformen - nämlich das zeichnen, kritzeln...- verbieten oder sie gar morddrohungen aussetzen.

ein kabarettist überzieht personen, gegebenheiten...mit hilfe der sprache, ob nun in form niveauloser tiefschläge oder sprachartistischer raffinesse, was im fall dieter hildebrandts sogar zu einem partiellen tv-auftrittsverbot (bayerisches fernsehen) führte.
(eine für mich persönlich sehr bedenkliche reaktion innerhalb einer staatsordnung "freitlicher grundrechte".

wenn gruppierungen heiligenbildnisse und karikierte puppen öffentlich anprangern, bespucken, auf ihnen herumtrampeln, sie verbrennen, dann müssen sie mit dementsprechenden gegenreaktionen - ob nun mehr aus blinder wut oder künstlerischer ambition heraus - rechnen.
umgekehrt dasselbe meinungs(reaktions)spiel: karikaturen in unterschiedlichster ausdrucks- und stilform jeglicher art.
es ist eine art pattsituation, keiner will der "schwächere" sein, vergeben, geschweige denn nachgeben.
und wieder zeigt sich hier eine der älstesten menschlichen reaktionen und verhaltensweise.

für mich gehört die karikatur ("gute", fragwürdige, wiederliche...beispiele hin und her)zu einer der höchsten formen der künstlerischen kritik und des individuellen ausdrucks.
das überzeichnen setzt im idealen fall gute menschliche aber auch gesellschaftliche kenntnisse voraus.

niemand hat das recht deswegen die todessprache anzudrohen und sie im schlimmsten fall auch tatsächlich auszuführen.

in einer zivilisierten welt sollte die form der diskussion geführt und im alltäglichen miteinander, zuhören, verstehen...praktiziert werden.
sicherlich, ein großes und vielleicht auch zu naives wunschbild unserer zeit.
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