Wochenthema

Russlands Jugend hat Putin satt. Ein Bistro wird zum Symbol des Ungehorsams

Moskauer Boheme

"Wir wollen ein neues Russland!"

Sacha Batthyany, Miklós Gimes
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Russland

Moskau auf der Straße!

Max Avdeev
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Russland | 16.02.2012 07:00 | Sacha Batthyany, Miklós Gimes

Café Moskau

Eine Revolution? Nein! Ein russischer Frühling? Vielleicht. Ein neues Lebensgefühl? Das sicher! Im Restaurant "Jean-Jacques" trifft sich der Widerstand gegen Putin

Nach einer Stunde merkt man zum ersten Mal, dass hier alles etwas anders ist, weil man noch immer nicht dazugekommen ist, die Speisekarte zu studieren. Nach zwei Stunden stellt man fest, dass man mit den Leuten am Tisch nebenan schon mehr gesprochen hat als mit seinen Nachbarn zu Hause. Nach vier Stunden fragt man sich, warum man eigentlich nicht müde ist, und irgendwann hofft man nur noch, diese Nacht mit diesen Gästen in diesem verrauchten Bistro möge nie zu Ende gehen.

Es ist Freitagabend, alle Tische sind besetzt, wie immer im Jean-Jacques am Nikitski-Boulevard, keine 20 Fußminuten vom Roten Platz entfernt. Ein Katzensprung für Moskauer Verhältnisse. Draußen hat es zu schneien begonnen, drinnen sitzt die junge Moskauer Boheme, die sich mit ihren Jacketts, ihren starken Zigaretten und löchrigen Bärten älter machen will, als sie ist. Tische werden zusammengerückt, Kellner und Kellnerinnen in weißen Hemden und schwarzen Westen bringen auch noch morgens um vier blutige Steaks und dampfende Suppen. Nicht alles schmeckt nach Paris, doch das spielt keine Rolle, man spricht ja auch nicht stundenlang über den Wein; er wird weder temperiert noch aufwendig dekantiert, er wird einfach nur getrunken. Es geht um mehr als um Hunger und Durst.

Seit fünf Jahren gibt es das Jean-Jacques bereits, von außen ist es nur schwer zu finden, eine rote Tür, sonst nichts. Aber die besten Restaurants hatten noch nie grelle Neonschriftzüge über dem Eingang. Die Grafikerin Muriel Rousseau-Owtschinnikow hat das Lokal gemeinsam mit drei einheimischen Partnern gegründet. Die bodenständige Pariserin, die gut in jeden Chabrol-Film passen würde, ist „wegen der Liebe“ in Russland hängen geblieben. Und weil sie sich heimatlos fühlte in einer Stadt, wo es nur Luxusrestaurants gibt, eröffnete sie ein Lokal für ihre Freunde, „für die Künstler und die Intellektuellen, für die Mittelklasse und die Jungen“, ein kleines Bistro für etwa 120 Gäste mit schwarz-weiß gekacheltem Boden und den klassischen Papiertischtüchern, „damit alle ein kleines Stück Paris haben können“. An der Wand hängen Spiegel und Kreidetafeln für die Plat du jour, die nach den Rezepten von Madame Rousseaus Großmutter gekocht werden. Ihr heimliches Vorbild war das legendäre Bouillon Chartier am Montmartre, wo ihr Großvater seinen persönlichen Serviettenring deponiert hatte.

Ein Restaurant mit Seele

Madame Rousseau, die ihrer Familiensaga nach vom berühmten Philosophen abstammen soll, über dessen zahlreichen Nachwuchs nie genau Buch geführt wurde, nannte das Lokal Les amis de Jean-Jacques Rousseau, oder eben Jean-Jacques. Es war von Anfang an ein Erfolg, „weil es eine Seele hatte“, eine Insel im Moskauer Nachtleben. Es kamen Filmregisseure, Galeristen, junge Anwälte, es wurde immer schon geraucht, gesoffen und über Politik debattiert, und irgendwann standen alle auf und gingen gemeinsam ins nahe Majak, die ehemalige Kantine des Majakowski-Theaters, die inzwischen auch Muriel Rousseau und ihren Partnern gehört, um dort zu tanzen, um zu lieben, um die Trauer über die Zustände im Land zu ertränken. Seither gibt es bereits vier Jean-Jacques in Moskau. Sie sei sich der Gefahr der Kommerzialisierung bewusst, sagt Madame Rousseau, „aber damit das Sozialleben funktioniert, muss zuerst die Buchhaltung stimmen“. Dass sich heute die zornigen Aktivisten dort treffen — tant pis, sagt Muriel Rousseau: geschenkt, bis jetzt hätten sie die Behörden deswegen nicht schikaniert.

Denn seit einem Jahr ist alles anders. Es sei etwas geschehen, hört man die Gäste sagen. Und es liege was in der Luft, jetzt, wenige Wochen vor den Wahlen am 4. März, wenn Putin antritt, um Nachfolger seines Nachfolgers zu werden. Aber wenn man jemanden bittet, diese Etwas genauer zu beschreiben, dann winken die meisten ab – oder weichen aus.

Eine Revolution? Ach was! Das hatten wir doch schon.

Ein russischer Frühling? Vielleicht. Aber Ägypten und Tunesien sind keine Vorbilder für uns, und Libyen schon gar nicht.

Eine neues Lebensgefühl? Ja, das sicher! Wer wisse schon, in welche Richtung es gehe, noch könne alles sofort in sich zusammenfallen — wie der Eischnee auf der Vanillesauce der vorzüglichen Ile Flottante, die man im Jean-Jacques zum Dessert verzehrt. Wir stehen erst am Anfang, sagen alle, sie wollen sich nicht festlegen, so wie frisch Verliebte, die nicht über ihre Gefühle sprechen, weil sie befürchten, es mache alles kaputt.

Einige meinen, es habe mit den Waldbränden vor zwei Jahren zu tun. Als Moskau für Tage unter einer Rauchwolke lag und Rettungskräfte nicht mehr vorankamen, weil sie nicht mal Äxte hatten. Als der Staat versagte und Nachbarn die Hilfe koordinierten und plötzlich merkten: Gemeinsam kann man etwas bewirken. Andere erklären es mit dem Durchbruch von Facebook und Twitter und dem neuen Geist, alles zu teilen, zu kommentieren, zu verlinken. Übers Internet hätten sie gelernt, sich selber zu helfen, sich als Teil von etwas Größerem zu fühlen.

Sicher ist nur: Wladimir Putin hat sie alle zusammengebracht. Am 5. Dezember, am Tag nach den Parlamentswahlen, versammelten sich 50.000 Menschen auf den Straßen Moskaus, um gegen den Wahlbetrug zu demonstrieren. Eine Woche später waren es bereits doppelt so viele. „Wir haben die Angst überwunden, die seit Stalin in unseren Knochen steckt“, sagen die Frauen. „Wir haben die Trägheit endlich besiegt und tun was, statt nur zu reden und zu trinken“, sagen die Männer.

Es ist eine neue Generation, aufgewachsen in relativem Wohlstand, die am 5. Dezember auf die Straße ging. Sie haben im Ausland studiert, verbringen ihren Urlaub in Thailand, doch das reicht ihnen nicht, diese Leute wollen mehr: „Sie wollen ­Gerechtigkeit, Geld haben sie schon“, sagt Ilya Jaschin, einer der bekanntesten Oppositionspolitiker, ein Stammgast im Jean-­Jacques. Es ist der Aufstand der Satten, sagt er in einer Ecke des Bistros, alle drei Minuten summt sein iPhone.

Jaschin war einer der Hauptredner bei der ersten Demonstration und wurde zusammen mit Alexei Navalny, einem Juristen und landesweit bekannten Blogger, 15 Tage ins Gefängnis gesteckt. Seitdem im Februar immer mehr Menschen auf die Straße gegangen sind, ist das kleine Jean-Jacques zum Symbol der Unruhen geworden.

Es ist der richtige Ort zur richtigen Zeit. Seit Margarita Simonyan, Direktorin des Staatsfernsehens Russia Today, den Namen des Bistros in einer Sendung erwähnte, ist es landesweit bekannt. „Diese Demon­stranten“, sagte sie abschätzig, „reden in ihrer eigenen Welt, auf Facebook und Twitter oder in Cafés wie dem Jean-Jacques — mit der Realität in diesem Land haben sie nichts zu tun.“ „Russland“, sagte Margarita Simonyan noch, „ist größer als das Jean-Jacques.“ Das war der Ritterschlag für Madame Rousseaus Bistro.

Alles an Russland ist immer größer als der Moment. Alles Heutige wirkt gegen die Revolutionen von 1917/1918 immer klein, immer nichtig. In der russischen Geschichte sind die Helden zu groß, man kommt nicht gegen sie an. Es gibt nun einmal nichts Schlimmeres als das Leiden unter Stalin, jede Art von Widerstand, von Dissidententum verblasst im Angesicht des stalinschen Schreckens. „Cafés, wo die Moskauer Jeunesse dorée wütende Musik hört und so tut, als bestehe sie aus Dissidenten, gibt es viele“, schreibt A. D . Miller, Korrespondent des Economist, verächtlich in seinem Buch "Snowdrops", einem Thriller im Oligarchen-Milieu.

Alles nur Hipster-Kacke?

Ist auch im Jean-Jacques alles nur Spiel? Nur Zitat? Oder, wie es die Fernsehproduzentin Alja Kirillowa sagt, auch sie Stammgast, „alles nur Hipster-Kacke“, um es gleich zu relativieren: „Im Kopf ist etwas passiert“, auch wenn die Proteste im Februar auf den Straßen erst einmal zu nichts geführt haben. „Ich glaube wieder an die Russen“, sagt sie. Das war nicht immer so.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 kam die große Ernüchterung. „Die neue Freiheit war zunächst eine neue Armut. Jeder schaute nur, wie er überleben konnte“, sagt Tichon Dzjadko, ein stadtbekannter Radiomoderator. Dann kam Putin, er brachte Stabilität und Wohlstand, „nur durfte niemand kritisch hinterfragen, woher das ganze Geld kommt. Er hat uns zu Kindern gemacht.“

Die junge Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa beschreibt es so: „Es war eine Art stillschweigende Übereinkunft. Ein Nichtangriffspakt zwischen Putin und seinem Volk. Er schuf die Möglichkeit, ein besseres Leben zu leben. Dafür mussten sich alle aus der Politik fernhalten.“ Wer es wagte, diese Übereinkunft zu verletzen, sich einzumischen und zu stören, riskierte, in Sibirien zu landen oder ermordet zu werden.

"Wir wollen ein neues Russland!" Lesen Sie hier die Porträts der Freunde des Jean-Jacques

Es gab immer wieder solche, die sich nicht an die Abmachungen hielten wie Filipp Dzjadko, der älteste der Dzjadko-Brüder, der seit Jahren in seiner Stadtzeitung Bolschoi Gorod über die Zustände im Land berichtet und den Russen die Augen öffnet, bloß schien die Wahrheit bis vor Kurzem niemanden zu interessieren. So ist die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen in einem Vakuum aufgewachsen, wie unter Beruhigungsdrogen, sagt Alja. Ohne Ideen. Ohne Identität. „Sind wir die Erben der Sowjetunion? Gehören wir zum Westen? Sind wir nur Öl- und Gasproduzenten? Wir wissen nicht, wer wir sind, deshalb gehen die Menschen auf die Straße.“

Und plötzlich sind es Hunderttausende. Wenige, viel zu wenige, um in diesem Riesenland Gewicht zu haben. Es ist eine privilegierte Schicht, die sich Steak frites für 13 Euro leisten kann und Confit de canard für acht, während der Durchschnittslohn in Russland ein bisschen mehr als 200 Euro pro Monat beträgt. Und doch sind die Hunderttausend und ihre Parallelwelt von Facebook, Twitter, Blogs und Internetzeitungen für das Regime eine Bedrohung geworden. Weil sie im Begriff sind, eine Kultur zu entwickeln, eine Identität, ein Selbstbewusstsein in den Ruinen des Sozialismus und der russischen Geschichte. Zivilgesellschaft nennt man das.

Deshalb gehen die Menschen auch ins Jean-Jacques. Es ist wie bei allen guten Restaurants nicht das Essen, nicht das Trinken. Es ist der Austausch, die Verzweiflung, die Wut, die Freude, das intensive Leben. Nicht alle Gäste gehören zur Boheme, nicht alle sind für den Protest. Es gibt junge Beamte, die bei einem Glas Rotwein ihrer Liebsten in die Augen schauen und schweigen, weil sie keine Probleme wollen. Es gibt Skeptische, es gibt Bekehrte, es gibt stille Neugierige. Doch die Seele dieses kleinen Bistros, das sind die Freunde des Jean-Jacques, morgens um vier, wenn sie melancholisch ihre Lieder zu summen beginnen und die Gläser heben: Auf ein neues Russland!

 
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Artikelaktionen
Kommentare
DandelionWine schrieb am 16.02.2012 um 14:41
Ähm... ja. Salons aller Welt, vereinigt Euch oder so...
antares56 schrieb am 16.02.2012 um 15:05
Ich frage mich, ob aus der Scene der wirkliche Aufbruch kommen soll? Die sind doch eigentlich schon satt und suchen nur nach neuen Abenteuern.
DandelionWine schrieb am 16.02.2012 um 17:56
Armes Deutschland...
Matto schrieb am 16.02.2012 um 19:59
Schon recht bizarr die ganze Szene. Kann mir nicht vorstellen, dass sich hier der normale Bürger oder eben Jugendliche aufhält.
Der Ausspruch kommt mir auch in unserem Land nicht ungekannt vor, auch hier haben es Millionen satt.
Selbstverständlich wollen viele Emporkömmlinge Putin nicht, weil Putin das Land etwas mehr aufräumen wird.
Gerade habe ich gehört, dass Putin das Fangen von Stören verboten hat. Wer mit illegalen Kaviar erwischt wird, dem droht eine empfindliche Strafe. Ich finde das vollkommen in Ordnung, Die Reichen in Russland wissen doch schon gar nicht, was sie mit ihrem Geld machen sollen und da hat Putin mit einigen Herrschaften noch eine Rechnung offen.
Wenn man mal in unserem Land energischer gegen die Korruption vorgehen würde, dann brauchten wir nicht immer andere zu kritisieren, denn bei uns ist es nicht viel besser.
Eigentlich sollten sich die Russen freuen, dass sie Putin noch haben.
DandelionWine schrieb am 16.02.2012 um 21:47
Matto, haben Sie so ungefähr eine Ahnung, worüber Sie reden? Putin IST Korruption in Person!

Und, ja, Ihre Aussage "Die Reichen in Russland wissen doch schon gar nicht, was sie mit ihrem Geld machen sollen" wundert mich gar nicht, ich habe ja schon oben geschrieben: armes Deutschland... phantasiearmes Deutschland!

Hier werden alle Vorstellungen über Revolution auf finanzielle Aspekte reduziert, alle Occupy-Forderungen, alle empörte Artikel und Blogs... da dreht sich andauernd um Kohle, mehr kommt es im Land der Dichter und Denker nicht raus. Und, ja, wenn jemand schon satt ist, wozu sollte er revoltieren, nicht? Der ist einfach ein Idiot, der nicht weiß, was er mit seinem fetten Portmonee anfangen könnte? Wie langweilig und primitiv Ihr alle seid! Mit Euren in der Ewigkeit festgeschriebenen Bananenwahlen!

Nur so zur Information: Die meisten russische Revolutionen wurden nicht von hungrigen, sondern von privilegierten Intelligenten gemacht. Aber Sie begreifen sicherlich nicht, was für eine Idee dahinter steht? Na dann phantasieren Sie lieber weiter über illegalen Kaviar! Klar, alle russische Revolutionären handeln mit illegalem Kaviar, was? Andere Erklärungen fallen Ihnen nicht auf?
kenua schrieb am 16.02.2012 um 21:59
@Matto
"Eigentlich sollten sich die Russen freuen, dass sie Putin noch haben."

Stimmt. Im Vergleich zu Stalin ist er ein wesentlicher Fortschritt.
bambulie schrieb am 16.02.2012 um 22:16
Das Jean-Jacques ein Restaurant mit Seele, kein Wunder, da darf ja auch noch geraucht werden. Mann… das waren noch Zeiten, als man auch bei uns noch in so ein verräuchertes Restaurant gehen konnte.

Heutzutage strotzt alles nur noch vor fader Sterilität, Gesundheitswahn, Verbotskultur, Sprachbereinigung usw.
Wie wird das noch enden? Und ich bin Nichtraucher!
DandelionWine schrieb am 16.02.2012 um 22:47
Ich finde, in diesem Artikel werden zwei verschiedene Sachen miteinander vermischt, und zwar revolutionäre Bewegungen im Russland und Boheme-Leben. Boheme in etwa so einer Form, wie hier beschrieben ist, gab es im Russland schon immer, auch um Oktoberrevolution herum, auch in sowjetischen Zeiten... klar gab es da ein oder anderer Unterschied, aber nicht so prinzipiell. Dass da in Jean-Jacques über Revolution gequaselt wird, ist kein Wunder, worüber sollen sie noch quaseln, wenn diese Themen überall in der Luft flattern?

Allerdings wundert es mich, dass die Autoren diese Boheme als ernstzunehmende Vertreter der revolutionären Bewegungen darstellen... zumal viele von denen, die im Artikel nebenan porträtiert wurden, selbst zugegeben haben, dass sie an diese politische Bewegungen nicht so richtig glauben und selbst nicht auf die Straße gehen würden. Da liegt es doch irgendwie auf der Hand, dass nicht sie diese Hunderte von Tausenden Bürger waren, die auf die Straße gingen, oder?

Okay, ich habe mitbekommen, dass auch die Leute, die sich im Ernst und schon länger mit der Politik beschäftigen, ab und zu in Jean-Jacques erscheinen, wie etwa Nawalny. Das sagt aber gar nichts, außer dass sie überall Kontakte knüpfen, auch bei Boheme, und dass sie sich vielleicht gerne in einem Lokal verabreden, wo sie von Putin-Agenten oder sonst welchen Gegnern nicht angegriffen werden und sich sicher und willkommen fühlen können.

Aber Revolutionen werden nicht in solchen Lokalen gemacht. Jean-Jacques ist nicht Russland. Und auch nicht Moskau. Ein nettes Salon vielleicht, mehr aber nicht.

So, wie man der Beschreibung der Autoren entnehmen kann (und ich halte diese Beschreibung für realistisch, denn ich kenne die Szene, wenn auch mit Abstand von 9 Jahren... aber diese 9 Jahren haben in Boheme-Sitten sicherlich nichts geändert, wie auch die letzten 100 Jahren) wird Jean-Jacques von Studenten, Wissenschaftlern, Ideenträgern und überhaupt intelligenten kreativen Köpfen nicht besucht. Und das liegt nicht an den vergleichsweise hohen Preisen... ein renommierter Wissenschaftler kann sich so etwas wie Jean-Jacques mit Sicherheit leisten... nur, er geht da nicht rein, wozu sollte er, was könnte ihn (m/w) da interessieren? Es sitzen da Juristen, Manager, Fernsehmoderatoren, Kinder von reichen Eltern, teure Nutten, die Leute, die sich um die Kunstszene herum drehen, ohne das Wesen der Kunst zu begreifen... na dann. Alles wie immer.

Es wundert mich nur, dass diese ziemlich kleine und ziemlich unbedeutende Gruppe etwa als typisch und wichtig für Russland dargestellt wird.
cuchulainn schrieb am 16.02.2012 um 22:47
"Es gibt nun einmal nichts Schlimmeres als das Leiden unter Stalin, jede Art von Widerstand, von Dissidententum verblasst im Angesicht des stalinschen Schreckens."

rüschdsch.

deshalb wird der stalinismus ja so gern als absoluter höhepunkt des grauens abgefeiert - je höher stalin, der schlächter, hinaufragt, desto mehr schweinereien gehen in dem schatten, den er wirft, unbesehen durch.
Ulrich Heyden schrieb am 17.02.2012 um 10:56
Mein Eindruck ist, dass die zornige Moskauer Mittelschicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Es gibt es ein starkes Kasten-Denken und eine Hochmütigkeit gegenüber den "bydlo", den einfachen, ungebildeten Leuten. Nicht ohne Grund heißt das populärste Moskauer Mittelschichts-Magazin "Snob". So etwas wie einen neuen Anton Tschechow, der für seine Sozialreportagen aus der Provinz angesehen war, gibt es nicht. Für die einfachen Leuten in der Provinz ist vor allem wichtig, dass der Schul-Unterricht nicht allmählich zur bezahlten Dienstleistung wird und das Geld für die Bewirtschaftung der Plattenbauten nicht von räuberischen Beamten und Geschäftsleuten ins Ausland transferiert wird. Solange die sozialen Probleme nicht in den Blick der zornigen Mittelschicht kommen, kann Putin ruhig schlafen.
DandelionWine schrieb am 23.02.2012 um 00:12
Lieber Herr Heyden,

Ihre Äußerung über Anton Tschechow ist für mich einigermaßen nicht nachvollziehbar. Wenn Sie Sozialreportagen im Sinne "die Gesellschaft informieren" meinen, dann Anton Tschechow (bei allen meinen Vorlieben zu seinen Werken) ist dafür gar nicht notwendig. Es gibt heutzutage so viele Blogs, Videos auf Youtube und weitere Internet-Quellen, dass man mit Information eh überfüttert als unterfütter ist. In Zeiten von Tschechow war so viel Information gar nicht möglich.

Wenn Sie aber mit Ihrem Hinweis auf Tschechow der Einsatz der Intelligenz für das Volk meinen, dann war es auch damals nicht nur Tschechow. Tolstoj, Dostojewskij, Kuprin, Nekrasow, Turgenejew... das sind einige wenige Namen, die mir jetzt ganz spontan einfallen, ohne Recherchen. Wenn man recherchiert, dann kommt man natürlich auf viel, viel, viel mehr. Für die russische Intelligenz gehörte es halt dazu, sich für die rechte des Volkes einzusetzen. Anders war undenkbar. Ach ja: die Dekabristen. Der dekabristische Aufstand auf dem Senat-Platz im Sankt-Petersburg. War lange vor Tschechow. Tschechow und die anderen haben diese Traditionen fortgesetzt.

Und genauso werden diese Traditionen auch heute fortgesetzt. Sie schreiben über Kasten-Denken und "Bydlo"-Herabsetzungen. Stimmt das gibt es... gab es auch zu allen anderen Zeiten. Und nicht nur in Russland, sondern überall. Ist es in Deutschland etwa anders?

Es gibt verschiedene Menschen in Russland, die unterschiedliche Ideen vertreten. Für "Jean-Jacques"-Kunden ist das Volk entweder Bydlo oder terra incognita. Aber, wie gesagt, "Jean-Jacques" ist nicht Russland. Sie können viele Vertreter der Intelligenz in Russland kennenlernen, die ganz anders sind. Es kommt drauf an, in welchen Kreisen Sie verkehren.
DandelionWine schrieb am 23.02.2012 um 01:06
Zu den Kreisen... wenn Sie andere russische Intelligenten kennenlernen wollen als solche wie im Jean-Jacques, versuchen Sie es mal hier:

www.grushinka.ru/for-press

Das ist ein Barden-Festival, das seit 1968 jährlich auf Wolga-Ufer stattfindet. Da kommen Menschen aus dem ganzen Land, von Weißrussland und Ukraine bis Sibirien und Kamtschatka... insgesamt bis zu 200.000 Menschen. Es sind überwiegend Akademiker (quer über alle mögliche Fachgebiete), die kritisch und intensiv nachdenken und die nicht nur in ihrem Fach sehr gut gebildet sind, sondern allgemein. Da werden Sie mit ganz anderen Ideen konfrontiert als Kasten-Denken und Bydlo-Volk.

Wie Sie aus dem Link sehen können, bekommen die Presse-Vertreter auf dem Festival jede denkbare Unterstützung, es wird für Akkreditierungen gesorgt und es gibt im Laufe des Festivals zwei Presse-Konferenzen. Aber Sie müssen bereit sein, 3-4-5 Tagen im Zelt zu verbringen... und die Zelte müssen selbst mitgebracht werden... soweit ich weiß, kann man sie vor Ort nicht ausleihen. Es ist natürlich nicht so komfortabel wie in Jean-Jacques... aber die wahre Russland lernt man da kennen und nicht in einem pseudofranzösischen Restaurant für Kleinspießer.
jens kassner schrieb am 17.02.2012 um 13:17
Bei all der politischen Diskussion in den Kommentaren möchte ich zunächst mal sagen, dass es sich um einen sehr guten journalistischen Beitrag handelt. Da wird nachvollziehbar an einem konkreten Platz Allgemeines dargestellt, aber nicht vorab bewertet. Differenzierte Meinungen sind drin.
Das unterscheidet den Artikel beispielsweise von mehreren Medienprodukten über Chodorkowski, wo er wie ein Freiheitskämpfer erscheint. Diese Oligarchen sind in der Phase der ursprünglichen Akkumulation unter Jelzin über Leichen gegangen, anders war diese Bereicherung nicht möglich.
Diese im Artikel beschriebene nächste Generation der Neureichen mag da eventuell schon anders sein, die wilden Jahre sind vorbei. Wenn man aber Bilder von den Demonstrationen der letzten Wochen sieht, wie die weißen Luftballons des Protestes gegen Putin an teuren SUVs baumeln, steht doch die Frage, wie die Alternative aussieht. Entweder kommt ein Ersatz aus der neuen Oberschicht, der zweifellos nicht besser ist. Oder noch stärker autoritäre Kräfte, Nationalisten oder sogenannte Kommunisten, geben den Ton an. Hoffnung sieht anders aus.
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