„Quiet Quitting“ hält unserer Arbeitsmoral einen genialen Spiegel vor

Meinung Mit einer Kündigung im formalen Sinn hat Quiet Quitting nichts zu tun. Eigentlich klingt der Begriff, als hätte ihn sich ein schlechter Arbeitgeber ausgedacht. Warum funktioniert er trotzdem so gut?
Ausgabe 36/2022
An die Arbeit gefesselt (Filmszene aus Ben Hur)
An die Arbeit gefesselt (Filmszene aus Ben Hur)

Foto: Imago/United Archives

Früher konnte man in der Schule Extrapunkte sammeln und so trotz fehlenden Wissens an anderer Stelle eine gute Note bekommen. In der Arbeitswelt von heute gilt diese Logik nicht mehr. Die Eins gibt es nur bei Übererfüllung, volle Punktzahl plus Extrapunkte. Durch Überstunden zum Beispiel, die Übernahme von mehr Verantwortung, mehr Projekte und mehr Eigeninitiative. Mehr, mehr, mehr. Das will aber niemand. Nicht mehr.

Auf diesem Nährboden hat sich jüngst die Idee des Quiet Quitting rasant ausgebreitet (Englisch für „stilles Kündigen“). Die Idee dahinter ist, dass man nur so viel arbeitet, wie man tatsächlich bezahlt bekommt. Es handelt sich dabei nicht um eine Kündigung im formalen Sinn. Man verabschiedet sich eher von der Idee, dass man den Anforderungen des Jobs nur dann genügt, wenn man stets und ständig zu viel gibt. Volle Leistung, ohne Extrapunkte.

Sosehr das einleuchten mag: Warum heißt es „Quiet Quitting“ statt „gesunde Work-Life-Balance“? Weshalb ein Begriff, in dem die negative Wertung einer solchen gemäßigten Arbeitskultur mitschwingt, die man der schlechten Sorte ArbeitgeberInnen zuschreiben würde? Man würde ja auch nicht Foodies als „heimlich Adipöse“ bezeichnen.

Für diesen Widerspruch gibt es ein paar gute Gründe. Da sind zunächst die Alliteration, ein bisschen Zufall und natürlich auch die Tatsache im Spiel, dass mediale Aufmerksamkeit durch Gegensätzlichkeiten produziert wird. Doch abseits all dieser Dinge hält die positive Bedeutung des negativen Begriffs „Quiet Quitting“ der derzeitigen Arbeitsmoral einen genialen Spiegel vor.

Quiet Quitting in Bullshit Jobs

In der Arbeitsforschung wird seit jeher das Sinnstiftungspotenzial von Arbeit betont. Das kann durch viele verschiedene Faktoren gestört werden, man denke an die Entfremdung bei Marx oder an die fehlende soziale Bedeutung von Arbeit im Großunternehmen. Der Anthropologe David Graeber ist der Auffassung, dass im 21. Jahrhundert immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, in ihren Berufen sinnvolle Tätigkeiten zu sehen, die die Welt wirklich braucht. Gleichzeitig wächst die Branche der Unternehmenskulturbildung exponentiell. Firmen verlangen von ihren Mitarbeiterinnen vollen Einsatz, uneingeschränkte Loyalität, die Verkörperung der Unternehmenswerte im Büro und privat.

Ob man will oder nicht, dieses Spiel muss man mitspielen. Die eigene Arbeit für unsinnig halten, aber dem Arbeitgeber gegenüber so tun, als wäre sie wertvoll: Das ist die Bürde unserer Zeit. David Graeber nennt dieses Phänomen „Bullshit Jobs“. Bei Bullshit Jobs gebe es immer „eine Lücke zwischen Anschein und Realität“, schreibt er. Der deutsche Soziologe Stefan Kühl spricht von einer der Organisationswissenschaft bekannten „Heuchelei“ am Arbeitsplatz. Doch in dieser Heuchel-Lücke vermehrt sich der Keim der Unzufriedenheit.

Denn dort wird Schlechtes mit guten Worten getarnt. Burn-out heißt dort „voller Einsatz“ und „Karriere machen“. Überlastungsinnovation schaffen heißt „Leader werden“. Quiet Quitting zeigt, wie unsinnig diese Unaufrichtigkeit ist, indem es das Gleiche macht, nur umgekehrt. Es spielt mit einem negativ konnotierten Begriff, der eigentlich etwas Gutes, Gesundes, Vernünftiges bedeutet. Ein Extrapunkt für das Anprangern von Heuchelei.

Agatha Frischmuth ist Autorin des Buchs Nichtstun als politische Praxis. Literarische Reflexionen von Untätigkeit in der Moderne (Transcript 2021)

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