Revolution durch Wirtschaftstheorie

Dienstleistungen erhöhen das Brutosozialprodukt ressourcenschonend
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( In einem Modell, mit Tabellen, wird vorher dargestellt, daß durch ausreichende Güterversorgung Dienstleistungen zunehmen)

Die These der Zunahme von Dienstleistungen ist eine praktische Beobachtung. Kalkuliert man alle Möglichkeiten durch, kann man mit einer Nachfrage nach rein materiellen Gütern beginnen. Sie benötigt Rohstoffe und Energie und stößt bald an die technischen Grenzen. Die Mechanismen der Wirtschaft bleiben die gleichen, aber die Wachstumsmöglichkeiten sind weit geringer.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, und auch iPhone und Handy haben ihre Grenzen. Die in der Wirtschaftstheorie gebräuchliche Einteilung in Investitions- und Verbrauchsgüter gilt auch für Dienstleistungen und ist hier nützlich. Solche, die den Herstellungsprozess optimieren erhöhen die Produktivität und sind im Modell nicht eigens erwähnt. Uns interessieren die, die als Endprodukt konsumiert werden. Beispiele wären Kulturleistungen wie Musik und Theater, aber auch Fernsehen. Ein weiterer Bereich wäre Wellness, im weitesten Sinne. Rechtsanwälte etwa sind nicht so treffend, sie zählen mehr zum Beiwerk von Produktion und Verbrauch. Niemand beauftragt einen Juristen wegen seiner Eloquenz oder um eine ausgefeilte Strategie zu erleben, sondern um andere, meist ökonomische Werte zu erreichen: nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck.

Auch bei diesem Thema gibt es zu einer großen Menge sicherer Zuordnungen unklare Grenzbereiche, die die Prinzipien aber nicht in Frage stellen.

Interessant ist das Verhältnis vom Verkaufswert zum Aufwand. Sowohl Kultur- als auch Wellnessangebote benötigen im Vergleich zu materiellen Gütern weit weniger Rohstoffe und Vorprodukte. ( Unterscheidung: Waren ) Es handelt sich um einen einstufigen, direkten Produktionsprozess, fast unabhängig von der Verfügbarkeit von Materialien. Für ein Auto muß man Erz abbauen, Stahl erzeugen; Nahrungsmittel muss man anbauen, versorgen und ernten. Ein Konzert, eine Massage, eine psychologische Behandlung oder Gesangsunterricht können fast direkt gegeben werden. Ein Urlaubshotel hat einen im Verhältnis zu den Einnahmen geringen Güterverbrauch. Kabarettisten sind zwar auf geeignete Politiker angewiesen, die müssen aber nicht generiert, sondern ertragen werden.

Beispiel für äußerst nachhaltige und kostensparende Nutzung der Ressourcen durch den Kulturbetrieb sind Stradivari-Geigen. Die Bilder in Museen und privaten Sammlungen zeugen auch von einer gemessen am materiellen Aufwand deutlichen und anhaltenden Wertschöpfung.

In der Nachfragehierarchie handelt es sich meist um nachrangige Einheiten. Wenn die Grundbedürfnisse gesichert und das Allgemeinbefinden gepolstert ist, gibt man Geld für Konzerte und Events aus, oder genehmigt sich ein Wochenende in Karlsbad. Hartz-IV-Empfänger sind in Kinos genau so zahlreich wie die von Schwarzenegger darstellbaren subtilen Charakterzüge: in seinem ersten Conan-Film zeigte er drei Mimiken: grimmig, ganz grimmig, und einmal lachte er.

Ausreichende Versorgung der Menschen ermöglicht die Nutzung dieses Potentials: zu dieser Gütermenge gesellen sich diese Dienstleistungen vermehrt hinzu, deren Wirkung eher immateriell in Form von Wohlbefinden, Gesundheit und Bildung liegt. Theoretisch könnte man diese Werte mit materiellen Gütern vergleichen, in dem man deren psychische Auswirkung feststellt. Uns interessiert jedoch die ökonomische Wirkung, und die ist leicht zu bemessen: der Umsatz, der so erzeugt wird, die zusätzliche Steigerung des Bruttosozialproduktes.

Für den Staat bedeutet das zusätzliche Steuereinnahmen.

Die Nachkriegsgeschichte der BRD zeigt dieses Phänomen: erst wurde konsumiert, die Freßwelle, Autos. Dann kamen Reisen, und in den 70 ern begannen Sinnsuche, über Lebensqualität wurde nachgedacht, esoterische Aktivitäten zeigten sich als Reaktion auf dem Menschen innewohnende transzendente Quellen. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ von Brecht könnte man abwandeln in „erst kommt das Fressen, dann wird es thermal“.

Geht man wieder Extremen nach, könnte man eine Dienstleistungswelle vorstellen. Durch die Automatisierung werden immer weniger Arbeiter in der Produktion gebraucht. Wenn diese Menschen mit den so hergestellten Gütern versorgt sind, werden sie Musiker, Astrologen, Lehrer aller möglichen Kulturtechniken, Sportarten und Wellnessbereiche wie Yoga, Qui-Gong oder Pilates. Dann geben sie sich gegenseitig diese Kurse, sind beschäftigt und glücklich. Die Wirtschaftsleistung steigt so an, daß man die Steuern nachlassen kann, das Potential ist dann durch die Zeit begrenzt.

Genauso könnte das aber bei der jetzigen Mangelwirtschaft geschehen. Es gibt sicher beschäftigungslose Dienstleister, die ihre Qualifikation andern Arbeitslosen beibringen könnten. Diese wiederum üben an den anderen, und so steigt die allgemeine Lebensqualität. Sicher sinkt die Qualität des Angebots, doch es wäre trotzdem weit fördernder und letztlich sinnstiftender als etwa Privatfernshen.

Es gibt Entwicklungen in dieser Richtung: die Lets-Tauschringe. Hier werden Alltagsdienste wie Fenserputzen, Einkaufshilfe, aber auch qualifiziertere Tätigkeiten in einer eigenen Währung zu einem einheitlichen Stundentarif angeboten und verrechnet. Die Währungen benennen sich meistens nach der Gegend, ich lernte Mindeltaler kennen. Die einheitliche Bezahlung ermöglicht Steuerfreiheit, und so verbessern sich viele Menschen ihre Situation.

Ehrenämter verkörpern das gleiche Prinzip.

Solche Überlegungen gefallen Industrie und FDP. Doch realistisch gesehen ist die menschliche Psyche nicht so robust. Es braucht Erfolgserlebnisse und materielle Annehmlichkeiten, um Menschen zu solchen Aktionen zu führen. Den potentiellen Dienstleistern hilft der Anreiz der Entlohnung, den Agierenden steht sie auch zu.

Und selbst wenn es so möglich wäre, wäre es trotzdem kein Grund, die Menschen unnötig in Armut zu halten.

Zum Schluß sei nochmal das Fazit gezogen: steigende materielle Versorgung erhöht die Wirtschaftsleistung zusätzlich durch die nun möglichen, eher immateriellen Dienstleistungen.

Info

12:39 02.02.2014
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Geschrieben von

alalue

In einer Demokratie darf jeder so blöd sein wie er kann
alalue

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