Männer haben mehr von den Coronahilfen

Gender Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht: Warum ausgerechnet die Corona-Hilfspakete die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern befeuern könnten

Es gibt zwei Dinge, die der Kulturbetrieb und das Gastgewerbe gemeinsam haben. Erstens: Sie gehören zu den Branchen, die von den Lockdowns während der Corona-Pandemie wirtschaftlich besonders hart getroffen wurden. Und zweitens: Sie beschäftigen überdurchschnittlich viele Frauen.

Die logische Folge dieser beiden Tatsachen: Frauen sind im Schnitt in einem stärkeren Maße wirtschaftlich von der Corona-Pandemie betroffen gewesen als Männer. Nun zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WIS) der Hans-Böckler-Stiftung, dass ausgerechnet die Corona-Hilfspakete die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern auf dem Arbeitsmarkt noch weiter verschärfen könnten. Die Studie untersucht, wo und wie die unterschiedlichen Maßnahmen wirtschaftlich greifen, und analysiert, inwiefern sie sich unterschiedlich auf die Geschlechter auswirken werden.

Von Beginn an war die Pandemie gegendert: Als erstes medizinisch, weil mehr Männer schwere Verläufe hatten und daran starben. Die Frauen litten eher unter den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen: der Anstieg häuslicher Gewalt, stärkere Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Beschäftigung, Explosion der Hausarbeit, Homeschooling. Die Sorge, Frauen könnten zurück in ein traditionelles Rollenbild gedrängt werden, war groß. Und obwohl manche dies abstreiten, blieb die wegen des Lockdowns und der Schulschließungen anfallende sogenannte unbezahlte Care-Arbeit mehrheitlich an den Frauen hängen.

Eigentlich hätten die Hilfsmaßnahmen der Regierung hier ansetzen und diese Mehrbelastung ausgleichen können. Der WIS-Studie zufolge passiert aber das Gegenteil: Von den insgesamt 600 Milliarden Euro Hilfe werden wohl 68 Prozent eher Männern zugutekommen als Frauen. Andersherum sind es gerade einmal sieben. Bettina Kohlrausch, die wissenschaftliche Direktorin des WSI, zieht aus der Studie den Schluss, dass „viele Instrumente der hier untersuchten Pakete zur Krisenabwehr geschlechtsspezifische Ungleichheiten verstärken könnten“. Aber warum? Gewiss wurde von der Politik nicht bewusst entschieden, Frauen in den Hilfspaketen zu benachteiligen.

Absicht braucht es gar nicht

Schuld ist die Verzerrung „neutraler“ politischer Maßnahmen durch die realen Gegebenheiten. Soll heißen: Als die Maßnahmen beschlossen wurden, wurde nicht berücksichtigt, inwiefern bereits bestehende Ungleichheiten im System die Wirkung der Hilfe beeinflussen können. Während die Branchen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, von den Maßnahmen zum Infektionsschutz stark getroffen waren, widmet sich ein großer, insbesondere teurer Teil der Hilfspakete Branchen, die von Männern dominiert werden: Bauwesen, Energie und Digitalisierung. Es ist logisch, für den Wiederaufbau Wirtschaftsbereiche besonders zu fördern, die für die Transformation wichtig sind, aber in diesem Fall kommt ein Großteil der Hilfe in Form von Geld, Krediten und Subventionen häufiger bei Männern an als bei Frauen.

Ausgerechnet das Kurzarbeitergeld, das Arbeitsplätze gesichert und Lohnausfälle verhindert hat, verzerrt die Hilfsgelder zugunsten von Männern. Wieder liegt es nicht an der Maßnahme selbst, sondern dass deren Anwendung die strukturelle Benachteiligung von Frauen nicht berücksichtigt: Frauen sind häufiger prekär beschäftigt, Minijobber oder in Teilzeit. Hinzu kommt das Ehegattensplitting, durch das die Lohnsteuer für verheiratete Frauen oft eklatant hoch ausfällt. Das Resultat ist ein bei gleichem Bruttolohn niedrigerer Nettolohn, an ebendem orientiert sich allerdings das Kurzarbeitergeld und fällt somit geringer aus. Prekär beschäftigte Frauen wie jene in Minijobs sind überhaupt nicht abgesichert.

Natürlich hilft das Kurzarbeitergeld trotzdem, das würde niemand abstreiten, aber im Vergleich wird es Männern im Schnitt deutlich mehr helfen als Frauen und dadurch die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen vergrößern.

Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack, fordert deshalb eine Gleichstellungsstrategie, die bei allen Regierungsvorhaben bereits in die Planung mit einbezogen werden muss. Nur: So etwas in der Art gibt es eigentlich schon. Maßnahmen müssen darauf geprüft werden, inwiefern sie in ihrer Wirkung die Geschlechter unterschiedlich berücksichtigen könnten. Sprich: Die Studie des WSI hätte sozusagen von der Regierung vor Inkrafttreten der Maßnahmen selbst durchgeführt und die Maßnahmen entsprechend angepasst werden müssen. Deshalb steht in den Texten der Hilfspakete auch, dass dies geschehen sei. Die gleichstellungspolitischen Auswirkungen seien geprüft worden. Die Regelungen seien gleichstellungspolitisch ausgewogen und: „Die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Sprache ist gewahrt.“ Gendergerechte Sprache ist schon einmal ein guter Ansatz. Nur sollte sie nicht genutzt werden, um zu behaupten, man habe sich tatsächlich um Geschlechtergerechtigkeit bemüht.

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