450 Jahre Staatskapelle Berlin

CD-Besprechung 14 Kapellmeisterporträts + 1 Scheibe mit 8 Schellackplatten-Dirigenten
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450 Jahre Staatskapelle Berlin
Ein Ort mit Geschichte: Die Staatsoper Unter den Linden

Foto: Hulton Archive/Getty Images

Wer sich - wie ich - seit Jahren und Jahrzehnten an dem sattsam samtweichenen Zauberklang der sage und schreibe 450 Jahre (!) alten Staatskapelle Berlin mit Stetigkeit und Treue zu erfreu'n vermag, kommt dieser Tage nicht umhin sich mit der ausgezeichnet recherchierten Jubiläumsbox, die jetzt die Plattenfirma Deutsche Grammophon zum Preis von unter 50 Euro auf den Phonomarkt gewuchtet hat, sowohl als Hörer wie als Leser leidenschaftlich zu befassen.

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Die bezüglich ihrer Chef- und Ehrendirigenten chronologisch aufsteigende Staatskapelle-Edition enthält allein fünf Erstveröffentlichungen - mit jenen fing ich an; bei einer ca. 20stündigen Gesamtspieldauer (verteilt auf 15 CDs) musst du ja schließlich irgendwo beginnen:

Otmar Suitner (1922-2010), der österreichische Generalmusikdirektor der Deutschen Staatsoper Berlin von 1974 bis 1991, war dem kompositorischen Oevre von Paul Dessau, dessen Opern Puntila, Einstein sowie Leonce und Lena er hier uraufführte, inniglich verbunden, und so legte er sich daher auch Konzertstücke des Hamburgers gelegentlich aufs Pult. Davon zeugt Dessaus mehr oder weniger traditionell klingende Symphonische Mozart-Adaption auf KV 614, die als Mitschnitt aus der Lindenoper (1975) nachzuhören ist. Ebenso zählen die Mozart-Variationen von Max Reger in einer 1987er Rundfunkübertragung aus dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt (heute: Konzerthaus Berlin) zu den Erstveröffentlichungen der Edition. Ich will mich augenblicklich an unzählig schöne Opern- und Konzerterlebnisse der Ära Suitner, derentwegen ich oft nach Berlin gefahren war, erinnern; und spontan fällt mir auch eine seiner schönsten Plattenproduktionen ein, Alfonso und Estrella von Franz Schubert (1978), eine echte Referenz!

Kurz nach der Inthronisation von Daniel Barenboim (geb. 1942) als neuem GMD und künstlerischen Leiter an der Staatsoper Unter den Linden (wie sie offiziell seither wieder genannt wurde) erfolgten alle diese dem Orchester - das ja eigentlich bishin zur Wende mehr im eigenen Berühmtheitssaft zu schmoren schien - erschreckend gut getan habenden "Weltkontakte"; in diesem Kontext wären die beiden Ehrendirigent-Ernennungen von Pierre Boulez (1925-2016) und Zubin Mehta (geb. 1936) zu verstehen. Mahlers Sechste Sinfonie sowie das Geburtstagskonzert zu Barenboims 70., in dem der Jubilar als Pianist mit Beethoven Nr. 3 und Tschaikowski Nr. 1 auftrat, bezeugen diese elitären Partnerschaften durch die vorliegenden zwei CDs.

Vorzüglichermaßen gelangten Michael Gielen (1927-2019) - seit der Ära Barenboim mit dem eigens für ihn bestelltem Status eines "Principal Guest Conductor" ausgestattet - unvergessliche Konzert- und Opernaufführungen; die gottlob noch immer sich im Repertoire befindliche Ruth-Berghaus-Inszenierung von Pellés et Mélisande zählt gewiss dazu. Ja und vielleicht taten sich die Herausgeber der Jubiläumsbox aus diesem Grund auf den Konzerthaus-Mitschnitt mit dem Schönberg'schen sinfonischen Pendant (op. 5) zur Debussy-Oper fokussieren.

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Auf den übrigen CDs sind dann die jeweils weiteren Chef- und gewichtigen Kapellmeister der Staatskapelle - seit es Tonaufnahmen gibt - mit Opern- und Konzertausschnitten dokumentarisch ausgewiesen: Leo Blech (1871-1958), Otto Klemperer (1885-1973), Erich Kleiber (1890-1956), Herbert von Karajan (1908-1989), Wilhelm Furtwängler (1886-1954), Joseph Keilberth (1908-1968), Franz Konwitschny (1901-1962) und Sergiu Celebidache (1912-1996). Die sog. Bonus-CD vereint acht historische Tondokumente aus der Schellackplattenzeit, darunter Dirigate von Pietro Mascagni (1863-1945), Hans Pfitzner (1869-1949) und Robert Heger (1886-1978).

Die CD mit Richard Strauss (1864-1949), der seiner Zeit weit über tausend Mal dieses Orchester leitete, vereint die Mozart-Sinfonie KV 550 und seine beiden sinfonischen Dichtungen Till Eulenspiegels lustige Streiche und Don Quixote.

Mein absoluter Favorit der 15 Scheiben ist Brahms' Vierte Sinfonie in einem 1966er Mitschnitt aus der Staatsoper - dirigiert von Celebidache.

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Und wie blitzschnell-brutal sich letzten Endes das Coronavirus aktuell auf all die vielen vorgesehenen und weltweit vorgebuchten Jubiläumskonzerte eines der wohl traditionsreichsten und sich zudem in allen gesellschaftshistorischen Epochen einigermaßen zurechtgefunden habenden Orchesters ausgewirkt hat, zeigt allein der 2020er Eintrag auf der Booklet-Zeittafel: "Zum 450. Mal jährt sich die Ersterwähnung der Kurbrandenburgischen Hofkapelle, in deren direkter Kontinuität die Staatskapelle Berlin steht. Zu den FESTTAGEN an Ostern erklingen anlässlich des Beethovens- wie des Staatskapellenjubiläums unter der Leitung von Daniel Barenboim die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens."

Alles Schall und Rauch - wird aber hoffentlich, wenn alles wieder besser werden würde, eines Tages nachgeholt!

ICH GRATULIERE TROTZDEM UND VON GANZEM HERZEN ZUM GEBURTSTAG!!

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 24.05.2020.]

11:07 25.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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