Boulez: "Rituel in memoriam Bruno Maderna"

Musikfest Berlin Eröffnungskonzert mit der Staatskapelle Berlin (Dirigent: Daniel Barenboim)
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Eines der spektakulärsten Konzerte der zurückliegenden Jahrgänge vom MUSIKFEST BERLIN war sicherlich der große zweieinhalbstündige Pierre-Boulez-Abend mit Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin 2010 - Dérive 1, Dérive 2 sowie Notations I - IV und VII (sowohl für Klavier solo wie auch als Orchesterfassungen) standen da seiner Zeit auf dem Programm, und Barenboim erklärte diese Werke volksnah und gab immer wieder Zwischenbeispiele vom Flügel oder vom Orchester aus, wie wohl der Komponist dann Dieses oder Jenes gemeint haben könnte usf. Ja und die Art und Weise, WIE dieses Konzert zum Allgemeinverständnis nicht gerade leichter zeitgenössischer Musik-Kost beizutragen haben schien, verschaffte ihm den nicht vorhersehbaren Jubel!

Dieses Jahr (2018) machte er das ähnlich - allerdings dann bloß zu einem Werk, nämlich zu Rituel in memoriam Bruno Maderna für Orchester in acht Gruppen.

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Pierre Boulez (1925-2016) hatte es in den 1970ern geschrieben - in einer Phase seines Lebens, wo er seltener als früher komponierte, dafür aber umso mehr dem zweiten künstlerischen Standbein, dem des Dirigenten, zunehmender Maßen frönte, in der Zeit hatte er beispielsweise den Jahrhundert-Ring Patrice Chereau´s in Bayreuth musikalisch zu verantworten. Im Jahre 1987 nahm er Rituel dann noch einmal zur Hand, um es zu retuschieren, ja und Barenboim (zeitlebens einer seiner treuesten und besten Freunde) offerierte uns ganz im Vertrauen, dass Boulez besagtes Stück von da an nicht mehr herkömmlich und ordentlich auf dem Normal-Konzertpodium, sondern in umgreifender Raum-Aufteilung aufgeführt haben wollte; weswegen es dann auch von da an, mehr aus raumtechnischen Gründen, kaum noch dargeboten worden wäre. Eine echte Rarität also.

Viel scheinbar Kompliziertes war verbal und wieder beispielgebend zu vernehmen: es ging da um "ungerade" und "gerade" Sequenzen; es ging darum, dass das Werk 15 Teile (oder mehr?) hätte; es ging erst um die Zahlen 1 bis 7, dann weiter aufsteigend; es ging schlussendlich und zusammenfassend um Boulez' Bevorzugung kompositorischer "Komplexität" etc. pp.

Also: Acht Instrumentalgruppen waren im großen Saal der Philharmonie verteilt; man hörte demnach Musik von vorn, von hinten, von links, von rechts. Barenboims Partitur hatte gigantische Ausmaße - er blätterte z.B. (während einiger Passagen des live Musizierten) wie in einer Zeitung vor und zurück; das könnten die Teile der Komposition gewesen sein, wo Boulez den MusikerInnen absolute Freiräume zum Spielen gab, sie diesbezüglich "ohne Dirigenten" auszukommen in der Lage waren.

Hochinteressant das Alles, und obgleich ich trotzdem fast so gut wie nichts verstand. (Man sperrt sich irgendwie bei solcher "herzloser" Musik.)

Aleatorik halt.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 02.09.2018.]

MUSIKFEST BERLIN (Philharmonie Berlin, 01.09.2018)
Pierre Boulez: Rituel in memoriam Bruno Maderna für Orchester in acht Gruppen
Igor Strawinsky: Le Sacre du printemps
Staatskapelle Berlin
Dirigent: Daniel Barenboim

MUSIKFEST BERLIN

00:50 02.09.2018
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Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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