DÄMONEN von Lars Norén

Glosse Thomas Ostermeiers Vorzeige-Inszenierung tourt seit Jahren in- wie ausländisch herum - wir sahen aktuell die 93. Vorstellung (in der Berliner Schaubühne)
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Dämonen in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

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Mit Lars Noréns Dämonen war die Schaubühne schon überall: Madrid, New York, Paris, Lyon, Lausanne, Stockholm, Genf... Ein Exportartikel! Thomas Ostermeier, der Regie führte, hatte jedoch bereits vor über 15 Jahren seine Liebe und sein Interesse für die Stücke dieses Schweden mit der Inszenierung von Personenkreis 3.1 bekundet - dieser Stücktitel klingt freilich etwas kompliziert, vielleicht nicht ganz so kompliziert wie 3.31.93, was wir neulich erst im Schauspiel Köln besahen und begutachteten.

In Dämonen sieht es so aus:

"Der Abend beginnt als freundliches 'Paare besuchen Paare' und gleitet in eine Nacht der ungeplanten Entgleisungen. Die vier verstricken sich in einer Kette von Demütigungen, sexuellen Provokationen, ungewollten Beichten und exhibitionistischen Übergriffen..." (Quelle: schaubuehne.de)

Das Stück ist toll! Die Aufführung nicht minder.

Es geht in Dämonen einzig und allein um diese Wahrheit hier: In Zweierwohngefangenschaften rinnt das sexuelle und auch anderweitige private Interesse füreinander peu à peu (mit oder ohne kräftig nachzuspülen) durch die Kloschüssel hinab zur Kanalisation. Man lebt in den besagten Zweierwohngefangenschaften - als der kleinsten Zelle der Familie - sozusagen auf- statt miteinander. Und vier Wände, und ob mit oder ob ohne Fenster, sind doch allzu stark beengend, um ein Individuum mal zwei sich frei bewegen und entfalten lassen zu können; allerdings: es gibt wohl marginale Unterschiede:

Eva Meckbach (als Jenna) und Tilman Strauß (als Tomas) haben noch ein Kleinstkind, wären/sind also dann schon zu dritt - in ihrer Zweierwohngefangenschaft. Ihr Mikroleben dreht sich "nur" um ihren Nachwuchs. Er wurde und wird zum absoluten Lebenszentrum. Was da außer ihm noch draußen so passierte und passiert? Man weiß es längst nicht mehr - - ach so, da gibt's ja noch die gleichaltrigen Nachbarn in dem Haus mit den (zwei?) gleich geschnitt'nen Wohnungen...

Lars Eidinger, unser persönlicher Schaubühnen-Liebling Nr. 1, entpuppt sich nach und nach als vollwertig gestört und von der Cathlen Gawlich so als vollwertig gestört (und impotent noch obendrein) ganz individuell erkannt. Die Zwei (sie spielen Frank & Katarina) scheinen ziemlich voneinander abhängig zu sein. So was wie Sado/Maso, psychisch als wie physisch.

Jeder Satz Noréns ein Volltreffer, eine unangreifbare Wahrheit.

Beide Paare stellen nach fast zweieinhalb Stunden gespielter Überdrussspirale jeweils fest:

"Ich hab' dich satt."

Halt wie im wahren Leben. Bleiben oder abhau'n??


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Cathlen Gawlich, Eva Meckbach, Lars Eidinger und Tilman Strauß in Dämonen in der Schaubühne am Lehniner Platz | Foto (C) Arno Declair

[Erstveröffentlichung von Andre Sokolowski am 09.01.2016 auf KULTURA-EXTRA]

DÄMONEN (Schaubühne am Lehniner Platz, 07.01.2016)
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Nils Ostendorf
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Erich Schneider
Besetzung:
Katarina ... Cathlen Gawlich
Frank ... Lars Eidinger
Jenna ... Eva Meckbach
Tomas ... Tilman Strauß
Premiere war am 2. März 2010

01:22 10.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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Andre Sokolowski

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