Der alte Mann und der Berg

Musikfilm EINE ALPENSINFONIE mit Reinhold Messner und dem Deutschn Symphonie-Orchester Berlin (Dirigent: Robin Ticciati)
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"In der Nacht vor dem Aufbruch schlafen wir kaum", sagt Reinhold Messner zu Beginn. Er muss es wissen.

Ihn hier extra vorzustellen? nein.

Ein jeder kennt ihn, wenigstens vom Hörensagen.

Ja, er ist so einer, wo du aufblickst:

Messner, Bergsteiger und Bergsteigerlegende.

Schönheit, die von innen kommt, wie es dann immer so schön heißt, doch auch von außen gerbt es, Wetter beispielsweise, Liebes- oder Leiderfahrungen. Und er sieht schon mit seinen 77 Jahren echt grandios aus. Die Gesichtslandschaft, die dir der Film (von dem sogleich zu reden ist) in großen Nahaufnahmen offenlegt, hat etwas unangreifbar Majestätisches, und wenn du sie dann jetzt so siehst, assoziierst du unwillkürlich Berge, ihr Gestein und ihre Klüfte, alles das, was so die Wege hin zu ihnen ausmacht, all die Hürden und Gefahren, denen du dich aussetztest, sofern du dieses schönste aller Ziele - einen Gipfel zu erklimmen - jemals schafftest oder schaffst.

Wir Hobbyalpinisten, also nicht nur du, kennen uns da gut aus:

Die, die am Berg leben, haben dann sowieso eine vollkommen andere, naturbelassene Beziehung zu dem furchtbar schönen Ungestüm als du und ich, die in urbanen oder weniger urbanen Städten Hausende. Der Bayer Richard Strauss zum Beispiel, falls du dann auch ihn vom Hörensagen kennst, war einer von den reichsten und erfolgreichsten Tonschöpfern seiner Zeit, deswegen hatte er sich auch ein Haus in Garmisch-Partenkirchen, wo er 85jährig starb, gekauft, ja und von dort aus hatte er natürlich auch einen sehr schönen Blick zum Kochel- oder Hausberg, auch die etwas weiter weg liegende Zugspitze wäre für ihn dann mit dem Zug oder dem Auto oder halt dem Lift "erklimmbar" gewesen...

Und so komponierte dieser Mann, als er noch deutlich jünger war, sein Opus 65, und er nannte seinen Einstünder letztendlich Eine Alpensinfonie.

Eingebetteter Medieninhalt

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Messner spricht über seine Bergsteigereindrücke und übt sich in Bergphilosophie ("gelingendes Leben"! das gefällt bestimmt auch dir). Aber du weißt natürlich nicht, ob ihm der Dramaturg des Filmes, Moritz Brüggemeier, bei der Textanordnung und den Formulierungen zur Seite stand, wohl eher nicht; ja und selbst wenn du es nicht wissen wollen würdest, hört es sich nicht weniger wahrhaftig und authentisch an. Messner, Erzähler.

Über 100 Musikerinnen und Musiker sitzen in einem ausladenden Mehrfachkreis um einen um zwei Treppenstufen leicht erhöhten Mitte-Standpunkt unterhalb des Tempodromdachs, und du siehst mit mir, und das nicht selten, auf das ausdrucksstark sich gebende Kapellmeistergesicht und die zwei wohl geformten Dirigierhände des Robin Ticciati, den die für ihn reservierte Kamera gesonderte Bedeutung schenkt. Aber auch andere Beteiligte, außer dem Ticciati, kommen in gewichtigen Porträt- und Naheinstellungen zum Zug; mein Favorit ist da Paolo Mendes, wie er, auch nicht selten, von der Seite her mit seinem Solohorn beim Arbeiten zu sehen ist, ja und das sieht schon richtig gut und schön aus, oder was meinst du?

[ Ich sah dann übrigens auch schon die andern beiden Filme, die das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Konzept und Regie: Frederic Wake-Walker) während der zurückliegenden Pandemiemonate in das Internet gestreamt hatte - und falls auch dich das, in der Nachschau, zusätzlich interessieren sollte, hier nochmal die beiden Titel: Im Exil - Von Göttern und Menschen und Im Kampf mit dem Teufel. ]

In puncto Filmgestaltung werden du und ich wahrscheinlich keinerlei Beanstandungen haben, das Orchester wird halt in Totalen und in Gruppenformationen und in (wie bereits hervorgehoben) Nahaufnahmen einzelner gezeigt. Beim Messner siehst du "nur" Gesicht, und ausgerechnet das finde ich als dem Doppelgegenstand dieses Projektes - Bergsteiger & Alpensinfonie - als angemessen. Einzig und allein bei der Gewitterszene ufert's wundervollermaßen aus, und zwar sowohl was den Orchesterklang als auch die Lichtblitze betrifft.

Die letzten Worte Messners, ehe sich die Nacht aus Straussens Alpensinfonie herniedersinkt:

"...ruhe draußen und drinnen in mir".

Und schließt die Augen.

Einfach schön.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 04.06.2021.]

EINE ALPENSINFONIE
Ein Film des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin


Richard Strauss: Eine Alpensinfonie für großes Orchester op. 64

Konzept und Regie: Frederic Wake-Walker
Filmregie: Andreas Morell
Produzenten: Jan Bremme und Thomas Schmidt-Ott
Dramaturg: Moritz Brüggemeier
Produktionsleitung: Katharina Riemer
Kamera: Martin Baer, Beatrice Albrecht, Maik Behres, Vincent Dzikowski, Boris Fromageot, Stefan Kochinke und Chris Rowe
Bildingenieur: Arno Scholwin und Alastair Owen
Bildtechnik: Markus Genge und Lucas Schmidt
Schnitt: Uli Peschke (BFS)
Lichtdesign: Mario Klapper
Beleuchtung: Jörn Scholz, Robert Gerats, Thomas Reinke und Chris Kevin Stahnke
Audio Producer: Sebastian Nattkemper
Tontechnik: Benjamin Ihnow, Christina Renard, Michael Kraehnke und Bernd Bechhold

Reinhold Messner

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Dirigent: Robin Ticciati

Video-Premiere vom 4. bis 6. Juni 2021 bei DG Stage
Video-on-Demand ab 11. Juni 2021 auf DSO PLAYER

In Koproduktion mit EuroArts Music International und Deutschlandfunk Kultur

07:31 05.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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