Die S-Klasse spielt wieder

Konzertkritik Berliner Philharmoniker eröffneten ihre (Corona-) Saison 2020/21 mit Schönbergs "Verklärter Nacht" und Brahms' 4. Sinfonie
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Auch die Berliner Philharmoniker "dürfen" jetzt endlich wieder vor Publikum spielen!

Das Abstands- und Hygienekonzept ihres Stammhauses lässt nunmehr - seit dem 1. 9. - immerhin 200 Besucher mehr als noch bis Ende August d.J. (da waren es nur 450 Besucher) zu. Na Gott sei Dank, jetzt können also auch Konzertbesucher-Paare nebeneinander sitzen.

Bei den zwei MUSIKFEST-Eröffnungen mit Igor Levit oder der Staatskapelle war der Saalanblick um Dimensionen deprimierender: In den für Sitzplätze frei gegebenen Reihen war mit mathematischer Stupidität nur jeder dritte Platz erlaubt, d.h. auch "infektionsgemeinschaftliche" Paare oder Dreier oder mehr waren in konsequentester Vollendung voneinander getrennt; beobachten konnte ich da [wann/ wo konkret, verrate ich natürlich nicht], dass sich in einer der letzten Reihen in den oberen Rängen eine "auseinandergerissene" Familie (Vater, Mutter, Kind) über diese ihr aufgezwungene "Entzerrung" kurzentschlossen hinwegsetzte, um, als es dunkel wurde, aufs Beherzeste zusammenzurücken und ihr familiäres Gemeinschaftserlebnis letzten Endes doch vollauf genießen zu können. So war das also noch bis vor-vorgestern.

Eingebetteter Medieninhalt

Kirill Petrenko hatte sich Schönbergs Verklärte Nacht sowie die vierte Sinfonie von Brahms zurechtgesucht. Zwei Werke, die die Philharmoniker selbstredend wie aus dem Effeff beherrschen. Ja und nicht nur wegen der veränderten Bedingungen (Großabstände zwischen den Musikern und insbesondere den Bläserinnen und Bläsern) entließen sie uns Rezipienten noch "veränderter" als sonst:

Der Klang des ungesungenen aber nicht minder schönen Melodrams nach Richard Dehmels impressionistischem Gedicht - ein Mann bekundet einer Frau mit Kind, dass er sie ungeachtet dessen, dass das Kind der Frau nicht seins sondern dasjenige von einem anderen Mann ist, mondsüchtig liebt - breitete sich ganz unverschämtermaßen sanft und samtig aus. Zum Reinlegen.

Beim Brahms bemerkte man, wie scharfkantig und fast schon abweisend seine Musik, wenn sie - am Beispiel dieser sich doch stark an Bach spiegelnden Passacaglia aus dem letzten Satz der Vierten - unter das Petrenko'sche Seziermesser gerät, erfahrbar werden kann; und sowieso taugten die altmodischsten Hörerwartungen [zum allererstenmal erlebte ich das Werk unter der Stabführung Eugen Jochums, das war in Dresden und ist paar Jahrzehnte her] nur noch für Opferfeste oder so...

Phänomenal.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 03.09.2020.]

BERLINER PHILHARMONIKER (Philharmonie Berlin, 02.09.2020)
Arnold Schönberg: Verklärte Nacht (Fassung für Streichorchester von 1943)
Johannes Brahms: Symphonie Nr. 4 e-Moll op. 98
Berliner Philharmoniker
Dirigent: Kirill Petrenko

15:47 03.09.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
Schreiber 0 Leser 8
Andre Sokolowski

Kommentare